07.05.1990

„Wir sind keine Helden gewesen“

SPIEGEL: Herr Sindermann, binnen weniger Tage sind Sie von der Spitze Ihres Staates und Ihrer Partei ins politische Nichts gestürzt. Was hat Sie am stärksten getroffen: daß Sie das Amt des Volkskammer-Präsidenten - das dritthöchste in der DDR - verloren, daß Sie aus dem Politbüro ausgestoßen wurden, dem Sie ein Vierteljahrhundert angehört hatten, daß die SED Sie ausschloß oder daß Sie verhaftet wurden?
SINDERMANN: Der Ausschluß aus der Partei, ohne Zweifel. Von der Verhaftung wußte ich, daß sie nicht von Dauer sein konnte. Aber der Parteiausschluß war das Ende eines sehr langen politischen Lebens. Ich war ja mit 14 Jahren, noch als Tertianer des Dresdner Albrecht-Dürer-Gymnasiums, Kommunist geworden und auch in der schwierigsten Zeit geblieben.
SPIEGEL: Gehen Ihnen Begriffe wie Schuld, Scham, Schmerz durch den Kopf, wenn Sie an Ihre Zeit an der Spitze der SED und der DDR zurückdenken?
SINDERMANN: Trotz vieler Fehler, zu denen ich mich bekenne, ist Scham nicht das Wort, das mir bei der Rückschau in den Sinn kommt. Ich habe keine Taten begangen, deren ich mich schämen müßte.
Es schmerzt mich, daß mein Lebenswerk zusammengebrochen ist, damit muß ich allein fertig werden.
Was meine Schuld angeht, so will ich klar unterscheiden. Es gibt Fehler politischer und auch moralischer Art. Aber ganz entschieden wehre ich mich dagegen, daß man versucht, mir Amtsmißbrauch und Untreue, also Verstöße gegen Gesetz und Recht, vorzuwerfen und mich zu einem Kriminellen zu machen.
SPIEGEL: Bleiben wir bei der politischen Schuld daran, wie es den 16 bis 17 Millionen Bürgern der DDR erging. War Ihre Schuld größer als die Schuld anderer Spitzenfunktionäre der SED? Lange Zeit haben viele hier in der DDR, haben auch viele im Westen von Ihnen mehr erwartet als von anderen.
SINDERMANN: Was ich mir selbst vorwerfe, ist die strikte Parteidisziplin, an der ich mein ganzes politisches Leben * Mit Redakteur Werner Harenberg in der Ost-Berliner Wohnung des Sindermann-Sohnes Thomas. lang, bis zum bitteren Ende, festgehalten habe.
Ich habe in den 40 Jahren DDR immer auf Schwachstellen und auf Fehler hingewiesen, habe Verbesserungen und Reformen verlangt. Aber ich habe mich allzuoft damit abgefunden, daß meine Kritik abgewehrt wurde, meine Vorschläge verworfen wurden.
In der Disziplin, mit der ich diese Einstellung vor mir selbst begründete, steckt natürlich ein gehöriges Stück Opportunismus. Und weil ich mir weit mehr Kritik hätte erlauben können als andere, empfinde ich wahrscheinlich auch mehr Schuld als andere.
SPIEGEL: Ihre letzten Worte als Präsident der Volkskammer werden wohl in viele Schulbücher kommen. "Es war", sagten Sie über die Wende, "als rutschten 40 Jahre Sozialismus plötzlich unter unseren Füßen weg." Was war das, was sich da ereignete, aus Ihrer Sicht? Für einen Marxisten-Leninisten doch ein Sieg der Konterrevolution?
SINDERMANN: Das ist genau der Punkt, an dem wir Marxisten überprüfen müssen, wie viel oder wie wenig unsere Theorie mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Mir kommt es darauf an, ganz klar zu sagen: Wir sind vom Volk davongejagt worden, nicht von einer "Konterrevolution".
