Bundesumweltminister Klaus Töpfer war nicht gerade froh gestimmt, als er Mitte Januar aus Greifswald zurückkehrte: Der Atomkomplex, den die DDR dort betreibt, schien ihm mit hohen Risiken belastet.
Wenige Tage später sah sich Töpfer in seinen schlimmsten Befürchtungen "noch bestärkt". Haarsträubende technische und organisatorische Mängel und Pannen, so las der für Reaktorsicherheit zuständige Minister im SPIEGEL, haben in Greifswald schon mehrfach fast zur Katastrophe geführt.
Dann kam es noch dicker. Das Team aus bundesdeutschen Beamten und Fachleuten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, das sich die vier Atommeiler an der Ostseeküste genauer angesehen hatte, konnte auch keine Entwarnung melden. Es fand in wesentlichen Punkten den SPIEGEL-Bericht bestätigt, auch die Schlußfolgerung: Sofort abschalten.
Töpfer weiß, daß die Meiler in Greifswald nach bundesdeutschen Maßstäben unverzüglich stillgelegt werden müßten. Der Minister sieht inzwischen sogar Gefahren, die weit über die Horror-Anlage im Norden der DDR hinausgehen. "Ich glaube nicht", sagte er vergangene Woche, "daß Greifswald das atomare Risiko-Zentrum Europas ist."
Ein atomarer Großunfall nämlich, das machte der Minister seinen Kollegen am Mittwoch vergangener Woche im Kabinett klar, drohe nicht nur in der DDR. Erbauer der Druckwasserreaktoren von Greifswald ist die Sowjetunion, Atomkraftwerke des gleichen Typs produzieren an vielen Orten Strom - in der UdSSR vier, in Bulgarien vier, in der CSSR zwei. Dort sehe es - so meinen auch DDR-Techniker - überall noch viel schlimmer aus als in der DDR.
Spontan entschloß Töpfer sich deshalb, schnellstens nach Moskau zu fliegen und Helfer nach Prag und Sofia zu schicken. Ziel der Mission ist, die Gastgeber auf ein mögliches Abschalten von Greifswald vorzubereiten und Folgen für die eigene Sicherheitslage zu diskutieren.
Die Eile ist vonnöten, der Zeitplan zur Behandlung des Greifswalder Atom-Desasters seit dem vergangenen Wochenende Makulatur. Ursprünglich wollte der Minister seinen Atomgutachtern drei bis vier Monate Zeit lassen. Dann erst sollte die Entscheidung fallen, ob die Reaktoren weiterbetrieben werden könnten oder nicht.
Die gemächliche Gangart läßt sich jedoch nicht durchhalten, zu offensichtlich sind die Mängel in Greifswald. Ein Fachmann der bundesdeutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit: "Schon allein wegen der organisatorischen Katastrophe müßte dort Schluß sein, da braucht man gar nicht in die Technik zu gucken."
Töpfer hat angekündigt, ein Urteil nach geltenden bundesdeutschen Atombräuchen zu fällen und eine entsprechende Empfehlung, die an die DDR gerichtet ist, öffentlich zu machen. Es besteht gute Aussicht, daß die dortigen Atomgewaltigen dem Abschalt-Ratschlag Folge leisten. In zwei bis drei Wochen soll nun entschieden werden.
Wenn Greifswald, und sei es auch nur vorläufig, stillgelegt wird, hat das, anders als früher, Folgen im gesamten Ostblock. Dank Glasnost wird das Ereignis der Bevölkerung an den anderen Standorten der Reaktoren nicht verborgen bleiben. Längst nehmen auch Tschechoslowaken oder Bulgaren die Risiken nicht mehr lammfromm hin wie ehedem. Abschaltungen aber bedeuten im notorisch energieknappen Osten Strommangel.
Das Problem hat natürlich auch die DDR, und das macht die Bonner Entscheidung nicht leichter. Wenn Töpfer Abschalten empfiehlt, hat er als Ersatz für den Atomstrom nicht viel zu bieten.
