09.04.1990

„Ich hätte mit dem Teufel paktiert“

SPIEGEL: Herr Vogel, der Freikauf von ostdeutschen Häftlingen gegen Westgeld soll, so der Vorwurf aus Ost-Berlin, nicht nur für das SED-Regime ein gutes Geschäft gewesen sein. Auch westdeutsche Politiker sollen daran verdient haben. Ist da was dran?
VOGEL: Ich halte das für eine Ente. Ich weiß aus eigener Wahrnehmung, daß daran nichts wahr sein kann. Bei den Freikäufen ist gar kein Geld geflossen. Bonn hat mit Waren bezahlt. Man hätte den Bestochenen Apfelsinen zustecken müssen. Wer will die schon im Westen? Außerdem machen doch Zuwendungen gar keinen Sinn. Warum? Wofür?
SPIEGEL: 1986 wurde der ehemalige Ministerialdirektor Edgar Hirt vom Landgericht Bonn zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er als für den Häftlingsfreikauf zuständiger Beamter mindestens drei Millionen Mark für eigene Zwecke verwendet haben soll. Kann es sein, daß das Ost-Berliner Bürgerkomitee seine Vorwürfe daraus ableitet?
VOGEL: Die haben wohl etwas durcheinander gebracht. Wie diese Freikäufe liefen, hat kaum einer gewußt. Da kursierten abenteuerliche Vorstellungen über Anwälte, die mit Geldsäcken über die Grenze gingen und ähnliche Geschichten. Über die Wahrheit kann man erst jetzt reden.
SPIEGEL: Wie lief der Handel Ost-Menschen gegen West-Ware wirklich ab?
VOGEL: Bis zur Amnestie 1987 wurden die Häftlinge mit Bussen an die Grenze gebracht. Die ersten drei Busse mit insgesamt 70 politischen Häftlingen fuhren am 14., 18. und 21. August 1964 aus der Haftanstalt Berlin-Rummelsburg über * Mit Redakteuren Ulrich Schwarz und Georg Bönisch in seinem Ost-Berliner Büro. Im Hintergrund das Gemälde "Ansicht von Venedig" des Dresdner Architekturmalers L. T. Choulant (1827 bis 1900). Wartha/Herleshausen nach Gießen; der letzte kam aus Karl-Marx-Stadt am 19. August 1987, kurz vor dem Honecker-Besuch in Bonn. Nach der Amnestie im Herbst 1987 haben wir umgestellt. Da fuhren keine Busse mehr, sondern die Mandanten kamen in Karl-Marx-Stadt in den Zug, in ein besonderes Abteil, und fuhren ins zentrale Aufnahmelager nach Gießen.
SPIEGEL: Wer bestimmte, wer aus dem ostdeutschen Knast freigekauft wurde und wer nicht?
VOGEL: Am Anfang waren es durchweg Hochbestrafte, auch Lebenslängliche, aus der Zeit des Kalten Krieges, Mitglieder der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, der Vereinigung freiheitlicher Juristen, des Ostbüros der SPD et cetera. Die entsprechenden Namenslisten hatte Ministerialrat Ludwig Rehlinger mit seinem Staatssekretär Krautwig vom Innerdeutschen Ministerium abgestimmt und danach dem West-Berliner Rechtsanwalt Stange und mir übergeben. Vorausgegangen war ein Gespräch, das ich im Auftrage des DDR-Generalstaatsanwalts Josef Streit mit dem damaligen Minister für gesamtdeutsche Fragen, Erich Mende, im Bundeshaus in West-Berlin führte. Weil meine Seite die vereinbarte Diskretion aufgrund einiger Pressemeldungen nicht eingehalten sah, sollte die Entlassungsaktion für etwa 800 politische Häftlinge nicht fortgesetzt werden. Daß es dennoch weiterging, dabei war unter anderem Axel Springer sehr hilfreich.
SPIEGEL: Und später, als der Kalte Krieg zu Ende war?
VOGEL: Die Listen wurden zwischen den Bonnern und unseren Behörden abgestimmt, oft dauerte es Jahre, bis einer auf die Liste kam. Bei uns gab es da eine Kommission, bestehend aus Mitarbeitern des MfS, des Innenministeriums und Staatsanwälten. Wenn man einen Häftling strich, setzten ihn die Bonner und wir Anwälte beim nächsten Mal wieder drauf.