Wir würden uns doch lächerlich machen, wenn wir Bärbel Bohley, Pfarrer Eppelmann und andere zu "Konterrevolutionären" erklären wollten. Der gewaltfreie Aufstand paßte nicht in unsere Theorie. Wir haben ihn nicht erwartet, und er hat uns wehrlos gemacht.
SPIEGEL: Sagen Sie uns bitte, warum es nach Ihrer Meinung mit der SED zu Ende gegangen ist und mit der DDR zu Ende geht.
SINDERMANN: Ich denke viel darüber nach, seit ich dafür Zeit habe. Es gibt kaum jemanden, der über die Vergangenheit so frei sprechen kann wie ich, um es mal etwas sarkastisch zu sagen. Es gibt keine Parteiräson mehr, der ich mich jahrzehntelang unterworfen habe, und ich würde mich mit einem Versuch, der neuen Entwicklung noch hinterherzulaufen, mit meinen 74 Jahren lächerlich machen.
Die Parteidisziplin, die uns unfähig machte, richtig zu handeln, ist ein Grund. Ein zweiter: Wir haben unsere Erfolge überschätzt . . .
SPIEGEL: Wer ist "wir"?
SINDERMANN: Diejenigen, die in der SED die Verantwortung trugen, also das Politbüro insbesondere. Wir haben die Erfolge, die es zweifellos gab, übertrieben dargestellt und Probleme fast ganz verschwiegen. Am Ende standen wir einer Volksstimmung gegenüber, die umgekehrt fast nur die Probleme und fast keine Erfolge mehr sah.
Einen dritten Grund für unser Scheitern halte ich für besonders wichtig: Wir haben streng unterschieden zwischen der bürgerlich-parlamentarischen und der sozialistischen Demokratie, statt die erstere als Vorstufe für unsere Demokratie anzusehen und sie weiterzuentwickeln. Unser Sozialismus war administrativ, er war nicht demokratisch. Ich meine heute, wir hätten sogar einen Pluralismus wagen müssen.
SPIEGEL: Sie hätten doch, wenn Sie die Macht behalten wollten, nie wagen können, sich einer Wahl zu stellen, die diesen Namen verdient. Denn eine Mehrheit für Ihre Partei hätte es in den 40 Jahren der DDR nie gegeben.
SINDERMANN: Es ist leicht, mich einen Phantasten zu nennen. Aber denken Sie daran, was Gorbatschow wagt in einem Land, das fast keine demokratische Tradition hat, und überlegen Sie dann, was in unserem Land mit reicher demokratischer Tradition sich hätte entwickeln können, wenn man diese Tradition aufgenommen hätte.
Untergegangen sind wir auch deshalb, weil die demokratischen Freiheiten, die wir oft verhöhnt haben, der Bevölkerung weit mehr bedeuteten, als wir gedacht hatten.
Bevor ich einen vierten, letzten Grund nenne, möchte ich deutlich sagen: Ich halte es für gefährlich, die Schuld auf einzelne Personen zu schieben. Alle, die in der DDR Verantwortung trugen, machen es sich zu leicht, nun Honecker alle Schuld zu geben, und auch alle anderen sollten bedenken, daß die Gründe viel mehr in Strukturen als in Personen liegen.
Aber nach diesem Vorspruch mache ich selber eine Ausnahme und nenne zwei Namen. Ein Hauptgrund für den Niedergang der DDR-Wirtschaft liegt darin, daß mit Mittag ein Mann dafür Verantwortung trug, der außerstande war, diese Aufgabe zu lösen. Und Honecker trifft die Schuld, daß er diesen Mann gehalten hat, gegen den es in der SED immer eine Opposition gab.
SPIEGEL: Opposition ist ein starkes Wort.
SINDERMANN: Ich gebrauche das Wort hier bewußt, das sonst niemand, auch ich nicht, im Zusammenhang mit der internen Situation in der SED benutzt.
