08.01.1990

Der letzte Trip auf Erden

Wilhelm Bittorf und Ulrich Jaeger über Reinhold Messner und Arved Fuchs in der Antarktis (III)

Von Bittorf, W. und Jaeger, U.

Als die beiden vermummten Männer am Tag vor Silvester ihr Zelt aufschlugen, waren sie fast 3100 Meter über dem Meeresspiegel. Doch nirgends eine Spur von einem Berg. Statt dessen eine uferlose Eisfläche ohne Fels, Baum oder Strauch, eine Fläche, die in allen Richtungen der Windrose am Horizont verschwindet und an diesem Tag von einer minus 20 Grad kalten Brise bestrichen wurde - eine Art Hitzerekord für die Gegend. Denn die beiden einsamen Wanderer mit ihrem Zelt befanden sich auf drei Kilometer dickem Eis und gefrorenem Schnee im Inneren des Kontinents Antarktis.

Sobald die Behausung mit Eispickeln verankert war, damit sie nicht davonfliegt, griff der eine der beiden Reisenden zu seinem Fernglas und suchte den südlichen Horizont ab, eine flackernde, flüssige Linie über dem starren Terrain, die dem Beobachter "wie aus Quecksilber" erschien. Dann entdeckte er auf dem weißen Plateau mehrere dunkle Punkte, die in dem Lichtgeflimmer "ziemlich still hielten". Sein Mund zwischen der Gesichtsmaske und dem eisverkrusteten Bart schrie: "Das muß er sein! Das muß er sein!"

Sein größer gewachsener Partner nahm das Fernglas und bestätigte die Entdeckung. Was dann geschah, beschreibt Reinhold Messner mit wenigen Worten: "Arved Fuchs und ich tanzten ums Zelt herum und riefen: Der Pol! Der Pol!"

Nicht nur an ihren Navigationsinstrumenten, auch mit bloßem Auge konnten Fuchs und Messner schon seit einigen Tagen erkennen, daß sie nach mehr als 40 Tagen Langlauf auf dem Eis und nahezu tausend Reisekilometern dem südlichsten Punkt der Erde immer näher rückten. Die Sonne, die den antarktischen Sommer in einen einzigen langen Tag verwandelt, kreiste auf immer flacherer Bahn um das gewaltige Polarplateau.

Mittags- und Mitternachts-Sonnenstand glichen einander an, bis der "kuriose Anblick" sich zu zeigen begann, den Roald Amundsen im Dezember 1911 auf der Südhalbkugel als erster Mensch (zusammen mit seinen Gefährten) wahrnahm: "Es ist sehr interessant, die Sonne Tag wie Nacht in derselben Höhe rund um den Himmel wandern zu sehen", notierte der Norweger. Sie wandert, vom Pol gesehen, zwei Handbreit (oder knapp 20 Grad) über dem Horizont: Die Zeit scheint, um sich selber kreisend, stillzustehen wie ein steckengebliebenes kosmisches Grammophon.

Es war nicht das einzige Phänomen, das die Vorstellungskraft der beiden Wanderer erregte. Denn nach ihrem Freudentanz hielt ein Sturm sie, nur noch elf Kilometer vom Pol entfernt, in ihrem Zelt fest. Als sie vor Ungeduld trotzdem aufbrachen, hatten Nebel und Treibschnee die durchs Fernglas gemachten Entdeckungen wieder verschluckt.

Aber sie gingen mit ihren Schlitten nach ihrer Peilzahl weiter "durch Nebelbänke, Wolken, Wind, Sonnenstreifen", so Reinhold Messner. "Die Stimmung ist aufregend unheimlich" - um so mehr, als unter der Sonne, die schräg durch die Nebelbänke scheint, eine zweite kleine Sonne hängt, Nebensonne oder Panhelion genannt. Sie entsteht durch Brechung des Lichts an den in der antarktischen Atmosphäre schwebenden Eiskristallen.

