18.12.1989

WaffenexportOrders aus Bagdad

Neuer Waffenskandal: Der Irak erhielt aus der Bundesrepublik Technik für den Atombomben-Bau.
Im Computer des Bundeskriminalamtes wird der Fall unter der Kennziffer BS=01/01 (99) geführt: "Beschuldigt: Hinze, Dietrich, 25.03.1938, Balz/Brandenburg".
Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesnachrichtendienst (BND) haben die höchste Geheimhaltungsstufe verhängt. Die von den Behörden eingeschalteten Zollfahnder, die im Fall Hinze ermittelten, wurden über die Hintergründe im unklaren gelassen. Nur ein Satz im Computer weist auf den Sachverhalt hin: "Tatbeteiligter soll Anlagenteile für den GUZ-Nachbau im Irak herstellen."
Dietrich Hinze und sein Kompagnon Peter Hütten sind Eigentümer der Maschinenfabrik H + H Metalform GmbH aus Drensteinfurt bei Münster. Die Firma soll in den vergangenen zwei Jahren Maschinen in den Irak geliefert haben, mit denen Gasultrazentrifugen (GUZ) hergestellt werden können. In solchen Anlagen ist die 90prozentige Anreicherung von Uran 235 möglich. Heraus kommt bei der Produktion der Stoff für die Atombombe.
Ein neuer Skandal bahnt sich an, möglicherweise so schwerwiegend wie die Lieferung der Giftgasfabrik nach Libyen. Nach den bisherigen Ermittlungen dürfte der Irak-Deal zumindest alle bisherigen illegalen Nuklearexporte aus deutschen Landen in den Schatten stellen - selbst die illegalen Teillieferungen für die Atomaufrüstung in Pakistan.
Wieder einmal muß die Bundesregierung mit schweren Vorwürfen der Verbündeten, vor allem der USA, rechnen. Das amerikanische Außenministerium hegt schon seit langem den Verdacht, daß höchstgefährliches deutsches Waffenmaterial an den Irak, den schlimmsten Feind des Staates Israel, geliefert wurde.
Die Bonner Regierung weiß inzwischen einiges über den Fall, und das hat sie alarmiert. Neben der Lieferung von H + H sollen deutsche Atomspezialisten, die Zugang zu streng geheimen Unterlagen hatten, ihr Wissen an den Irak verkauft haben.
Als einen der Drahtzieher machten BKA und BND den heute 77jährigen Walter Busse aus. Busse war früher Abteilungsleiter der MAN Technologie GmbH in München. Er soll ohne Wissen seines ehemaligen Arbeitgebers im Laufe vieler Jahre ein dichtes Beziehungsnetz zwischen Atombomben-Bauern im Irak und Brasilien einerseits und deutschen Lieferanten andererseits geknüpft haben.
Bei der Überprüfung stellten Fahnder fest, daß der Pensionär Busse im vorigen und in diesem Jahr zweimal im Irak war, mindestens. Busse gilt als der Mann, der für H + H die Verbindungen zu den beiden irakischen, mit staatlichen Sondervollmachten ausgestatteten Waffenspezialisten Anees Wadi und Dr. Safa al-Habboby herstellte.
In Busses Begleitung bei den Visiten am Tigris war mitunter ein guter Bekannter, Bruno Stemmler, 56, Experte für Rotortechnik bei der MAN Technologie GmbH. Auch von Stemmlers Irak-Eskapaden wußten die Vorgesetzten nichts.
Nach den Erkenntnissen der Fahnder hat Busse den MAN-Fachmann für die Feinarbeiten auf der irakischen Baustelle Tuweitha dringend benötigt. Dort liegt das Zentrum der irakischen Atomforschung, westliches Know-how ist hochbegehrt. Busse und Stemmler haben einiges zu bieten.
Ihre MAN Technologie GmbH ist ein Spezialist für Zentrifugentechnik. Die Münchner Firma baute 1979 auf dem Gelände der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau ein Montagewerk für Zentrifugen.
Busse und Stemmler sollen den Produktionsanlauf der H + H-Anlagen in Tuweitha überwacht haben. Hergestellt wurden dort Zentrifugen mit H + H-Drückwalzmaschinen (Baureihe DV 450-40-2100).
So spektakulär die Lieferung dieser Atomtechnologie ist - ungewöhnlich sind illegale Waffenexporte in den Irak mitnichten. Dutzende von bundesdeutschen Betrieben lieferten bereits Technik und Know-how für das Rüstungsprojekt Saad 16 in der Nähe der Stadt Mosul im Norden des Landes.
