20.11.1989

Gesundheitswesen

Operation Heldenklau

Die Flucht der Ärzte stürzt das - ohnehin marode - DDR-Gesundheitswesen in die Krise. Sollen nun West-Ärzte drüben aushelfen?

Im Krankenhaus der sächsischen Kleinstadt Döbeln steht Dr. Volker Schliebe jetzt ganz allein am OP-Tisch. Seine vier chirurgischen Fachkollegen sind getürmt. Keinen einzigen HNO-Arzt gibt es mehr in Riesa und keinen mehr im benachbarten Landkreis Großenhain. Wer nebenan, im altehrwürdigen Meißen, ohrenärztliche Hilfe sucht, wird auch enttäuscht. Der letzte HNO-Arzt ist schon vor dem großen Reise-Wochenende auf und davon.

In den kirchlichen Samariter-Anstalten Fürstenwalde hält eine alte Ärztin, selbst invalide, den medizinischen Not-Betrieb aufrecht. Nur noch zwei Geburtshelfer sind dem Leipziger Krankenhaus Bethanien geblieben. Sie lösen sich im Zwölf-Stunden-Rhythmus ab. Von 392 Stellen im Rettungsamt Berlin sind 180 vakant. Es fehlt vor allem an Krankenwagenfahrern: Bis zu drei Stunden müssen selbst Patienten mit Herzinfarkt auf den Rettungswagen der "Schnellen Medizinischen Hilfe" warten.

Als "außerordentlich angespannt" beschrieb der Leipziger Physiologie-Professor und Volkskammerabgeordnete Peter Schwartze in der West-Berliner SEW-Zeitung Die Wahrheit die Lage im DDR-Gesundheitswesen. So ist laut Schwartze die Neurochirurgie an der Universität Leipzig, "die für die Unfallchirurgie unerläßlich ist, nicht mehr funktionstüchtig". Auch die Dialysestation in Leipzig bringe "nur noch ein Viertel der zu fordernden Leistung".

Voraussichtlich wird alles noch viel schlimmer werden. Nach Schätzungen haben bis zur letzten Woche rund 4000 von 41 500 DDR-Ärzten die Republik verlassen. Auf den Weg nach Westen machen sich vor allem Fachärzte, darunter besonders Gynäkologen und Geburtshelfer, Augenärzte, HNO-Experten und Chirurgen.

Appelle an das ärztliche Gewissen haben bisher nichts gefruchtet. Zu tief sitzt die Abneigung gegen bürokratische Gängelei, Ineffizienz und das graue Arme-Leute-Image des DDR-Gesundheitswesens - und zu groß ist die Sehnsucht vieler DDR-Ärzte, statt 1600 Mark Ost im Monat endlich 20 000 Mark West als Kassenarzt zu verdienen.

Einen Vorschlag, wie die Mangellage zu überwinden sei, unterbreitete Ellis Huber, der Vorsitzende der West-Berliner Ärztekammer. Arbeitslose Ärzte aus der Bundesrepublik, so Huber, könnten in die DDR entsandt werden und "dort zu den gleichen Bedingungen arbeiten wie ostdeutsche Ärzte auch". Die Differenz zum üblichen Anfangsgehalt eines westdeutschen Arztes, so der Kammerpräsident, müsse Bonn aufbringen. "Unterm Strich", meint Huber, käme das "auch nicht teurer" als die Sozialleistungen, die arbeitslosen Medizinern in der Bundesrepublik gezahlt werden müssen.

Obermedizinalrat Klaus Thielmann, 56, Minister für das Gesundheitswesen in der DDR, signalisierte Bereitschaft zu Vereinbarungen mit Bonn. Thielmanns Angebot: Westdeutsche Ärzte lösen die Engpässe in der Krankenversorgung der DDR; die DDR bildet dafür arbeitslose Ärzte aus der Bundesrepublik aus - beide Seiten, meint Thielmann, hätten Vorteile davon. Der DDR-Gesundheitsminister ist sogar bereit, die Ausbildungsinhalte mit den Landesärztekammern in der Bundesrepublik abzustimmen.