Schon als Mittag in das Politbüro aufgenommen werden sollte, wollten einige Genossen das verhindern. Damals hat Honecker ihn verteidigt: Mittag sei noch jung, den könne man erziehen, als Fachmann für Wirtschaft komme ihm keiner gleich. Es gab in den folgenden Jahren mehrere formelle Anträge, Mittag abzuberufen, unter anderem von Neumann und Hager.
Und am Ende, als Honecker und Mittag Kurs auf die Mikroelektronik nahmen, war klar, daß die meisten Mitglieder des Politbüros es für völlig falsch hielten, die kleine DDR zum Wettstreit mit den Supermächten der Mikroelektronik, den USA und Japan, antreten zu lassen.
SPIEGEL: Das halbe oder beinahe das ganze Politbüro als Opposition, die sich gegen den Kurs zweier Männer nicht durchsetzen kann - wenn es so war, spricht es gleichermaßen gegen diese Opposition wie gegen Honecker und Mittag.
SINDERMANN: Wie könnte ich Ihnen widersprechen?
SPIEGEL: Auch wenn man den Wirtschaftskurs radikal geändert, wenn man Mittag weggejagt hätte - hätte die DDR im Wettstreit mit der Bundesrepublik nach Ihrer Meinung mithalten können? Die Arbeitsproduktivität war in der DDR vor der Wende bestenfalls nur noch halb so hoch.
SINDERMANN: In mancher Hinsicht haben wir den Rückstand bewußt in Kauf genommen. Nach unserem Arbeitsgesetzbuch dürfen die Betriebe niemanden raussetzen, auch dann nicht, wenn jemand faul oder unfähig war oder wenn sein Arbeitsplatz infolge der technischen Entwicklung wegfiel.
Das hat den sozialen Vorteil, daß es keine Arbeitslosen gibt, aber den wirtschaftlichen Nachteil, daß die Arbeitsproduktivität zwangsläufig niedriger ist als in einem Land wie der BRD.
SPIEGEL: Der Unterschied war zu groß: Überfluß in der Bundesrepublik an fast allem, Mangel an fast allem in der DDR.
SINDERMANN: Es hätte hier gar keinen Überfluß geben müssen, aber bei der Kapazität unserer Wirtschaft hätte es den Mangel nicht zu geben brauchen.
SPIEGEL: Es genügt, die Trabis zu sehen, um zu wissen, daß Sie Ihre Bevölkerung nicht zufriedenstellen konnten.
SINDERMANN: Die Autoproduktion in der DDR war für mich der wundeste Punkt. Es war absurd, den Trabi als Auto des kleinen Mannes zu feiern, was ich übrigens in keiner einzigen Rede je getan habe. Der kleine Mann wünschte sich ganz andere Autos. Da half auch ein VW-Motor nichts, der machte den Trabi nur schneller, nicht besser.
Hier haben wir viel versäumt, und hier hat Mittag, davon bin ich überzeugt, uns alle betrogen und belogen. Wir hatten ihn 1988 beauftragt, er solle sich um eine Kooperation mit Wolfsburg bemühen. Er behauptete, das Volkswagenwerk wolle nicht.
Ich habe in Japan von Managern des Mazda-Konzerns gehört, daß sie eine Kooperation mit der DDR wollten, aber auch da kam nichts zustande. Man schaffte es nicht mal, mit sowjetischen Autofabriken zusammenzuarbeiten. Aber eine autarke Autoproduktion in einem so kleinen Land wie der DDR war völliger Unsinn.
SPIEGEL: Herr Sindermann, kein anderes Thema aus der DDR-Vergangenheit hat die Öffentlichkeit hüben und drüben in den letzten Wochen so sehr beschäftigt wie die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit, auch MfS oder Stasi genannt. Der Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im Außenhandelsministerium, war, wie sich nach der Wende herausstellte, Oberst des MfS. Hatten die Mitglieder des Politbüros auch Ränge beim MfS?
SINDERMANN: Streng geheim war ich Generalmajor, aber nicht beim MfS, sondern bei der NVA, der Nationalen Volksarmee.
