08.01.1990

Gerhard Schröder

Er sei, sagte er vor Jahren, immer ein später Starter, aber immer auch ein guter Sprinter gewesen. Ans Ziel gekommen ist er nicht.
Gerhard Schröder war 16 Jahre lang Bundesminister: des Inneren (1953 bis 1961), des Äußeren (1961 bis 1966) und der Verteidigung (1966 bis 1969). Dennoch war er ein klassischer Verlierer. Er wollte Kanzler und Bundespräsident werden und scheiterte an sich und seinem Rivalen Franz Josef Strauß. Der spröde evangelische Friese und der temperamentvolle katholische Bayer haßten und blockierten sich über Jahre.
1963 tat Konrad Adenauer so, als wolle er Schröder zu seinem Nachfolger machen. Schröder, der das Manöver durchschaute, antwortete: "Jetzt nicht." Gegen Ludwig Erhard, das Maskottchen des Wirtschaftswunders, konnte er, wie er wußte, nicht gewinnen.
Erhard, der Unpolitische, ließ seinen Außenminister gewähren. Schröder, 1910 geboren, Rechtsanwalt und NSDAP-Mitglied von 1933 bis zu seiner Einberufung 1941, er wurde Obergefreiter, war in seiner Außenpolitik ein überzeugter Atlantiker. Mit der Eröffnung von Handelsmissionen im Ostblock leitete er eine vorsichtige Ostpolitik ein, setzte aber ganz auf das Bündnis mit den USA: "Es gibt, wie wir wissen, zwei Weltmächte. Wir haben Amerika gewählt."
Er gab dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag nie die Bedeutung, die ihm die Gaullisten Adenauer und Strauß beimaßen. Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle verweigerte ihm daher bei Vertragsunterzeichnung die huldvolle Umarmung: "Sie küsse ich nicht - noch nicht."
Schröder, der sich immer als Herr sah, aber auch herrisch und arrogant war, revanchierte sich auf seine Weise: "Der Vertrag wird ratifiziert, aber einfach nicht angewendet." Noch Jahre später, zu seinem 75. Geburtstag, meinte er im Rheinischen Merkur: "Die Franzosen halten sich für großartiger, als sie sind." In der Politik, so Schröder, sei ein kalter Kopf wichtiger als ein heißes Herz.
In der SPIEGEL-Affäre machte sich Schröder den auf Paris und eine deutsch-französische Atommacht setzenden Franz Josef Strauß endgültig zum Feind. Er legte 1962 die Akten des Auswärtigen Amtes offen, aus denen eindeutig hervorging, daß Strauß selbst - nicht sein Staatssekretär - in der deutschen Botschaft in Madrid angerufen und im "Namen des Herrn Bundeskanzlers und Herrn Außenministers" die Festnahme des SPIEGEL-Redakteurs Conrad Ahlers, Verfasser des Berichts "Bedingt abwehrbereit", veranlaßt hatte. Verteidigungsminister Strauß mußte gehen.
Als Bundeskanzler Erhard 1966 gescheitert war, glaubte Schröder an seine Stunde. Der durch und durch konservative CDU-Politiker wollte Kanzlerkandidat werden und, wenn möglich, mit den Freien Demokraten weitermachen. Doch der grollende Strauß und die CSU entschieden sich für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger. Strauß hielt zwar Schröder für den geeigneteren Kanzler, aber: "Nach alledem, was vorgefallen ist, kann ich ihn nicht wählen."
Kiesinger ging eine Große Koalition mit der SPD ein. Schröder, der Zivilist, mußte das Auswärtige Amt dem Sozialdemokraten Willy Brandt abgeben und das Verteidigungsministerium übernehmen. 1967 stürzte er auf der Treppe seines Ferienhauses "Atterdag" auf Sylt: "Herzrhythmusstörung" und "Bewußtseinstrübung" diagnostizierten die Ärzte.
Schröder erholte sich nie ganz, sein Gedächtnis verließ ihn oft, seine Stimme blieb schleppend. Dennoch wollte er 1969 Bundespräsident werden - auch mit den Stimmen der NPD-Wahlmänner. Schröder: "Ich kann mir meine Wähler doch nicht aussuchen." Der CDU-Politiker unterlag knapp dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann. Zweimal versuchte Schröder es noch: 1971 wollte er Kanzlerkandidat der Union, 1973 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion werden. Er schaffte es nicht.
Gerhard Schröder starb, fast vergessen, in der Silvesternacht in seinem Haus auf Sylt.

DER SPIEGEL 2/1990
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