Solange die Republik noch eingemauert war, hatte die Regierung ihre weißen Bataillone mit Titeln ("Sanitätsrat"), Ehrentiteln ("Verdienter Arzt des Volkes"), Orden und dickem Lob geströstet - "Weltniveau" bescheinigte sich und den Seinen der letzte Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger, und das zu Recht. Die meßbaren Daten des Gesundheitswesens beweisen die Erfolge:
* Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern (70
Jahre) und Frauen (76) liegt nur knapp unter
bundesrepublikanischem Niveau; Säuglings- und
Müttersterblichkeit sind gleich.
* Erfolgreiche Impfkampagnen haben die
Infektionskrankheiten stark zurückgedrängt;
Vorsorgeuntersuchungen gehören in jedem Betrieb zur
Werksroutine.
* Zehn Prozent des Nationaleinkommens werden für
gesundheitliche und soziale Betreuung aufgewendet; 588
000 Personen - das sind 6,7 Prozent aller Werktätigen -
kümmern sich um Kranke und Alte.

Jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit rotieren viele Helfer in einer Leerlaufrille. Drei Ärzte der berühmten Ost-Berliner Charite sind hauptamtliche FDJ-Sekretäre, ein weiterer widmet seine ganze Kraft der IPPNW, einer Ärztegruppe zur Prävention des Atomkrieges. Hunderte von Ärzten gammeln bei der Volksarmee herum.

Damit soll es jetzt vorbei sein. In einer Operation Heldenklau will DDR-Gesundheitsminister Thielmann Armee, Volkspolizei, Partei und Ministerien nach patientenfernen Ärzten auskämmen. Vom 1. Dezember an werden in Ost-Berlin 400 Wehrpflichtige als Nothelfer im Rettungsdienst eingesetzt. Ärztliche Reservisten werden ab sofort nicht mehr eingezogen.

Ob die Krisenintervention Erfolg haben wird, ist zweifelhaft. Die Struktur des DDR-Gesundheitswesens zeigt Deformierungen, vor allem in der hausärztlichen Betreuung. Das nervt die Patienten, die von den unerfreulichen Begleitumständen auf die Qualität der Therapie rückschließen: Weil das Medikament nicht hochglanzverpackt, sondern grau in grau gewickelt ist, wirkt es nur halb so gut.

Frei praktizierende Kassenärzte gibt es in der ganzen DDR nur noch rund 400, fast alle hochbetagt. Die jüngeren Doktoren sind in 1027 staatlichen Ambulatorien und 615 Polikliniken tätig - kämpfen dort aber beinahe mehr mit dem Papier als mit der Krankheit. "Sitzungen, Berichte und Statistiken", klagt die DDR-Gesundheitszeitschrift Humanitas, seien sehr "zeit- und kraftaufwendig".

Lange Wartezeiten für die Patienten gehören zum Alltag. Viele Ärzte und Schwestern haben sich an ein Go-slow-Leben gewöhnt. "Nach unseren Erfahrungen", erläuterte Thielmann Anfang November einer murrenden Versammlung von Medizinalpersonen, leisten die letzten privat niedergelassenen Ärzte immer noch "dreimal soviel wie die beim Staat angestellten".

Auch nach DDR-Maßstäben wird die Arbeit in Kliniken und Ambulatorien schlecht bezahlt. Krankenschwestern verdienen selten mehr als 800 Mark, Ärzte bis zum Doppelten. Privilegien sind rar. Das will Thielmann so schnell wie möglich ändern: Wohnungen, Telefonanschlüsse und Autos (für Ärzte) sollen zukünftig bevorzugt zugeteilt werden.

Für die Glitzerdinge der westdeutschen Hochglanzmedizin sind vorerst keine Devisen vorhanden. Im Regierungskrankenhaus gibt es auf Wunsch noch immer West-Medikamente aller Art; der gewöhnliche Kranke erhält nur im allergrößten Notfall die teuren Importe. Vorsichtshalber beginnen Ost-Rentner auch DDR-Arzneimittel schon zu horten: Bei zwei Rentnern fand man unlängst 1060 Originalpackungen.

Viel zu entdecken gibt es auch im Versorgungsdepot für Pharmazie und Medizintechnik in Stralsund. Das Haus ist von den zentralen Planern, deren okkulte Regeln undurchschaubar sind, überreichlich bevorratet worden.

Während anderswo Gummihandschuhe, Zellstoff und sogar Pflaster fehlen, steht das teure Zeug in Stralsund aus Mangel an Lagerflächen draußen vor der Tür - im sauren Regen.


DER SPIEGEL 47/1989
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