20.11.1989

Sängerknaben und Eunuchen

Ein Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks berichtet, mit welchen Methoden der Sender auf CSU-Kurs getrimmt wird.
In den Filmregalen des Bayerischen Rundfunks (BR) verstaubt seit Anfang März ein Fernsehbericht, den die Münchner Sender-Chefs offenbar für höchst riskant halten. "Freie Fahrt ins Chaos" lautet der Titel der verkehrspolitischen Dokumentation - Untertitel: "Plädoyer für eine ökologische Verkehrspolitik".
Was den weißblauen TV-Gewaltigen so zu schaffen macht, zeigt eine Verfügung von Chefredakteur Heinz Burghart, 63. Der Autor habe, kritisiert der Münchner Fernsehchef, den Tod von jährlich 8000 Menschen auf den bundesdeutschen Straßen mit dem Satz kommentiert: "Die Verkehrspolitik geht buchstäblich über Leichen" - eine unzumutbare Formulierung. Obwohl die Redaktion diese und andere Textstellen tilgte, wurde der Film bisher nicht gesendet.
Die öffentlich-rechtlichen Bedenkenträger, so zeigt der Redaktionsalltag, setzen alles daran, die christsozialen Macht- und Würdenträger im Freistaat zu schonen. In einem beispiellosen Fall von vorauseilendem Gehorsam hatte etwa der Fernsehchef für "Aktuelles und Report", Heinz Klaus Mertes, eine Nachricht geschönt.
Als der Vorsitzende der bayerischen Jungen Union, Gerd Müller, im Frühjahr die Todesstrafe für Rauschgifthändler gefordert hatte, gab Mertes Weisung, eine schon fertige Meldung des bayerischen Fernsehens umzuformulieren: Müller habe "härtere Strafen zur Bekämpfung der Drogenkriminalität" verlangt, von Todesstrafe war keine Rede. Als die SPD dem Journalisten "Nachrichtenfälschung" vorwarf, brachte es Mertes sogar fertig, den Sozis vom Oberlandesgericht München in einem aufsehenerregenden Eilverfahren den Mund verbieten zu lassen.
Auch Burghart, der jüngst mit BR-Kritik hervortrat (SPIEGEL 45/1989), beugte sich jahrelang widerspruchslos dem einseitigen Reglement. Unterwürfig "distanzierte" sich der einstige Liberale vor gut sieben Jahren in einem Schreiben an den damaligen Fernsehdirektor Helmut Oeller von kritischen Kommentaren seiner Mitarbeiter, etwa zu einer Auslandsreise des damaligen CSU-Chefs Franz Josef Strauß.
Burghart brieflich: "Ich bedaure die Vorgänge und entschuldige mich." Nach diesem Kotau ging's mit ihm zügig voran.
Nach welchen Spielregeln der bayerische ARD-Sender Willfährigkeit erzwingt, bekam der Autor des Verkehrsfilms, Egid Braun, 38, besonders nachhaltig zu spüren. Der oberpfälzische Bauernsohn, Soziologe und Journalist, hatte sich vor Jahren mit braven Manieren und viel gutem Willen in die Ökologieredaktion von Freimann verirrt. Bald wunderte er sich, daß er aus den Ungelegenheiten nicht mehr herauskam.
Ein Braun-Bericht über industrieverschmutzte Gewässer wurde nur mit entschärftem Text genehmigt. Einen Report über regionale Petrochemie-Emissionen bekam er, nach heftigen Auseinandersetzungen, mit Mühe und Not zur Sendung frei. Ein zunächst vor der letzten Landtagswahl im Programm plazierter Braun-Film über die Alpenerosion wurde auf die Nachwahlzeit verschoben.
Ungemach drohte immer dann, wenn es um die Kernenergie ging. Im Kurzbeitrag eines Mitarbeiters, um den sich Braun zu kümmern hatte, beanstandete Burghart kritische Anmerkungen zu den Risiken der Atomenergie. Der Text, nach Brauns Einschätzung sachlich einwandfrei, mußte entschärft werden.
Reibereien dieser Art, immer mit verharmlosender Tendenz, seien beim BR an der Tagesordnung, so der Autor. Erwünscht seien "Beiträge mit hübschen Bildern, mit plakativen Originaltönen gefällig aufgemacht, aber möglichst, ohne allzu brisante Themen anzurühren".
