12.02.1990

„Rowdyhafte Zusammenrottung“

Hans Modrow ist der letzte Held der Wende. Medien, Opposition und die Dresdener Unabhängige Untersuchungskommission haben sich darauf verständigt: Ihr Ministerpräsident ist erst mit seiner Wahl am 13. November 1989 zur Welt gekommen, auserkoren, die DDR gemeinsam mit vielen mutigen Pfarrern bis zum Wahltag zusammenzuhalten.
Was war davor?
Am 8. Oktober 1989 um 11 Uhr erhält Hans Modrow ein Fernschreiben von Erich Honecker. Text: "Im Verlauf des gestrigen Tages kam es in verschiedenen Bezirken, besonders in Berlin, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halle, Erfurt und Potsdam, zu Demonstrationen, die gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen unseres sozialistischen Staates gerichtet waren.
"Vor allem in Dresden, Plauen und Leipzig trugen sie den Charakter rowdyhafter Zusammenrottungen und gewalttätiger Ausschreitungen, die unsere Bürger in höchstem Maße beunruhigen. Es ist damit zu rechnen, daß es zu weiteren Krawallen kommt. Sie sind von vornherein zu unterbinden."
Honecker weist Modrow und die anderen 14 Bezirkssekretäre an, die notwendigen Schritte einzuleiten, als erstes: "sofortige Zusammenkunft der Bezirkseinsatzleitungen, in der die Lage im Bezirk eingeschätzt wird und entsprechende Maßnahmen festgelegt werden".
In der Bezirkseinsatzleitung von Dresden sitzen unter dem Vorsitz von Modrow der örtliche Leiter der Staatssicherheit, der Vorsitzende des Rates und der Chef der Volkspolizei. Um 15.15 Uhr schreibt dieser in einem Befehl an seine Polizisten, es sei mit Zusammenrottungen von Rowdys, von asozialen und vorbestraften Personen zu rechnen, Ordnung und Sicherheit seien unter allen Bedingungen herzustellen.
Um 17.00 Uhr gehen Hundertschaften der Polizei auf dem Dresdener Fetscherplatz gegen Tausende Demonstranten vor. "Die Menschen waren absolut friedlich", sagt Major Gerd-Uwe Malchow, Kommandeur der Bereitschaftspolizei, "die standen herum, die saßen herum. Aber unser Auftrag war: Soviel Zuführungen wie möglich. Im Gänsemarsch mußten die auf die Lastwagen rauf."
Was dann mit den Bürgern in der Polizeikaserne passiert sei, sagt der Kommandeur, "war fürchterlich, zumal sie ja wirklich nichts getan hatten". In Garagen und Duschräumen wurden sie durchgeprügelt und verhört, wie Vieh Treppen rauf und runter getrieben, stundenlang mit gespreizten Beinen und vornübergebeugt gepeinigt, so gequält, daß ein Bereitschaftspolizist später seinem Seelsorger schreibt: "Besonders erschütternd ist, wie von diesen ,Leuten' (es können keine Menschen mehr sein) Frauen, Mädchen und ältere Menschen geschlagen werden."
Der Tag, der mit dem Befehl Honeckers begann, endet für den Bezirkseinsatzleiter Modrow mit einem Befehl des Volkes. Die Demonstranten in der Dresdener Innenstadt fordern ultimativ den friedlichen Dialog. Um 22.00 Uhr fährt eine schwarze Limousine in die Menge, ihr entsteigen Bischof und Superintendent und verkünden die Bereitschaft der Staatsgewalt, am nächsten Tag das gewalttätige Schweigen zu beenden.
Der Frieden von Dresden entschied die Schlacht um Leipzig, die für den nächsten Tag, den 9. Oktober, von Honecker in Angriff genommen war. Eine Woche lang hatte die Staatsmacht der DDR in Dresden die chinesische Lösung geprobt und begriffen, daß die Probleme des Landes nicht mehr mit Gewalt zu lösen waren.
Vom 3. bis zum 8. Oktober hatte ein täglich wachsendes Großaufgebot von Polizei und Armee - die westliche Öffentlichkeit erfuhr davon nichts - immer mehr Demonstranten verhaftet, ohne daß die Bürger von der Straße zu bekommen waren. Bis zu fünf Tage blieben die insgesamt 1303 Menschen der staatlichen Tortur ausgeliefert.
Am 8. Oktober war die Staatsgewalt, zumindest in Dresden, am Ende: Immer mehr Bereitschaftspolizisten, in der DDR Wehrpflichtige ohne Spezialausbildung im Verprügeln von Bürgern, legten die Knüppel nieder. Je friedfertiger die Demonstranten wurden, desto gewaltiger erscholl die Verweigerung: "Die schlagen wir nicht mehr." Als abends die Nachricht vom Beginn des Dialogs die Einsatzzentrale erreichte, hätten sich, so Major Malchow, selbst die Befehlshabenden vor Freude in den Armen gelegen.