Auf Messner wirkte das Panhelion wegen seiner Erdnähe "fast beängstigend wie eine von größenwahnsinnigen Menschen aufgerichtete Anti-Sonne". Arved Fuchs fühlte sich von dem Schauspiel aus Licht und Wolkenschleiern sogar in "eine Art eisigen germanischen Götterhimmel" versetzt, der für Sterbliche verboten ist. Allein zu sein mit den Geistern der Antarktis wie in diesen Stunden - eben das schwebe ihm vor, wenn er ohne Schlittenhunde, von knatternden Schneemobilen gar nicht zu reden, durch den Eiskontinent ziehe.

Aber sie blieben nicht allein.

"Wir haben den Pol in Sichtweite, und ich kann die Erdachse quietschen hören", notierte der launige Olav Bjaaland, einer der vier Norweger, die mit Roald Amundsen und ihren Hundeschlitten am 14. Dezember 1911 den Südpol als erste erreichten. Sie hatten den Pol in Sichtweite, aber es gab nichts zu sehen außer dieser unabsehbaren grellweißen Ebene, außer diesem Nichts unter dem Himmel, das auf den Beginn der Schöpfung zu warten scheint. Bjaaland: "Hier ist es flach wie der See in Morgedal und gut zum Skifahren . . . Die Hunde sind so hungrig, daß sie ihren eigenen Kot fressen."

Einen Monat später, 17. Januar 1912, erreichten Captain Scott und seine vier Begleiter mit ihrem selbstgezogenen Proviantschlitten das südliche Ende der Erdachse. Sie fanden Hunde- und Skispuren und ein schwarzes Zelt mit einer vom Wind zerfransten Norwegerfahne, die den erschöpften Engländern signalisierte, daß sie den Wettlauf zum Südpol verloren hatten. "Großer Gott! Dies ist ein schauriger Ort. Schrecklich genug, daß wir uns bis hierher gequält haben ohne den Lohn, die Ersten zu sein . . . Das wird ein zermürbender Rückmarsch werden."

Als Arved Fuchs und Reinhold Messner bei 90 Grad Süd ankamen, nach Ortszeit frühmorgens am Silvestertag, war der Pol sichtbar geworden. Er besteht aus einem armdicken Bronzenagel, der einen Meter aus der Schneekruste herausschaut und von einem darüber angebrachten Schild erläutert wird: "GEOGRAPHIC SOUTH POLE. Elevation 9301 ft. Ice thickness in excess off 9000 ft." (Höhe 2835 Meter. Eisdicke mehr als 2743 Meter).

Auch ein Zelt fanden die beiden transantarktischen Langläufer direkt neben dem Polnagel vor. Es enthielt fünf verschlafene junge Amerikaner, Mitglieder der US-Polstation. Als Messner-Fans hatten sie beschlossen, auf dem Eis zu kampieren bei 25 Minusgraden, um die Ankunft des bewunderten Mannes nicht zu verpassen. Noch leicht benommen, aber johlend begrüßten sie ihn und Fuchs, als er an ihr Zelt klopfte.

Bald kamen auch vom Zentrum der Polstation dick verpackte Menschen, auch einige Frauen unter ihnen, über das Eis herbeigelaufen, um Reinhold, Arved und die Unterbrechung der Monotonie willkommen zu heißen - auch wenn Ringo, Stahlmonteur aus Texas, gleich betonte, daß eigentlich ein jeder ins Irrenhaus gehöre, der so verrückt sei, "durch diese riesige Tiefkühltruhe zu latschen".

Die beiden Verrückten aber waren ihrerseits verstört von den vielen Menschen und vom Anblick der Station, obwohl ihnen vorher klar war, daß Captain Scotts "schauriger Ort" seit 1957 von Amerikanern bewohnt und mit Zivilisationskomfort versehen worden ist. Messner: "Da gehst du tausend Kilometer durch die totale Stille und Weite, und plötzlich stehen da Kuppeln und Container und Masten. Ein zerschlissenes schwarzes Zelt müßte am Südpol stehen, sonst nichts."