Druck machten vor allem die Angehörigen. Mein Wartezimmer war täglich voll, bis zu 100 Leute. Bei den Verurteilten hatte sich im Lauf der Jahre der Freikauf als Variante, aus der DDR herauszukommen, allgemein herumgesprochen. Die fragten oft schon gleich nach dem Urteil: Wann werde ich denn freigekauft.
SPIEGEL: Herr Vogel, wie vielen haben Sie seit 1964 rausgeholfen, wie sieht die Gesamtbilanz aus, wenn man im Zusammenhang mit Menschen überhaupt von Bilanz reden darf?
VOGEL: Das ist eine schöne menschliche Formulierung. Ich hab' mich auch die ganzen Jahre gewunden wie ein Aal, wenn vom Preis die Rede war. Ich konnte dieses Wort "Preis" nicht verkraften. Ich habe auch nie verkraftet, wenn die draufgeschrieben haben: Transport. Da hab' ich immer so die Erinnerung gehabt an Viehwagen. Ich hab' immer gesagt: die Busfahrten statt Transport.
Ich allein konnte nicht heraushelfen. Das war ein Zusammenwirken von Beamten und Rechtsanwälten aus Ost und West. Die Herren im Bundeshaus in West-Berlin spielten dabei eine sehr entscheidende Rolle. Und es gab nicht nur die Rechtsanwälte Stange und Vogel. * 1977 auf dem Weg von Karl-Marx-Stadt zum Grenzübergang Wartha/Herleshausen. Unsere Berufskollegen in der Rechtsschutzstelle des Innerdeutschen Ministeriums haben sich außerordentlich verdient gemacht.
SPIEGEL: Und wie sah die Bilanz in nüchternen Zahlen aus?
VOGEL: Von 1964 bis November 1989 sind im Wege des Freikaufs über 33 000 politische Häftlinge in die BRD freigekommen. Doch das war nur ein Teil meiner Aufgaben. Ich habe außerdem an über 250 000 Familienzusammenführungen mitgewirkt und beim Austausch von Agenten zwischen Ost und West. In Erinnerung habe ich circa 150 Austauschfälle, bilateral und multilateral. Hinzu kommen auch noch die Zufluchtsfälle in den diplomatischen Einrichtungen der BRD.
SPIEGEL: Die SED hat den Häftlingsfreikauf als höchst willkommene Einnahmequelle genutzt. Wurden, wenn das Westgeld für begehrte Waren knapp war, mehr DDR-Bürger eingebuchtet?
VOGEL: Diese Frage ist oft gestellt worden. Verneinen müßten sie die Justizorgane, die nämlich oft vom Freikauf gar nichts wußten. Es war ja gar nicht vorhersehbar, welche Fälle für den Freikauf vereinbart werden. Das ergaben erst die Verhandlungen nach rechtskräftiger Verurteilung. Die Entscheidung, welche Mandanten einbezogen wurden, trafen allein die Mitarbeiter im Innerdeutschen Ministerium. Herr Staatssekretär Walter Priesnitz, als Nachfolger von Ludwig Rehlinger, hat im besonderen auf diese Handhabung und darauf geachtet, daß nur rein politische Fälle einbezogen wurden.
Es gab wohl Mandanten, die es von sich aus darauf anlegten, ins Gefängnis zu kommen, weil sie hofften, dann schneller in den Westen freigekauft zu werden. Die haben sich - zum Beispiel - gesagt, jetzt bist du zum 25. Mal bei der Abteilung Inneres mit deinem Ausreiseantrag rausgeflogen. Dann gingen sie - solche habe ich oft verteidigt - mit dem Ausweis zum Übergang Friedrichstraße, sagten einfach, ich will rüber, und warteten, daß sie verhaftet wurden. Das hat meist auch geklappt.
SPIEGEL: Der Knast als Hoffnung, ein Zeichen, wie verhaßt das SED-Regime seinen Bürgern war.
