11.09.1989

LinkshänderGefährliches Pflaster

Höhere Unfallzahlen, niedrigere Lebenserwartung - Linkshänder leben riskant.
Ob Cäsar Gallier jagte oder Franz Josef Strauß Büffel in Tansania - ihre Opfer wurden mit links erledigt. Bubi Scholz und Marilyn Monroe - mit links waren sie umwerfend. Linker Hand behämmerte Michelangelo den Marmor, malte Leonardo da Vinci die Mona Lisa. Auch die Superstars der Musik, Mozart, Beethoven, faßten alles falsch an.
Untersuchungen ergaben, daß ungewöhnlich viele Linkshänder einen Intelligenzquotienten von über 140 haben, unter den mathematisch und künstlerisch Hochbegabten sind sie überrepräsentiert. Charlie Chaplin und Albert Einstein gehörten zu der talentierten Minderheit, linksfüßig schießt Maradona seine Tore, links hält Tennis-Opa Jimmy Connors tapfer das Racket.
Doch der Gegensatz zwischen Genie und Krankheit liegt bei Linkshändern eng beisammen. Aus ihren Reihen kommen übermäßig viele Autisten, Schizophrene, Bettnässer und Stotterer. Sie scheinen, beschreibt US-Psychologe Alan Searleman die Situation, jeweils am "extremen Ende der Skala zu liegen".
Jahrzehntelange Beobachtungen brachten ans Licht: Linkshänder werden eher zuckerkrank, leiden häufiger an Schlafstörungen, tendieren zu Trunksucht und verspäteter Pubertät. Doch jetzt droht zusätzliches Ungemach: Der Psychologie-Professor Stanley Coren aus Vancouver attestiert Linkshändern ein hohes Verletzungsrisiko und eine kürzere Lebenserwartung.
Erste Hinweise für seine Behauptung hatte der kanadische Wissenschaftler bereits vor zehn Jahren erhalten. Beim Durchrastern von Gesundheitsstatistiken stellte er fest, daß der Anteil der Linkshänder an der Gesamtbevölkerung mit zunehmendem Alter stetig abnimmt. Bei den 20jährigen hatten sich noch 13 Prozent Sinistrale gefunden. Bei den 50jährigen war der Anteil auf fünf Prozent gesunken, bei den 80jährigen auf fast null Prozent geschrumpft.
Der merkwürdige Ausdünnungseffekt, auch von anderen Statistiken bestätigt, war früher nicht als Folge eines höheren Unfallrisikos interpretiert worden. Vielmehr hatten die Wissenschaftler angenommen, die älteren Semester seien aufgrund rigiderer Erziehungsmethoden vollständig umgepolt worden. Entsprechende Untersuchungen schienen das Argument zu bestärken: 1930 gaben nur zwei Prozent aller US-Amerikaner an, Linkshänder zu sein, heute bekennen sich dazu rund zehn Prozent.
Doch Psychologe Coren forschte weiter und suchte neue Beweise für seine Killerthese. 1988, nach gründlicher Auswertung der amerikanischen Baseball-Enzyklopädie schlug er erneut Alarm. Das Sportlerbuch zählt Generationen von bekannten Baseballspielern auf und gibt auch deren bevorzugten Wurfarm an. Ergebnis der Fahndung: 1472 Rechtshänder brachten es auf ein Alter von durchschnittlich 64,64 Jahren, ihre 236 linkswerfenden Mitspieler dagegen starben im Schnitt neun Monate früher. Das Resultat der Baseballstudie, so Coren, eröffnete in der Theorie eine "makabre Möglichkeit": Könnte es sein, daß Dosenöffner, Korkenzieher, Bandsägen oder Kartoffelschälmesser, allesamt für Rechtshänder konzipiert, die linkslastige Minorität der Menschheit tückisch dahinraffen?
Corens Horrortheorie wird, wie er glaubt, durch eine neue, dritte Untersuchung gestützt. Diesmal befragte der Psychologe knapp 2000 Hochschüler (90,5 Prozent Rechtshänder, 9,5 Prozent Linkshänder) nach erlittenen Verletzungen und schweren Unfällen. Das Ergebnis, in der August-Ausgabe des American Journal of Public Health veröffentlicht, ist erschreckend. Jeder Rechts-Staat, so scheint es, bedroht Leib und Leben seiner linkshändigen Minderheit.
Ob am Arbeitsplatz, im Haushalt oder beim Sport - in allen Lebenslagen ziehen sich Linkshänder übermäßig viele Schrammen und Verwundungen zu. Als besonders gefährliches Pflaster erwies sich der Umfrage zufolge der Straßenverkehr. Während nur 7,8 Prozent der befragten männlichen Rechtshänder in den letzten zwei Jahren beim Auto- oder Mopedfahren Blessuren erlitten hatten, lag die Quote der Linkshänder mit 16,6 Prozent mehr als doppelt so hoch.