Doch auch für Messner und Fuchs hat eine Twin Otter der kanadischen Antarktis-Flieger frischen Proviant zum Pol gebracht. Auch der SPIEGEL-Redakteur und der Südwestfunk-Kameramann, die den beiden Wanderern am Pol begegneten, reisten per Otter und nicht a la Amundsen. Messner selber und Fuchs zögerten nicht, die Polstation, wenn sie schon da ist, für ihren Bedarf zu nutzen - und das war vor allem das zehrende Verlangen nach einem Duschbad und frischer Thermo-Unterwäsche.

Von den Bewohnern eingeladen, fanden sie Unterkunft in einer Art Bauarbeiter-Camp außerhalb der eigentlichen Polstation. Dort hausen, von einer drallen jungen Frau namens Donna Wobble betreut, rauhbeinige Saisonkräfte, die nur wegen der Bezahlung für die Antarktis angeheuert haben und sich nicht die Bohne scheren um die offizielle Politik der Washingtoner "National Science Foundation" (NSF); das ist die Institution, die Amerikas antarktische Bemühungen mit Steuerdollars finanziert.

Denn offziell hätten Messner und Fuchs bei der Polstation keinerlei Hilfe finden dürfen, nicht einmal ein Duschbad. Tatsächlich hat die Stationsleitung dem italienischen Staatsbürger Messner sogar verweigert, über das US-Funkgerät mit dem italienischen Antarktis-Stützpunkt Terra Nova zu sprechen. Auch hat der Boß der Polbasis, John Fay, es unter absonderlichen Verrenkungen vermieden, Fuchs und Messner zu begrüßen oder sonstwie anzusprechen und damit anzuerkennen.

Für die NSF in Washington nämlich existieren auf dem Eiskontinent nur amtlich geförderte Unternehmen der Unterzeichnerstaaten des Antarktis-Vertrags. Private Expeditionen wie die von Messner und Fuchs, "Abenteurertum" überhaupt, will die NSF, wo immer sie es vermag, "entmutigen". Polare Gegensätze - denn Reinhold Messner hätte es am liebsten, wenn umgekehrt die mit Technik gepanzerten staatlichen Stationen verschrottet würden und in der "letzten Wildnis" Antarktika nur noch Fußgänger verkehren dürften.

Der Bergkönig aber genoß die Gastfreundschaft der bierschluckenden Rauhbeine, verziert durch Donna Wobble, weniger, als er selbst draußen auf dem Eis für möglich gehalten hatte. Trotz Silvesterpunsch konnte er in der überheizten Baracke J-5 kein Auge schließen. "Nach wenigen Studen habe ich das Gefühl verloren für die geheimnisvolle Welt, in der wir noch gestern waren", notierte er melancholisch. Endlich schnappte er seinen Schlafsack und kroch wieder in das eisige Zelt draußen vor der Barackentür. Er fiel sogleich in tiefen Schlaf und erwachte "wunderbar erfrischt".

Am 3. Januar wollten sie weiter zur anderen Seite, zum Ross-Meer. Es wurde Zeit für ihn und Fuchs, die Probleme zu überdenken, die sie auf dem Weg von den Thiel-Bergen zum Pol hatten. Könnten sie den Weitermarsch gefährden?

Jedesmal gingen sie am Beginn ihrer Tagesetappen gemeinsam los. Aber schon bald zog der 45jährige Mann aus Südtirol seinem Partner Arved Fuchs davon, wuchs der Abstand zwischen beiden auf Kilometerdistanzen an. "Schon wenn Arved vier Kilometer zurück ist, kann ich ihn kaum noch ausmachen zwischen den Schatten der Sastrugis", notierte Messner am 25. Dezember mit blasser Bleistiftschrift in sein Tagebuch: zwei Menschen, die ums Verrecken aufeinander angewiesen sind und sich doch in der Unermeßlichkeit zu verlieren drohen, weil sie außerstande sind, ein gemeinsames Tempo zu gehen.