Als auch noch das automobilkritische TV-Stück über die "freie Fahrt ins Chaos" liegenblieb, reichte es dem Reporter. Wer nicht wahrhaben wolle, daß die autofixierte Verkehrspolitik den "Schutz des menschlichen Lebens . . . sträflich vernachlässigt", protestierte er bei der Redaktion, solle besser "PR-Mann bei der Autoindustrie werden".
Dann setzte er sich an die Schreibmaschine und hämmerte binnen vier Monaten eine Abrechnung mit dem Bayerischen Rundfunk herunter, die er diese Woche als Buch im Selbstverlag herausgibt. Titel der aufschlußreichen Mischung von Kampfschrift und Report: "Die Eunuchen"*. Entstanden ist ein farbiger Insiderbericht mit Seltenheitswert. Denn die TV-Schaffenden sind durch ihre Arbeitsverträge meist gehindert, Verstöße gegen die Gebote journalistischer Unabhängigkeit öffentlich anzuprangern. Brauns Kritik an der "unheilvollen Entwicklung in Freimann" ist für den Bayerischen Rundfunk besonders unbequem, weil der Autor alles andere als ein Linksideologe ist.
Der Soziologe hatte, frisch von der Universität weg, als "Junge-Union-Typ" (Braun) Anklang gefunden, der den stockkonservativen Oeller zu der Bemerkung hinriß: "Herr Braun, ich erwarte von meinen Redakteuren vor allem Treue." Auch heute noch steht er den paar Linken im Sender reserviert gegenüber.
Braun, zuletzt freier Mitarbeiter, hatte seine rund zehnjährige BR-Tätigkeit als Hörfunkreporter begonnen. Mit 28 Jahren rückte er zum damals jüngsten Angestellten unter den Fernsehredakteuren auf und muß nun, nach der Veröffentlichung seines Buches, damit rechnen, daß er nie wieder einen Auftrag vom Bayernfunk erhält. Nach dreimaliger Absetzung seiner Verkehrsreportage ist auch nicht sicher, ob sie am 7. Dezember um 21.45 Uhr, wie jetzt vorgesehen, im Bayernprogramm bleibt.
In seiner Laufbahn registrierte Braun ein Unmaß an politischer Gängelung. Die Einmischung von außen gegen unliebsame Beiträge zeitige Wirkung bis zur Ausschaltung kritischer Autoren. Braun beobachtete schon früher Eingriffe über den Rundfunkrat, deren Zunahme jetzt auch Burghart kritisierte.
Die Folge sei ein weitgehender Verlust "journalistischer Potenz", so der Autor, die Szene werde beherrscht von Opportunismus und fehlender "publizistischer Fruchtbarkeit" seiner Titelhelden, der "journalistischen Eunuchen". Der Kern des Mangels sei, schreibt Braun in Anlehnung an Kurt Tucholsky, das "Verschweigen des Entscheidenden", wenn es parteipolitisch nicht opportun sei.
Den Leerlauf des Systems illustriert der Augen- und Ohrenzeuge mit einer Fülle scharf beobachteter BR-Figuren - der "Hanns-Seidel-Jünglinge" und "abgebrannten Partei-Elemente" aus der Binnenwelt der CSU, der für Parlament und Kabinett zuständigen "Sängerknaben der Staatsregierung".
Beinharte Kontur gewinnt in Brauns Schilderung der damalige stellvertretende TV-Chefredakteur Franz Schönhuber, seit 1985 Chef der rechtsextremen Republikaner. So charmant sich der Chef habe geben können, wenn er woll* Egid Braun: "Die Eunuchen - Erlebnisse, Beobachtungen, Analysen und Meinungen eines BR-Fernsehjournalisten". Zelter Verlag, Postfach 68, 8430 Neumarkt/Oberpfalz; 320 Seiten; 29,80 Mark. te, so brüsk habe er auf Widerspruch reagiert (siehe Auszug Seite 103).
Angefangen hatte Braun als Hospitant bei der "Kraut- und Rübenredaktion" für Ostbayern in Regensburg. Es sind bewegte Lebensbilder aus der bayerischen Gegenwart, die der junge Provinzreporter zunächst genießt, später durchschaut: trinkfreudige Politiker, feudale Besitzcliquen und gefällige "Mikrofonhalter", zu denen er sich gesellt.
