18.09.1989

TelekommunikationStärker rüberbringen

Kaum Kunden, erregte Datenschützer, Zweifel an der „Sozialverträglichkeit": Die Post hat Ärger mit ihrem Digitalsystem ISDN.
Ohne Knattern und Rauschen in der Leitung, ohne das vertraute Klaccklack beim Anwählen telefonierte der Bundeskanzler, als Ehrengast der Computermesse CeBit im März in Hannover, mit seinem hessischen Parteifreund Wolfram Brück, damals noch Oberbürgermeister von Frankfurt.
Die neue Ära des Fernsprechwesens, die er so offiziell einläutete, ließ Helmut Kohl ratlos: "Technisch verstehe ich, ehrlich gesagt, nichts davon, aber als Bürger dieses Landes freue ich mich, daß wir einmal mehr Spitze sind."
Nicht nur der Kanzler tut sich schwer, die Zauberformel für das Informations-Medium der Zukunft zu begreifen. Die Chiffre lautet ISDN ("Integrated Services Digital Network"), zu deutsch: diensteintegriertes digitales Fernmeldenetz.
In der Entwicklung dieses von der Postwerbung zum "Nervensystem der Wirtschaft" hochgelobten Projekts stecken bereits Milliarden. In ganz Westeuropa, schätzt das manager magazin, wird bis zur Jahrtausendwende eine Billion Mark in den Markt ziviler Telekommunikation investiert werden.
Doch die digitale Revolution hat eine lange Leitung - bislang finden sich kaum Kunden. Kritiker schließen daraus, es werde eine Lösung geschaffen für Probleme, die noch gesucht und gefunden werden müßten. Ihre spöttische Übersetzung des Kürzels ISDN: "Ist Sowas Denn Nötig?"
Die technischen Vorzüge des Systems sind unstrittig. An einen graublauen Basisanschluß (Installationsgebühr: 130 Mark) können mit neuartigen Fähigkeiten ausgestattete Telefone gekoppelt werden, dazu ein ganzer "Bus" von Geräten - vom Telefax und elektronischem Briefkasten ("Mailbox") bis hin zum Bildschirm.
Während solche Apparate bislang einzeln angeschlossen werden mußten, wandern beim ISDN Sprache, Text und Bild über ein einziges Kabel zu den Vermittlungsstellen der Post. Dort werden sie unterschiedslos zu digitalen Signalen (Eins/Null) verarbeitet und an den Empfänger weitergeleitet. Bei besserer Übertragungsqualität lassen sich größere Datenmengen rascher als bisher transportieren.
Das ISDN ermöglicht gleichzeitige Kommunikation über zwei Kanäle: Während eines Telefonats kann Text- oder Bildmaterial übermittelt werden, ein Makler etwa ist in der Lage, seinem Gesprächspartner parallel Fotos und Lageskizzen von Immobilien zuzufaxen.
Eine ganze Palette sogenannter Komfort-Features soll ISDN möglichen Anwendern schmackhaft machen: *___Alle Geräte eines Teilnehmers sind künftig unter einer ____einheitlichen Nummer gebündelt; *___die Nummer eines Anrufers erscheint auf einem ____Anzeigefeld ("elektronisches Anklopfen"); *___sein Anruf kann umgeleitet werden, etwa per Programm zu ____einem drahtlosen Telefon, bei besetzter Leitung in eine ____"Warteschleife" oder auf eine Nebenstelle; *___anstelle der herkömmlichen Rechnung wird auf Wunsch ein ____"Einzelgebührennachweis" (EGN) erstellt, der exakt ____Uhrzeit, Dauer und Teilnehmer aller Gespräche aufführt. ____Diese Informationen werden grundsätzlich drei Monate ____lang für sämtliche Kunden gespeichert, unabhängig ____davon, ob ein EGN-Antrag vorliegt.
Das "größte Vorhaben, das die Post jemals unternommen hat" (Minister Christian Schwarz-Schilling), ist als Teil eines weltweiten ISDN-Netzwerks geplant, von dem in erster Linie Wirtschaftsbetriebe profitieren sollen, die einen Bedarf an erhöhtem und schnellerem nichtsprachlichen Datentransfer haben.
Für Privatkunden, die mit ihren Fernsprechgebühren die bisherigen Post-Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Mark maßgeblich mitfinanzieren, ist ISDN unattraktiv, solange sie nur den Telefondienst nutzen. Ihnen muß nach Ansicht des Offenbacher Verbandes der Postbenutzer "abgeraten werden, einen ISDN-Anschluß zu beantragen". Es rechnet sich für sie nicht.
Firmen und Freiberufler indessen besteigen den Zug nur zögernd. Schlecht beraten von Post-Experten, für die "dies komplexe Medium anfangs selbst ziemlich kompliziert war" (ISDN-Referent Manfred Zeller vom Postministerium), haben sich in den acht Großstädten, wo inzwischen der Netzdienst möglich ist, erst rund 1500 Interessenten der digital vernetzten Zukunft anvertraut.
