12.02.1990

„Sie lernt ja täglich dazu“

Routiniert präsentierte DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft ihr bekanntes Grundsatzprogramm: ein bißchen mehr Markt, ein bißchen Planung und Volkseigentum und irgendwie möglichst viel Zusammenarbeit mit westlichen Unternehmen.
Doch die rund 600 Industriellen und Wirtschaftsexperten, die der Einladung der Düsseldorfer Zeitschrift Wirtschaftswoche zum deutschdeutschen Wirtschaftsdialog nach Ost-Berlin gefolgt waren, reagierten ganz anders, als die wortgewandte Professorin gewohnt war: Sie raunten, erst leise, dann unüberhörbar. Schließlich legten die feingekleideten Herren jegliche Zurückhaltung ab: Sie lachten und schrien, buhten und pfiffen.
Die Schonzeit für die Ministerin mit den herben Zügen und dem schneidigen Blick ist vorüber. Zu lange hat sie sich der Entwicklung in der DDR in den Weg gestellt, zu spät hat sie erkannt, daß nur die schnelle Einführung der Marktwirtschaft den wirtschaftlichen Kollaps der DDR verhindern kann.
Sie glaubt es wohl noch immer nicht so recht. Sie sei, sagte sie den westdeutschen Managern vor einer Woche, für die Gewerbefreiheit - aber, schob sie gleich nach, die dürfe nicht grenzenlos sein.
Und im Ja, aber-Stil ging es weiter. Beteiligung westlicher Unternehmen an DDR-Firmen - ja, aber in der Regel unter 50 Prozent. Konvertierbarkeit der DDR-Währung - ja, aber nicht mehr in diesem Jahr. Und schließlich ihr Fazit: "Marktwirtschaft ja, aber bei Dominanz gesellschaftlichen Eigentums."
Die Redner, die nach ihr sprachen - Thyssen-Chef Dieter Spethmann, Hoesch-Vorstandschef Detlev Karsten Rohwedder und Herbert Zapp von der Deutschen Bank -, hatten für "die Frau Wirtschaftsprofessor" nur Häme übrig. Auf dem Podium, so berichtet eine, die neben ihr saß, "kämpfte Christa Luft mit den Tränen".
Vielleicht hat die Wirtschaftsministerin erst da erkannt, was schon lange offensichtlich ist: Christa Luft, 51, ist gescheitert.
Ihr Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung der DDR blieb gleich Null. Ihre Chance, dem zweiten deutschen Staat durch Konzepte und Ideen beim dringend erforderlichen Neuanfang zu helfen, nutzte sie nicht. Nichts hätte die DDR seit November vergangenen Jahres dringender gebraucht als ein Programm, das den Menschen Hoffnung gibt. Von Christa Luft, der zuständigen Ministerin, kam es nicht.
Statt dessen gab sich die stellvertretende Ministerpräsidentin mal störrisch, mal ratlos; sie verstrickte sich in bürokratische Detailprobleme, verwickelte sich in Widersprüche oder verlor sich in abstrakten Reflexionen über ein neuartiges gemischtwirtschaftliches System mit unterschiedlichen Eigentumsformen.
Mit der DDR-Wirtschaft ging es unterdessen immer weiter abwärts: Sie steht vor dem Kollaps.
Was die Wirtschaftsministerin Luft gegen den drohenden Infarkt unternehmen will, weiß niemand so recht, sie selbst vermutlich auch nicht. "Sie lernt ja täglich dazu", spottet einer der Wirtschaftsexperten des Runden Tisches. "Von jeder Westreise kommt sie mit neuen Erkenntnissen wieder."
Mit ihren neuen Erkenntnissen läuft die Ministerin Luft den Ereignissen immer zwei Schritte hinterher. Während die Modrow-Regierung es nach einigen Schwierigkeiten schaffte, sich innenpolitisch auf das Tempo der Volksbewegung einzustellen, blieb die Wirtschaftspolitik im Kriechgang. Die Wirtschaftsprofessorin, vor ihrer Berufung in die Übergangsregierung Rektorin der Hochschule für Ökonomie, einer SED-Kaderschmiede, wirkt seit Monaten mehr als Bremser denn als Antreiber der Wirtschaftsreform im anderen Teil Deutschlands.
Von Anfang an versuchte Frau Luft, seit 31 Jahren SED-Mitglied, vom alten System zu retten, was eben ging. Im Grunde ging längst nichts mehr, aber Christa Luft brauchte für diese Einsicht drei Monate.
Auf dem Sonderparteitag der SED Mitte Dezember ließ die neue Wirtschaftsministerin keinen Zweifel daran, "daß es auch künftig Planung geben wird". Zwei Tage vor Weihnachten dämpfte Frau Luft alle Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Neuanfang. Vorrang habe weiterhin das Volkseigentum, verkündete sie. Hilfe aus dem Westen sei nur begrenzt erwünscht: "Mehrheitsbeteiligungen ausländischer Unternehmen an DDR-Firmen werde ich nicht zulassen."
Vor der West-Berliner Industrie- und Handelskammer skizzierte die Professorin Luft, wie sich die DDR aus eigener Kraft retten könnte: "Genereller Erhalt und Ausbau leistungsfähiger Kombinate."
Nach der Jahreswende wechselte Frau Luft die Strategie. Statt zu blocken, setzte sie jetzt auf die Wirkung der langen Bank. Gewerbefreiheit, Konvertierbarkeit der Währung und Schaffung gleichberechtigten Privateigentums - im Prinzip ja, aber "das alles braucht Zeit". Für das dringend benötigte Investitionsschutzabkommen etwa, unumgängliche Voraussetzung für jede Kapitalzufuhr aus dem Westen, wollte sie zunächst einmal eine Expertengruppe einsetzen.