VOGEL: Wir Anwälte haben das sehr direkt zu spüren bekommen. Wenn wir vor Gericht für eine Ordnungsstrafe plädierten, haben uns diese Mandanten ernste Vorhaltungen gemacht, weil sie ins Gefängnis wollten. Die Mandanten haben das kalkuliert in den letzten Jahren. Aber daß die Justiz, die Richter, die Staatsanwälte oder die Sicherheitsleute kalkuliert haben, für den krieg' ich 96 000 West-Mark von Bonn - das schließe ich aus.
SPIEGEL: Auch daß der oberste Devisenbeschaffer der SED, der Leiter der Abteilung "Kommerzielle Koordinierung" (Koko) Alexander Schalck-Golodkowski, Anweisung gab: Es ist ein strenger Winter, wir brauchen dringend Kohlen, verhaftet mal 100 Leute?
VOGEL: Da hätte ja Schalck die Leute aufsammeln müssen. Nein, wirklich, der Verdacht der Manipulation hat sich nicht bestätigt. Das Innerdeutsche Ministerium hat in dieser Sache auch recherchiert. Sie sollten dort nachfragen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte Schalck-Golodkowski denn beim Freikauf?
VOGEL: Über ihn und seine Mitarbeiter lief das Finanzielle. Koko erhielt vom Diakonischen Werk in Stuttgart die ausgehandelten Gegenleistungen in Form von Gutschriften für Handelsverträge. Wie das im einzelnen lief, das ging mich nichts an.
SPIEGEL: Aber Sie wußten davon?
VOGEL: Ich weiß heute mehr, als ich damals wußte.
SPIEGEL: Was kaufte Schalck denn für die Bonner Gutscheine ein? Erdöl oder bestimmte Edelmetalle etwa, die Ost-Berlin dringend brauchte?
VOGEL: Ja. Erdöl, Industriediamanten, Kupfer, auch Konsumgüter.
SPIEGEL: Was zum Beispiel?
VOGEL: Versorgungsengpässe der Bevölkerung wurden durch die Freikäufe beseitigt, etwa zu Weihnachten. Die erste Gutschrift 1964 ist für Apfelsinen verwendet worden. Danach hießen Stange und ich die Apfelsinenjungs. Zuletzt, ganz kurz vor der Wende, ging es ebenfalls um Südfrüchte. Die Bundesregierung hat diese Lieferungen immer als zusätzliche innere Rechtfertigung für die Freikäufe gesehen. Es ist immer wieder gesagt worden: Auf diese Weise helfen wir den Menschen in der DDR.
SPIEGEL: In die Freikäufe eingeschaltet waren beide Großkirchen. Warum benutzte das atheistische SED-Regime für seine Geschäfte als Mittler ausgerechnet Institutionen, die den Genossen eigentlich zuwider waren?
VOGEL: Es war die einfachste Möglichkeit. Die Kirchen waren verschwiegen, nicht korrupt und besaßen Ansehen auf beiden Seiten. Die Kirchen hatten sich untereinander abgestimmt. Im Auftrag des Berliner evangelischen Bischofs Scharf suchte mich am 21. Juni 1962 der West-Berliner Rechtsanwalt Reymar von Wedel auf. Das war eigentlich die Geburtsstunde der organisierten Hilfe für politische Häftlinge. Auf katholischer Seite waren damals der Prälat Johannes Zinke und sein Caritasdirektor Heinz Thiel dabei. Prälat Zinke nannten wir den Mauersegler, weil er immer unter der Kutte die Listen mitgebracht hat.
SPIEGEL: Warum haben die Kirchen bei dem Menschenhandel mitgemacht - aus reiner Nächstenliebe? Oder gab es auch materielle Motive?
VOGEL: Das ist völlig ausgeschlossen. Die Kirchen haben sich ausschließlich aus ihrer Fürsorge für die Bedrängten und in Konflikt Geratenen eingesetzt. Sie haben keinerlei Vorteile von ihrer Vermittlerrolle gehabt.
SPIEGEL: Und was hat der Anwalt Vogel an den Freikäufen verdient?