Warum auch eilen: Europaweit, schätzt das Londoner Computer- und Kommunikationssystemhaus Logica, wird 1994 ohnehin erst ein halbes Prozent aller Telefonbesitzer mit ISDN arbeiten. Voraussetzung dafür ist die Digitalisierung der postalischen Relais-Stationen; in der Bundesrepublik wird dies nächstes Jahr gerade zu einem guten Fünftel der Fall sein. Mit einem flächendeckenden Netz ist hierzulande nicht vor 1993 zu rechnen.
Als weiterer Schritt müssen die gängigen Kupferkoaxial-Leitungen durch Glasfaser-Breitbandkabel ersetzt werden. Erst sie ermöglichen einen ISDN-Betrieb mit voller Wucht - nämlich noch größere Datenübertragungsmengen und Videobilder in Fernsehqualität. Für diese Infrastruktur, schätzt das Fachblatt Funkschau, werden EG-weit zusätzliche 200 Milliarden Mark benötigt.
Da warten auch eher aufgeschlossene Interessenten lieber ab, zumal bundesdeutsche Pilotversuche in Stuttgart und Mannheim, an denen sich vor zwei Jahren 300 Firmen beteiligten, Kinderkrankheiten offenbarten.
Bedienungsfehler der komplizierten Tastaturen waren an der Tagesordnung. Beim technischen Kauderwelsch, das von "So-Schnittstellen" und "Modulen" nur so strotzt, blickte ohnehin kaum jemand durch. Hinzu kam, daß manche von Schwarz-Schillings Mannen gelieferten Geräte erst nach neun Monaten anschlußbereit waren.
Dafür wollte die Post bei der Installation ihrer ISDN-Buchsen besonders fix sein und wartete das internationale Normierungsverfahren nicht ab. Um mit dem Ausland per ISDN verkehren zu können, müssen nun die bereits angeschlossenen Teilnehmer wieder umrüsten - auf "Western-Digital-Stecker".
Gerätemangel herrscht immer noch, ein ISDN-Telefax beispielsweise (Kosten: über 10 000 Mark) ist nicht lieferbar. Angesichts des "deutschen Totalanspruchs" an großtechnologische Projekte sieht ISDN-Berater Zeller grundlegende Probleme: "Verkaufen Sie mal ein Auto, in das man sich nicht reinsetzen kann."
Um den fragwürdigen Nutzen "stärker rüberzubringen", leistet er mit einem zehnköpfigen Team Entwicklungshilfe. Stolz verweist Zeller auf ein vor drei Wochen besiegeltes Joint-venture mit der in Karlsruhe ansässigen Kette "dm-drogerie markt", die sich für ihre 400 Filialen ein ISDN-Konzept schneidern ließ. Mit 500 000 Mark beteiligte sich die Post an dem zwölf Millionen Mark teuren Geschäft.
Gerade Großunternehmen, Schwarz-Schillings Hauptzielgruppe, verfügen bereits in aller Regel über eine funktionsgerechte hausinterne Kommunikation. Mittelständler erweisen sich sogar, wie eine Umfrage der Münchner Telekommunikationsstelle MüTel ergab, als ISDN-Muffel: Von 820 befragten Firmen wollen nur sechs Prozent die neue Technik nutzen, 44 Prozent schließen ihren Einsatz grundsätzlich aus.
Der Informationspolitik der Post gaben sie nur die Schulnote "ausreichend". Kein Wunder - mit Anzeigenserien, die Elefanten, blühende Sommerwiesen und Zierfische zeigen, läßt sich ein digitaler Netzdienst kaum treffend in Szene setzen. Helga Prosteder vom Roland Berger Institut für Markt- und Systemforschung in München: "Die Post versteht nichts vom Marketing, ihre Leute sind völlig technikfixiert."
Vorstandsmitglied Manfred Schneider vom Berliner Telefontechnik-Hersteller Krone, bemängelt zudem fehlende betriebswirtschaftliche Modellrechnungen der Post: "Man muß doch dem Nutzer seinen Nutzen erklären." Einstweilen vertraut Krone wie auch andere Fernmeldelobbyisten gläubig auf einen Sickereffekt.
"Wenn die großen Kunden angebissen haben", hofft Geschäftsführer Theodor Pfeiffer von der Bosch-Tochter ANT Nachrichtentechnik, "wird ISDN nach unten durchdringen." Zwar werde es "sicher keine Lawine" geben, doch ein Übertragungssystem, das dem alten an Kapazität und Qualität überlegen ist und zudem Kosten spare, müsse sich zwangsläufig durchsetzen. Er hat Angst, daß ein Flop "herbeigeredet" wird.
Um die müde Stimmung anzukurbeln, hat die Post in zwölf Städten Videostudios eingerichtet, die stundenweise für Geschäftskonferenzen zu mieten sind. Sie sollen einen wesentlichen ISDN-Vorteil demonstrieren: Schon mit Hilfe der vorhandenen Kupferleitungen, die alle zehn Sekunden ein frisches Standbild zu übermitteln vermögen, könnten ISDN-Teilnehmer diesen Service selbständig organisieren.
