13.11.1989

Wolf im Fahndungsbuch

Die Entwicklung in der DDR bringt Westdeutschlands obersten Ankläger in Bedrängnis. Vor viereinhalb Monaten erwirkte Generalbundesanwalt Kurt Rebmann in aller Eile beim Karlsruher Bundesgerichtshof einen Haftbefehl gegen Markus ("Mischa") Wolf - nun drohen deshalb politische Verwicklungen. Jahrzehntelang hatte Wolf als Leiter der Hauptverwaltung "Aufklärung" im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit amtiert und vor allem die Spionage gegen die Bundesrepublik organisiert; im Februar 1987 ging der gebürtige Schwabe, letzter Dienstgrad: Generaloberst, in den Ruhestand.
Als Wolf im letzten Frühjahr Anstalten machte, zur Präsentation seines Buches "Die Troika" in die Bundesrepublik einzureisen, leitete Rebmann gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit in einem besonders schweren Fall (Höchststrafe: zehn Jahre) ein. Wolf sei "dringend verdächtig, alle von seinem Amt" gegen Westdeutschland betriebenen "geheimdienstlichen Aktionen verantwortlich" gesteuert zu haben. Dafür lägen nicht nur "gerichtlich abgesicherte Erkenntnisse" vor - auch der Abdruck der Guillaume-Erinnerungen im SPIEGEL (52/1988), in denen der Kanzleramtsspion seine Rückkehr zu Wolf nach Ost-Berlin schildert ("Wir nahmen uns in die Arme, froh, uns wiederzusehen"), diente als Beweismaterial.
Am 22. Juni 1989 wurde der Haftbefehl erlassen, seither ist im deutschen Fahndungsbuch auf Seite 1542 ein "Wolf, Markus, 19.1.23" zur Festnahme ausgeschrieben. Der politische Druck auf Rebmann, die Rücknahme des Haftbefehls zu betreiben, verstärkt sich angesichts der Möglichkeit, Wolf könne in Zukunft einer DDR-Verhandlungsdelegation angehören oder eine Einladung von Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth annehmen.
Rebmann könnte von weiterer Strafverfolgung absehen, wenn ihr "überwiegende öffentliche Interessen entgegenstehen". Bleibt es bei dem Haftbefehl, gibt es für Wolf nur eine Reisemöglichkeit - als Sonderbotschafter seines Landes unter dem Schutz diplomatischer Immunität.

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wolf im Fahndungsbuch

  • Politische Gefangene in der Türkei: Kindheit hinter Gittern
  • Videoanalyse zum gescheiterten Brexit-Deal: Das gespaltene Königreich
  • Unterwasservideo: Krabbe kämpft gegen Kamera
  • Abgelehnter Brexit-Deal: Gegner und Befürworter in Wut auf May vereint