Der Psychologe Alan Searleman hält den erstaunlichen Befund zwar für "faszinierend", warnt aber vor übereilten Schlüssen. "Tausende von Leuten müßten gecheckt werden, um sicher zu sein", erklärt auch der Medizinprofessor Albert Galaburda aus Boston, im übrigen sei Vorsicht geboten: "Versicherungsleute würden da bestimmt gern Genaueres wissen."
Zudem: Bis heute rätseln die Forscher, warum etwa 90 Prozent aller Menschen eine ausgeprägte Vorliebe für ihre rechten Glieder haben. Meist zieht sich die Lateralität, die Seitigkeit, durch den ganzen Körper. Wer mit rechts die Skatkarte auf den Tisch haut, schießt auch meist mit dem rechten Fuß den Elfmeter oder zwinkert beim Flirt mit dem rechten Augenlid.
Die Seitenpräferenz des Homo sapiens reicht sogar bis in seinen Orientierungssinn hinein. Ein Bergführer etwa, der im Nebel den Gipfel erklimmt, tendiert unbewußt dazu, nach rechts abzuweichen. Fußgänger, die bei Nacht und Nebel unterwegs sind, stolpern häufiger rechts ins Gebüsch. Wissenschaftler sprechen bei dem einseitigen Richtungsdrall von der Rechtszirkular-Aberration des Menschen.
Jeder Knopf oder Dödel zivilisatorischer Gerätschaften ist auf die Rechtslastigkeit der Bevölkerungsmehrheit ausgerichtet. Nach rechts drehen sich die Uhrzeiger und die Telefonscheibe, rechts sitzt der (häufiger benutzte) Kaltwasserhahn, und über Rechtskurven gelangt der Formel-1-Rennfahrer ans Ziel. Die "Rechtspolarisierung unseres täglichen Lebens", so der Düsseldorfer Mediziner Ernst Schäfer, sei "allgegenwärtig".
In früheren Jahrhunderten schlug sich der Linkshänder mit kaum geringeren Nachteilen herum. Rechts hielt der Ritter das Schwert, links, am Herzen, den Schild. Nach rechts schlug (und schlägt) der Mann den Mantel zu, um die starke Streithand zum Vorwärmen in das Wams stecken zu können. Selbst die Wendeltreppen in mittelalterlichen Wehrtürmen wurden fast immer rechtswendig angelegt, was dem von unten angreifenden Feind klare Gefechtsnachteile verschaffte.
Neurologen vermuten, daß das Sex-Hormon Testosteron den Linksruck der Gliedmaßen auslöst. Feten mit extrem hoher Sensibilität für das Hormon oder eine zu hohe Dosierung im Mutterleib, so vermuten die Forscher, könnte den Seitentausch veranlassen. Gegen diese These spricht jedoch die Beidhändigkeit von Babys: Viele Kinder entscheiden sich erst zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr, ob sie das Legohaus mit rechts oder mit links zusammenstöpseln.
Auch die Urahnen des Menschen scheinen noch mit beiden Händen gleichermaßen ungeschickt gewesen zu sein. Flintsteine, vor zwei Millionen Jahren in Nordkenia benutzt, sind nach Aussage des US-Anthropologen Nicholas Toth nur zu 57 Prozent von Rechtshändern hergestellt worden. Andere prähistorische Werkzeugmacher, vor 250 000 Jahren in Spanien tätig, entpuppten sich nach Analysen zu 61 Prozent als Rechtshänder.
Erst der kulturelle Fortschritt im Jungpaläolithikum (40 000 bis 10 000 Jahre vor Christus) hat möglicherweise den Siegeszug der Rechtshänder ausgelöst. Immer kompliziertere Arbeitsvorgänge nötigten dem Menschen vielleicht die Spezialisierung auf. Spätestens seit den pyramidenbauenden Ägyptern wird die Welt nachweislich von einer erdrückenden Majorität von Rechtshändern regiert.
Damit begann zugleich die Leidenszeit der Linkshänder. Noch heute reicht die Seitendominanz tief in die moralischen Grundlagen der Gesellschaft hinein. Mit rechts wird der Eid geleistet, links sitzen die politischen Gegner der herrschenden Klasse. Mit links fiedelt der Teufel auf alten Stichen auf seiner Geige.
Dem Psychologen Coren gilt das als unleidlicher Zustand: Ständige Mißgriffe und ein vorschnelles Ableben vieler Linkshänder, behauptet er, seien die Folge. "Diese Welt", entrüstet sich der Forscher, "bietet Sicherheit und Bequemlichkeit nur für die Rechtshänder."

DER SPIEGEL 37/1989
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