Als Braun Mitte 1980 in Schönhubers Programmbereich "Bayern Information" überwechselt, zu dem die Aktuelle Redaktion gehört, lernt er einige Kollegen kennen, die er noch heute respektiert. Die "Weltspiegel"-Macher Dagobert Lindlau und Friedrich Schreiber, die den Sender mittlerweile als Korrespondenten in Wien und Tel Aviv vertreten, zählt der Autor zu den wenigen aufrechten "Kämpen" beim Bayernfunk.
Doch der Sender wird mehr und mehr eingeschwärzt: Der BR sei, so Braun, "in zäher, listenreicher Kleinarbeit" über die Personalpolitik weitgehend zum bayerischen Regierungssender ausgebaut worden. Schon Mitte der siebziger Jahre verlangte CSU-Minister Gerold Tandler von den TV-Redakteuren, "nicht auf die journalistische Meinungsfreiheit zu pochen", sondern sich den "Verpflichtungen zu unterwerfen", die sich angeblich aus der besonderen Stellung des Fernsehens ergeben.
Braun rechnet die Folgen der Unterwerfung in Geldwert vor: Ein tüchtiger Opportunist könne es mit 40 Jahren zum Abteilungsleiter und weiter bringen, ein unabhängiger Journalist bleibe im Zweifel Redakteur bis zum Schluß - macht im Berufsleben einen Unterschied von "ungefähr einer Million Mark an Bruttoeinkommen".
Dabei ist Braun selbst beim Fernsehen erst mal angenehm aufgefallen. So läßt er sich von Interviewpartnern wie Joseph Kardinal Ratzinger mit abwehrenden Antworten abspeisen, ohne mit Zusatzfragen zu insistieren - "ausgezeichnet", lobt Chef Schönhuber.
Doch Braun lernt dazu, kann den Mund nicht halten und möchte ohnehin, statt der Kurzberichte für aktuelle Sendungen, richtige Filmreports machen. Da bietet sich ihm die Chance, die neue Ökologieredaktion mit aufzubauen.
Der "naturverbundene" Bauernsohn hat sein Thema gefunden, doch die CSU-verbundene BR-Obrigkeit beginnt Anstoß zu nehmen. In einem Treatment für einen Bericht über Luftverschmutzung und Waldsterben zieht Braun einen lästerlichen Vergleich: Zehn Milliarden Mark würde die Entschwefelung der Kohlekraftwerke kosten, 40 Milliarden Mark würden statt dessen für die "überflüssige" Verkabelung der Republik mit Kupferdrähten ausgegeben. Chefredakteur Wolf Feller, später Fernsehdirektor, beläßt es nicht bei der Tilgung des polemischen Adjektivs, er unterbindet gleich den ganzen Vergleich.
Nach weiteren Kontroversen über den Film, in dem Feller den Baumtod in bayerischen Wäldern noch ein bißchen beschönigen läßt, kümmert sich fortan Günther von Lojewski, der Chef der zuständigen Redaktionsgruppe, um Braun - die Konflikte nehmen kein Ende mehr.
Auf Vorschlag Schreibers berichtet Braun 1986 vor der Redakteursversammlung über die ständigen Schikanen, von denen nun auch andere erzählen. Lindlau und weitere Kollegen kommentieren, Lojewskis Praktiken seien "nicht zu akzeptieren". Zu dieser Zeit ist Braun nur noch als freier Mitarbeiter tätig, Frust und Ärger haben ihn "hinausgeekelt". Statt der zuvor jährlich bewilligten zwei TV-Berichte wird ihm nun nur noch einer genehmigt.
"Aushungern" laute die Devise gegen Unbequeme, schreibt Braun, der "Druck der bayerischen Mehrheitspartei" habe den Bayernfunk in eine "zunehmende Gleichschaltung mit der Staatsregierung" getrieben. Der Parteienproporz, schon schlimm genug, sei in allen Führungspositionen abgeschafft und durch eine Einheitsliste ersetzt - wer das CSU-Parteibuch nicht in der Tasche habe, der trage es "im Kopf".
Egid Braun hat seine Bilanz mit Wut im Bauch geschrieben. Doch sein Ausbruch wirkt erfrischend wie ein Stoß Sauerstoff, den der "vergiftete Organismus" dieses Senders, so Brauns Erfahrung, dringend brauche.
Er weiß aber auch: "Glasnost ist beim Bayerischen Rundfunk ein Schreckgespenst."

DER SPIEGEL 47/1989
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