02.04.1990

„Angst vor Sajudis“

Wie Kinder hoffen wir, daß Washington, Moskau, Bonn, London, unsere Emigranten und überhaupt alle Welt unser Schicksal in die Hand nehmen. Seit 18 Monaten halten wir verbissen an unserer Märtyrerrolle fest und bestehen darauf, daß irgendein anderer für unser Mißgeschick verantwortlich ist; wir selber aber sind unschuldige Lämmer, lauter Opfer.
Ein wenig gebückt huscht er herein, ein paar Akten unter den Arm geklemmt, geschäftig blinzelnd, als wäre er sein eigener Referent; niemand soll ihm ansehen, wie mächtig er ist und wie innig in seine Macht verliebt.
Erst um drei Uhr nachmittags findet Vytautas Landsbergis Zeit für eine karge Mahlzeit. Der Speisesaal schließt sich seinem Parlamentspräsidentenbüro an und ist von großbürgerlichem Pomp. An samtbespannten Wänden hängen Landschaftsbilder im sozialistischen Geschmack, ein dicker Teppich dämpft die Schritte, schwere Seidenvorhänge dämpfen das Tageslicht.
Landsbergis blickt um sich, noch immer überrascht ihn seine neue Heimstatt, und er sagt, um den Reichtum ringsum zu rechtfertigen: "Das ist die Pracht der alten Macht." Er fühlt sich offensichtlich wohl darin.
Eine junge Frau serviert ihm geräucherten Fisch und danach eine Pilzsuppe, dazu nascht er geröstete Cashewnüsse. Er trinkt Limonade, die ihn auch nicht beschwingt, sondern eher dämpft.
Ein gedämpfter Mensch: Von Beruf ist der Präsident des Obersten Rates der Litauischen Republik Pianist, Musikhistoriker dazu. Er lehrte am Konservatorium der Hauptstadt Vilnius, und wenn er aus dem Fenster schaute, sah er einem überlebensgroßen Lenin aus Bronze in die starren Augen; das ließ seinen Ekel vor dem Kommunismus wohl tagtäglich anschwellen.
Er veröffentlichte zwei Schallplatten mit Klavierkompositionen des Mystikers Mikalojus Ciurlionis und neun Bücher über nichts als Musik. Auch Grazina, seine zweite Ehefrau, ist Pianistin. Er schlürft seine Suppe und sagt: "Ich habe mich jetzt auf die Politik konzentriert und unbegrenzten Urlaub von der Hochschule erbeten."
Er glaubt an seine Zukunft. Seine Gestalt ist füllig, er liebt bequeme Anzüge und weiche Schuhe, und sein von einem dünnen blonden Bart umrahmtes weiches Gesicht ist das Gesicht eines von der Welt enttäuschten Gelehrten. Seine Reden liest er so ton- und lustlos vom Blatt, als sei sein Herz falsch gestimmt. In Wahrheit ist er so weich wie Granit.
Seit 18 Monaten führt Landsbergis die Volksbewegung Sajudis (litauisch für Bewegung), die Intellektuelle gegründet haben. Er ist von großbürgerlicher Herkunft und stammt von Volkshelden ab. Jetzt ist er selber ein Volksheld geworden, doch ein Volksheld sieht anders aus. Er tritt eher wie ein Märtyrer auf, als Opferlamm, das seinen Löwen herausfordert. Seine Freunde nennen ihn "Maestro", seine Anhänger "gudri lape", schlauer Fuchs.
Ins Parlament wurde er mit bescheidenen 61,22 Prozent der Wahlkreisstimmen berufen, sein Rivale Algirdas Brasauskas dagegen mit 91,69 Prozent. Trotzdem verlor der Kommunist Brasauskas - ein Volksheld, der auch so aussieht - im Parlament die Präsidentenwahl 91 zu 38. Seitdem hat er sich Landsbergis ergeben: "Ich bin ein Kommunist, also ein schlechter Mensch", verspottet er sich, "die Welt will nur auf einen hören - nämlich auf IHN."
Auch neben seinem Moskauer Gegenspieler Michail Gorbatschow wirkt Landsbergis, 57, wie eine Fehlbesetzung im politischen Theater, wie ein Verlierer, dessen Schicksal die Niederlage ist.
Allerdings - wenn ein Politiker weniger an seinen Taten als an seinen Worten gemessen wird, ist Landsbergis ein Meister. Seine Worte eilen der politischen Realität stets weit voraus.
Als Gorbatschow im Januar Vilnius besuchte, begrüßte er den Gast keck als "Chef eines befreundeten Nachbarstaates". Seinem Parlament versuchte er einzureden, "daß Moskau noch gar nicht verstanden hat, was in Litauen vor sich geht" - damit hat er vermutlich recht: "Wir sind ein Land, das seine Wiedergeburt erlebt."
Seit sich Litauen in einem Anfall revolutionärer Begeisterung am 11. März überstürzt für unabhängig und souverän erklärte, schien Landsbergis Amok zu laufen. Er fordert Gorbatschow zu Friedensverhandlungen "auf neutralem Boden" auf, nennt sowjetische Soldaten "professionelle Mörder" und nervt Europäer wie Amerikaner, die Litauen nicht anerkennen wollen: "Hat der Westen wieder die Absicht, Litauen an die Sowjetunion zu verkaufen?"
Landsbergis lebt in seiner Befreiungsmythologie, doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Litauen ist wirtschaftlich von Moskau so abhängig wie ein Säugling von der Mutter.