Reinhold Messner kann und will sich nicht langsamer bewegen. Er folgt dem Rhythmus der wütenden Energie, die ihn antreibt. Arved Fuchs kann nicht schneller. Denn seit 24. November geht er auf wunden Füßen. Jeder Schritt, den er tut, verursacht ihm brennenden Schmerz.

Unterhalb der Hornhaut der Fußballen und der Ferse haben sich an seinen eindrucksvoll großen, aber stark belasteten Füßen blutgefüllte Blasen gebildet, "die sitzen so tief", sagt er, "daß du sie gar nicht aufstechen kannst". Aber Messner und er haben es im Zelt nach den Tagesetappen wieder und wieder versucht. Fuchs:
" Wir haben mit einer Nähnadel, die wir vorher über den "
" Kocher gehalten haben, in den Fuß hineingestochen und wie "
" beim Stopfen einen Faden hindurchgezogen. Ich habe "
" manchmal in einem Fuß bis zu vier Fäden dringehabt, damit "
" das Blut am Faden entlang raustropfen kann. Es bildet "
" sich aber trotzdem immer mehr und immer neues Blut im "
" Fuß. "
" Auf solchen Füßen Tag für Tag weiterzulaufen, ist halt "
" das Elend. Das heißt, wenn du morgens in die Stiefel "
" reinsteigst, fängt es so an weh zu tun, und dabei bleibt "
" es, bis du die Stiefel wieder ausziehst. "

Reinhold Messner hat kleine schmale Füße. Links fehlen ihm die 1970 am * Nach Hissen der norwegischen Flagge beim Ausmessen des Standorts. Nanga Parbat erfrorenen Zehen. Er hat, außer aufgescheuerten Hacken, keine Schwierigkeiten mit seinen Gehwerkzeugen. Doch er hat auf dem Weg zum Pol darunter gelitten, daß er zur verabredeten Pause nach jeder Langlaufstunde mehr und mehr Minuten auf Fuchs warten mußte und dabei jedesmal im sengend kalten Wind auskühlte: "Für mich sind die Rastpausen das Schlimmste, weil ich dabei schier erfriere . . . Das Warten im Wind ist tödlich."

Wenn die Sicht gut war, hörte Messner in der zweiten Hälfte der Tagesetappe auf, darauf zu warten, daß Fuchs zu ihm aufschloß. Er schnürte mit dem Kompaß auf der Brust einfach davon bis zum Ende der sechs oder sieben Stunden Laufzeit, die sie vereinbart hatten. Dann baute er, um endlich Schutz zu finden, ganz allein das Zelt auf - ein, wie er selber sagt, mehr als "problematisches" Kunststück. Denn: Entreißt der zerrende Wind ihm das Zelt, ehe er es mit Eispickeln verankert hat, sind er und sein Gefährte hilflos der Kälte ausgesetzt. Sie könnten sich nur noch hinter ihre Schlitten ducken. Sie könnten nicht mehr kochen und wären zu einem qualvollen Tod verurteilt.

Stand endlich das Zelt, verkroch sich Messner darin, zündete den Kocher an und brühte erst einmal Tee auf. Arved Fuchs aber kam meist erst anderthalb Stunden später an, mit schmerzverzerrtem Gesicht, und obwohl ihn die Furcht anstachelte vor dem Risiko, wenn Reinhold das Zelt allein aufschlägt. Oder wenn eine unerwartete Nebelbank die dünn in die Schneekruste eingekerbte Spur von Messners Skiern und Schlittenkufen unsichtbar macht.