Hans Modrow war auf heimtückische Weise in diese Machtprobe verstrickt. Seit 40 Jahren Mitglied der SED, die meiste Zeit als Kader für Agitation und Propaganda der Partei 150prozentig dienend, stand er auch in dieser letzten Woche der ungebrochenen Parteiherrschaft treu zur Sache.
Modrow, der Deutschmeister der Sekundärtugenden, für den "Verantwortung", "Pflicht", "Ordnung" und "Sicherheit" eine Weltanschauung begründen, sah in den Demonstranten nicht die Vorboten einer neuen Demokratie, sondern vom "Gegner" aufgehetzte Ruhestörer.
Während draußen die Knüppel krachten, lobte Modrow am 6. Oktober im Dresdener Kulturpalast, die DDR sei demokratisch legitimiert wie kein anderer Staat, und geißelte die Fluchtwelle als Beispiel dafür, wie die BRD mit Menschenschicksalen umgehe. All das gehöre zum Konzept derjenigen westlichen Politiker, die "vom Offenhalten der deutschen Frage" redeten und großdeutschen Illusionen nachhingen.
Am Tag zuvor, wieder prügelte der Staat auf dem Volk herum, hatte Modrow eine chinesische Delegation empfangen und dabei betont, daß beide Länder Seite an Seite in den Kämpfen dieser Zeit ständen, vor allem jetzt, da der "Imperialismus mit besonders aggressivem Antikommunismus" den Anstrengungen des Sozialismus zur Vervollkommnung seiner Gesellschaft zu begegnen suche.
Die Chinesen hatten einen Besuch Modrows erwidert, der als erster DDR-Politiker wenige Wochen nach dem Massaker in Peking den freudigen Dank der chinesischen Parteiführung "für die solidarische Haltung der SED und des ganzen Volkes der DDR mit dem chinesischen Volk und der KP Chinas in dieser schwierigen Phase" abholen durfte. Modrow wurde damals über die Einzelheiten des "antisozialistischen Auf* Am 1. Juli 1989, vier Wochen nach dem Massaker von Peking, mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Wu Xueqian. ruhrs" informiert und legte sich anschließend in der Provinz Kwangtung zum Urlaub nieder.
Der Dresdener Bezirkschef war schon seit Jahren der Chinese unter den SED-Größen. Ihn faszinierte der schlitzohrige Sozialismus im fernen Reich, die undogmatische Politik der kapitalistischen Wirtschaftszonen, die für sein Dresden Vorbild sein sollte.
Daß Anfang Oktober ausgerechnet im Bezirk des angeblich reformfreudigen Modrow die härtesten Auseinandersetzungen zwischen der alten Macht und der neuen Zeit entbrannten, hält Major Malchow für eine Heimtücke der Staatssicherheit. "Das war Irrsinn, die Züge mit den Prager Botschaftsbesetzern über Dresden zu leiten", meint der Polizeichef. "Man wollte Bürger aufstacheln, um sie wegzugreifen."
Die Flüchtlingszüge wurden, das fand die Unabhängige Untersuchungskommission der Dresdener Ausschreitungen heraus, auf ausdrücklichen Befehl der Berliner Stasi-Zentrale nicht über Nebengleise, sondern durch den Dresdener Hauptbahnhof gelenkt. Am 4. und 5. Oktober dort eingesetzte Polizisten berichten, daß sich einige der besonders renitenten Demonstranten, nachdem sie verfolgt und gestellt wurden, mit einem Stasi-Ausweis als Kollegen vorstellten. Hans Modrow trug als Bezirkseinsatzleiter schon damals jene Verantwortung, von der er jetzt so oft spricht.
Richtige Demonstranten gerieten in der Polizeikaserne in die Hände von eigens aus der Strafanstalt Bautzen herangeschafften Aufsehern, die sich an den Staatsfeinden austobten. Die Konterrevolutionäre, einer von ihnen im Rollstuhl, mußten nach chinesischem Vorbild den Kopf über Stunden reumütig gesenkt und die Arme im Nacken verschränkt halten. Bewegungen wurden mit Fußtritten und Knüppelhieben bestraft. Die Verhöre führten Staatsanwälte und Stasi-Leute, Schläge und Todesdrohungen austeilend.
Die Einschüchterungsmaschinerie der wankenden Staatsmacht lief auf Hochtouren, Staatssicherheit und Polizei und Justiz und Strafvollzug und Partei und Armee griffen sich helfend unter die Arme. Hans Modrow persönlich forderte beim Verteidigungsminister Heinz Keßler die Armee-Einheiten an.
Die Soldaten standen rund um Dresden in Bereitschaft, Polizisten sicherten in kugelsicheren Westen das Rathaus und rückten am 5. Oktober bei der Räumung des Bahnhofsvorplatzes gegen Demonstranten vor.
