08.01.1990

AtomenergieUnsanfte Landung

Privatisierungspleite in Großbritannien: Niemand will die staatlichen Atomkraftwerke kaufen.
Wie ein böser Geist fuhr die Regierungschefin in die Staatskonzerne. Erst brachte sie British Airways (Flugverkehr) und British Petroleum (Öl) an die Börse. Dann verscheuchte sie ihre Beamten aus dem Telefondienst. Auch das Klo- und Badewasser wird seit kurzem vom freien Unternehmertum geliefert. Doch damit nicht genug: Jetzt ist Margaret Thatcher das Stromgeschäft leid.
115 Kraftwerke, samt Umspannstationen und Trafohäuschen, dazu zwölf regionale Elektrizitätsgesellschaften - das komplette staatliche Energie-Imperium möchte die Premierministerin loswerden und mit den Einnahmen die Haushaltskassen füllen. Erhoffter Erlös aus dem Mammut-Ausverkauf: umgerechnet 45 bis 60 Milliarden Mark.
Im kommenden Herbst sollen Londoner Broker das gesamte Staatspaket an der Börse unterbringen. Aber schon jetzt sind die neuen Betreiberfirmen ausgeguckt. Zwei eigens gegründete Aktiengesellschaften, National Power und Power Gen, übernehmen von diesem Monat an die britische Stromversorgung, eine dritte Gesellschaft wird sich um die Wartung der Überlandtrassen kümmern.
Doch der forsche Privatisierungsplan der Thatcher-Regierung ist ins Wanken geraten. Im Laufe des Jahres 1989 mußte Energieminister John Wakeham sämtliche Atomkraftwerke (AKW) aus dem offerierten Energiebündel herausnehmen - die Ware ist zu schlecht. "Unsere Atommeiler", lamentierte der Minister, "kauft uns niemand ab."
Der großangelegte Wirtschaftstransfer wirft ein hartes Licht auf die wirklichen Kosten des Atomstroms. Die National Power weigerte sich, das Nuklearerbe der Regierung anzutreten. Als Begründung legte ihr Geschäftsdirektor John Baker eine haarsträubende Kostenanalyse vor. Atomstrom, so das Resultat der im November vorgelegten Industriestudie, sei für die Briten rund dreimal so teuer wie die Energiegewinnung aus Kohle oder Erdgas.
Seit ihrem Wechsel vom öffentlichen Dienst zum Big Business scheint die Atom-Euphorie vieler Energie-Experten wie weggeblasen. Marode Meiler, horrende Kosten für Wiederaufarbeitung und für den Abriß baufälliger Reaktoren: Die 34 zum Verkauf stehenden Kernreaktoren, ließ National-Power-Manager Baker mitteilen, seien - so der Kern der blumenreich verschlüsselten Botschaft - ein einziger Schrotthaufen. 30 Milliarden Mark müßte die Regierung drauflegen, forderten auch die Londoner City-Broker, sonst könne man die neuen Aktien nicht unters Volk bringen.
Durch die Übernahme sehen sich die alten Nuklearpropheten erstmals gezwungen, stichhaltige Preiskalkulationen auf den Tisch zu legen. Energieminister John Wakeham gab sich entgeistert. Plötzlich seien "da ganz neue Zahlen ans Licht gekommen". Die Financial Times formulierte es klarer: Der Einstieg in die Nukleartechnologie, so das Wirtschaftsblatt, sei der "kostspieligste Fehler der britischen Industriegeschichte" gewesen.
Mit einer Leistung von 14,1 Gigawatt Atomstrom liegt Großbritannien hinter Frankreich (52,7 Gigawatt), der Sowjetunion (37,1 Gigawatt) und der Bundesrepublik (23,7 Gigawatt) europaweit an vierter Stelle. Erzeugt wird die britische Nuklearenergie in weitgehend veralteten Kraftwerken. Zu dem Atomkraft-Netz gehören *___18 Magnox-Reaktoren aus den fünfziger und sechziger ____Jahren; aufgrund schwerer Konstruktionsfehler können ____diese Graphitmeiler nur mit stark verminderter Leistung ____betrieben werden; *___14 Atommeiler des AGR(Advanced Gas-cooled ____Reactor)-Typs; diese britische Reaktortechnologie galt ____schon in den siebziger Jahren als technisch überholt, ____die Auslastung der überaus störanfälligen Anlagen liegt ____unter 50 Prozent - Minusrekord; *___die Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield, wo sich ____hochverseuchter Atommüll stapelt; alle älteren Teile ____der Anlage müssen in naher Zukunft stillgelegt werden.
