15.01.1990

„Ich habe Lust zu schreiben“

DDR-Minister Dietmar Keller über die neue Kulturpolitik der SED
Dietmar Keller amtiert seit zwei Monaten als Kulturminister der DDR. Der in Chemnitz geborene Arbeitersohn blickt auf eine makellose Laufbahn in Partei und Gewerkschaft zurück. Nach dem Studium an der Leipziger Karl-Marx-Universität wurde er Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus, machte aber gleichzeitig Karriere in der SED. 1982/83 studierte Keller, 47, in Moskau bei dem Reformer Medwedew an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften. In seine Zuständigkeit fallen die vier wichtigsten Bühnen der DDR, die Berliner Museen sowie alle Verlage, soweit sie sich in SED- oder parteinahem Besitz befinden. Als Minister verfügt er aber auch über die Papierzuteilung für die volkseigenen Verlage und bestimmt damit letztlich, was auf dem Buchmarkt der DDR erscheint.
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SPIEGEL: Herr Keller, in einer Diskussion mit Wolf Biermann haben Sie gesagt, daß die DDR jetzt neue Männer brauche. Wie taufrisch sind Sie selber?
KELLER: Über sich selber zu sprechen ist immer kompliziert. Ich glaube, daß ich während meiner Tätigkeit hier im Ministerium - viereinhalb Jahre als stellvertretender Minister und ein Jahr als Staatssekretär - viele Erfahrungen gesammelt habe, die man, wenn man Regierungsverantwortung für ein ganzes Land trägt, dringend braucht. Insofern fühle ich mich auf die Tätigkeit einigermaßen gut vorbereitet, und ich fühle mich auch im Kopf ziemlich frisch, weil ich Spaß am Denken und an der wissenschaftlichen Arbeit habe.
SPIEGEL: Wenn man sich Ihre Vita anschaut, so ist die bewundernswert gradlinig. Im Grunde sind Sie doch eher ein Parteisoldat, der auch ohne Wende Kulturminister geworden wäre.
KELLER: Das ist möglich, und ich halte das nicht für einen Negativsaldo.
SPIEGEL: Sie sind von Beruf Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus. Das klingt nicht gerade sehr kunstsinnig.
KELLER: Nein. Im Prinzip habe ich Geschichte studiert, aber nach der Planung sollten wir im Bereich des allgemeinen Grundlagenstudiums an den Universitäten und Hochschulen eingesetzt werden. Ich sollte Vorlesungen und Seminare zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung halten.
SPIEGEL: Worüber haben Sie denn promoviert?
KELLER: Über Probleme der Entwicklung der Wirtschaftsdemokratie von 1945 bis 1952 hier in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. Ich habe also keinerlei Ausbildung in einer der Kunst nahestehenden Disziplin, sondern ich habe mir das Schritt für Schritt mühsam erarbeiten müssen.
SPIEGEL: Aber Sie sehen sich für die Kunst qualifiziert?
KELLER: Wissen Sie, ich bin nicht Minister für Kunst, sondern ich trage Verantwortung für 25 000 professionelle Künstler. Ich trage aber vor allem Verantwortung für das kulturelle Niveau dieses Landes, das von mehr als 15,5 Millionen Bürgern bewohnt wird.
SPIEGEL: Wenn Sie das ehrenvolle Wort "Verantwortung" benutzen, fragt man sich, wie die von Ihnen gewünschte Liberalisierung der Kunstszene aussehen wird. Heißt das, daß die Ihnen anbefohlenen Künstler in Zukunft am Hungertuch nagen müssen?
KELLER: Zunächst bleibt es dabei, daß dieses Ministerium Verantwortung dafür trägt, daß die kulturelle Grundversorgung der Menschen gesichert wird. Unabhängig davon, ob man an der untersten Grenze des Sozialeinkommens gewesen ist oder besser verdient hat - immer hat man die Möglichkeit gehabt, in jedes Theater, in jedes Konzert, in jedes Museum zu gehen, sich Bücher zu kaufen. Aber: Dieses Land muß sich überlegen, was es sich an Kunst und Literatur leisten kann und leisten muß.
SPIEGEL: Bisher wurde ja jedem Mitglied des Schriftstellerverbands vom Staat das Existenzminimum garantiert. Werden Sie denn in Zukunft jeden, der am Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig gelernt hat, wie man ein Sonett verfaßt, dem freien Markt aussetzen?
KELLER: Für die Mehrzahl der Absolventen des Literaturinstituts wäre es * In seinem Ost-Berliner Büro. Das Gespräch führten die Redakteure Rainer Pörtner, Rainer Weber und Willi Winkler. richtig, wenn sie in ihrem alten Beruf blieben. Trotzdem muß die Gesellschaft Bedingungen für den Autor schaffen, daß er schreiben, daß er sich qualifizieren kann, daß er reisen, daß er lesen kann.
SPIEGEL: Aber nicht mehr im bisherigen Ausmaß?
KELLER: Ich glaube nicht, daß wir so weiterfördern können wie bisher.
SPIEGEL: Bei dem gewaltigen Nachholbedarf an Konsumgütern stehen Sie doch vor der Aufgabe, den Leuten klarzumachen, daß Kunst und Kultur mindestens so wichtig sind wie ein Getto-Blaster und C & A-Jeans.
KELLER: Durch Anweisungen und Beschlüsse läßt sich das nicht lösen. Der Zugang zur Literatur erwächst aus der Gesamtheit der Arbeits-, Lebens- und Schaffensbedingungen der Menschen. Ein wichtiger Punkt dabei ist es, dafür Sorge zu tragen, daß die humanistische Bildung in allen Generationen wesentlich erweitert wird.