Als Modrow am nächsten Tag vor der Belegschaft des Staatsschauspielhauses Rede und Antwort stehen mußte, enttäuschte der gute Mensch aus Dresden die Theaterleute tief. "Er versuchte mit dem alten Funktionärs-Chinesisch über die Ereignisse hinwegzureden", sagt Regisseur Wolfgang Engel, "sprach von ,Gegnern' und ,Rowdys'."
Erst als sich im Politbüro seiner Partei endlich Widerstand gegen Honecker rührte, wurde auch Modrow mutiger, und erst als Honecker gestürzt war, begann er sich zaghaft in die Politik der Berliner Zentrale einzumischen. Als Sekretär für Landwirtschaft sollte er ins Politbüro, was er wohl auch wollte, um auf einem sicheren Plätzchen das Scheitern des neuen Generalsekretärs überleben zu können.
Egon Krenz, die einzig komische Figur der bitterernsten Revolution, wollte zum Ministerpräsidenten der DDR einen weltläufigen Mann mit Managerqualitäten machen - Alexander Schalck-Golodkowski. Nur weil der, inzwischen als Staatsgangster verfolgt, selbst andeutete, in allerlei nicht * Während der Übergriffe auf die Ost-Berliner Stasi-Zentrale. gerade staatstragende Unternehmungen verwickelt zu sein, und sich zudem Michail Gorbatschow wiederholt nach dem Befinden Modrows erkundigte, blieb der DDR ein noch früherer Untergang erspart, und Modrow konnte zum Herbergsvater der Revolution werden.
Befreit von Krenz und losgelöst von der Partei, der er nur noch als Karteileiche diente, stieg der Bezirkssekretär von Dresden zur dominierenden Figur dieser Volkserhebung auf, allen Haßtiraden seiner Partei gegenüber zum Trotz.
Modrow hat der DDR in den drei Monaten seiner Herrschaft, sagen wir lieber: seiner Verwaltung, keine Vision, nicht einmal eine Perspektive eröffnet, aber er hat pflichtschuldig das gemacht, was die Montagsdemonstranten ihm vorschrien. Nicht mehr einem Politbüro diente er nun, sondern dem Volk, jedenfalls soweit es sich zu Wort meldet, und das begründete seine Popularität.
Als er einmal, nur einmal, versuchte, den Pfad des Volkes zu verlassen und, ganz der alte Sicherheitsfanatiker, den Verfassungsschutz zu installieren trachtete, war es fast um ihn geschehen.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht war Modrow, als er mit der Staatskarosse mitten in die plündernde Menge vor der Berliner Stasi-Zentrale fuhr. "Rote Sau", brüllte die Meute und trommelte Beulen in das Autodach, solange er im Wagen saß. Kaum war er dem schützenden Käfig entstiegen, teilte sich die Menge ehrfürchtig vor ihm und ließ den entschlossen Blickenden durch sie hindurchstürmen. Rechts und links hatten sich die beiden Oppositionshoffnungen Ibrahim Böhme und Konrad Weiß eingehakt, doch nicht sie schützten ihn, er zog sie mit.
Das Geschrei, das ihm entgegenschwoll, als er oben auf der kleinen Rednertribüne zum Sprechen ansetzte, ließ er minutenlang an sich abprallen, nicht etwa arrogant, sondern tapfer. Hinter seinem Rücken klammerten sich die Zukünftigen des Landes aneinander, Böhme, Meckel, Weiß und Eppelmann, heulend und zitternd darauf wartend, daß die ersten Steine flogen.
"Ich bin hierhergekommen", rief Modrow den Tobenden zu, "in meiner Verantwortung als Ministerpräsident dieses Landes." Stille. "Nicht Tische und Stühle sind schuldig, laßt sie uns in Ruhe und Ordnung für vernünftige Zwecke nutzen." Beifall.
Daß der Volksaufstand in der DDR eine Feierabend-Revolution blieb, dafür ist Modrow verantwortlich. Lieber verlassen die Leute das Land, als dem strebsamen Mann an der Spitze durch Streiks noch mehr Arbeit zu machen.
Er ist der kleinste gemeinsame Nenner der DDR. Spätestens am Tag nach der Wahl aber, wenn man ihn nicht mehr braucht, wird man sich seiner Vergangenheit annehmen und auf eine Rede Modrows in der internen Sitzung des Zentralkomitees der SED am 18. Oktober, zehn Tage nach der Dresdener Gewaltwoche, stoßen:
"Keiner kann daran Zweifel haben, ich habe die Verantwortung als Vorsitzender der Bezirkseinsatzleitung getragen, zu jeder Zeit, in jeder Phase, und habe auch in diesen Kämpfen versucht, gemeinsam mit den Genossen der Nationalen Volksarmee, den Streitkräften und unseren Sicherheitsorganen für unsere Arbeiter-und-Bauern-Macht mit all dem, was erforderlich ist, einzustehen."
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 7/1990
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