Rund 85 Prozent der DDR-Elektrizität stammen aus stinkenden Braunkohlekraftwerken, 2,2 Prozent werden mit Wasserkraft, Steinkohle und Erdöl erzeugt. 10 Prozent liefern die Atomkraftwerke von Greifswald. Die vier Blöcke leisten 1760 Megawatt. Gibt es keinen Atomstrom mehr, dann bedeutet selbst eine kurze Frostperiode schon Stromrationierung - es sei denn, der Westen hilft.
Angesichts der Überkapazität in der Bundesrepublik dürfte ein Stromtransport gen Osten kein Problem sein. Zwei moderne Kohlekraftwerke könnten 1760 Megawatt leicht erzeugen. Doch tatsächlich geht - auf die schnelle - nur sehr wenig.
Die DDR ist in das Netz der Ostblockstaaten eingebunden, die Bundesrepublik gehört zum westeuropäischen Energiesystem. Die Osttechnik verträgt Spannungsschwankungen, die dem Westnetz nicht bekommen. Bei einem einfachen Zusammenschluß würden die Spannungen sich gegenseitig aufschaukeln, Leitungen durchschmoren, Kraftwerke sich automatisch auskoppeln.
Der klassische Weg, die Hürde zu nehmen, besteht darin, Kupplungen zu bauen. Die PreussenElektra, eine Veba-Tochter, errichtet zur Zeit in Wolmirstedt bei Magdeburg eine solche Hochspannungsgleichstromkupplung.
Über diese Brücke können rund 1200 Megawatt Leistung für die DDR nutzbar gemacht werden. Doch die Kupplung von Wolmirstedt wird erst Ende 1991 fertig sein, und der Aufwand von 200 Millionen Mark ist keine Kleinigkeit.
Kurzfristig läßt sich das Problem nur durch einen Kniff lösen, den die PreussenElektra bereits anwendet. Seit dem 1. Januar fließt die Stromproduktion des 300-Megawatt-Kohlekraftwerks Offleben C, direkt an der Grenze im Westen gelegen, über eine neue 380-Kilovolt-Leitung in die DDR. Dieses Kraftwerk ist vollständig aus dem westlichen Verbund herausgenommen, es produziert ausschließlich für das Ost-Netz.
Allein das ist der Weg, der rasch weitere Entlastung bringen kann. Außer Offleben liegt auch das Braunkohlekraftwerk Buschhaus direkt an der DDR-Grenze. Dessen 300-Megawatt könnten dem Ost-Nachbarn ebenso wie die 200 Megawatt der zur Zeit eingemotteten Kraftwerksblöcke Offleben A und B innerhalb von drei bis sechs Wochen zusätzlich dienstbar gemacht werden.
Diese beiden Blöcke sind allerdings gewaltige Dreckschleudern. Sie pusten 800 Milligramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter Abluft in die Umwelt. Deshalb arbeiten sie nicht, haben nur noch eine Genehmigung bis 1993.
Solche Einwände beeindrucken in der Stunde der Not jedoch weder Töpfer noch den Betreiber. DDR-Kraftwerke nämlich stoßen zwischen 2500 Milligramm und 10 000 Milligramm Schwefeldioxid aus.
Im äußersten Fall ließe sich auch noch die 300-Megawatt-Leistung des Kohlekraftwerks Mehrum bei Hannover für den Osten nutzen. Aber auch damit kämen alles in allem gerade 800 Megawatt zusätzlich zusammen - nur reichlich die Hälfte dessen, was die vier Blöcke von Greifswald leisten.
So kam der gelernte Ökonom Töpfer auf eine naheliegende Idee. Wenn das Angebot nicht rasch auszuweiten ist, muß sich eben die Nachfrage anpassen. Sein Plan: Um den steten Fluß von Strom in der DDR sicherzustellen, müssen industrielle Großverbraucher, etwa Chemie-Betriebe, in Engpaß-Zeiten einfach dichtmachen. Den Ausfall an Produktion will Töpfer durch den Import der gleichen Produkte aus dem stromreichen Westen glattstellen. Das könnte gerade so reichen, um über den Winter zu kommen.
Ungelöst ist dann immer noch das Problem, wie eigentlich der Strom aus dem Westen bezahlt werden soll. Bei einem Preis von nur acht Pfennig pro Kilowatt-Stunde müßte die DDR für die Nutzung von 800-Megawatt-Westleistung 800 Millionen Mark West pro Jahr berappen. Die DDR hat aber kein Geld, und der Strom wird bestimmt teurer.
