15.01.1990

„Ein mächtiges Abspecken“

SPIEGEL: Herr Meier, wenn Sie abends Ihr klassenraumgroßes Büro verlassen, schließen Sie nicht nur gründlich ab, sondern versiegeln auch noch eigenhändig die Tür. Haben Sie Angst vor Dieben oder etwa vor der alten Staatssicherheit, der Stasi?
MEIER: Weder vor dem einen noch vor dem anderen. Das ist noch ein Relikt aus der alten Zeit. Was ich hier habe, braucht man eigentlich nicht zu versiegeln. Aber das ist so ein Stück deutsche Gründlichkeit.
SPIEGEL: Gibt es nichts Geheimes mehr in Ihrem Büro?
MEIER: Doch, schon, aber nur noch parteiinterne Dinge. Andere Sachen, die früher hier noch eine Rolle gespielt haben, gibt es nicht mehr.
SPIEGEL: Papiere der Stasi?
MEIER: Früher haben wir uns um alles gekümmert und sehr vieles sehr geheim behandelt. Dazu gehörten Fragen der Wirtschaft, der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen oder mit der Armee. Zum Glück brauchte ich das nicht zu übernehmen. Ich habe mich nur um meine Partei zu kümmern.
SPIEGEL: Vor der Wende herrschte ein Bezirkssekretär der SED fast wie ein absolutistischer Fürst. Sie sind seit dem 15. November der Erste Ihrer Partei im Bezirk Frankfurt/Oder, was hat sich geändert?
MEIER: Das fängt schon damit an, wie ich in diese Funktion gekommen bin. Ich war in Schwedt, wo ich wohne, am Sonntagmittag beim Autoputzen. Da kam aus Frankfurt ein Telefonanruf, ob ich nicht mal schnell rüberkommen könne. Das sind immerhin zwei Stunden Autofahrt. Da die Ereignisse schon außerordentlich dramatisch waren, bin ich aus Parteidisziplin gleich losgefahren. In Frankfurt fragte mich meine Vorgängerin, ob ich bereit wäre, mich drei Tage später als neuer Erster Sekretär oder jetzt Parteivorsitzender zu stellen. Dabei war ich nie für eine solche Funktion vorgesehen gewesen.
SPIEGEL: Was ist daran neu?
MEIER: Ich war überrascht, weil so nie Kaderpolitik gemacht wurde. Früher mußte man lange Fragebogen ausfüllen, da mußte ein polizeiliches Führungszeugnis her, man mußte sich vom Arzt gründlich untersuchen lassen, man wurde langfristig vorbereitet, und es hieß: Wenn du dich bewährst, dann kannst du eventuell mal diese Aufgabe übernehmen. Als meine Überraschung vorbei war, hab' ick gesagt, also, ich weeß gar nicht, ob ich mir so eine Aufgabe zutrauen kann.
SPIEGEL: Die Genossen haben dann wie gewohnt den Personalvorschlag akzeptiert und Sie gewählt?
MEIER: Durchaus nicht. Die Wahl lief ganz anders ab, auch das wäre früher in unserer Partei völlig unmöglich gewesen. Wenn früher gesagt wurde, der wird Erster Sekretär, dann wurde er das, in der Regel ohne Wenn und Aber. Bei mir haben wir fast drei Stunden diskutiert und gewählt, das gab's noch nie. Einer meinte zunächst, sachte, sachte mit den Pferden, jetzt wollen wir erst mal wissen, was mit dem Bernd Meier überhaupt los ist. Es gab eine richtige Personaldebatte.
SPIEGEL: Warum haben Sie den Job angenommen?
MEIER: Aus zwei Gründen. Erstens, weil ich aus Überzeugung und nicht aus Karrieregründen in die Partei gegangen bin. Ich komme aus einem ganz bescheidenen Elternhaus. Mein Vater ist im Krieg gefallen, ich habe noch fünf Geschwister, und meine Mutter lebt mit der Mindestrente. Aber ich habe trotz allem, auch wenn sich jetzt die letzten 40 Jahre als teilweise verfehlte Politik herausgestellt haben, immer noch das Gefühl, daß für die Menschen auch manches Positive gemacht worden ist.
Zweitens hatte ich auch eene mächtige Wut im Bauch. Ich war doch jahrelang überzeugt, daß das, was wir machten, richtig war. Ich habe oft mit den Genossen im Betrieb gestritten und Dinge verteidigt, die sich jetzt als eine Luftnummer herausgestellt haben. Darum habe ich das Gefühl, hier hast du auch etwas gutzumachen. Also nicht als Wendehals, sondern im Sinne von: Hier mußt du ganz einfach deine Ehrlichkeit jetzt auch an dieser Stelle zeigen. Meine Frau und meine Tochter waren allerdings eindeutig dagegen, daß ich das Amt übernahm.
