12.03.1990

Papua-Neuguinea

Irrwitziges Wuchern

Auf der Pazifikinsel Bougainville kämpfen Eingeborene gegen eine gigantische Kupfermine. Papua-Soldaten lieferten den Umweltkriegern schwere Gefechte.

Otto Oanauko zeigt auf eine Zone der Zerstörung inmitten des Dschungels, terrassenförmig geschichtet, kahl, trostlos und schwarz.

Gleich hinter Oanaukos Hütte klafft ein Krater, den Space-Shuttle-Astronauten vom Weltraum aus mit bloßem Auge sehen können: die Kupfermine Panguna auf der Pazifikinsel Bougainville, benannt nach dem französischen Erdumsegler Louis Antoine de Bougainville. Bulldozer und Förderbänder bewegten hier zuletzt 140 000 Tonnen Erdreich und Gestein pro Tag, vergrößerten den Schlund auf knapp sieben Kilometer Umfang und 500 Meter Tiefe.

Das schwarze Loch von Bougainville ist ein Werk des englischen Rohstoffriesen Riotinto Zinc (RTZ), mit einem Börsenwert von neun Milliarden Dollar der Welt größter Mineralienkonzern. Seit Inbetriebnahme der Mine 1972 wurden aus dem Pangunaberg im Kronprinzengebirge Bougainvilles 2,8 Millionen Tonnen Kupfer, 715 Tonnen Silber und 285 Tonnen Gold geholt, Mengen, die mit fünf Milliarden Dollar zu Buch schlagen.

Doch das irrwitzige Wuchern der Mine hat ein Umweltdesaster verursacht, das im Tropenparadies des südwestlichen Pazifiks ohne Beispiel ist. Millionen Tonnen Abwässer und Abraum verwandelten das Zentrum der Insel in ein zernarbtes, abstoßend häßliches Niemandsland. Schlamm und Schwermetalle haben die Inselflüsse so vergiftet, daß sie "mehrere Generationen lang" nicht mehr als Frischwasser-Reservoir und Laichplatz von Fischen geeignet sind, urteilte das neuseeländische Forschungsinstitut Applied Geology Associates.

Hinter den Abraumhalden des Bergwerks stauen sich Nebenflüsse und werden zu Brutstätten für Moskitos. Zugleich steigt der Grundwasserspiegel auf Bougainville an. Die Folge ist ein Absterben des Regenwalds, um dessen Bäume sich die Bougainvilleas ranken - violett, orange und weiß blühende Klettersträucher von exotischer Pracht.

Nun aber wirkt die Mine von Panguna wie der Grabstein einer Zivilisation, die schon immer ein Irrtum war. Ein Umweltkrieg zwang die Gesellschaft Conzinc Riotinto, eine australische Tochter des RTZ-Konzerns, das gefräßige Bergwerk stillzulegen. 2000 Arbeiter und Techniker wurden entlassen.

Der Anlaß für die Schließung ist eine seit 16 Monaten andauernde militärische Intervention, bei der sich 2000 Soldaten aus Papua-Neuguinea, zu dem Bougainville gehört, erbitterte Gefechte mit 1000 Rebellen lieferten. Ziel der Aufständischen ist es, die Mine zuzuschütten und Panguna - für die Eingeborenen ein heiliger Berg - neu aufzuforsten.

Bisher wurden mehr als 100 Menschen bei den Kämpfen um die Grube getötet. Und obwohl die Regierung Papua-Neuguineas zugesichert hat, ihre Truppen von dem Eiland - Länge: 210 Kilometer, Fläche: 8800 Quadratkilometer - abzuziehen, ist ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen unwahrscheinlich.

Bei Waffenstillstandsgesprächen der Rebellen mit den Militärs fehlte das Oberhaupt der Minengegner: Francis Ona, ein ehemaliger Landvermesser, den die Regierung Papua-Neuguineas noch im Januar für tot erklären ließ.

Doch Ona, der die Rebellenarmee Bougainville Revolutionary Army gründete, erfreut sich bester Gesundheit. Er fordert von den Minenbesitzern 11,5 Milliarden Dollar - für "soziale Schäden und die Verseuchung der Insel". Außerdem, so Ona, soll eine Volksabstimmung unter den Insulanern über die Zukunft Bougainvilles entscheiden.

Ona und seine Anhänger hätten es lieber, Bougainville an die benachbarten Salomon-Inseln anzuschließen, die seit 1978 unabhängig sind. Mit den Melanesiern im Süden verbinden die Bougainvilleer Blutsbande und der entspannte Lebensstil des Südpazifik, der sich vom kargen tribalistischen Dasein der Papuas in Neuguinea gründlich unterscheidet.

Nachrichten von den Wirren auf Bougainville sickern nur spärlich nach draußen. Nachdem die Regierung Papua-Neuguineas den Ausnahmezustand verhängt hatte, wurden am 1. Februar alle Flüge von der Hauptstadt Port Moresby zu der 800 Kilometer weit entfernten Insel eingestellt.