Vielleicht hilft da das langfristige Geschäftsinteresse der Elektrizitätsfirmen weiter. Diese sehen den Strommarkt der Zukunft im Osten. Die Grenzanrainer PreussenElektra und Bayernwerk wollen ihren traditionellen Platzvorteil ausbauen, Branchenprimus RWE mag nicht zu kurz kommen. "Die wollen jetzt schnell ihre Claims abstecken", erkannte ein Bonner Ministerialer, "die jiepern schon ganz aufgeregt."
Diese Aufbruchstimmung stimuliert hüben wie drüben die Phantasie. Ein Veba-Manager etwa sieht überraschende Möglichkeiten für die DDR, ihr Konto auszugleichen. Zum Beispiel könnten DDR-Bautrupps im Westen Leitungen oder Kraftwerke bauen; mit den Einnahmen ließen sich die Rechnungen bezahlen.
Das wäre kein Novum. Als Unterauftragnehmer und unter der Qualitätskontrolle der Deutschen Babcock Maschinenbau errichteten beispielsweise die im eigenen Land kläglich versagenden DDR-Maschinenbauer zur Zufriedenheit der Westkunden Kraftwerke in Hannover und Heyden/Weser.
Eine andere Verrechnungsvariante, die Strommanager bereits mit dem DDR-Minister für Schwerindustrie, Kurt Singhuber, besprochen haben, mutet an wie ein Geschenk: Die DDR baut mit eigenen Mitteln ihr Leitungsnetz aus, vor allem schafft sie leistungsstarke neue West-Ost-Verbindungen. Die Ost-Mark-Kosten für die Nutzung dieses Netzes sollen dann bei Stromkäufen im Westen zum Kurs von 1 : 1 abgerechnet werden.
Die scheinbar großzügige Geste ist wohlberechnet. Die bundesdeutschen Stromkonzerne wollen im Gegenzug Miteigentümer des DDR-Netzes werden, sich zumindest aber Durchleitungsrechte juristisch absichern. Auf mittlere und lange Sicht, so das Kalkül, müssen im Ostblock aus Sicherheits- und Umweltgründen noch viele Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Dann schlägt die Stunde der Stromverkäufer.
Um für diese Zeit gerüstet zu sein und um die DDR mittelfristig zu versorgen, arbeiten Ingenieure im Westen bereits an Entwürfen für neue Kraftwerke, die für Ost-Kundschaft arbeiten. Am weitesten gediehen ist der Plan der PreussenElektra, in Lübeck ein Steinkohlekraftwerk zu bauen, das neben Elektrizität auch Wärme abgibt. Die Wärme bleibt im Westen und speist das Lübecker Fernwärmenetz, der Strom fließt in den Osten.
Konkret arbeiten die Planer an einem Kohlekraftwerk-Projekt für Rostock. Die Investitionen, jeweils vier bis fünf Milliarden Mark, sollen und wollen die reichen westdeutschen Stromkonzerne gern übernehmen. Wenn nach vier Jahren Bauzeit die Produktion beginnt, wird die Bezahlung in einem geeinten Deutschland längst kein Problem mehr sein.
Und natürlich träumen die Strommanager auch wieder von neuen Kernkraftwerken. Die allerdings können bei Bauzeiten von zehn Jahren der DDR nicht aus ihren aktuellen Schwierigkeiten helfen. Kernkraft steht deshalb ganz am Ende der Liste.
Ein weiter Blick in die Zukunft hilft der DDR nicht über den Winter. Selbst wenn das Klima mild bleibt, wenn alle geplanten Hilfen auch wahr werden, würde ein Abschalten der Lubminer Blöcke die Greifswalder Bürger hart treffen. Rund 145 000 Wohnungen, 45 Industriebetriebe, 15 Schulen, Kliniken und Altenheime werden von dem Atomkombinat mit Fernwärme versorgt. Dafür ist kein Ersatz in Sicht.
Wenn die DDR die vier Risiko-Blöcke abschaltet, wird das Leben in Europa sicherer. Aber in Greifswald wird es kälter.
DER SPIEGEL 6/1990
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