SPIEGEL: Wie das?
SINDERMANN: Als Mitglied des Verteidigungsrates hatte ich für den Verteidigungsfall die Aufgabe, als Bevollmächtigter die Verantwortung für den Bereich Staat und Recht zu übernehmen. Das wären zwar Aufgaben im zivilen Bereich gewesen, etwa die Funktion des Parlaments auszuüben und die Verbindung mit den Botschaftern zu halten; aber mein Stab hätte aus Offizieren bestanden, und um denen Befehle erteilen zu können, mußte auch ich formell einen militärischen Rang haben.
SPIEGEL: Wurde der Verteidigungsfall geprobt?
SINDERMANN: Natürlich, wie auch in der BRD und in jedem anderen Land der Welt, einmal, zuweilen zweimal im Jahr, häufig nach den großen Nato-Manövern in der BRD, aus denen sich die Feindlage ergab. Diese Übungen dauerten zwei bis drei Tage.
SPIEGEL: Probten Stellvertreter oder Sie selbst?
SINDERMANN: Da nahmen wir alle selbst teil, von Honecker angefangen.
SPIEGEL: In Uniform?
SINDERMANN: Wir trugen Kampfanzüge.
SPIEGEL: Zurück zur Staatssicherheit. Welche Beschlüsse faßte das Politbüro über deren Arbeit?
SINDERMANN: Im wesentlichen ging es um Kader-, also Personalfragen der oberen Ränge.
SPIEGEL: Nicht um die Personalstärke insgesamt?
SINDERMANN: Nein, darüber entschied das Politbüro nicht, auch in anderen Bereichen nicht. Es wurde am Rande der Tagesordnung Kritik geübt, daß der Apparat zu groß geworden sei. Aber es kam nicht zu formellen Anträgen und Beschlüssen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte Mielke im Politbüro?
SINDERMANN: Er saß meist da und schwieg. In der letzten Zeit hatte vieles von dem, was er dann und wann vortrug, kaum noch Hand und Fuß.
SPIEGEL: Durfte man die Befehlsgewalt über die Stasi-Armee einem offenbar debilen Greis überlassen?
SINDERMANN: Kaum. Aber die Partei hatte ja schon 1983 mit Krenz einen jungen, agilen Genossen zu dem für Sicherheitsfragen zuständigen ZK-Sekretär gemacht. Krenz hatte zwar dem Buchstaben nach kein Weisungsrecht gegenüber Mielke, aber es war völlig klar, daß im Bereich der Staatssicherheit nichts Wichtiges geschah, ohne daß Krenz es wußte. Für all die Jahre galt: Wenn Krenz seine Aufgabe ernst nahm, konnte Mielke keinen Schaden anrichten.
SPIEGEL: In Ihrer Vita gibt es einige Stationen und einige Wechsel, die wir mit Ihnen erörtern möchten. Sie waren zehn Jahre lang, 1953 bis 1963, Chefagitator der SED, leiteten die entsprechende Abteilung des Zentralkomitees. In diese Zeit fiel der Bau der Mauer in Berlin, im August 1961. Wann hatten Sie selbst erfahren, daß eine Mauer gebaut werden würde?
SINDERMANN: Zwei Tage vorher bekam ich eine kleine Kiste, die etwa so aussah wie die Kisten, in denen Kieler Sprotten verpackt werden. Da stand drauf, zu einem Termin, den ich noch erfahren werde, solle ich die Kiste öffnen und je einem Vertreter des Rundfunks, der Presse und des ADN (des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes) die Kassette vorspielen, die sich in der Kiste befand. Der Termin war eine Stunde, nachdem die Truppen die Grenze besetzt hatten.
SPIEGEL: Hatten Sie, immerhin ein hochrangiger Funktionär im Apparat des ZK, vorher inoffiziell gehört oder sich zusammengereimt, was kommen wird?
