30.01.1989

AIDSAltes Leiden

Schon Mitte der sechziger Jahre, eineinhalb Jahrzehnte früher als bisher angenommen, starben die ersten Europäer an Aids.
Das Schicksal meinte es nicht gut mit dem kräftigen Norweger. Seit 1966 - der fast 1,90 Meter große seefahrende Hüne war gerade Zwanzig geworden - schwollen seine Lymphknoten an. Hautausschläge blühten auf Armen und Beinen und entstellten auch das Gesicht des jungen Wikingers. Husten und Heiserkeit, so schien es, wollten ihn nicht mehr in Ruhe lassen.
Ein Jahr nachdem die nicht abreißende Serie von Gebresten den Seemann aufs Land gesetzt hatte, machten Fieberschübe und häufig wiederkehrende Pilzinfektionen auch seiner 24jährigen Ehefrau zu schaffen. Auf unerklärliche Weise blieben ihre Atemorgane in Mitleidenschaft gezogen. Ähnlich erging es der Tochter, dem jüngsten von drei Kindern, das sich bis zum zweiten Lebensjahr unauffällig entwickelt hatte. Plötzlich waren die Eltern mit dem Mädchen Dauergäste bei Ärzten und in Kinderkliniken.
Dann kam es Schlag auf Schlag. 1973, sieben Jahre nach den ersten Symptomen, verlor die Frau dramatisch an Gewicht. Zeitweilig schien es in ihrem Kopf nicht mehr zu stimmen. Zwei Jahre später erkrankte ihr Mann an einer schweren Lungenentzündung. Er torkelte beim Gehen, vermochte Urin und Stuhl nicht mehr zu halten und mußte mit ansehen, wie Lähmungen von den Fuß- und Fingerspitzen aus langsam auf seinen Rumpf zukrochen.
Ein mit stilisierten Lilien verzierter Grabstein kündet vom letzten Akt des Familiendramas in einem norwegischen Dorf: Im Januar 1976 erlag die neunjährige Bente Viviann den Windpocken, drei Monate später starb Arne Vidar, ihr Vater. Sein Gehirn, so stellten die Ärzte bei der Obduktion fest, wies starke Veränderungen auf. Und noch im selben Jahr wurde auch die Frau begraben - etwas entfernt von Ehemann und Tochter, weil deren Grabstelle wegen des Winterfrosts nicht mehr zu öffnen war.
Den norwegischen Medizinern war der Seuchenzug durch die Seemannsfamilie unheimlich geblieben. Sicherheitshalber hatten sie allen drei Patienten von 1971 an Blut entnommen und Proben eingefroren, um vielleicht eines Tages auf die Spur des seltsamen Leidens zu kommen.
Die Voraussicht erwies sich als ein Glücksfall für die Aids-Forschung. Denn in den Seren aller drei Patienten fanden Wissenschaftler um den norwegischen Immunologen und Aids-Experten S. S. Fröland bei Nachuntersuchungen, über die das Team in der Wissenschaftszeitschrift "Lancet" berichtete, Antikörper gegen das Aids-Virus HIV-1. Die Frühgeschichte der Immunseuche in Europa muß demzufolge umgeschrieben werden: Schon Mitte der sechziger Jahre, eineinhalb Jahrzehnte früher als bisher angenommen, starben mit dem norwegischen Seemann und seiner Familie die ersten Europäer an Aids.
Auch in den USA, wo die ersten Aids-Fälle zunächst auf Anfang der achtziger Jahre datiert wurden ("Patient Nr. Null"), haben sich die Forscher inzwischen korrigiert. Schon 1969, so berichteten US-Mediziner unlängst im "Journal of the American Medical Association", ist ein junger Farbiger in einem Hospital in St. Louis an einem dem HIV-Virus sehr ähnlichen oder mit ihm identischen Retrovirus gestorben - etwa zur gleichen Zeit, als die ersten Anzeichen der HIV-Infektion bei der norwegischen Seemannsfamilie auftraten.
Der Fall des US-Amerikaners bereichert die bisherige Diskussion über die Ursprünge von Aids in den westlichen Ländern um eine bemerkenswerte Variante. Der junge Farbige hatte nämlich den mittleren Westen der USA zeitlebens nicht verlassen und auch niemals Bluttransfusionen erhalten.
Daß das HIV-Virus erst Ende der siebziger Jahre nach Amerika gelangt sei, kann damit als widerlegt gelten - ebenso wie die These des Ost-Berliner Biologen Jakob Segal, das Aids-Virus sei den Genlabors der US-Militärs entwichen; in den sechziger Jahren, für die nun die ersten Aids-Fälle belegt sind, gab es solche Labors noch nicht.
Zumindest theoretisch könnte die Entstehungsgeschichte der Immunseuche sogar noch weiter zurückreichen. US-Wissenschaftler vom Dana-Farber Cancer Institute an der Harvard-Universität in Cambridge etwa kamen bei Genom-Analysen der bislang bekannten Aids-Erreger zu dem Schluß, daß es die aggressiven Formen von HIV schon seit knapp vier Jahrzehnten geben müsse. Das genetische Höchstalter des Virus setzten sie auf etwa 80 Jahre an, vor diesem Zeitpunkt, so folgerten die Wissenschaftler, müsse ein weniger gefährlicher gemeinsamer Vorfahre von HIV-1 und HIV-2 existiert haben.
Schon im Alter von 15 Jahren, so stellte sich bei Nachforschungen in Norwegen heraus, hatte der wahrscheinlich erste europäische Aids-Patient auf einem Schiff angeheuert. Damals war der junge Riese von ausgezeichneter Gesundheit, wie ihm seine Arbeitgeber bestätigten.
Auch die weitere Krankengeschichte des Seefahrers ist gut dokumentiert: Wenigstens zweimal hatte er sich wegen gewöhnlicher Geschlechtskrankheiten in ärztliche Behandlung begeben müssen. Der nach dem Krankheitsverlauf zurückgerechnete und mit Hilfe der Reederei-Aufzeichnungen rekonstruierte Zeitpunkt für die Ansteckung mit Aids war vermutlich eine Nacht in Mombasa.
Als Ende 1967 die dritte Tochter des Norwegers geboren wurde, war aus dem gutgebauten Seemann von einst schon ein kränkelnder Junggreis geworden - auch seine Frau hatte sich mittlerweile mit Aids infiziert und das Virus, vermutlich während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, an das Mädchen weitergegeben.
Die Trennungslinie für das Auftauchen von Aids in Europa verläuft einstweilen hart durch die norwegische Familie. Von ihren ersten beiden Töchtern war die Frau 1964 und 1965 entbunden worden. Ihr Vater, der Seemann, hatte ihnen nur seine Gesundheit vermacht: Beide sind frei von HIV-Viren.

DER SPIEGEL 5/1989
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