Arveds Riesenfüße (Größe 48) sind vor Blutergüssen bis zu den Knöcheln vollkommen blau und schwarz. "Es tut weh, sie bloß anzuschauen", sagt Messner. Niemand würde sich wundern, wenn diese Füße, wenn Fuchsens Verspätungen und Messners Alleingänge ständig Spannung und Gereiztheit zwischen den beiden Männern provozierten, und in der Tat beklagte sich Messner am Pol darüber, daß er es leid sei, den Antreiber zu machen: "Immer wecken, immer ,wir müssen los', ,wir müssen weiter' sagen mag ich nimmer. Ab und zu ein Zuruf von Arved - ,Laß uns gehen!' - täte mir gut."

Aber trotz solcher Reibungspunkte kommen die beiden offenkundig gut miteinander zurecht. Der Ältere bewundert die ruhige Festigkeit und Ausdauer, mit der der Jüngere seine Leiden erträgt, auch wenn er dabei zurückbleibt. "Arved beißt sich mit großer Willenskraft durch", schrieb Messner am Tag vor Weihnachten in sein Tagebuch. Und: * Vor dem verlassenen Zelt der Amundsen-Expedition. "Arved ist ein angenehmer Partner. Er klagt nicht, kann gut für sich sein und hat Sinn für praktische Dinge."

Am Südpol angelangt, bekundete der Bergkönig dem Seemann Fuchs, der im Frühjahr 1989 schon zum Nordpol gewandert war, sogar so etwas wie Hochachtung: "Von Arved habe ich viel gelernt. Er hat mir nicht nur den Nordpol voraus."

Doch wie wollen sie in dieser Verfassung und bei so unterschiedlicher Gehgeschwindigkeit je zur anderen Küste der Antarktis an der McMurdo-Bucht kommen? Die Strecke vom Pol dorthin ist deutlich länger als der Weg, den sie von ihrem Startpunkt auf dem Ronne-Eisschild bis zum Pol bewältigt haben. Das waren zwischen 1000 und 1100 Kilometer. Aber vor ihnen liegen 1430 Kilometer. Vor ihnen liegt die Route, auf der Captain Scott und seine Gefährten 1912 auf dem Rückmarsch vom Pol ihr Leben verloren.

Bis zum Pol haben Messner und Fuchs 48 Tage gebraucht. Aber vom Pol nehmen sie auf ihren Schlitten Proviant für nur 40 Tage mit auf eine Strecke, die 400 Kilometer länger ist als das Stück, auf dem sie 48 Tage unterwegs waren. Dazu kommt, daß die Schlitten vom Pol an 115 Kilogramm wiegen - 20 Kilo mehr als die Last, unter der die beiden Männer am Anfang ihrer Reise gestöhnt haben. Wie soll das gehen?

Beide Reisenden sind sich bewußt, daß sie, wie Arved Fuchs es ausdrückt, "keine Chance haben, in 40 Tagen McMurdo zu erreichen, wenn wir bei unserer bisherigen Reisegeschwindigkeit bleiben". Sie müßten sich von einem Tagesdurchschnitt von 22 Kilometern (Ruhe- und Sturmtage eingerechnet) auf fast 40 Kilometer pro Tag steigern - nicht einmal Amundsen mit seinen hundefressenden Hunden hat ohne die Kraft des Verbrennungsmotors ein solches Tempo erreicht. Wo, bei den Füßen von Fuchs, soll diese Steigerung herkommen?

Die beiden bauen darauf, daß ihnen der Wind nun nicht mehr beißend ins Gesicht bläst, sondern hilfreich in den Rücken; denn für alle, die den Pol erreichten, war dies das zuverlässigste Lustgefühl, nicht mehr gegen den "bohrenden Wind" (wie Scott ihn nannte) ankämpfen zu müssen, der in alle Richtungen vom Polplateau her weht.