SINDERMANN: Wir waren sicher, daß irgend etwas geschehen würde, denn die Betriebskampfgruppen waren ja in Alarmbereitschaft versetzt worden. Und ich hatte den vagen Auftrag, eine Argumentation vorzubereiten. Ich hatte mit einer Absperrung, nicht mit einer Mauer gerechnet.
SPIEGEL: Hielten Sie selbst die Mauer für notwendig?
SINDERMANN: Es ging um die Rettung der DDR. Wir hatten riesige Verluste durch die offene Grenze, mit denen hätten wir nicht mehr lange überleben können.
SPIEGEL: Sie kamen damals auf das Wort vom antifaschistischen Schutzwall.
SINDERMANN: Ja.
SPIEGEL: Aber er schützte doch nicht gegen Faschisten oder andere äußere Feinde.
SINDERMANN: Es gab Sprüche, man werde durchs Brandenburger Tor in die DDR einmarschieren, aber die waren nicht ernst zu nehmen. Wir wollten nicht ausbluten, wir wollten die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die es in der DDR gab, erhalten. Insofern halte ich meinen Begriff auch heute noch für richtig.
SPIEGEL: Was halten Sie heute von dem Satz: "Wir haben drei imperialistische Armeen in West-Berlin eingemauert, damit sie hier nicht das gleiche machen wie in Vietnam."
SINDERMANN: Ich weiß, daß Sie mich zitieren. Stände mir noch irgendein Archiv zur Verfügung, könnte ich solche kämpferischen Äußerungen auch von der Gegenseite zitieren. In dunkler Erinnerung habe ich noch eine Äußerung Willy Brandts, West-Berlin sei mehr wert als eine Atombombe. Das klingt auch nicht gerade friedlich.
SPIEGEL: Sie waren noch Parteichef des Bezirks Halle, gehörten aber schon dem Politbüro an, als die Truppen des Warschauer Paktes 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten. Wurde der Einmarsch vom Politbüro beschlossen?
SINDERMANN: Nein. Die Ersten Sekretäre der Kommunistischen Parteien wurden nach Moskau gerufen, und dort faßte man den Beschluß. Es gab vorher keine Debatten und keine Beschlüsse in den einzelnen Ländern.
SPIEGEL: Der Einmarsch der DDR-Truppen . . .
SINDERMANN: Ich muß Sie unterbrechen. Es gab keinen Einmarsch von Truppen der DDR in die CSSR.
SPIEGEL: Das hören wir zum erstenmal.
SINDERMANN: Ich kann Ihnen als Zeitzeuge dienen. Als Erster Sekretär des Bezirks Halle war ich verantwortlich für den Abschnitt von der Grenze zur BRD bis nördlich von Karlsbad.
SPIEGEL: Verantwortlich wem?
SINDERMANN: Der Partei. An diesem Abschnitt - wie auch an den weiter östlich gelegenen - marschierten sowjetische Truppen, die in der DDR stationiert waren, in die CSSR ein, die DDR-Truppen biwakierten im grenznahen Bereich, an meinem Abschnitt im Erzgebirge.
SPIEGEL: War der Beschluß, die Deutschen nicht mit einmarschieren zu lassen, in Moskau oder in Berlin gefaßt worden?
SINDERMANN: In Berlin und in Moskau.
SPIEGEL: Und warum?
SINDERMANN: Wären die deutschen Truppen mit einmarschiert und wäre es zu Kämpfen gekommen, hätte sich im tschechoslowakischen Volk angesichts der Erinnerung an den Einmarsch der Wehrmacht 1938/39 ein Deutschenhaß ohnegleichen entwickelt. So blind wir auch sonst in vielem waren, das wenigstens haben wir damals richtig gesehen.
SPIEGEL: Als Sie nach Berlin gingen und, nach kurzer Übergangszeit, der dritte Regierungschef der DDR nach Grotewohl und Stoph wurden, erfüllte sich die Hoffnung vieler DDR-Bürger nicht, daß Sie, wie vorher im Bezirk Halle, nun auch in der DDR insgesamt vieles verbessern würden. Und vor allem ist es auch Ihnen als Regierungschef nicht gelungen, das System zu reformieren. Warum nicht?