Dienstreisen würden überflüssig, Schreibtischarbeit ließe sich dezentralisieren. Notwendige Instruktionen kämen bei Bedarf über den Großen Bruder Bildschirm ins heimische Arbeitszimmer, eine Fernverbindung zur Firmenzentrale macht's möglich.
Doch gerade diese Vision erschreckt die Kritiker. Die Verlagerung von Bildschirmtätigkeiten in den Haushalt könne "zum Problem werden", warnt Ulrich Lange von der Forschungsgruppe Telekommunikation an der Freien Universität Berlin. Selbst das Vorstandsmitglied Hans Baur vom deutschen Fernmelderiesen Siemens äußert Bedenken, was die "Sozialverträglichkeit" von ISDN betrifft.
Telejobs daheim sind schwer kontrollierbar. Feste Dienstzeiten entfallen. Sie "dehnen sich in der Regel vielmehr aus", wie Paul G. Maciejewski, Professor für Bürokommunikation/Neue Medien an der Pforzheimer Wirtschaftsfachhochschule, festgestellt hat. Vereinzelung und Kommunikationsarmut dank neuer Kommunikationstechnik sind weitere vorhersehbare Folgen einer Arbeitswelt am Draht.
Hinzu kommen ungeklärte Fragen nach dem juristischen Status der Heimarbeiter: Denkbar sind neue Formen der Anbindung an die Arbeitgeber, zum Beispiel als selbständige Subunternehmer ohne Anspruch auf Urlaub und Weihnachtsgratifikationen, dafür mit der Verpflichtung, Renten- und Krankenversicherung in Eigenregie zu entrichten.
Zukunftsmusik in Moll? Scheinbar technische ISDN-Merkmale erregen sensible Beobachter schon heute. Den Einzelgebührennachweis fürchtet die Tageszeitung als "Einstiegsdroge zum perfekten Kommunikationsprofil". Die Post, schreibt sie, könnte "unter dem Deckmantel neuer Dienstleistungsangebote zu einem Überwachungsinstrument" entarten.
Um den von seinen Verfechtern als Kundendienst gelobten EGN zu führen, bedarf es nämlich keiner ISDN-tauglichen Geräte, sondern nur digitaler Vermittlungsstellen. Sie würden automatisch für jeden der über 28 Millionen Telefonbesitzer speichern, wann mit wem wie lange gesprochen wurde.
Die Notwendigkeit zum Sammeln dieses Datenwustes begründet Eckhart Wiechert, Datenschutzexperte der Post, mit Reklamationen, die bisher nicht schlüssig geprüft werden konnten. Deren Zahl betrug vergangenes Jahr etwa 100 000 - gemessen an rund 350 Millionen versandter Fernmelderechnungen eine Größe im Promille-Bereich.
Auch die Zahlen- und Buchstabenfelder ("Displays") der ISDN-Telefone, auf denen die Nummer jedes Anrufers aufleuchtet, sind den Skeptikern ein Dorn im Auge. Viel zu leicht werde genommen, halten sie den Befürwortern entgegen, daß zum Beispiel im Umgang mit Behörden, Anwälten oder Aids-Beratungsstellen die nötige Diskretion nicht mehr gewährleistet sei.
Es gebe "sowieso keinen Anspruch auf Vertraulichkeit beim Telefonieren", behauptet Wiechert. Niemand wisse, wie ein Gesprächspartner mit den ihm anvertrauten Inhalten umgehe. Er verweist auf einen Vorzug des "elektronischen Anklopfens", von dem wiederum nur eine Minderheit profitiert: Die Zahlen- und Buchstabenfelder machten "bei belästigenden Anrufen durchaus Sinn", im übrigen sei es "ein Gebot der Höflichkeit, sich vorzustellen".
Der Bremer Informatik-Dozent Herbert Kubicek, Mitbegründer des Instituts für Informations-Ökologie, fordert eine gesetzliche Regelung solcher heiklen Techniken, das Löschen von Kommunikationsdaten sowie ein Auskunftsrecht auch für Anrufer. Denn die wissen nicht, welcher ihrer Gesprächspartner den EGN beantragt; die Post werte "eigenmächtig das Geheimhaltungsinteresse des Antragstellers höher als das des Anrufenden".
Es kollidiere nun mal "der Verbraucherschutz mit dem Datenschutz", meint auch Post-Experte Wiechert, ohne das Dilemma lösen zu können. Die Güterabwägung dieses ISDN-immanenten Widerspruchs übernimmt einstweilen Schwarz-Schillings Behörde - im Interesse einer "überzeugenden Darstellung der Telefonkosten über den EGN".
Das oberste Aufsichtsgremium, der Bundestag, will sich offensichtlich nicht auf die Wahrung des Fernmeldegeheimnisses durch die Postbeamten verlassen: Die Abgeordneten legten für sich selbst fest, daß nach Ende eines Gesprächs lediglich die Gebühren, nicht aber andere Verbindungsdaten gespeichert werden dürfen. f

DER SPIEGEL 38/1989
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