In Arawa, der Provinzhauptstadt von Bougainville, wird fast jede Nacht geschossen. Sechs Tote und elf Verwundete gab es, als 70 bis 100 Untergrundkämpfer ein Gefängnis nördlich von Arawa stürmten, um dort einsitzende Gefolgsleute zu befreien.

Acht Menschen kamen in nur einer Woche ums Leben, unter ihnen der Australier Mike Wortley. Er hatte den Bau eines Behelfsflugplatzes überwacht, auf dem "Hercules"-Transporter der australischen Luftwaffe landen sollten, um australische Staatsbürger von Bougainville zu evakuieren.

1988, als Rebellenführer Francis Ona mit wenigen Buschkriegern anfing, Starkstrommasten in die Luft zu sprengen, nahm niemand das Treiben der Rebellen ernst. Im benachbarten Australien galt die Truppe allenfalls als kurios, weil sich Ona durch den Film "Rambo II" anregen ließ. Er uniformierte seine Mitstreiter mit Rambo-Shirts, roten Rambo-Stirnbändern und teilte als Waffen Bogen und Pfeile aus.

Dann aber rüstete Ona planvoller auf - mit Schrotflinten Marke Eigenbau, deren Munition Kugellager-Kugeln und sogar Angelhaken waren. Als Landminen reaktivierte Onas Fähnlein amerikanische Relikte - Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die auf Bougainville zurückgelassen worden waren.

Seine Kriegserklärung schickte Ona als Paket an die Regierung in Port Moresby. Es enthielt einen Brief, in dem der Absender verkündete, er werde den Kampf gegen die Mine "nur im Sarg aufgeben". Das Schreiben hatte er um vier Stangen Dynamit gewickelt.

In Waigani, dem modernen Regierungsviertel der Papua-Hauptstadt, fürchtet Premier Rabbie Namaliu, daß der Dschungelkrieg auch auf die Hauptinsel übergreifen könnte. Ihr Rohstoffreichtum soll Papua-Neuguinea den Weg aus der prätechnologischen Vergangenheit ins 21. Jahrhundert bereiten.

Das Kupfer, das auf Bougainville gewonnen wird, macht fast die Hälfte des Gesamtexports des Staates aus. Die Rebellion könnte Sezessionsbestrebungen unter den 750 Papua-Stämmen verstärken und das Land nach 15 Jahren Unabhängigkeit ins Chaos stürzen.

Um das zu verhindern, wurden auf Bougainville zwei Drittel der Papua-Armee eingesetzt. Nach sechsstündigem Kampf gelang es Soldaten, Guava zu erobern, das Heimatdorf von Francis Ona. Die Soldaten fanden dort Erdbunker im Vietcong-Stil, verbunden durch ein Tunnelsystem.

Der massive Truppeneinsatz machte aus Bougainville auch sonst eine Art Mini-Vietnam. Hubschrauber-Gunships griffen mit Maschinenwaffen Dörfer an, Siedlungen im Umkreis der Mine wurden angezündet, um freies Schußfeld in Richtung des Dschungels zu schaffen.

Auch Berichte von blutigen Gemetzeln häuften sich. Armee-Soldaten holten sieben Verwundete aus einem Inselhospital, erschossen sie und warfen die Leichen dann aus einem Hubschrauber ins Meer. In sogenannten Betreuungszentren hat das Militär 4000 Dorfbewohner interniert. Weitere 1500 angebliche Sympathisanten sind in Arawa in einem Lager zusammengepfercht.

Doch den Widerstand der Rambos konnten die Papua-Soldaten so nicht brechen. "Es ist ein richtiger Schlamassel", klagte in Port Moresby Verteidigungsminister Benais Sabumei, "die Rebellen verschmelzen mit dem Dschungel. Unsere Soldaten sind dort Fremde."

Auch die Hauptinsel ist schon unruhig. Reiche Goldvorkommen haben die Minenkonzerne angelockt, darunter wieder Conzinc Riotinto, das im Hidden Valley auf eine Gesteinsformation mit hohem Goldanteil gestoßen ist. Doch wie auf Bougainville wächst mit dem Goldrausch auch der Widerstand.

Im Sternengebirge des Hochlands belagerten Eingeborene die Kupfer- und Goldmine Ok Tedi, die laut Beschluß der Regierung täglich 150 000 Tonnen Abwässer in den Fly River leiten darf, das größte Gewässereinzugsgebiet Papua-Neuguineas. Ok Tedi mußte nach einer Straßenblockade die Förderung vorübergehend einstellen.

Auf Bougainville steht Conzinc Riotinto unterdes Gewehr bei Fuß. 300 Arbeiter sorgen dafür, daß die Maschinen von Panguna weiterhin geölt werden. Wenn der Aufstand beendet ist, soll die Mine sofort wieder angefahren werden. f


DER SPIEGEL 11/1990
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