VOGEL: Also, ich werde Ihnen natürlich nicht meine Buchhaltung vorlegen. Nichts wäre eine Lüge; wenn ich viel sage, bedarf das der Erläuterung, weil meine Tätigkeit als Anwalt insgesamt gesehen werden muß. Ich war nicht nur Anwalt für diese besonderen Aufgaben, die mir allerdings einen großen Bekanntheitsgrad und daher sehr viel lohnende Mandate, und zwar aus aller Welt, eingebracht haben. Nicht nur Strafsachen, sondern auch handelsrechtliche mit hohen Streitwerten. Für die Verhandlungen von Freikäufen, Austausch, Familienzusammenführungen habe ich aber keine Honorare erhalten. War ich für Betroffene im einzelnen Verfahrensmandat - und das ist überwiegend der Fall gewesen -, dann habe ich natürlich Honorar bekommen. Wie sonst sollte ich meine Praxis mit 20 Mitarbeitern und einem aufwendigen Bürobetrieb unterhalten? Die Masse der Fälle hat mir eine Vielzahl an Einzelhonoraren eingebracht. Das war legitim. * Mit Franz Josef Strauß anläßlich der Leipziger Herbstmesse 1985 auf dem Leipziger Flughafen.
SPIEGEL: Ihre Mandanten zahlten in Ost. Sie haben aber doch auch Westgeld verdient. Vor Ihrem Haus steht ein Daimler . . .
VOGEL: . . . überwiegend kamen meine Mandate und somit auch meine Einzelhonorare aus dem Westen.
SPIEGEL: Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Job gekommen?
VOGEL: 1962 ist Josef Streit, damals ein sehr enger Bekannter und später ein Freund von mir, Generalstaatsanwalt der DDR geworden. Sein Bild hängt heute noch vor meinem Schreibtisch, und da wird es auch hängen bleiben. Zwischen Streit und mir bestand immer ein Vertrauensverhältnis. Er war auf der DDR-Seite für den Agentenaustausch des in der Sowjetunion einsitzenden amerikanischen U-2-Piloten Gary Powers gegen den in Amerika zu 30 Jahren verurteilten Moskauer Spion Oberst Abel zuständig und hatte mir das Mandat erteilt, den Austausch mit zu arrangieren. Das war 1962 der Anfang meiner sogenannten Karriere. Streit hatte eine sehr enge Beziehung zu Erich Honecker. Aus diesem Mandat sind meine späteren Vollmachten zu erklären.
SPIEGEL: Von 1977 an lag der Freikaufswert eines Häftlings bei exakt 95 847 D-Mark. Wie errechnete sich der deutschdeutsche Wert eines Menschen?
VOGEL: Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Ich habe immer nur vermittelt und nie errechnet. Das haben Haushaltsexperten getan, und zwar auf beiden Seiten. Wie diese krumme Summe zustande gekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Aus dem Verhältnis einer bestimmten Gesamtsumme für eine Liste zu der darauf vermerkten Anzahl von Personen hatte sich wohl mal ein Einzelbetrag ergeben, der dann immer wieder zugrunde gelegt worden ist, und meine Seite war nie bereit, herunterzugehen.
Irgendwann sind wir auf die Summe 96 000 gestoßen. Ich hab' in Erinnerung, daß damals einer der Beteiligten gesagt hat, die müssen wir irgendwann krumm machen, damit das nicht so wie Pro-Kopf-Preis aussieht. So mag das zustande gekommen sein.
SPIEGEL: Der Ursprungspreis war 47 000 . . .
VOGEL: . . . Nein, 40 000 . . .
SPIEGEL: . . . der galt bis 1977. Dann wurde er mehr als verdoppelt. Wegen der Inflation?
VOGEL: Ursprünglich gab es gestaffelte Berechnungen. Für Hochbestrafte, für Lebenslängliche wurde mehr berechnet. Das war furchtbar, dazusitzen und auszurechnen, wieviel Strafrest noch zu bezahlen war, so kaufmännisch. Es war vor allem Rehlinger, der gesagt hat, das machen wir nicht mehr mit, wir müssen uns auf eine Pauschalsumme einigen. Und weil zugelegt werden mußte für die Minderbestraften, sind wir auf eine Durchschnittszahl gekommen.
SPIEGEL: Im Westen wurde stets kolportiert, der Preis bestimme sich nach der Ausbildung. Ein Arzt kostet 200 000, ein Arbeiter 40 000 Mark.
VOGEL: Das stimmte nie. Es ging nach der Strafhöhe.
