11.09.1989

Dissertationen

Kern der Leistung

Die Doktorarbeit der Beinahe-Vorstandssprecherin der SPD, Margarita Mathiopoulos, weist erstaunliche Parallelen auf.

Selten paßte Andy Warhols Postulat des Berühmtseins "für 15 Minuten" so gut wie bei Margarita Mathiopoulos. Im März 1987 wurde die damals 30jährige von Willy Brandt als SPD-Vorstandssprecherin vorgeschlagen. Die Partei rebellierte - Frau Mathiopoulos war kein SPD-Mitglied, Berufsanfängerin und zu diesem Zeitpunkt Ausländerin. "Daß Willy Brandt durch meine Ernennung Schaden nehmen könnte, würde ich nicht ertragen", erklärte die Angegriffene und verließ das Blickfeld der Öffentlichkeit. Dann wurde sie für einige Zeit stellvertretende Direktorin am Aspen Institute in Berlin, Lehrbeauftragte an der FU Berlin und Habilitandin an der Universität Bonn.

Nun kommt zutage, daß die überaus selbstbewußte Deutsch-Griechin zum Abschluß ihres Politologie-Studiums 1986 in Bonn eine Dissertation ablieferte, die zwar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ("gehört zu den wichtigsten und anregendsten Neuerscheinungen der letzten Jahre") und der Neuen Zürcher Zeitung ("historisch weit ausholend") hochgelobt wurde, aber auch Schönheitsfehler enthält*.

Frau Mathiopoulos bediente sich recht unakademisch bei dem bundesdeutschen Historiker Horst Dippel, dem Politikprofessor Horst Mewes (University of Colorado in Boulder) und Hans R. Guggisberg, Professor für neuere Geschichte an der Universität Basel**: Sie schrieb an etlichen Stellen aus deren Arbeiten beinahe wörtlich ab, ohne die Passagen, wie es sich bei einer Dissertation ziemt, als Zitate auszuweisen. Raum dafür wäre gewesen: Die Schrift verfügt über 1179 Anmerkungen auf 78 dafür reservierten Seiten. Mit den Vorwürfen konfrontiert, teilte Mathiopoulos über ihren Anwalt mit, es sei "legitim, sich an wissenschaftliche Kompendien und Standardwerke eng anzulehnen, sofern die Quellen offengelegt werden". Wo dies nicht geschehen sei, seien ihr "offensichtlich" bedauerliche "Flüchtigkeitsfehler" unterlaufen.

Doktorvater Professor Karl Dietrich Bracher, inzwischen emeritiert, zeigte sich hingegen "sehr betroffen, daß an einigen Stellen die angewandten Arbeitsmethoden nicht wissenschaftlichen Gepflogenheiten entsprechen". Dadurch werde aber "der Kern der geistigen Leistung von Frau Mathiopoulos nicht beeinträchtigt".
*KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:

"Unkritisch gefeiert" *UNTERZEILE: Die Doktorarbeit und ihre Vorbilder *

Mathiopoulos (Seiten 135, 136):
" Was zunächst etwa von den Historikern David Ramsay "
" oder Mason L. Weems als das Heroische, ja, "
" Übermenschliche hingestellt und gefeiert worden war, "
" geriet jedoch bald mit den zutage tretenden "
" innenpolitischen Kontroversen zwischen den Föderalisten "
" um Alexander Hamilton und John Adams sowie den "
" Republikanern um Thomas Jefferson zum Streit um "
" Interpretation und Wahrung des revolutionären Erbes und "
" der Gründungsideale der Union, die schließlich auch der "
" eigentliche Inhalt des mehrbändigen Werks von Mercy Otis "
" Warren waren . . . "

Mathiopoulos (Seite 260):
" Die amerikanische Geschichtsschreibung des frühen 20. "
" Jahrhunderts hat den Populismus gerne als direkten "
" Vorläufer des "Progressive Movement" interpretiert. Seit "
" den 50er Jahren wurden aber auch seine nativistischen "
" Tendenzen immer deutlicher gesehen, seine feindliche "
" Haltung gegenüber den Immigranten im allgemeinen und sein "
" Antisemitismus im besonderen. Daß der populistischen "
" Bewegung bei aller Fortschrittlichkeit ihrer sozialen und "
" wirtschaftlichen Forderungen und Programme auch "
" pessimistische, ja reaktionäre Elemente innewohnten, kann "
" nicht geleugnet werden. "

Mathiopoulos (Seite 217):
" Tatsächlich ist die amerikanische Mittelschicht "
" Hauptträger des politischen Idealismus und Realismus der "
" amerikanischen Kultur und des politischen Establishment. "
" In ihren politischen Verhaltensweisen vermischen sich "
" problemlos Gegensätze zwischen hoher Mobilität und "
" kultureller Kontinuität, zwischen Fortschrittsoptimismus "
" und altmodisch anmutenden religiös-moralischen und "
" patriotischen Tugenden. Und obgleich die Homogenität der "
" Mittelschicht den Pluralismus der Gesellschaft und die "
" regionalen Eigenarten ethnischer Gruppierungen nicht "
" aufhebt, passen sich soziale Aufsteiger fast aller "
" gesellschaftlichen Gruppen den Normen der "middle class" "
" an. "

Dippel (Seiten 11, 12):
" Was zunächst etwa von David Ramsay oder Mason L. "
" Weems als das Heroische, geradezu Übermenschliche "
" hingestellt und unkritisch gefeiert worden war, geriet "
" schon bald mit den heftiger werdenden innenpolitischen "
" Kontroversen zwischen den Föderalisten um Alexander "
" Hamilton und John Adams sowie den Republikanern um Thomas "
" Jefferson zum Streit um Auslegung und Wahrung des "
" revolutionären Erbes und der Gründungsprinzipien der "
" Union, die der eigentliche Inhalt des mehrbändigen Werks "
" von Mercy Otis Warren waren . . . "

Guggisberg (Seite 149):
" Die amerikanische Geschichtsschreibung des frühen 20. "
" Jahrhunderts hat den Populismus gerne als direkten "
" Vorläufer des "Progressive Movement" bezeichnet. Seit "
" etwa 1950 wurden aber auch seine nativistischen Tendenzen "
" immer deutlicher gesehen, seine feindliche Haltung "
" gegenüber den Immigranten im allgemeinen und sein "
" Antisemitismus im besonderen. Daß der Bewegung bei aller "
" Fortschrittlichkeit ihrer sozialen Forderungen und "
" Programme auch konservative, ja reaktionäre Elemente "
" innewohnten, ist heute nicht mehr zu übersehen. "

Mewes (Seite 77):
" Die amerikanische Mittelschicht ist in der Tat "
" Hauptträger der politischen Kultur und des politischen "
" Establishment. In ihren politischen Verhaltensweisen "
" vermischen sich die Gegensätze zwischen hoher Mobilität "
" und kultureller Kontinuität, zwischen "
" Fortschrittsoptimismus und altmodisch scheinenden "
" religiösen und patriotischen Traditionen. Und obwohl die "
" Homogenität der Mittelschicht den Pluralismus der "
" Gesellschaft und den regionalen Eigensinn zahlreicher "
" ethnischer Gruppierungen nicht aufhebt, passen sich "
" soziale Aufsteiger fast aller gesellschaftlichen Gruppen "
" den gängigen Normen der "middle-class" an. "


DER SPIEGEL 37/1989
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