Das Unglücksdatum ist 1939, als Litauen kraft eines geheimen deutsch-sowjetischen Pakts der Sowjetunion zufiel. Seither empfindet sich das litauische Volk als Beute Moskaus, als Kolonie. 1990 endlich schien der Zeitpunkt zu kommen, da es sich von seinem Tyrannen befreien konnte, um dort weiterzumachen, wo sein bürgerlich-demokratisches Leben - "unsere Blütezeit" - 1939 unterbrochen wurde. Landsbergis trotzig: "50 Jahre mußten wir in illegalen Verhältnissen verbringen."
Die litauische Revolution fand bislang nur in litauischen Köpfen statt, doch das genügte Gorbatschow schon, um Landsbergis "die Faust zu zeigen", sagt der stellvertretende Ministerpräsident Romualdas Ozolas, ein stiller Philosoph, ehemaliges Politbüromitglied, der aus der KP austrat, als sie reformiert wurde und sich von Moskau befreite.
Will Gorbatschow etwa das Reich des Bösen wiedererrichten, oder will er Litauen nur einschüchtern, um den Zerfall der UdSSR zu stoppen? Jedenfalls demonstriert er Landsbergis, daß der Stärkere immer den Ton angibt.
Es war wohl "der rein russische Apparat", so Landsbergis' Stellvertreter Kazimieras Motieka, nämlich die moskautreue KP, die Gorbatschow zu einer Art von Militäraktion überredete: Fallschirmjäger besetzten vorige Woche den ZK-Palast im Herzen von Vilnius, ließen aber sowohl Reform- als auch "Mitternachts"-Kommunisten (so heißen die Konservativen in Vilnius) in Frieden ihre sozialistischen Pflichten ausüben.
Dann aber entführten am Dienstag morgen Elitetruppen 23 litauische Deserteure mit Gewalt aus einer psychiatrischen Klinik, in der sich die jungen Männer, unter dem Schutz des Roten Kreuzes, in vermeintliche Sicherheit gebracht hatten. Blut floß, die Litauer schlossen sich noch enger zusammen.
"Wir haben unser Reich in 600 Jahren aufgebaut", so der kommunistische Volksdeputierte und Sajudis-Führer Algimantas Cekuolis, "Gorbatschow hat seines in fünf Jahren zerstört und unterstützt stur Stalins Politik."
Selbst die Zusage der sowjetischen Armee, die Deserteure nicht zu bestrafen - als ob die dafür eingehandelte Fortsetzung des zweijährigen Dienstes nicht Strafe genug wäre -, selbst die Amnestie beruhigte das Volk nicht. Es scharte sich um Sajudis, die Bewegung, die seine tiefsten Gefühle versammelt.
Sajudis ist längst ein Mythos geworden, der Politik ersetzt, Sajudis bestimmt über das Volk: 35 Nationalisten, 18 Bürgerliche und 17 Kommunisten bilden den Sajudis-Rat, der nur ein Ziel verfolgt: die Befreiung von Moskau und die totale Unabhängigkeit.
Aber macht Unabhängigkeit schon frei? Ja, sagen die Litauer im Vertrauen auf Sajudis, in Sajudis erkennen sie sich wieder. Die 400 000 Russen und die 270 000 Polen jedoch, die Minderheiten im Lande, haben Angst vor Sajudis und der Unabhängigkeit.
Der Chef von Sajudis ist Landsbergis. Wer regiert Litauen, Herr Landsbergis? Sajudis? Gorbatschow? Landsbergis löffelt in seinem Präsidentenspeisesaal den Zucker aus dem Kaffee und denkt ein wenig nach. "Es herrscht die Volksstimmung", sagt er dann, so lustlos, als sei er dagegen, "und da die Stimmung für Unabhängigkeit und Demokratie ist, beherrscht sie auch das politische Klima."
Kazimiera Prunskiene, Ministerpräsidentin von Landsbergis' Gnaden, verzichtet auf solche mythologischen Ausflüchte: "Es regieren Landsbergis, Prunskiene und Gorbatschow." Und ungefragt dementiert sie einen Verdacht, über den Sajudis schon nicht mehr erhaben ist: "Wir wollen keinen Führerkult mehr, auch keine politische Aristokratie."
Das Einverständnis mit Sajudis ist der einzige Inhalt der litauischen Politik: Wer Sajudis kritisiert oder gar Landsbergis, verläßt dieses Einverständnis und ist plötzlich mutterseelenallein. Der Chef des litauischen Fernsehens wurde nur deshalb abgesetzt, weil er den Berg der 300 000 Telegramme und Briefe minutenlang vorführte, in denen sich Litauer für Brasauskas ausgesprochen hatten.
Der Philosoph Arvydas Juozaitis wagte es ein paar Tage nach der Wahl, Brasauskas als den besseren Präsidenten zu loben - und Juozaitis ist Ratsmitglied von Sajudis. Landsbergis entfesselte eine derart scharfe Kampagne gegen seinen Kritiker, daß der sich tagelang nicht ans Telefon traute: "80 Prozent aller Anrufer waren gegen mich."
"Alle haben Angst vor Sajudis", sagt ein Sajudis-Anhänger, der, aus Angst, seinen Namen verschweigt. Er meint alle kritischen Intellektuellen: "Wer Sajudis angreift, wird von Landsbergis zum Volksfeind erklärt, das geht ganz schnell."
"Ja", sagt Landsbergis zufrieden, "Sajudis hat Macht, die müssen wir verteidigen, denn der kommunistische Einfluß im Land ist noch nicht gebrochen." f
Von Peter Schille

DER SPIEGEL 14/1990
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