SPIEGEL: Wer hat sich diese Hitliste ausgedacht?
VOGEL: Das weiß ich nicht mehr. Die Anwälte waren es sicher nicht.
SPIEGEL: Gab es in der SED-Führung moralische Skrupel gegen den staatlichen Menschenhandel? Haben Sie bei den Bonnern je Bedenken gespürt?
VOGEL: Die Motive für den Freikauf waren auf beiden Seiten unterschiedlich. Aus der Bundesrepublik kam humanitäre Hilfe für Menschen, die unter der Teilung zu leiden hatten. Außerdem sollte Transparenz der Mauer und Grenzen erreicht werden. Man hatte zur humanitären Hilfe durch materielle Gegenleistungen bis zur Wende keine Alternative. Es gab keine andere Möglichkeit.
Für die DDR waren zwei vielleicht gleichrangige Überlegungen für die Freikaufpraxis maßgebend. Erstens brauchte man ein Ventil, um Ruhe im Inneren und vor allem an der Grenze zu gewährleisten. Denn jeder, der eingesperrt war, der nicht rüberkam, sondern wieder zurück, hat ja einen neuen Fluchtversuch unternommen. Zweitens haben die Mächtigen, die dafür geradezustehen hatten, die Gegenleistung immer als Ausgleich für Ausbildungskosten, namentlich für Akademiker, und für die vielen verlorenen Facharbeiter verstanden. Was man von Staats wegen investiert hatte, sollte wieder reinkommen.
SPIEGEL: Also spielte die Ausbildung beim Preis doch eine Rolle.
VOGEL: Das mag bei den Überlegungen, die Freikaufsumme anzuheben, eine Rolle gespielt haben. Aber wahrscheinlich hat man sich gescheut, das so offen zu sagen.
SPIEGEL: Sie kennen Erich Honecker gut. Ist dem SED-Chef nie der Gedanke gekommen, daß der Menschenhandel mit Häftlingen die internationale Reputation der DDR lädiert?
VOGEL: Nein, ich hab' das bei Honecker kaum erlebt. Unsere Diplomaten und im Westen herumreisende Politiker haben stets das Gegenteil berichtet: Im Ausland werde dieses humanitäre Ventil begrüßt. Auch in den westlichen Medien hat es nie negative Kommentare gegeben . . .
SPIEGEL: . . . weil niemand sich dem Vorwurf aussetzen wollte, er habe ein Schlupfloch verschüttet. * Übergabe des sowjetischen Dissidenten Anatolij Schtscharanski (Mitte, mit Fellmütze) an den US-Botschafter in Bonn Richard Burt (rechts neben Schtscharanski) am 11. Februar 1986, links neben Schtscharanski Staatssekretär Ludwig Rehlinger. Schtscharanski kam im Zug eines Agenten-Tausches frei.
VOGEL: Darum hat wohl auch nie einer Honecker gesagt: Was machst du denn da?
SPIEGEL: Dem SED-Regime haben die Freikäufe dennoch den Ruf der Menschenverachtung eingetragen.
VOGEL: Die Verachtung galt dem Verhaften und Verurteilen aus politischen Gründen an sich. Daß man danach Wege suchte, das Elend zu mildern, das ist nie beanstandet worden. Ob der Grundlagenvertrag 1972 zustande gekommen wäre, hätten 3000 oder 4000 politische Häftlinge eingesessen, darüber sollte man nachdenken. Außerdem: Ohne Ausweg für die Mandanten wäre gewiß viel öfter an den Grenzen geschossen worden. Sie hätten ihr Ziel Westen nie aufgegeben.
SPIEGEL: Aber die DDR hat Landeskinder verkauft.
VOGEL: Finden Sie nirgendwo beanstandet. Schlagen Sie nach! Im Gegenteil: Honecker wurde noch bestärkt durch die zahllosen westlichen Politiker, die bei ihren Besuchen in der DDR stets Listen mit humanitär besonders prekären Fällen überreichten.
SPIEGEL: Der Staatsratsvorsitzende fühlte sich, ganz im Stil absolutistischer Fürstenherrlichkeit, geschmeichelt?