Vor diesem Wind wollen Fuchs und Messner auf ihren Skiern nun dahinsegeln - gezogen von Gleitschirm-Segeln, die ein schwäbischer Bastler namens Wolf Behringer im Remstal entworfen und angefertigt hat. Wie ein Spinnaker bläht sich das Segel und steigt schräg nach oben wie ein Drache, wenn die Brise in die ausgeklügelten Lufttaschen fährt, aus denen es sich zusammensetzt.

Um sich selbst und den angehängten Schlitten ziehen zu lassen, machen die beiden Männer ihr Segel vor Brust und Bauch an ihrem Zuggeschirr fest. Sie steuern das bunte Tuch über Schnüre und eine stabile Stange, die sie mit beiden Fäusten packen, um mit der ökologischen Energie der Lüfte wie im Flug voranzukommen.

Soweit die Theorie. Doch auf dem Weg zum Pol haben die Antarktis-Fahrer das Segeln nur wenige Male versuchen können und dabei gleich die Tücken dieser Fortbewegungsart auf dem zerrissenen Untergrund des Eiskontinents kennengelernt.

Bei kräftigem Seitenwind verlor Reinhold Messner die Herrschaft über Segel und Skier und fiel nach seinen Worten "Hals über Kopf auf die Schnauze" zwischen zwei Sastrugi, die infamen vereisten Schneewehen der Polarregion. Er schlug sich den rechten Ellenbogen auf, der noch heute, vier Wochen später, Schmerzen bereitet. Beide begriffen, so Fuchs, "wie leicht du dir auf diese Art ein Bein, einen Knöchel, einen Arm brechen kannst". Nur ein einziges Mal haben sich bisher die großen Hoffnungen erfüllt, die beide in das Segel setzen. Am zweiten Weihnachtstag, 150 Kilometer vor dem Pol, blies der Wind plötzlich gegen die Regel von Norden. Reinhold holte sein Segel heraus und sauste mit Rückenwind davon, Arved desgleichen.

Segelnd und zwischendurch wieder gehend, um die frierenden Hände und Füße und den ausgekühlten Körper wieder aufzuwärmen, kamen sie auf leidlichem Untergrund doppelt so schnell voran wie üblich. Am Abend lasen sie ihr High-Tech-Navigationsgerät ab, das künstliche Satelliten im Weltraum anpeilt und daraus die Position, an der es sich befindet, bis auf hundert Meter genau errechnet. Sie staunten über die Zahlen, die auf dem Gerät aufleuchteten: 89 Grad und 12 Bogenminuten südlicher Breite. Das bedeutete, daß sie an diesem Weihnachtstag nicht weniger als 31 Seemeilen gleich 57 Kilometer hinter sich gelassen hatten.

Aber das Segeln half entgegen ihrer Hoffnung nicht, den Schmerzensmann Arved Fuchs näher an den vorauseilenden Reinhold Messner heranzubringen. Eher im Gegenteil: Messner fror durch bis auf die Knochen, weil er zur Halbzeit ihrer Tagesetappe lange auf Arved warten mußte. Auch am Ende der Etappe mußte er "eine Std. auf A. warten - nachdem ich im Sturm allein das Zelt aufgebaut hatte", wie er in sein Tagebuch schrieb.

In den ersten beiden Tagen vom Pol weg machten die beiden freilich sensationelle Fortschritte. Am Abend des 4. Januar hatten sie unglaubliche 84 Seemeilen zurückgelegt. Das sind 156 Kilometer oder 78 Kilometer pro Tag.

Das ist eine Geschwindigkeit, die ohne Motorkraft in der Antarktis noch nie erreicht worden ist. Selbst die Schlittenhunde der Steger/Etienne-Expedition können da nicht mehr mithalten. *HINWEIS: Im übernächsten Heft Unter dem Ozonloch - Antarktischer Tourismus: Im Rollstuhl zum Südpol - Für 40 Tage Proviant: Messner und Fuchs im Wettlauf gegen die Zeit und den wiederkehrenden Antarktiswinter


DER SPIEGEL 2/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 2/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der letzte Trip auf Erden