11.09.1989

NACHRUFGeorges Simenon

Er war ein Mann der Superlative, der schnellste, der produktivste und erfolgreichste, der meistverfilmte Autor des Jahrhunderts. 205 Romane, weltweit verbreitet in schätzungsweise 300 bis 500 Millionen Exemplaren, brachte er hervor, ganz abgesehen von jenen 250 Kolportageschmökern sowie 1000 abenteuerlichpikanten Kurzgeschichten, mit denen er zu Beginn seiner Karriere unter 17 Pseudonymen Frankreichs Midinetten und Conciergen delektierte.
Die zwielichtige Aura des populären Schriftstellers, der nicht so recht in die seriöse Literatur passen wollte, umgab ihn zeitlebens, obwohl er doch, wie sein Bewunderer Andre Gide ihm bescheinigte, fürs "große Publikum" ebenso schrieb wie für "die Feinfühligen, die Raffinierten". Als einen "Balzac ohne Längen" pries ihn ein anderer erlesener Kenner und Kollege, Marcel Ayme.
"Die Unfähigkeit des Menschen, sich unter Millionen seinesgleichen vollständig mitzuteilen": Dieses "in meinen Augen größte tragische Thema" war es, das er unermüdlich variierte in seinen Psycho-Thrillern, bevölkert von ziemlich gewöhnlichen Charakteren, von Opfern ihrer Schattenseiten, Gefangenen ihrer Einsamkeit, die dem Rendezvous mit dem Schicksal entgegentreiben, der unvermeidlichen Katastrophe, sei's im Luxushotel "Georges V.", auf einem bretonischen Bauernhof oder einem Bananendampfer, auf Tahiti oder Galapagos, in La Rochelle, Gabun, Kalifornien oder im "Quartier negre" von Panama.
Die berühmteste seiner Gestalten aber, 1929 erstmals in die Welt gesetzt, bleibt ein für allemal der große Maigret mit der Pfeife, der behäbige, alles verstehende Kommissar von der Pariser Kriminalpolizei. In 102 "Maigrets" hat er mit schlafwandlerischem Gespür seine Mörder erschnüffelt, hat er die Fassaden bürgerlichen Lebens durchdrungen und dessen Lügen, Laster und Leiden entlarvt, und unvergeßlich sind seine nächtlichen Verhöre im Dienstzimmer am Quai des Orfevres beim Bullern des gußeisernen Ofens, während der Kellner von der Brasserie Dauphine Bier und belegte Brote heraufbringt, zur Stärkung für die Stunden der Wahrheit.
Wie ein Besessener, "mit dem Schweiß auf der Stirn", so produzierte der Schwerstarbeiter Simenon jährlich seine sechs Romane, "Maigrets" und "Nicht-Maigrets". Das brachte ihm Ruhm und Luxus und ausschweifende Weltreisen und schließlich, nach Jahren in Amerika, eine Riesenvilla überm Genfer See, selbst entworfen, mit eigenem Operationssaal und dem angeblich größten privaten Swimming-pool Europas.
Dann, er hatte gerade das triste Kap der 70 umschifft, beschloß er über Nacht, der Qual, der "Krankheit", des "Alptraums" der Romanschreiberei zu entsagen, und "mit nahezu sadistischer Freude" verkaufte er den Rolls-Royce, entließ den Dienstboten-Troß und zog aus dem illustren Palast ins anonyme Rentnerdasein, hinunter nach Lausanne, in ein kleines Haus mit winzigem Garten, wo ihm fortan eine getreue Teresa in wärmender Hingabe als Sklavin, Geliebte und Schutzengel diente.
Ganz von der Literatur konnte er auch im hohen Alter nicht lassen. "Um mit mir selbst zu schwatzen", hat er noch mehrfach Erinnerungen und Bekenntnisse aufs Tonband diktiert. In "intimen Memoiren" gedachte er der Himmel und Höllen von zwei gescheiterten Ehen und seiner vier Kinder, insbesondere der geliebten einzigen Tochter Marie-Jo, die ihren Vater so bedenklich vergötterte, bis sie sich, 25 Jahre alt, in ihrem Pariser Appartement erschoß. Und auch den vielen, vielen Frauen setzt er ein Denkmal, summa summarum, die er gevögelt haben will in den Zwischenakten schöpferischer Ekstasen, 10 000 sollen es gewesen sein.
Das belgische Weltwunder Georges Simenon, schier unerschöpflich in seiner Arbeitswut, unersättlich in seiner Lebensgier: Vergangene Woche in Lausanne ist auch er, 86jährig, gestorben.

DER SPIEGEL 37/1989
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