12.02.1990

SpendenScharfes Schwert

Manches karitative Hilfswerk hilft sich zu allererst selbst. Auch seriöse Dienste zahlen horrende Provisionen an ihre Mitgliederwerber.
Seit zwei Jahren erst ist Albert Notter, 39, in München für das Vereinswesen zuständig. In der kurzen Zeit hat der Beamte im Kreisverwaltungsreferat reichlich graue Haare bekommen. "Es sind die Sorgen", sagt er.
Eine ganz spezielle Kundschaft macht dem Verwaltungshauptsekretär das Leben schwer: Vereine, die sich angeblich alle einem guten Zweck verschrieben haben. Mal sammeln sie Geld für die Betreuung von Aidskranken, mal für Kinder, Alte oder Tiere. "Was die Menschen rührt, muß herhalten", meint Notter. Neuerdings machen der Ordnungsbehörde auch einige dubiose Rettungsdienste zu schaffen. All diesen "zwielichtigen Vereinigungen" gehe es um ein "Riesengeschäft".
Rund 3,8 Milliarden Mark geben die Bundesbürger jährlich für mildtätige Zwecke aus. Das macht gierig. Von dem dicken Batzen wollen sich skrupellose Vereinsmanager einen Teil sichern. Deshalb schicken sie sogenannte Drückerkolonnen aus, die wie Staubsaugervertreter von Haus zu Haus gehen, um die Bewohner als neue Mitglieder zu gewinnen - gegen eine fette Provision natürlich.
Die Klinkenputzer sind raffiniert geschult. Sie beherrschen es meisterhaft, ihre Gesprächspartner so unter Druck zu setzen, daß manch einer, ohne viel zu überlegen, ein Beitrittsformular unterschreibt. Am Montag vorletzter Woche erst saß eine 79jährige Dame aus dem Münchner Stadtviertel Lehel vor Notters Schreibtisch, um sich bitter über die Methoden eines vermeintlichen Seniorenhilfsbunds zu beklagen, dem sie gleich für zwei Jahre beigetreten war.
Helfen konnte ihr der Beamte nicht mehr, aber immerhin ein wenig Trost spenden. Denn seit kurzem ist das Geschäft mit dem Mitleid zumindest in Bayern schwieriger geworden: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat den Drückern und ihren Auftraggebern das unseriöse Geschäft verdorben.
Weil die frisch geworbenen Vereinsmitglieder für ihre Beiträge keine anständige Gegenleistung erhalten, untersagten die Richter des höchsten bayerischen Verwaltungsgerichts dem "cfh (cry for help) Förderkreis Unfallopfer-Hilfswerk e.V." aus Heilbronn die Haustür-Werbung. Denn von den Mitgliedsbeiträgen für cfh kommt nach Erkenntnis der Richter zu wenig den wohltätigen Zwecken zugute.
Alles in allem flossen 45 Prozent eines Jahresbeitrags von immerhin 120 Mark als Provision an die Drückerfirma mit dem sinnigen Namen Humanitas GmbH. Listig ließ Andreas Fenske, Vorstandsmitglied des Hilfswerks, einwenden, daß seine Organisation damit noch unter den üblichen Provisionssätzen anderer karitativer Verbände liege. Als das Gericht daraufhin beim Bayerischen Roten Kreuz, beim Malteser-Hilfsdienst, dem Arbeiter-Samariter-Bund und der Johanniter-Unfall-Hilfe nachforschte, stellte sich heraus: Fenske hat recht.
Die Provisionssätze machen in Bayern bei den Maltesern exakt 57 Prozent, beim Roten Kreuz 60 Prozent, beim Arbeiter-Samariter-Bund 65 Prozent und beim Johanniter-Unfall-Hilfswerk sogar 85 Prozent eines Jahresbeitrages aus.
Den Vertretern dieser Hilfsorganisationen ist dieses Eingeständnis verständlicherweise außerordentlich unangenehm. Denn wohl niemand, der das Rote Kreuz oder die Johanniter wegen ihrer verdienstvollen Tätigkeit unterstützen möchte, rechnet damit, daß mehr als die Hälfte seines ersten Jahresbeitrags an den Mitgliederwerber geht.
Die Rechtfertigungen der Hilfsorganisationen für diese anrüchigen Werbemethoden klingen denn auch ziemlich lahm. "Wir brauchen ständig neue Mitglieder", sagt zum Beispiel Peter Fritz von den Johannitern, sonst könnte der Rettungsdienst nicht überleben. Ein "besserer Weg" als die Werbung an der Haustür sei den Johannitern "noch nicht eingefallen".
Es gebe zwar "schönere und moralischere Methoden", an neue Mitglieder heranzukommen, gibt Renate Skroch vom Arbeiter-Samariter-Bund zu, aber "keine kostengünstigere". Immerhin: Die Malteser wollen nunmehr ganz auf Drücker-Kolonnen verzichten, und das Rote Kreuz setzt ohnehin nur eigene Leute ein. Dennoch: Die horrenden Provisionssätze zahlen sie alle weiter.
Wenigstens wird bei den seriöseren Verbänden das meiste von dem, was übrig bleibt, im Sinne des Spenders ausgegeben. Das immerhin unterscheidet die etablierten Hilfsorganisationen von Abstaubern wie zum Beispiel dem Heilbronner "cfh Unfallopfer-Hilfswerk".
Bei diesem angeblichen Hilfswerk ließen die Münchner Verwaltungsrichter Einnahmen und Ausgaben von einem Wirtschaftsprüfer nachrechnen. Die Bilanz war vernichtend: Von 23 Millionen Mark Beitragseinnahmen in den Jahren 1984 bis 1988 seien "nur 7,2 Millionen in die Verkehrssicherheitsarbeit und in die Hilfe für Unfallopfer geflossen", stellten die Richter fest.
Noch eklatanter ist der Eigennutz offenbar beim Verein "Kinder in Not", der in der Tegernseer Landstraße 180 in München residiert. Gegen die Vereinsführung gingen nach Auskunft der Staatsanwaltschaft München I "reihenweise Anzeigen" von Mitgliedern ein, die sich getäuscht fühlten. Jetzt ermitteln die Beamten wegen Betrugsverdachts.
"Es wird auch Zeit", meint der Münchner Kreisverwaltungsreferent Hans-Peter Uhl, Münchens oberster Ordnungsbeamter: "Jeder kleine Gauner kann einen Verein aufmachen und kräftig absahnen." Allein in der Landeshauptstadt gelten etwa 20 Sammelvereine als überaus suspekt. Da kann Uhls emsiger Mitarbeiter Notter gar nicht so schnell nachkommen.
Seit die Münchner schärfer gegen das Sammelunwesen vorgehen, haben einige Vereine in Bayern bereits aufgegeben. "Die wandern aus nach Hannover oder Hamburg", hat Notter festgestellt, "und fangen da von vorn an." Im Norden nämlich sind die Behörden noch nicht so pingelig.

DER SPIEGEL 7/1990
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