Noch greisenhafter muten die militärisch genutzten Werke Calder Hall und Chapelcross an. Sie unterstehen dem Verteidigungsministerium und wurden aus dem Privatisierungspaket gleich ausgeklammert. In insgesamt acht Meilern wird dort seit rund 30 Jahren das Bombenmaterial Plutonium erzeugt. Calder Hall, 1956 als Mehrzweckanlage eröffnet, ist zugleich das älteste industrielle Kraftwerk der Welt.
Um die Offerte schmackhafter zu machen, hatte die Thatcher-Regierung auch die 18 Magnox-Oldies schon im Juli letzten Jahres aus dem Verkaufsangebot genommen. Die Kraftwerke arbeiten noch mit Brennelementen aus Natururan wie die Ur-Meiler, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA und in Nazi-Deutschland entwickelt wurden. Zur Kühlung wird Kohlendioxid verwendet, das - so weiß man seit 1969 - Bolzen und Stahl zerfrißt. Zudem muß die gesamte Magnox-Generation demnächst aus Sicherheitsgründen abgeschaltet und vom Netz genommen werden.
Zwei der altersschwachen Reaktoren wurden bereits ausrangiert, die restlichen Meiler sollen bis zum Jahr 2002 folgen.
Die Kosten für die gigantische Abrißaktion schätzt National Power auf rund 45 Milliarden Mark. Hätte sich die private Aktiengesellschaft diese Ruinen aufbürden lassen, wäre sie womöglich sogleich in die Pleite geritten.
Doch auch mit den neueren AGR-Reaktoren ist nicht viel Profit zu machen. Nach eingehender Prüfung kommt National Power auch hier zu einer Horrorbilanz: Alle Entwicklungs-, Kapital- und Folgekosten eingerechnet, muß bei diesem Reaktortyp ein Strom-Gestehungspreis von 27 Pfennig pro Kilowattstunde veranschlagt werden. Mit Kohlekraftwerken produziert, kostet die Kilowattstunde dagegen nur neun Pfennig.
Selbst in Regierungspapieren werden die AGR-Kernreaktoren, von britischen Ingenieuren mit Unsummen entwickelt, mittlerweile als eine einzige "Katastrophe" beschrieben. Vorletzten Monat sah sich Minister Wakeham genötigt, auch die 14 AGR-Meiler aus dem Regierungsangebot auszusortieren.
Auch die für die Zukunft geplanten Atomreaktoren finden nicht das Interesse der privaten Aktiengesellschaften. Vier moderne Druckwasserreaktoren, so sah das Atomprogramm der Regierung Thatcher vor, sollten in den neunziger Jahren errichtet werden. Der Kernreaktor Sizewell B in der Grafschaft Suffolk ist bereits im Bau; die Gesamtkosten werden auf umgerechnet 5,1 Milliarden Mark geschätzt.
Bisher vorgelegte Staatsexpertisen hatten diese Anlage gleichsam als Preisknacker und Eldorado für Billigstrom gepriesen. Knapp sieben Pfennig werde die Kilowattstunde kosten, hieß es. Die Analyse von National Power erbrachte andere Zahlen. Bei ehrlichem Einbeziehen aller Faktoren, so die Prüfer, werde Sizewell auf einen Kilowattstundenpreis von 30 Pfennig kommen. Von Wirtschaftlichkeit könne nicht die Rede sein.
Um ein nukleares Debakel zu verhindern, hat die Regierung nun schnell eine neue staatliche Gesellschaft zusammengeschustert, die das marode Meilernetz übernehmen soll. Ihr neuer Chef, John Collier, trägt einstweilen Optimismus zur Schau. Zusammen mit 14 000 Technikern und Kernkraftwerkern will er "die Nuklearkraft ins 21. Jahrhundert tragen".
Doch der atomare Höhenflug wird wohl mit einer unsanften Landung enden. Radikale Kürzungen stehen dem Verlustunternehmen ins Haus. Nach den bestürzenden Kostenprognosen der National Power hat Maggie Thatcher jeglichen Spaß an der Nukleartechnik verloren. Von ihrem Wahlversprechen, jedes Jahr einen neuen Reaktor in Betrieb zu nehmen, ist nicht mehr die Rede - im Gegenteil.
Außer der Anlage Sizewell haben die Konservativen alle weiteren Druckwasserprojekte gestoppt und bis 1994 auf Eis gelegt. Auch die Brüter-Technologie - Entwicklungszuschüsse seit 1975: elf Milliarden Mark - soll abgeblasen werden. Die Unterstützung für den Modellbrüter in Dounreay wurde bereits von umgerechnet 170 Millionen auf 30 Millionen Mark zusammengestrichen. 1993 soll die Anlage dann eingemottet werden.
Während die Financial Times bereits "das Ende aller nuklearen Träume" voraussieht, kann der energiepolitische Sprecher der Labour-Partei, Frank Dobson, dem Fiasko auch positive Seiten abgewinnen: "In einigen Jahren wird Großbritannien eine atomfreie Zone sein."

DER SPIEGEL 2/1990
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