Dort forciert Irak-Präsident Saddam Hussein die Entwicklung neuer Waffentechnologien, dort läßt er Chemiekampfstoffe produzieren und Raketen verschiedener Reichweiten bauen. Der besondere Ehrgeiz des kriegerischen Staatsmannes aber gilt seit vielen Jahren der Entwicklung der Bombe.
Spätestens seit 1981 ist Hussein als A-Bombenschmied im Gerede. Damals zerstörte die israelische Luftwaffe den irakischen Reaktorkomplex Osirak unweit von Bagdad.
Der erste Luftangriff, der jemals auf einen Reaktor geflogen wurde, schien den Israelis notwendig, um die offenbar bevorstehende Produktion von Atombomben zu verhindern. In Tel Aviv ging und geht die Sorge um, daß der Irak mit der Bombe auch die palästinensischen Terror-Chefs ausrüsten könnte.
Hussein scheint nach Informationen westlicher Geheimdienste nun der Bombe ziemlich nahe zu sein. Mit viel Ausdauer und Geschick haben die Iraker dieses Ziel angepeilt. Und sie scheuten dabei keinen Aufwand.
Atom-Einkäufer aus Bagdad haben überall dort Kontakte geknüpft, wo legal oder illegal Nukleartechnik oder Know-how zu kaufen war. Unter anderem führte der Weg sie nach Brasilien zur dortigen Rüstungsfirma Avibras. Dort lernten sie einen deutschen Fachmann kennen - Busse.
Der ehemalige MAN-Manager konnte gute Verbindungen zu deutschen Firmen, besonders aber zu H + H in Drensteinfurt, einbringen. Die beiden Inhaber Hinze und Hütten wiederum waren bei Avibras gut im Geschäft.
H + H hat so manches Gerät für die feinere Waffentechnik nach Brasilien geliefert - Vorformen für die Gehäuse von Raketenmotoren und Motorteile.
Die Orders aus Bagdad brachten Schwung in den Laden. Der Irak deckte sich in den letzten Jahren des Krieges gegen den Iran bei H + H vor allem mit Raketenkörpern ein. Der Bedarf war groß, in nur einer Nacht Ende des Jahres 1987 feuerte die irakische Armee 6000 Raketen Richtung Feind.
Der Abschuß entsprach einer Dreimonatsproduktion von H + H. Bei 4000 Mark pro Stück wundert es nicht, daß der Umsatz kräftig in die Höhe schnellte. In nur fünf Jahren hat die Metalform den Umsatz mehr als verzehnfacht, auf rund 42 Millionen Mark.
Gern hätten auch die Iraner im Münsterland Kartuschen (Umhüllungen für Raketen) eingekauft. Doch H + H zeigte sich an dem Geschäft mit dem Kriegsgegner des Irak nicht interessiert.
Vielleicht war der Verzicht nicht ganz freiwillig. Die "Spezialisten world-wide für Raumfahrtteile oder Kochtöpfe" (Eigenwerbung) sind möglicherweise nicht mehr Herr im eigenen Haus. Fahnder von BKA und BND argwöhnen, daß sich Iraker heimlich an der Firma beteiligten.
Von den Unternehmern aus dem Münsterland wird das bestritten. Immerhin aber liegt den Ermittlern ein Telefax von H + H an irakische Unterhändler in London vor. Darauf steht in arabischer Handschrift der Hinweis: "Eine Firma, die man kaufen kann".
Das Treiben im westlichen Münsterland hätte womöglich schon vor drei Jahren gestoppt werden können - ohne größeren Flurschaden. Die Betriebsprüfungsstelle Zoll für den Oberfinanzbezirk Münster fand damals erste Hinweise auf unkorrektes Geschäftsgebahren.
Mit 66 Lieferungen hatte H + H 16 200 Teile für Raketenmotoren in die Niederlande (Wert 5,02 Millionen Mark) und ein Werkzeug zur Herstellung von Raketenmotorgehäusen (36 840 Mark) nach Brasilien exportiert. Beide Sendungen waren nicht genehmigt.
Die amtliche Reaktion entsprach der auch im Fall Imhausen/Rabita offenkundig gewordenen Laxheit bei illegalen Exporten. "Wegen der festgestellten Gesetzesverstöße" verhängte die Oberfinanzdirektion Münster eine Geldbuße von gerade mal 2000 Mark.
Gänzlich unbeanstandet blieb die Lieferung einer zur Herstellung von Zentrifugen geeigneten Drückwalzmaschine (Preis 1,982 Millionen Mark) nach Sao Paulo. Auftraggeber war die Marinekommission, und die ist zuständig für die brasilianische Urananreicherung.

DER SPIEGEL 51/1989
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