Bei Gastvorträgen vor DDR-begeisterten Mittelständlern in Düsseldorf und West-Berlin Anfang Januar wurde Christa Luft noch gefeiert. Auf das investitionswütige Publikum wirkte sie mit ihren allgemein gehaltenen Einladungen, gemeinsam die DDR-Wirtschaft zu retten, als Repräsentantin einer neuen Offenheit.
Andere, die genauer hinhörten, zeigten sich schon damals enttäuscht oder irritiert von der spröden Mecklenburgerin. Ex-Wirtschaftsminister Karl Schiller hielt ihr "Illusionen" vor und prognostizierte ihr Scheitern; Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, bemängelte, daß sich in der Praxis nichts geändert habe. Es gebe, kritisierte Necker, eine klaffende Lücke zwischen den Worten der Frau Luft und ihren Taten.
Und diese Lücke wurde immer deutlicher. Angesichts der wieder anschwellenden Auswandererströme und Streiks in den DDR-Betrieben dämmerte es auch einigen Politikern in der DDR, daß Frau Luft vielleicht die falsche Besetzung sein könnte.
Die Ablösung der Ökonomieprofessorin schien Mitte Januar eine ausgemachte Sache. In der anstehenden Regierungsumbildung wollten die Oppositionsparteien des Runden Tisches schließlich sogar die wichtigen Ressorts Wirtschaft und Finanzen besetzen.
Gregor Gysi trug als SED-Chef, wohl auch aus wahltaktischen Überlegungen, der Opposition direkt das Amt des Wirtschaftsministers an. Demontage der Frau Luft? "Demontieren kann man nur jemanden, der etwas darstellt", konterte ein Sozialdemokrat.
Frau Luft blieb im Amt. Die Oppositionsparteien einigten sich darauf, ihre Leute als Minister ohne Geschäftsbereich ins Kabinett zu schicken.
Hinfällig wurde damit auch die dringende Reform der Ministerialbürokratie. Die Wirtschaftsexperten des Neuen Forums und der Sozialdemokratie planten bereits, die alten, SED-durchsetzten Ministerien für Schwerindustrie, Leichtindustrie, Maschinenbau sowie Handel und Versorgung abzuschaffen. Sie wollten statt dessen ein starkes, für die gesamte Wirtschaftspolitik verantwortliches Ministerium aufbauen. Doch daraus wurde nichts.
So blieb Christa Luft eine Ministerin ohne Ministerium. Lediglich mit einem Stab von wenigen Dutzend Leuten ausgestattet, schwebt sie irgendwo zwischen dem Ministerpräsidenten und den Industrieministerien.
Frau Luft kann mit dieser Organisationsstruktur leben. Sie hat nie anders gedacht als in Planvorgaben, Branchenregulierung und Produktionslenkung. Für die vielen Betriebe, die sich gern aus den großen Kombinaten herauslösen möchten, um endlich unternehmerisch wirtschaften zu können, sind die Industrieministerien ein Greuel.
Christa Luft denkt anders. In ihren Äußerungen bleibt immer der Glaube spürbar, letztlich müsse der Staat über alle wirtschaftlichen Vorgänge wachen.
So hat sie es gelernt, so hat sie es selbst jahrzehntelang gelehrt. In ihren Büchern und Artikeln ist sie auf alle Feinheiten und Finessen staatlicher Wirtschaftssteuerung eingegangen: "Politische Ökonomie des Sozialismus" hieß das.
"Ich kann durchaus verstehen, daß sie große Schwierigkeiten hat, vom planwirtschaftlichen Denken wegzukommen", meint einer ihrer ehemaligen Studenten, der heute im Ministerium für Leichtindustrie arbeitet. "Bei ihr haben wir gelernt, Unwirtschaftliches für normal zu halten, also auf den Händen zu laufen." Jetzt, da die Wirtschaft wieder auf den Beinen laufen solle, könne "eine solche Artistin nicht die Vorturnerin der Bewegung sein".
An der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, der beruflichen Heimat der Christa Luft, erzählen Studenten, was in der DDR als "Politische Ökonomie des Sozialismus" gelehrt wurde: "Es gab nie eine Krise bei uns, nur Disproportionen zwischen verschiedenen Sektoren der Volkswirtschaft."
In dieser politischen Lehranstalt, im Volksmund "Rotes Kloster" genannt, wurden unter Christa Lufts Leitung die Führungskräfte für Ministerien und Kombinate ausgebildet. "Die Entscheidung, wer nachher auf welchen Posten vermittelt wurde", erzählt ein Student, "hing von drei Kriterien ab: erstens politischer Linientreue, zweitens verwandtschaftlichen Beziehungen und drittens der Leistung."
Mit Wehmut denkt Christa Luft an ihre Zeit im Roten Kloster zurück. "Ich klebe nicht an meinem Amt", äußerte sie Mitte Januar, sie könne sich durchaus eine Rückkehr an ihre Hochschule vorstellen.
Daß dies nicht so einfach ist, weil selbst an der ehemaligen SED-Kaderschmiede ein neuer Geist spürbar wird, mag Frau Luft erstmals bei der Amtseinführung ihres Nachfolgers deutlich geworden sein. Der neue Rektor, Professor Rudolf Streich, vermied in seiner Antrittsrede jede ideologische Festlegung. Er appellierte an die Vernunft und bezog sich wiederholt auf Kant. Die Marx-Wissenschaftlerin Luft hörte es mit starrer Miene. f

DER SPIEGEL 7/1990
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