13.11.1989

Die Jüngste ist die Beste

Wie Steffi Graf im Tennis erkämpfte die Ungarin Judit Polgar im Schach den Platz eins auf der Weltrangliste der Damen - allerdings nicht, wie Steffi, erst mit 18, sondern schon mit 12 Jahren.
Wie Judit, inzwischen 13, sind auch ihre beiden Schwestern Zsuzsa, 20, und Zsofia, 15, Schachgenies. Zsuzsa steht noch vor der sowjetischen Weltmeisterin Tschiburdanidse auf Platz 2, Zsofia auf Platz 24 der Rangliste.
Gäbe es eine gemeinsame Liste für Männer und Frauen, so erreichte Judit dort Platz 60 und hätte nur zwei Deutsche vor sich (Robert Hübner und Vlastimil Hort), ein dritter (Eric Lobron) läge mit ihr etwa gleichauf.
Zum Vergleich: Etwa 100 Männer spielen in der Bundesrepublik - wie Experten schätzen - besser Tennis als Steffi Graf.
Diese Woche haben die Polgar-Schwestern ihren bislang größten, aber auch schwierigsten Auftritt in der Bundesrepublik. Gegen ein Startgeld von 30 000 Mark (plus Spesen und, gegebenenfalls, Gewinngeld) spielen sie in Köln um den "Deutschland-Cup". An dem Turnier nehmen neben Hübner und Hort auch die Ex-Weltmeister Spasski und Tal teil.
Es hat bereits ein Dutzend Schachwunderkinder gegeben, aber es waren nur Jungen, und lediglich ein einziger war in Judits Alter etwa so erfolgreich wie sie: Paul Morphy (1837 bis 1884), der später, mit 21 Jahren, als weltbester Spieler galt.
Und noch nie erwiesen sich Geschwister allesamt als Schachwunderkinder. Daß ihre Töchter es werden sollten, hatten sich Laszlo Polgar, 43, und seine gleichaltrige Frau Klara zum Ziel gesetzt.
Mit diesem "Experiment" wollte Polgar beweisen, "daß Genies nicht geboren, sondern erzogen werden". Er hat für ein weltweit bewundertes und umstrittenes Novum in der Geschichte des Schach wie der Pädagogik gesorgt.
Polgar ist Pädagoge und Psychologe. Er war Lehrer an einem Mittelschul-Internat, betreute die Schüler und unterrichtete Technisches Zeichnen und Ethik. Seinen Beruf gab er auf, um sich ganz der Erziehung seiner Töchter zu widmen.
Judit Polgar hat schon in 28 Ländern gespielt. Den größten gemeinsamen Erfolg hatten die drei Schwestern vor einem Jahr, als sie auf der Schacholympiade in Saloniki als ungarische Damen-Nationalmannschaft antraten und vor dem favorisierten Sowjet-Team den ersten Platz erkämpften. Eigentlich habe nicht Ungarn, sondern "Polgarn" gesiegt, schrieben viele Schachjournalisten voneinander ab.
Der Auftritt als Damen-Team war eine Ausnahme, weil Vater Polgar aus Prinzip dagegen ist, daß Frauen getrennt von Männern Turniere spielen und Titel erwerben. Deshalb schickt er seine Töchter in aller Regel zu Turnieren, an denen nur oder fast nur Männer teilnehmen.
Aufgrund ihrer Erfolge bei solchen Männerturnieren erhält Judit, die schon "Großmeisterin" (bei den Frauen) ist, demnächst als erste Frau den Titel eines "Großmeisters", noch dazu eher als der frühere Weltmeister Bobby Fischer und der jetzige, Garri Kasparow: Der eine bekam den Titel mit 15, der andere mit 17 Jahren.
Ende November werden die Polgars die vom Weltschachbund noch immer aufrechterhaltene Geschlechter-Trennung ad absurdum führen. Dann werden Judit und Zsuzsa bei der offiziellen Europameisterschaft für Männermannschaften in Haifa (Israel) zum sechsköpfigen ungarischen Team gehören.
15 000 Mark plus Spesen verlangt Polgar im Schnitt für einen Auftritt seiner drei Töchter, wenn sie beispielsweise in Kaufhäusern simultan gegen je 20 bis 30 Gegner spielen.
Die Polgars stehen bei der Münchner Schachcomputer-Firma Hegener + Glaser unter Vertrag. Wie die Konkurrenzfirma Saitek einen Computer "Kasparow" verkauft, so haben die Münchner einen Computer "Polgar" im Programm.
In der großen, in der Budapester Innenstadt gelegenen Etagenwohnung der Polgars gibt es, abgesehen von Küche und Klo, keinen Raum, der nicht vom Schach bestimmt ist: durch Bücher und Pokale in den Regalen oder durch Gemälde und Stiche an den Wänden oder durch Schränke mit Zigtausenden von Merkzetteln oder durch einen Computer mit Schachprogrammen. Und überall stehen Bretter mit Figuren.
Lange Zeit stellte Vater Polgar den beiden jüngeren Schwestern nachts eine eigens für sie entwickelte Tafel mit 15 Schachaufgaben ans Bett, damit ihr Tag schon vor dem Aufstehen mit Schach begann.

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Jüngste ist die Beste

Video 01:43

Chinas Mars-Vision Grüne Kolonie für Roten Planeten

  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Dogan Akhanli: Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden" Video 01:37
    Dogan Akhanli: "Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden"
  • Video "Fotograf dokumentiert Ophelia: Natur, gewaltig" Video 01:14
    Fotograf dokumentiert "Ophelia": Natur, gewaltig
  • Video "Road to Jamaika - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?" Video 03:15
    Road to "Jamaika" - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?
  • Video "Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein" Video 01:03
    Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein
  • Video "Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen" Video 02:17
    Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: Er wusste, worauf er sich einließ" Video 01:32
    Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: "Er wusste, worauf er sich einließ"
  • Video "Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus" Video 01:28
    Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus
  • Video "Faszinierende Tanzperformance: The Mechanics of History" Video 02:05
    Faszinierende Tanzperformance: "The Mechanics of History"
  • Video "Road to Jamaika - Tag 1: Es wird schrecklich werden" Video 03:39
    Road to "Jamaika" - Tag 1: "Es wird schrecklich werden"
  • Video "Weltrekordversuch im Steinbruch: 25 Tonnen schwer, 100 km/h schnell" Video 03:10
    Weltrekordversuch im Steinbruch: 25 Tonnen schwer, 100 km/h schnell
  • Video "Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug" Video 03:39
    Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug