18.09.1989

„Ich bin der geborene Anti-Rhetor“

Die Sprache der Politik, der Politiker als Redner: Zu diesem Thema habe ich in Hunderten von Parlamentsreden, in Tausenden von Vorträgen und Festansprachen, vor allem aber in Versammlungen und Wahlkampfreden einen überdurchschnittlichen praktischen Beitrag geleistet. Ein Politiker, der ein guter Redner sein will, wird immer einiges sagen, was die Leute nicht verstehen - er kann es, er darf es, ja, er muß es sogar. Erfolgreichen Rednern haftet grundsätzlich etwas Mystisches und Geheimnisvolles an.
So kommt es auch, daß es mir nicht übelgenommen wird, wenn ich bei Massenveranstaltungen und anderen volkstümlichen Anlässen ausführlich griechische oder lateinische Zitate in meine Rede einflechte - nicht mühsam vorbereitet, sondern spontan. Nicht der ist der beste Redner, der bis zum letzten Satz von allen Zuhörern verstanden wird - und was für den redenden Politiker gilt, paßt auf den Politiker schlechthin.
Ich bin der geborene Anti-Rhetor. Erstens rede ich nie kurz, zweitens bilde ich lange Sätze, drittens verwende ich viele Fremdwörter und fremdsprachige Zitate. Aber alle drei Dinge zusammengenommen führen offensichtlich zu einer rhetorischen Wirkung, über die ich mich, was Größe und Ausdauer meines Publikums angeht, nie zu beklagen habe. Nach Meinung meiner Kritiker rede ich deutsch, als ob ich versuchte, das Latein Ciceros auf deutsch zu bieten, nämlich lange, verschlungene Satzkonstruktionen, die am Schluß dann doch wider alle Erwartungen aufgehen. Aufmerksamen Zuhörern stellt sich die Frage, ob ich das Satzende erreiche oder nicht - was für zusätzliche Spannung sorgt.
Die Länge meiner Rede ist gelegentlich durchaus auf meine Freude am Formulieren, auf meine Lust an der Darstellung zurückzuführen. Allerdings gebietet es meiner Meinung nach schon die Höflichkeit gegenüber den Bürgern, sie nicht, wenn sie zu Tausenden und von weither kommen, in wenigen Minuten mit ein paar Schlagworten abzuspeisen. Ich halte es für eine Zumutung, wenn der Bürger, der kommt, um vom Politiker Auskunft zu erhalten, mit nichtssagenden Floskeln bedient wird. Zwanzig Reden am Tag von jeweils fünf Minuten Dauer - als Politiker wie als Redner halte ich das für einen falschen Weg.
Zur erfolgreichen Rhetorik gehört, nie den Kontakt zu den Zuhörern, seien es einige hundert oder viele tausend, zu verlieren. die Augen sind dafür das wichtigste Instrument. Wenn ich mich in ein Redemanuskript verliere, geht der Kontakt verloren, was ich sofort merke - es ist, als würde der Strom abgeschaltet. Selbstverständlich kann ein Politiker nicht immer frei sprechen, er muß sich erarbeiteter Vorlagen bedienen. Diese sollte man sich vorher aufmerksam zu Gemüte führen, wichtige Passagen einprägen und Stichworte so unterstreichen, daß sie mit einem Blick erfaßt werden können.
Wichtig für den Redner ist der äußere Rahmen: daß der Saal in Ordnung ist, daß die Akustik stimmt und daß es kein Kommen und Gehen gibt. Die Technik muß funktionieren, schlecht eingestellte Lautsprecher können eine ganze Rede kaputtmachen. Es ist besser, in einem kleinen Raum zu sprechen, der überfüllt, als in einem großen, der halbleer ist.
Zwischenrufe sind für mich ein belebendes Element, sie geben die Chance zu spontaner Antwort und können, geschickt gekontert, das Publikum erwärmen und erheitern. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich ein Zwischenruf jemals völlig aus dem Gleis geworfen hätte. Mein seit vielen Jahren verwendeter Einwand, Politik werde mit dem Kopf, nicht mit dem Kehlkopf gemacht, hat immer wieder seine Wirkung getan - ein Publikum, das lacht, steht schon weitgehend auf der Seite des Redners.
Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt meiner Rednerkarriere als Reiter eines Pferdes gefühlt, das ich nicht beherrsche. Es gibt jedoch viele Politiker, die nicht nur ablesen, was ihnen vorgelegt wird, sondern die auch, ausschließlich auf Selbstdarstellung, Repräsentation und fernsehwirksame Auftritte bedacht, alles unterschreiben, was ihnen der Apparat vorlegt. Bei mir weiß man genau, daß ich, wenn ich Zeit habe, jede Zeile lese, zumindest aber ein dichtes Netz von Stichproben werfe.
Es wird oft darüber geklagt, daß Reden von Politikern sehr langweilig seien und nichts anderes böten als langatmige Aufzählungen echter oder vermeintlicher Erfolge der Regierenden und echter oder vermeintlicher Versäumnisse der Opposition. Dies hängt damit zusammen, daß solche Reden weitgehend ohne Risiko sind. Weit riskanter ist es, die breite Vielfalt des Sarkasmus, der Ironie, des Witzes, die Möglichkeiten der kunstvollen Pause, des Tempowechsels und der Satzmelodie zum Einsatz zu bringen. Wenn über den Niedergang der politischen Rhetorik im Lande geklagt wird, spielt die Scheu vor dem Risiko sicher hinein.
Das Bedauern über die Verkümmerung der politischen Redekunst hat natürlich auch damit zu tun, daß die Generation von heute anders ist als die Gründergeneration der Bundesrepublik. Das heutige politische Leben wird leider stark von den anpassungsfähigen und geländegängigen Typen bestimmt, bei denen weder Inhalt noch Form den Anschein kerniger Originalität und intellektueller Kraft aufkommen lassen - und beides gehört zur Grundausstattung eines guten politischen Redners.
Sarkasmus und Ironie sind im übrigen Mittel, die behutsam und vorsichtig einzusetzen sind. Man kann kaum vorsichtig genug sein, will man nicht Mißverständnissen Tür und Tor öffnen. Ich habe zu meinem Leidwesen oft erfahren, daß Ironie oftmals nicht verstanden wird. Die Kunst der Rede ist eine zeitlose Kunst. Die äußeren Bedingungen mögen sich ändern, die psychologischen Voraussetzungen einer erfolgreichen Rede bleiben gleich. Dies bedeutet auch, daß sich meiner Meinung nach die Redekunst nur bis zu einem gewissen Grad erlernen läßt. Man kann bestimmte Fehler vermeiden, man kann sich Techniken aneignen, man kann Stilmittel einüben. Aber das rednerische Urtalent muß wohl in der eigenen Natur liegen.
Zu den Fehlern, die ein Redner unbedingt vermeiden sollte, gehört das trockene Ablesen, das ängstliche Kleben am Wort, das Sich-Vergraben im Manuskript, das unverständliche Nuscheln. Zu langsames wie zu schnelles Sprechen hat seine Tücken; besteht beim einen die Gefahr einschläfernder Langeweile, kann beim anderen manche Pointe und mancher Witz verlorengehen. Wie manche Pfarrer die Kirche leer predigen, reden auch manche Politiker den Saal leer, wobei bemerkenswert ist, daß sie aus ihren offensichtlichen Fehlern nicht lernen wollen oder können.
Von Franz Josef Strauß

DER SPIEGEL 38/1989
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