SPIEGEL: Für wie lange sind Sie gewählt?
MEIER: Am 24. Februar ist die nächste Delegiertenkonferenz. Da kann ich auch gleich wieder abgewählt werden. Das wäre demokratisch, und mit der Demokratie muß man nun ja rechnen.
SPIEGEL: Damit hatten Kommunisten schon immer Probleme. Macht Sie das, was in den vergangenen Wochen in der DDR an Mißwirtschaft und Machtmißbrauch aufgedeckt worden ist, nicht irre daran, Kommunist zu sein?
MEIER: Kommunist ist vielleicht jetzt nicht der richtige Ausdruck. Wir nennen uns ja bewußt nicht kommunistische Partei. Diese einseitige Verhärtung, die sich die Sozialistische Einheitspartei angemaßt hat, obwohl sie aus zwei Traditionsebenen entstanden ist, war auch ein Grund dafür, daß wir eine Reihe von Mitgliedern verprellt haben.
SPIEGEL: Paßt Ihnen "demokratischer Sozialist" besser?
MEIER: Ja. Was das aber konkret bedeutet, ist für uns noch nicht genau ausdefiniert. Wir sollten aber auch die guten Traditionslinien der Kommunisten übernehmen, also für ein menschliches Ideal eintreten und dafür arbeiten, daß es eines Tages mal keine Ausbeutergesellschaft mehr gibt. Das ist jetzt sicherlich eine riesige Illusion. Viele werden darüber vielleicht auch aus Scham gar nicht mehr reden wollen.
Leider haben wir unsere sozialdemokratische Linie, das Demokratieverständnis der Sozialdemokraten, immer verschwiegen. Das hat auch zu Überheblichkeit und Arroganz geführt. Aber ich glaube eben auch, daß wir jetzt die kommunistischen Ideale nicht einfach über Bord werfen dürfen.
SPIEGEL: Nutzen die Mitglieder die neue Freiheit in der Partei, oder warten noch viele auf die Order von oben?
MEIER: Viele machen davon Gebrauch. Trotzdem müssen viele sich natürlich erst daran gewöhnen, daß nicht mehr befohlen wird, was zu machen ist.
Neu ist auch, daß wir unsere Arbeit ganz anders aufbauen. Aus vielen Betrieben geht die Partei raus, sie wird sich im Wohngebiet organisieren. Wenn man so will, wird hier eine "Machtstruktur" zerschlagen. Das macht uns im Moment die größten Schwierigkeiten.
SPIEGEL: Was sind das für Schwierigkeiten?
MEIER: Am Arbeitsplatz wußte man, da hat entweder Meier oder Schulze an der Drehbank da und da gearbeitet. Man ist hingegangen, hat die Parteiversammlung im Betrieb nach Feierabend oder auch während der Arbeitszeit organisiert, das war alles durchorganisiert bis zum letzten. Jetzt kommen sie nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Früher mußten 90 Prozent zur Mitgliederversammlung kommen, heute kommen vielleicht 60 Prozent. Und trotzdem ist die besser als früher.
SPIEGEL: Es kommen weniger, manche auch gar nicht mehr, weil sie der Partei den Rücken gekehrt haben.
MEIER: Richtig. Wir hatten im Bezirk mal 72 000 Mitglieder, jetzt sind es etwa 47 000. Ich gehe auch davon aus, daß noch weitere abspringen werden aus unterschiedlichen Gründen. Jetzt verlassen zunehmend Leiter von Betrieben die Partei. Ich weiß nicht, ob das gut ist für diese Leute . . .
SPIEGEL: . . . könnten die dadurch Nachteile bekommen?
MEIER: Ich glaube, sie haben dadurch im Betrieb Nachteile. Die Arbeiter werden solche Leute als Wendehälse bezeichnen nach dem Motto: "Jetzt gehen die schnell aus der SED raus, damit sie ihre Posten behalten." In der jetzigen schwierigen Zeit wird vielleicht einer eher akzeptiert, der zu seinem Ideal steht und in der SED bleibt. Aber reglementieren kann man das nicht mehr.
SPIEGEL: Sie müssen Ihren Parteiapparat verkleinern. Wie viele Mitarbeiter haben Sie entlassen?
MEIER: Hier im Haus hatten wir etwa 170 politische, hauptamtliche Mitarbeiter. Wenn wir die neue Struktur haben, werden wir nur noch 70 sein. Unser Haus wird jetzt auch stärker durch ande* Protestierende Bauarbeiter in Ost-Berlin am Donnerstag vergangener Woche. re genutzt, etwa durch die Handelsorganisation, durch den Konsum. Das ist schon ein mächtiges Abspecken.
SPIEGEL: Was tun die Entlassenen?
