02.04.1990

AutomarktBlühende Rostlauben

Zunehmend etablieren sich in der DDR freie Umschlagplätze für Westwagen. Offeriert wird häufig Schrott.
Das Auto hat zehn Jahre auf dem Buckel und Kotflügel, durch deren morsches Blech sich bequem eine Hand stecken läßt. Die TÜV-Plakette fehlt ebenso wie der Auspuff. Doch letzteres, versichert der Anbieter treuherzig, sei kein Problem: "Da schweißt man ein einfaches Rohr dran, alles halb so wild."
Für 500 West-Mark soll der Renault 5 auf dem Potsdamer Automarkt am "Platz der Nationen" den Besitzer wechseln. Nebenan scharen sich ein Dutzend Neugierige um die geöffnete Motorhaube eines grünen Honda, Baujahr 1981. "Die Rostlaube blüht ja schon", mokiert sich ein Interessent über das Gefährt. Dann befühlt er sachkundig den aufgesprungenen Lack: "Da will sich doch einer von drüben wieder nur bei uns entrümpeln!"
Seit Anfang des Jahres gedeiht in der DDR der Handel mit altersschwachen West-Modellen. Nachdem etwa der West-Berliner Markt für preiswerte Gebrauchte so gut wie leergefegt ist, pilgern allein im Ostteil der Stadt täglich Hundertschaften von Autonarren zu den tristen Abstellflächen am Bahnhof Springpfuhl oder an der Frankfurter Allee. Auch in Magdeburg und Halle, wo findige Händler aus der Bundesrepublik bereits per Computer die gefragtesten Typen Golf, Polo und Kadett vermitteln, existieren behördlich geduldete private Umschlagplätze.
Der größte der inoffiziellen Märkte hat sich in Potsdam vor dem sogenannten kleinen Brandenburger Tor, einen Kilometer entfernt von Schloß Sanssouci, etabliert. Für harte Westwährung bieten Spekulanten den trabimüden Ostdeutschen Wagen an, die häufig nur noch Schrottwert haben.
Doch die Gier nach einem Produkt aus dem (Auto-)Wunderland Bundesrepublik scheint nun keine Grenzen mehr zu kennen. Hoffnungslos verfallen derweil die Preise für die öligen Zweitakter aus der heimischen Fertigung. Resigniert steht ein Schlosser aus Neuruppin auf dem Potsdamer Markt neben seinem gewienerten Wartburg: 16 Jahre habe er auf diesen Wagen gewartet, 30 000 Mark gezahlt - "und jetzt will die Kutsche niemand mehr haben".
Hingebungsvoll feilschen die Ossis um betagte Kaleschen aus Wolfsburg, Rüsselsheim oder Köln - immer auf der Suche nach einem "Ringeltäubchen", wie der vermeintlich günstig erworbene West-Import jenseits der Grenze umschmeichelt wird. Lieber einen ollen Opel unter dem Sitzfleisch spüren, heißt die Devise, als weiterhin mit dem Trabi (DDR-Jargon: "Pappe") umherkutschieren zu müssen.
Zehn Jahre alte Ladas, vor einem halben Jahr noch mit 30 000 Ost-Mark gehandelt, bringen nur noch die Hälfte. Selbst Neuwagen - zum Beispiel der einst begehrte Trabant P 601, das Spitzenmodell mit den ausschwenkbaren hinteren Seitenfenstern für 14 365 Ost-Mark - sind jetzt Ladenhüter. Ein Pappschild kündet beim Potsdamer Händler an der Yorck-Straße von der Revolution am Automarkt: "Sofort lieferbar!"
Beim profitablen Geschäft mit den Gebrauchten Marke West mischen nicht nur Bundesbürger, sondern auch Einheimische kräftig mit. 7000 West-Mark verlangen zwei junge Damen aus der DDR für einen im Ruhrgebiet erstandenen goldmetallic-farbenen BMW 318i, 82er Baujahr, Tachostand 160 000 Kilometer. Wer sich jetzt keinen BRD-Pkw besorge, bieten sie ihren mit Spoilern und Alufelgen aufgemotzten Veteranen marktschreierisch an, sei "schön blöd, denn die Preise steigen rasant".
16 000 Ost-Mark (oder 3200 DM) werden in Potsdam für einen 77er BMW 320 verlangt; ein zwölf Jahre alter Audi 80 soll noch 14 500 in DDR-Währung eintragen. Der Wechselkurs hat sich bei 1:5 eingependelt. Angesichts des Zustandes der Ware fühlt sich jedoch manch kritischer Kunde übertölpelt: "Ungeheure Schlampe" nennt ein aufgebrachter Ost-Berliner den Eigner eines alten, verdreckten und von Rostbeulen übersäten Mercedes 230, der sein Gefährt kaltschnäuzig für immerhin noch 6000 DM an den Mann zu bringen versucht.
Zu offenen Protesten gegen die zuweilen abenteuerliche Preisgestaltung abgebrühter Spekulanten kommt es jedoch nur selten. Häufiger teilt sich der Schmerz potentieller Käufer, die entweder als Schwarzarbeiter in der Bundesrepublik eine schnelle Mark machten oder über Jahre das von der westlichen Verwandtschaft erhaltene Taschengeld horteten, in stumm-verzweifelten Abwehrgebärden mit. "Gekauft wie besehen", heißt die harsche Geschäftsgrundlage.
Zwei Polen, die in Potsdam einen neun Jahre alten Honda für 8000 Ost-Mark ergattern, dürfen das Objekt ihrer Wünsche keinem Test unterziehen. Die kurze Fahrt um den Block dient allein dazu, in einer stillen Ecke die Übergabe zu regeln.
An Wochenenden tauchen unter dem kleinen Brandenburger Tor in Gruppen und meistens von einem Offizier angeführte uniformierte sowjetische Soldaten auf und bieten Tauschgeschäfte an. In Mengen Lederjacken, aber nicht selten auch Rubinschmuck und Gold werden da offeriert, um an Ladas und Wolgas heranzukommen. Zwar bestaunen die Russen vor allem Mercedes und BMW - doch die Ersatzteilmisere daheim diktiert ihnen, nur nach Wagen aus sowjetischer Produktion Ausschau zu halten.
Ein Brunnenbauer aus Werder an der Havel hat sich mit einem jungen Soldaten verabredet, um ihm seinen weißen Wolga zu verscherbeln. Zielstrebig hat er sein Gefährt bereits auf den Geschmack des vermeintlichen Interessenten getrimmt - den Ganghebel ziert eine Plexiglaskugel, in der Schneeflocken treiben, auf dem ausladenden Armaturenbrett liegen handgeklöppelte Zierdeckchen. Nach Stunden vergeblichen Wartens räumt er mit Einbruch der Dunkelheit stocksauer das Feld: "Der will doch nur den Preis drücken."
Der Brunnenbauer wird wiederkommen. Ein Auto zu verkaufen, weiß er, ist auch Nervensache.

DER SPIEGEL 14/1990
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