VOGEL: Die Besucher waren noch gar nicht richtig weg, da hielt hier vor meinem Büro schon ein Wagen mit der Liste. In letzter Zeit war es so, daß er etwa zu seinen Gesprächspartnern auf der Leipziger Messe sagte: Die geben Sie mal gleich Herrn Vogel. Am meisten hat übrigens in humanitären Fällen außer Herbert Wehner der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel getan. Auch Oskar Lafontaine und Johannes Rau waren sehr hilfreich.
SPIEGEL: Gab es auch Freikäufe des SED-Staats an privat?
VOGEL: Ja, in Ausnahmefällen, wenn auf der staatlichen Schiene nicht geholfen werden konnte. Dann hatten wir Anwälte keine andere Wahl. Wenn es etwa um Zoll- und Devisenvergehen oder um gemischte Tatbestände ging, wie zum Beispiel Betrug und danach Republikflucht. Dann hat Bonn gesagt, den beziehen wir nicht in die Freikäufe ein. Bonn hat nur Politische übernommen.
SPIEGEL: Dann hat ein Privatmann das Geld bezahlt?
VOGEL: Ja, an einen Anwalt drüben. Der überwies an mich, und ich leitete das Geld an Koko weiter.
SPIEGEL: Sind die Summen pro Kopf identisch mit denen, die Bonn amtlich gezahlt hat?
VOGEL: Nein, das war unterschiedlich, aber darüber kann ich keine Auskünfte geben, ich bin Mandanten gegenüber zum Schweigen verpflichtet.
SPIEGEL: Wie viele Privatfälle haben Sie gemakelt?
VOGEL: 20, schätze ich.
SPIEGEL: Und Ihre Behörden haben das ohne weiteres mitgemacht?
VOGEL: Das war denen egal. Hauptsache, die Gegenleistung kam.
SPIEGEL: Hat es mehr als 20 Anträge auf Privatfreikäufe gegeben?
VOGEL: Es hat mehr Anträge gegeben, nicht immer wurden sie genehmigt.
SPIEGEL: Nach welchen Kriterien entschied Ost-Berlin, ob einer auf diese Weise in den Westen durfte oder nicht?
VOGEL: Vorrangig ging's durch, wenn einer Beziehungen hatte. Es gab auch Fälle, an denen die Kirche interessiert war.
SPIEGEL: Sie waren nicht nur bei Freikäufen, sondern auch bei den Familienzusammenführungen auf enge Zusammenarbeit mit der Stasi angewiesen. Wie eng waren diese Kontakte?
VOGEL: Es waren Verhandlungen und Kontakte nicht nur mit dem Generalstaatsanwalt, dem Innenministerium und dem Außenministerium, sondern auch mit den für den Strafvollzug und Ausreisen zuständigen Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit erforderlich. Für den Austausch von Agenten war die persönliche Zustimmung von Minister Mielke unabdingbare Voraussetzung. Wer diese Kontakte im nachhinein beanstanden möchte, der sollte sich alles, was durch die besonderen Bemühungen erreicht werden konnte, wegdenken. Ich habe keinen Häftling erlebt, der es abgelehnt hätte, den "Wunderbus" nach Gießen, so wurde er genannt, zu besteigen. Hinterher waren es viele, die verächtlich von Menschenhandel gesprochen haben.
SPIEGEL: Hat Ihnen die Stasi, ähnlich wie Ihrem Kollegen Wolfgang Schnur, nie unsittliche Anträge zu fester Mitarbeit gemacht?
VOGEL: Nein, das haben sie nicht gemacht, aber sie haben versucht, von mir Zugeständnisse zu bekommen, die ich nicht verantworten konnte. Dann habe ich eben nein gesagt. Wo meine Hemmschwelle war, da habe ich mich behaupten können.
SPIEGEL: Zugeständnisse welcher Art?
VOGEL: Die Stasi hat etwa wissen lassen bei bestimmten Mandanten: Wir hätten's ganz gern, wenn der nach drüben verschwindet.
SPIEGEL: Zum Beispiel im Fall des Liedermachers Stephan Krawczyk, der im Zusammenhang mit der Rosa-Luxemburg-Demo im Januar 1988 verhaftet worden war?
VOGEL: Ja. Und da hab' ich gesagt: Nur, wenn hundertprozentig gewährleistet ist: erstens, zweitens, drittens - Nachzug der Kinder et cetera.