MEIER: Die meisten haben eigentlich eine ordentliche Arbeit gefunden.
SPIEGEL: In Büros oder in der Produktion?
MEIER: Teils, teils. Mein Stellvertreter zum Beispiel hat hier aufgehört und arbeitet jetzt in einem Schichtbetrieb. Sein Vorgänger ist jetzt als Schuster tätig. Der eine oder andere ist ins Büro gegangen.
SPIEGEL: Ein Vorwurf der Opposition lautet, die SED-PDS habe noch immer alle Machtpositionen besetzt und bestimme auf allen Ebenen das politische Alltagsleben.
MEIER: Da hat sich schon einiges geändert. Eine ganze Reihe von staatlichen Leitern und Funktionären des Staatsapparates ist aus der Partei ausgetreten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß wir künftig einfach alle Menschen aus ihren Funktionen herausnehmen, nur weil sie Mitglied meiner Partei sind. Es sind ja auch viele Leute mit fachlicher Kompetenz dabei. Ich habe doch das Problem, wie ich die Partei zusammenhalte. Ich kann also von Festigung im Moment nicht reden. Ich glaube, die Wahlen am 6. Mai werden die Veränderung bringen, die notwendig ist.
SPIEGEL: Bis dahin gibt es den gewaltigen Machtapparat?
MEIER: Sie gehen noch von den alten Machtstrukturen aus. Ein Beispiel: Früher hat, das ist kein Geheimnis mehr, der Erste Sekretär der Bezirksleitung die Verantwortung gehabt, mit den Sicherheitsorganen zu beraten. Das ist im Prinzip abgeschafft. Ein Chef der Volkspolizei meldet sich nicht mehr beim Ersten Sekretär, um über irgendwelche Vorkommnisse zu berichten. Gab es früher einen Verkehrsunfall, so wurde er der Bezirksleitung gemeldet. Das ist alles abgeschafft. Jede Schraube, die verlorenging im Bezirk, wurde hier den Ämtern gemeldet. Jetzt erfahren wir viele Sachen auch erst durch die Zeitung.
SPIEGEL: Früher haben auch die Räte des Bezirkes und der Kommunen auf das Machtwort ihrer Partei gewartet. Hören die noch auf Sie?
MEIER: Die setzen sich deutlich von uns ab und sind für eine strikte Trennung von Staat, Parlament und Partei. Das geht mir manchmal schon zu weit. In der Bundesrepublik sind die wichtigsten Vertreter einer Partei ja auch zumeist die entscheidenden Politiker in Regierung oder Opposition. Bei den Bürgern hier gibt es da natürlich Vorbehalte, aber die haben auch 40 Jahre SED-Erfahrung.
SPIEGEL: Das Mißtrauen der Bürger gegen Ihre Partei ist auch durch das Erlebnis von 40 Jahren Stasi geprägt. Wie viele Stasi-Leute gab es im Bezirk, wie viele sind es jetzt?
MEIER: Das weiß ich wirklich nicht. Früher habe ich das nie erfahren, und seit ich hier im Amt bin, hat mir das noch keiner gesagt. Und ich glaube auch nicht, daß mir das jetzt einer sagen würde. Daß es sehr viele waren, kann man an den Gebäuden sehen.
SPIEGEL: Die sind noch nicht geräumt?
MEIER: Nein, aber es sind schon viele Personen weg. Wir sind gebeten worden, Unterstützung und Hilfe zu geben, daß einige Arbeit finden bei uns. Es gibt einen Widerspruch: Bei den Demonstrationen vor allem in Leipzig haben ein paar tausend Menschen gefordert: "Stasi in die Produktion." Jetzt müssen viele junge Leute ganz schön laufen, um eine Arbeit zu finden. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Bernd Meier *
ist seit zwei Monaten SED-PDS-Vorsitzender im Bezirk Frankfurt/ Oder. Der frühere Bau- und Schichtarbeiter stieg auf zum Ersten Bezirkssekretär der Freien Deutschen Jugend und arbeitete die letzten vier Jahre als Parteisekretär im Erdölkombinat Schwedt. Meier, 45, der ohne die bislang übliche Kadervorbereitung zum Parteichef gewählt wurde, verhandelt in Frankfurt an einem Runden Tisch mit Vertretern der regionalen Oppositionsgruppen und -parteien über die politische Zukunft des Bezirks und tritt für eine "faire Zusammenarbeit" ein.

DER SPIEGEL 3/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein mächtiges Abspecken“

Video 00:51

Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger "Lass mich bitte rein"

  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"