SINDERMANN: Wir sind keine Helden gewesen, die gekämpft haben bis zum Äußersten, und ich war auch nicht der Wirtschaftsfachmann, für den mich viele im Westen hielten.
Aber auch wenn ich mehr gewagt und von der Wirtschaft mehr verstanden hätte, wäre es schwer gewesen, das ganze System zu ändern, aus zwei Gründen:
Ich fand in Berlin eine riesige Bürokratie vor, der gegenüber sogar ich mir als Regierungschef beinahe wehrlos vorkam. Da war alles bis ins kleinste geregelt, das eine hing vom anderen ab, aber vieles klappte nicht, und keiner konnte sagen, warum nicht.
Vor jeder Sitzung des Ministerrates gab es einen Berg von Papier, mehrere hundert Seiten. Die durchzuarbeiten war niemandem möglich, aber in den Papieren hatten die Planungsbürokraten ihre Fallstricke ausgelegt. Ich ordnete an, daß keine Vorlage mehr als sieben Seiten umfassen dürfe. Aber das half auch nicht viel.
Der zweite Grund: Mittag wurde mein Erster Stellvertreter, zuständig für Wirtschaft. Auf ihn baute Honecker. Mein Freund Axen hatte mich gewarnt, ich sollte Mittag nicht als Stellvertreter akzeptieren. Aber ich hörte nicht auf ihn. Hätte ich gegenüber Honecker auf einem anderen Stellvertreter bestanden, hätte er sich wahrscheinlich für Mittag und gegen mich entschieden.
SPIEGEL: Sie blieben drei Jahre Regierungschef, dann wechselten Sie im Oktober 1976 in das Amt des Präsidenten der Volkskammer. War das Resignation?
SINDERMANN: Nein, ich von mir aus wäre Regierungschef geblieben, obwohl mir vieles nicht gefiel, auch die eisige Atmosphäre nicht, die mich nach den Jahren in Halle zunächst geschockt hatte. Zudem war ich von der Basis abgeschnitten. Ich konnte ja in keinen Betrieb mehr gehen, alle hätten schon stramm gestanden, bevor ich überhaupt losgefahren wäre, und umgeben von vier Leibwächtern kann man mit niemandem ein Gespräch unter vier Augen führen. Andere brauchten das nicht, ich vermißte es.
SPIEGEL: Wurden Sie gestürzt?
SINDERMANN: Ich hatte mich in Moskau dadurch unbeliebt gemacht, daß ich auf einer Tagung des RGW (des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe) etwas getan hatte, was dort völlig unüblich war. Ich hatte eine kritische Rede gehalten und über den Wasserkopf dieser Superbehörde und über allzuviel Leerlauf und Wirrwarr gesprochen.
Ob ich daraufhin in Moskau als Regierungschef unerwünscht war, weiß ich nicht. Der offizielle Grund für mein Ausscheiden war, daß Honecker Staatsratsvorsitzender werden wollte. Stoph mußte dieses Amt an Honecker abgeben, und da Stoph darauf bestand, wieder Regierungschef zu werden und auf dieses Amt ältere Rechte hatte als ich, wurde mein Vorgänger auch mein Nachfolger.
SPIEGEL: Sie wurden Präsident der Volkskammer - eines Parlaments, das keines war.
SINDERMANN: Soviel Kritisches man über die Volkskammer auch sagen kann, wir befaßten uns immerhin mit Gesetzen, die für das Leben in der DDR wichtig waren und deshalb sorgfältig vorbereitet wurden.
SPIEGEL: Wenn Sie zurückschauen, Herr Sindermann, gibt es irgendeinen Zeitpunkt, an dem die SED ihren Kurs unbedingt hätte ändern müssen?
SINDERMANN: Ja, im Jahr 1985, als Gorbatschow Generalsekretär wurde und sich abzeichnete, daß er einen neuen Weg gehen würde.