SPIEGEL: Der Fall Schnur hat die gesamte Anwaltschaft der DDR unter Ver* 1986 in Honeckers Residenz Schloß Hubertusstock. dacht gebracht. Fürchten Sie, daß auch auf Sie irgendwann der Schatten der Vergangenheit fällt?
VOGEL: Die Anwaltschaft ist pauschal nicht verdächtigt worden. Ich glaube, hier ist man allmählich auch öffentlich in der Lage zu differenzieren. Zunächst ist jeder in die Ecke gestellt worden, der nur mal da an diesem Ministerium vorbeigegangen ist. Aber jetzt beginnt man zu differenzieren. Es kommt eben darauf an, wer warum und wofür Kontakte hatte. Beim Anwalt: für oder gegen den Mandanten.
SPIEGEL: Nicht alle Ihre Landsleute denken so differenziert. Inzwischen wird gefordert, alle 400 Volkskammerabgeordneten zu durchleuchten, ob sie jemals für die Stasi tätig waren.
VOGEL: Bislang beziehen sich die Verdächtigungen als Quelle lediglich auf Hinweise und Berichte von ehemaligen MfS-Mitarbeitern, die vielleicht auch gar keine waren. Das ist eine dubiose Beweislage.
SPIEGEL: Halten Sie's trotzdem für richtig, den Verdächtigungen nachzugehen?
VOGEL: Ich glaube, es gibt keinen anderen Weg. Wer in die Ecke gestellt wird, der muß sich erklären. Der muß sich nicht gefallen lassen, was nicht stimmt. Das darf aber auch nicht zu einer Umkehr der rechtsstaatlichen Beweislast und nicht zu Vorverurteilungen führen.
SPIEGEL: Sie haben durch die Wende gewissermaßen Ihre Existenzgrundlage verloren. Was macht der Anwalt Wolfgang Vogel jetzt?
VOGEL: Es sind andere Mandate, die mir zahlreich angetragen werden. Ich will aber nur noch einige besonders interessante übernehmen, im übrigen ein Buch über die Anwälte in der Zeit der Mauer schreiben. Ich werde 65, das reicht. Was bleibt noch? Mir fällt es nicht schwer aufzuhören.
SPIEGEL: Würden Sie, wenn Sie die Wahl hätten, Ihren Job noch mal machen?
VOGEL: Heute werde ich wegen meiner Nähe zu Erich Honecker mit dem ganzen Regime identifiziert. Es schmerzt mich sehr, daß meine Tätigkeit mit solchen Klischees verdunkelt werden soll. Das dürfen Sie mir glauben. Ich komme damit zurecht, wenn ich mir ansehe, was in diesen 36 Jahren meiner anwaltlichen Tätigkeit eben doch im Zusammenwirken mit meinen Mitstreitern aus Ost und West erreicht werden konnte.
Wenn Sie mich fragen, hätten Sie das alles noch mal gemacht, dann sage ich: Ja. Und wenn ich keine andere Möglichkeit gehabt hätte, ich hätte auch mit dem Teufel paktiert, wenn ich nur keiner werden mußte. Mein Ziel war stets die Hilfe für die Bedrängten. f *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Wolfgang Vogel *
war fast 30 Jahre lang Ost-Berlins Unterhändler fürs Humanitäre. Der DDR-Anwalt makelte bis zur Wende beim Agentenaustausch ebenso wie beim Bonner Freikauf von 33 000 Häftlingen aus DDR-Knästen. Vogel, 64, half mehr als 250 000 DDR-Bürgern legal in den Westen und betätigte sich in heiklen deutsch-deutschen Phasen als Kurier Erich Honeckers zur Bundesregierung. Der Katholik und SED-Mann besaß nicht nur das uneingeschränkte Vertrauen des SED-Chefs, auch die Bonner schätzten den Anwalt als integren und zuverlässigen Partner.
Von U. Schwarz und G. Bönisch

DER SPIEGEL 15/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich hätte mit dem Teufel paktiert“

  • Mordversuch an jungem Syrer: "Ich dachte das ist mein letzter Tag"
  • Naturphänomene: "Umgedrehter Regenbogen" und "Nebensonne" gefilmt
  • Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald
  • Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne