02.04.1990

Hochpolitische Angelegenheit

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über die Tonträgerwaffe "Volksmusik"

Von Rumler, Fritz

Es war ein hoher Tag, eine Schicksalsstunde, ein politisches Pfingstwunder.

Bayerns Landpfleger, der CSU-Hoffnungsschimmer Peter Gauweiler, raunte von der "Ahnung einer großen Alternative"; ein Herold aus Hannover überbrachte Grüße und Geschirr von Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU); gnadenvoll blickte die Himmelskönigin herab, in Form einer Statuette aus Pappe.

Im "Kurhaus Stüberl" zu Waging am See, sonst ein bayerischer Freßtempel, wehte ein Hauch von Altötting. Weit über hundert Schaffende einer Wachstumsbranche hatten sich da, am Montag vergangener Woche, versammelt; Menschen wie du und du, die durch TV-Darbietungen wie "Musikantenstadl", "Heimatmelodie" oder "Lieder, die von Herzen kommen" jäh ins Licht der Öffentlichkeit gestürzt waren.

Es galt, ein gottgefälliges Geschäft zu segnen. Zwei junge Männer aus der Oberpfalz nämlich, bekannt als das "Original Naabtal Duo", waren in schwindelnde Höhen vorgestoßen: Über eine Million Deutsche hatten einen ihrer Tonträger erworben, Rekord jener multimedialen Heimsuchung, die "Volksmusik" heißt.

Das Duo mit den auf hohe Zugkräfte angelegten Hosenträgern, in mißgünstigen Kreisen auch "Napalm Duo" genannt, verdankte seine Himmelfahrt vor allem einem Liede, das an letzte Dinge rührt; es preist die Mutter Gottes in ihrer Nebentätigkeit als Schirmherrin Bayerns, heißt folgerichtig "Patrona Bavariae" und rät: "Schickt's eure Sorgen zum Himmel 'nauf".

Das ist mit zwei prämierenden Platin-Platten (Materialwert: null) keineswegs zu teuer bezahlt, schwerer noch wiegt die Gauweiler-Rechnung: "Die ham in Bayern mehr verkauft als der Michael Jackson in ganz Deutschland." Und neue Dimensionen riß der Botschafter aus Hannover auf, als er auch schon "Sachsen, Thüringer, Mecklenburger" in die Musikanten-Bande schloß.

Ein hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel. Der das alles in die Umlaufbahn geschossen hatte, saß derweil still und versonnen an der Tafel, ließ sich, gerade einer Entfettungskur entronnen, einen zweiten "Schmankerlteller" reichen und genoß: Hans R. Beierlein, 60.

Dankbare hatten ihm, völlig überflüssig, ein altertümliches Hörrohr geschenkt, "um weitere Trends wahrzunehmen". Beierlein, als "Medienmanager", "Goldfinger", "Hans R. in allen Gassen" seit Jahren ein Begriff, spürt nicht nur alle Winde; er sät sie auch und erntet stürmisch.

Insgesamt 86 Volksmusik-Sendungen werde es in diesem TV-Jahr geben, sagt Beierlein; wer hat in allen Fällen die "Tonträger-Verwertungsrechte"? Er. Im "gnadenlosen Quotenkampf" könne keine TV-Anstalt, ARD/ZDF wie Sat 1/RTL plus, ohne Musikantenstadlmäßiges überleben; wer ist als "Berater" oder "Erfinder" überall mit drin? Beierlein. Und wer hat den Dukatenesel "Naabtal Duo" unter Vertrag? Er.

Volksmusik sei die "sicherste und beständigste Waffe"; die Schallplatten der TV-Sendungen ermöglichten "Erfolgsraten von Tausenden von Prozenten"; 1989 habe der Volksmusik-Markt "erstmals die 100-Millionen-Mark-Umsatzgrenze" überschritten, 20 Prozent davon spielte allein das "Naabtal Duo" ein: Die Jungs selbst freilich sind nur mit fünf Prozent pro Platte dabei.

Für sie, so sagen sie, ist es "halt ein schönes Hobby". Wolfgang Edenharder, 27, beurlaubter Postbeamter, und Willy Seitz, 32, beurlaubter Textilkaufmann, kernige Bayern beide, sind sichtlich gezeichnet von der Größe der Stunde. Jahrelang waren sie, als Freizeit-Musikanten, mit Schlagzeug und Akkordeon durch Bierzelte getingelt, und kein Zapfhahn hatte nach ihnen gekräht, keine Plattenküche sie aufgenommen.

Irgendwie gerieten sie an den Regensburger Studienrat Günther Behrle, 46, und dieser merkwürdige Mensch, vergnügter Naturbursche mit Passion für Disney, half ihnen in die Haferlschuh. Behrle nämlich, gleichfalls überwiegend vom Dienst beurlaubt, schreibt unaufhörlich volkstümliche Lieder; an die 700 seien es schon, und eins davon produzierte er mit dem "Naabtal Duo", ebenjene "Patrona Bavariae".

Nun tritt Drahtzieher Beierlein ins Bild. Blick in sein Handbuch der Strategie: Erst die "Abspielbasis" Fernsehen (jeweils rund zehn Millionen Zuschauer) konnte die Tonträgerwaffe "Volksmusik" in außerirdische Dimensionen schießen, aber Problem: "Wir brauchten dringend ein neues Repertoire." Also schuf er einen Wettbewerbs-Turf, die TV-Sendung "Grand Prix der Volksmusik", eine "unerhörte Quelle".

Der entstieg dann, als Überraschungssieger, das "Naabtal Duo" mit der "Patrona Bavariae"; was einerseits beweist, daß es besser ist, auf Beierlein zu setzen denn auf den Himmel, andererseits aber alle Fragen offenläßt: Was, um Himmels willen, geht vor in Deutschland?

Daß diese "Volksmusik", die kundige Männer äußerstenfalls als "volkstümlich" abschütteln, so seuchenmäßig um sich greift, erklärt sich für Beierlein aus einer "stimmungspolitischen Großwetterlage"; fürs Detail hält er sich einen "Definitions-Stoßtrupp", etwa den Präsidenten der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Hermann Rauhe.

Rauhe, auch Mitglied der "Grand Prix"-Jury, läßt goldene Worte fließen. "Verlust an Geborgenheit", "mangelnde Gemeinschaft", "Sehnsucht nach Heimat" verlockten zum Tonträger "Volksmusik", und der fördere so, Augen rechts, die "Entwicklung eines gesunden Nationalgefühls".

Das Glück im Winkel, das Heil hinterm Deich und Sonne im Herzen: Volksmusik sei, sagt Beierlein, eine "hochpolitische Angelegenheit", jedenfalls "keine Revolutionsmusik", sondern die "konservativste überhaupt". Helmut Kohl, sein Briefpartner, könne mit dieser Musik "sehr gut leben", Lafontaine wohl weniger.

Deshalb gelang es Beierlein, bei einem Herrenessen, auch Niedersachsens Albrecht für die schwarze Kunst zu gewinnen. Der schrieb flugs, Schema B., einen Wettbewerb aus, Titel: "Lieder so schön wie der Norden" (Copyright: Beierlein), und Anfang letzten Monats ging das Spektakel über die ARD, 90 Minuten lang.

Nun meint jeder Arglose, Hermann Löns habe bereits alles Wesentliche über den Norden gesagt ("Grün ist die Heide, die Heide ist grün"), und aus der Gegend um Gorleben könne eigentlich nur eine Rocky Horror Picture Show kommen. Weit gefehlt. Schäfer, Birken, Würmer im Watt und Reet auf dem Dach boten den Stoff für deutschen Gesang, und frohgemut kraxelte Albrecht zur Siegerehrung auf die Bühne. Prost Wahlzeit.

Volksmusik als schwarze Pädagogik, als fünfte Kolonne der CDU? Not kennt kein Gebot, und Beierlein braucht nicht mit seinem Gewissen zu ringen. Der Mann sei "so schwarz", gab ein Volkssänger bei der Waginger Schicksalsstunde zum besten, "daß man bei ihm nicht mal links ums Haus gehen darf". Nun will er auch nach Ost-Land reiten.

Das sei keinesfalls ein Vergeltungsschlag, weil dort keiner mehr die "Internationale" singe, ein Lied, das ihm, dem Lizenzbesitzer, Tantiemen einspielte, einst an die 70 000 Mark pro Jahr. Der "größte Markt der Welt" liege da zu Füßen, der "erste Markt, in dem Deutsch die erste Sprache" sei, denn neben der DDR verstehe man auch in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Polen, Rumänien und in der europäischen Sowjetunion das Idiom der Dichter und Denker.

Zumindest in der DDR "lechzen die Leute nach unseren Künstlern". Er habe bereits "alle Weichen gestellt", sagt Beierlein, es bedürfe "nur noch der Ver-Organisierung"; und aus treuherzigem Braunaug' der Blick in die Zukunft: "In der DDR wird die Volksmusik wahrscheinlich wahlentscheidend sein."

Wenn schon nicht Gauweilers "Ahnung einer großen Alternative", so könnte das "Naabtal Duo" immerhin den armen Verwandten praktische Lebenshilfe offerieren; einige seiner bunten Lieder sind geradezu seherisch und voll begnadeter Einfühlung. Beispiele:

Am Krankenbett ihres kleinen Buben fleht eine Mutter den "Herrn im Himmel" an, "schick mir einen deiner goldenen Engel"; gibt es, angesichts der medizinischen Misere, einen besseren Rat?

Oder: Ein Mann gedenkt dankbar seines verblichenen Vaters, der ihm auf die Seele band: "Die Arbeit darfst du niemals scheun, so machst was aus deinem Leben"; hebt das nicht die bekanntermaßen beklagenswerte Arbeitsmoral der DDR?

Und wegweisend: "Laß dir noch ein bißchen Zeit, du mußt nicht alles haben", Wohnung und Geld, "das reicht", dazu "eine Frau, die zu dir hält", denn "auch so bist du der reichste Mann der Welt".

Könnte natürlich sein, daß einige DDRler, diese neuen Weisen bedenkend, in grimmiger Erkenntnis ein altes Lied anstimmen. Dessen Lizenz liegt auch bei Beierlein, es lautet: "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord."


DER SPIEGEL 14/1990
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