Wir im Politbüro haben damals allesamt seine große Vision nicht verstanden, sondern dogmatisch geprüft, ob das, was er ankündigte, mit dem Marxismus-Leninismus vereinbar sei. Wir hielten uns für klüger und befanden: Die Klassenlage ist anders.
SPIEGEL: Und Honecker ist bei dieser kritischen oder sogar negativen Einstellung zu Gorbatschow geblieben?
SINDERMANN: Bis zum Schluß. Gorbatschow hielt am 7. Oktober 1989, als er mit dem Politbüro tagte, eine Rede, die mich tief bewegte und wohl die meisten anderen Genossen auch. Völlig ohne Besserwisserei riet er uns, unsere Chancen zu nutzen, und dann sagte er auch den berühmten Satz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Honecker ging überhaupt nicht auf Gorbatschow ein, sondern schilderte die Erfolge der DDR und pries seinen 4-Megabit-Schaltkreis. Wir alle waren entsetzt, und mit eisigem Schweigen ging die Sitzung zu Ende. Danach waren wir uns einig: Honecker darf nicht Generalsekretär bleiben.
SPIEGEL: Von allen Kommunisten, die noch vor zwei, drei Jahren die Länder des Warschauer Pakts regierten, ist - von Jaruzelski mal abgesehen - nur Gorbatschow übriggeblieben. Wird er sich durchsetzen, oder wird er, wie die anderen, auch scheitern?
SINDERMANN: Ich hoffe sehr, daß er sich durchsetzt, und ich glaube daran.
SPIEGEL: Herr Sindermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Horst Sindermann *
genehmigte am Ostersonnabend, sechs Tage vor seinem Tode, das SPIEGEL-Gespräch: sein letztes Interview, das einzige autorisierte nach seinem Sturz.
Sindermann, der mit 74 Jahren starb, war 60 Jahre lang Kommunist, saß fast zwölf Jahre in NS-Zuchthäusern und -Konzentrationslagern, gehörte 26 Jahre dem Politbüro der SED an. Er war von 1973 bis 1976 als Ministerpräsident die Nummer zwei, danach bis zur friedlichen Revolution 1989 als Präsident der Volkskammer die Nummer drei der DDR.
Erich Honecker und Willi Stoph, die mit ihm 16 Jahre lang eine Führungs-Troika bildeten, haben ihn überlebt, aber nach ihrem Sturz bislang geschwiegen (außer bei Vernehmungen).
Anders als Honecker und Stoph, die immer nur in Berliner Zentralen tätig waren, hat Sindermann basisnah gearbeitet. 1945 begann er als Chefredakteur der Dresdner KPD-Zeitung, und vor seinem Aufstieg in die Regierung war er acht Jahre lang als Parteichef des Bezirks Halle der populärste SED-Funktionär mit einem "geradezu legendären Ruf in der DDR" (FAZ).
Überraschendes Detail des Gesprächs: Laut Sindermann war an dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts 1968 in die Tschechoslowakei die Nationale Volksarmee der DDR nicht beteiligt.
Den Einmarsch von DDR-Soldaten in die CSSR hatten damals viele westliche Zeitungen gemeldet, einige mit Details über Truppeneinheiten und -stärken. Es gibt nur wenige Fotos, noch dazu ohne Beweiswert: mit nicht identifizierbarem Hintergrund und ohne tschechoslowakische Bevölkerung.
Anders als in der Zeitschrift Volksarmee (die ein solches Foto veröffentlichte, siehe Seite 60), war im Ost-Berliner Neuen Deutschland seinerzeit mit keinem Wort von einem Einmarsch der DDR-Truppen die Rede, im Gegenteil: Scharf dementierte das damalige SED-Zentralblatt einen Welt-Bericht über NVA-Soldaten "in der Nähe von Karlsbad": "Die Reportage ist eine Räuberpistole."
Von Werner Harenberg

DER SPIEGEL 19/1990
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