09.10.1989

JustizServus Theo, alles Gute

Der bayerische „Ausbrecherkönig“ Theo Berger hat der Justiz erneut ein Schnippchen geschlagen: Jetzt erscheinen seine aus dem Knast geschmuggelten Memoiren.
Theo Berger, 48, Bayerns berühmter "Ausbrecherkönig", hält sich selber für "einen der bekanntesten Verbrecher Deutschlands".
Viermal war der Bankräuber und Serieneinbrecher, dessen Einzelstrafen sich zu 137 Jahren summieren, spektakulär aus der Haft getürmt. Dutzende Male hatte er Fahnder und Verfolger an der Nase herumgeführt. Das gerann zu einem Mythos: Der "Al Capone vom Donaumoos", so der Titel eines Dokumentarfilms über Berger, schien nicht zu fassen, nicht zu halten.
Heute sitzt Berger krank in der Einzelzelle Id des Straubinger Sicherheitstrakts, auf 60 Kilo abgemagert. Der Mann, der sich nur noch mühsam aufrecht halten kann, leidet an einer seltenen Form des Blutkrebses, der sogenannten Haarzellen-Leukämie. Zeitweise befallen ihn Sprechstörungen - Folgen jahrelanger Isolation.
Als Ausbrecher wird der todkranke Straubinger Häftling wohl kaum mehr von sich reden machen. Aber der Berger Theo, Bauerssohn aus dem 700-Seelen-Dorf Ludwigsmoos bei Schrobenhausen, hat's jetzt dennoch mal wieder geschafft, der bayerischen Justiz ein Schnippchen zu schlagen: Nun erscheinen Bergers Memoiren - als Kassiber aus dem Knast geschmuggelt**.
Einige Passagen klingen recht peinlich für Polizei und Justizbehörden. Berger enthüllt beispielsweise, daß er in der Straubinger Haftanstalt jahrelang Schußwaffen mit reichlich Munition und ein ganzes Bündel perfekter Nachschlüssel besaß.
Mal plante er damit einen Ausbruch in Desperadomanier, mal spielte er mit dem Gedanken, den mitinhaftierten RAF-Terroristen Knut Folkerts und Bernd Rößner eine Pistole zuzustecken, weil "die im Hof so armselig einsam ihre Runden drehten".
Andererseits nutzte er zeitweilig seine vertieften Beziehungen zu einer Knastbetreuerin aus der Münchner Sympathisantenszene der Terroristen, laut Berger "keine allzu fanatische Genossin", zur "Materialbeschaffung". Als er aber "zu meinem Leidwesen" feststellte, daß ihm die angeblich so "gefährliche Szene in München" kein Schießeisen besorgen konnte, vermittelte er die neue Freundin an seine Komplizen im schwäbischen Donaumoos.
Schon bei seiner ersten Einlieferung in die Straubinger Anstalt, 1968, hatte der gerade zu 15 Jahren verurteilte Bankräuber "direkt gespürt, wie die Legende vom sichersten Zuchthaus Deutschlands zusammenkrachte". Kein Wunder - in seinem Koffer, den ihm ein Beamter bis in die Zelle trug, war laut Berger eine Eisensäge versteckt, die unentdeckt blieb.
Das eingeschmuggelte Werkzeug verhalf ihm zu seinem ersten Ausbruch, wenn auch nicht in Straubing: Er sägte sich damit bei einem Zwischenaufenthalt im Münchner Schubgefängnis durchs Gitterfenster in die Freiheit.
Auf freiem Fuß zog es den Flüchtigen bei noch so bedrohlicher Verfolgung immer wieder in den vertrauten Heimatkreis - Berger: "Ich kam vom Moos nicht los." Da foppte und übertölpelte er die Polizei bei Hetzjagden mit einer Kaltschnäuzigkeit, die ihm alsbald heimliche Bewunderung und Unterstützung eintrug.
Den "schönen Theo", der sich auf Faschingsbällen tummelte, auch wenn das Moos von Polizei belagert wurde oder wenn die "XY"-Fernsehfahndung gerade lief, umgab bald eine "Gloriole altbairischer Räuber-Romantik", wie Münchens tz befand. Schon verglich man ihn mit dem legendären Dorfräuber und Wilderer Mathias Kneißl aus Sulzemoos, der um die Jahrhundertwende im Schwäbischen sein Unwesen trieb und 1902 in Augsburg enthauptet wurde. ** Theo Berger: "Ausbruch. Die Erinnerungen des ,Al Capone vom Donaumoos'". AV-Verlag, Augsburg; 304 Seiten; 29,80 Mark. * In der Münchner Uniklinik, nach seiner Festnahme im Frühjahr 1901.
Berger-Steckbriefe ("Vorsicht! Rücksichtsloser Gewaltverbrecher!") verschwanden im Donaumoos über Nacht von Bäumen, Plakatwänden und sogar aus amtlichen Schaukästen. Das elterliche Berger-Anwesen in Ludwigsmoos steuerten bisweilen täglich 100 neugierige Autofahrer an. "Es war", schreibt der Memoirenautor, "eine regelrechte Pilgerschar."
Zu den Augsburger Prozessen gegen Theo und seine Bandenbrüder verkehrten Sonderbusse aus dem Moos. Und manche Besucher munterten ihren Freiheitshelden lautstark auf: "Servus Theo, alles Gute!"
Aber Theo Berger, der da von einer Art emotionaler Verwilderung profitierte, wurde am Ende seiner Gangsterkarriere immer schneller gefaßt und immer wieder in Straubing eingebuchtet. Stets gelangte der Gefangene freilich auch in den Besitz von Waffen und Ausbruchswerkzeugen.
Darüber verfügte Berger auch noch, als er sich - Anfang der achtziger Jahre - krankheitsbedingt in sein Knastschicksal zu fügen schien und seine Haftbedingungen gelockert wurden. Mit seinen Nachschlüsseln konnte der Häftling zu jener Zeit, so behauptet er jetzt, "durchs ganze Zuchthaus marschieren". Er habe dabei, schreibt Berger, sogar Einsicht in seine Hausakte nehmen und nachlesen können, "wer mich im Laufe der Jahre alles verraten hatte".
Auch von seiner bislang letzten Knastpistole machte der Theo nach eigener Bekundung Gebrauch - bei Schießübungen im Anstaltskeller. Berger: "Es war für mich ein erhebendes Gefühl."
Die Waffe rückte der "Ausbrecherkönig" schließlich freiwillig heraus. Empfänger war der damalige höchste Vollzugsbeamte im bayerischen Justizministerium, Ministerialdirigent Ludwig Mayer, dem Berger das Angebot an der Anstaltsleitung vorbei zugespielt hatte.
Wenn sich Berger richtig erinnert, war es eine groteske Szene: Der hohe Beamte sitzt ihm allein am Besuchertisch gegenüber und fragt, wo denn nun die Pistole versteckt sei. Die aber zieht der Häftling, der die geladene Waffe schon tagelang bei sich getragen haben will, aus dem Hosenbund und schiebt sie dem Ministerialdirigenten blitzschnell über die Tischplatte zu. Darauf Mayer, ganz verdattert: "Haben Sie noch mehr solche Überraschungen?"
Die Geste des scheinbar geläuterten Gangsters führte allerdings nicht zum gewünschten Erfolg: Berger erwartete, vergebens, als Gegenleistung, daß er außerhalb der Anstalt ärztlich behandelt werde und draußen auch seine Verlobte heiraten dürfe.
Nur als "Protest" und "Hilferuf" versteht deshalb Bergers früherer Anwalt Frank Niepel die wohl letzte Fluchtaktion seines Ex-Mandanten: Berger machte sich, im September 1983, nach einem Gruppenausgang zum Straubinger Tiergarten mit anschließendem Gaststättenbesuch durchs Klo-Fenster auf und davon.
Elf Tage später ließ sich der Entwichene, der sich nach eigener Einlassung ohnehin stellen wollte, auf einer Donaubrücke in Ingolstadt widerstandslos festnehmen. Berger hatte laut Anwalt Niepel zu dieser Zeit schon "panische Angst", daß man ihn "wie ein Kaninchen abknallen" würde.
Zu einem anderen Eindruck gelangte vier Jahre später der Münchner Psychologe Joachim Weber im vorerst letzten Prozeß gegen Berger und einen Mitangeklagten wegen versuchten Polizistenmordes. Der Gutachter bescheinigte dem Beschuldigten nicht nur "übersteigerte Maskulinität" und eine "wenig skrupulöse Einstellung zur Aggressivität", sondern auch völlige Furchtlosigkeit vor der "vergeltenden Aggressivität der anderen".
Vorgeschichte: Berger hatte, im Sommer 1985, mit Rücksicht auf sein Krebsleiden Haftunterbrechung erhalten. Dabei war er, so sein jetziger Anwalt Karl-Heinz Seidl, "wieder mal an der Freiheit gescheitert".
Im März 1986 wurden Berger und dessen Komplize Otto Hinterlechner eines Banküberfalls verdächtigt und auf einem schneebedeckten Acker nördlich von München von der Polizei gestellt. Es kam zu einem Schußwechsel - ohne Treffer.
Beim Münchner Schwurgerichtsprozeß im Frühjahr 1987 (Berger-Strafe: zwölf Jahre) erwies sich zwar die Mittäterschaft am Banküberfall als nicht beweisbar; der Mordversuch jedoch blieb stehen.
Unbeeindruckt ließ die Richter, daß aus Bergers Pistole kein Schuß abgefeuert worden war. Auch der Mitangeklagte Hinterlechner hatte seine ursprüngliche Aussage gegen Berger - dieser habe auf Schießen gedrängt - voll zurückgenommen.
Hinterlechner bekundete, Knastbrüder im Untersuchungsgefängnis Stadelheim hätten ihm geraten: "Schieb alles dem Theo Berger in d'Schuah, der werd sowieso bald sterb'n."

DER SPIEGEL 41/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 41/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Justiz:
Servus Theo, alles Gute

  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen
  • Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt Sojus-Flug
  • Südosten der USA: Tausende durch Wintersturm ohne Strom