SPIEGEL: "Erweitert" ist gut: Bisher wurde nicht die humanistische Bildung, sondern der wissenschaftliche Sozialismus gefördert.
KELLER: Philosophie oder politische Ökonomie sind Bestandteil humanistischer Bildung, aber wir stellen mit großer Sorge fest, daß wir im Geschichtsbewußtsein Riesenlücken haben. Selbst ich erschrecke jeden Tag, wenn ich erfahre, was es in der Geschichte dieses Landes gegeben hat.
SPIEGEL: Sie sprechen jetzt aber von der jüngeren Geschichte . . .
KELLER: Ich meine nicht nur die jüngste Geschichte. Unser Geschichtsbild ist doch jahrelang davon geprägt worden, daß wir glaubten, die Geschichte bestehe aus Revolutionen. Im Prinzip haben wir uns mit der frühbürgerlichen Revolution beschäftigt . . .
SPIEGEL: . . . jetzt haben Sie eine an der Hacke.
KELLER: Daß es aber zwischen den Revolutionen Jahrhunderte evolutionärer Entwicklung gab, hat in unserer früheren Ausbildung kaum eine Rolle gespielt. Ich habe fast keine Ausbildung genossen in Geistesgeschichte; Religionsgeschichte gab's bei uns überhaupt nicht. Ich habe mit 35 Jahren zum ersten Mal die Bibel in die Hand genommen.
SPIEGEL: Haben Sie sie ganz gelesen?
KELLER: Ich habe mich durchgequält, aber Quälen ist schon wieder nur die halbe Wahrheit, weil ich wahnsinnig viel gefunden habe, Antworten auf viele Fragen, die mich bisher beschäftigt haben.
SPIEGEL: Werden die Kunststudenten denn jetzt von der Last des Marxismus-Leninismus-Studiums befreit?
KELLER: Ich kann mir vorstellen, daß an die Stelle der bisherigen Ausbildung Allgemeinwissen kommen müßte, vor allem Geistes-, Kunst- und Kulturgeschichte.
SPIEGEL: Das ist ein edles Vorhaben, doch in einem Programmentwurf Ihrer Partei ist nach wie vor die Rede von der Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft. Wann heißt es endlich: Die Kunst ist frei?
KELLER: Diesen Satz würde ich Ihnen sofort unterschreiben. Das ist meine persönliche Auffassung, und ich glaube, * Mit Georg Lukacs 1949 auf der Pariser Weltfriedenskonferenz. das ist auch die Auffassung der gesamten Modrow-Regierung. Ich fühle mich nicht verantwortlich für die Partei, sondern für dieses Koalitionsbündnis. Mein Parteigewissen beginnt nach der Arbeitszeit zu schlagen.
SPIEGEL: Wir haben nicht gerade den Eindruck, daß Sie furchtbar im Clinch mit Ihrer Partei lägen.
KELLER: Wissen Sie, diese Partei ist in einem wahnsinnigen Profilierungsprozeß. Sie ist auf der Suche nach neuen eigenen Positionen. Ich weiß, daß in vielen Parteiversammlungen, auch in Vorbereitung auf den letzten Parteitag, vieles, was ich in Interviews gesagt habe, von Genossen und Mitgliedern meiner Partei kritisiert worden ist. Ich bin nicht im Clinch mit dem Parteivorstand. Vielleicht hat der Parteivorstand im Augenblick andere Sorgen als das Kulturministerium.
SPIEGEL: Sind Sie ein autonomer Minister?
KELLER: Die Regierung ist einzig und allein der Volkskammer rechenschaftspflichtig, und unabhängig davon, wieviel Prozent die Volkskammer gewählt haben, fühle ich mich dem Wählerwillen verantwortlich.
SPIEGEL: Sie haben vor vier Wochen die Zensur abgeschafft. Was machen Sie jetzt mit Ihren arbeitslosen Zensoren? Der Zensor John Milton war immerhin im Nebenberuf Dichter, der hatte was Ordentliches gelernt.
KELLER: Das Ministerium steht vor dem gleichen Problem wie das ganze Land: Wir haben über unsere Kosten gelebt.
SPIEGEL: Wie viele Arbeitskräfte müssen Sie denn freisetzen?
KELLER: Ich habe keine Auflage bekommen. Am 4. November 1989, wenn ich das als Stichtag nehme, hatten wir 470 Planstellen. Wir rechnen damit, daß wir in den nächsten vier Wochen etwa 100 Planstellen einsparen.
SPIEGEL: Haben Sie einen Sozialplan?
KELLER: Nein, aber es gibt konkrete Vorstellungen zur sozialen Sicherung derer, die ausscheiden. Wir werden mit allen noch im Januar Gespräche führen, ihnen Überleitungsverträge vorschlagen. Sie werden Angebote bekommen für Arbeit im kulturellen Bereich. Bis April erhalten sie ihr Gehalt vom Ministerium.
SPIEGEL: Welche Aufgaben erfüllten sie denn bisher?
KELLER: Ein Teil war in der früheren Hauptverwaltung für Verlag und Buchhandel tätig und hat Manuskripte durchgearbeitet. Das brauchen wir nicht mehr.
SPIEGEL: "Durchgearbeitet" ist etwas schöner für "politisch bewertet", für genehmigt oder verboten.
KELLER: Genehmigt oder nicht genehmigt, so kann man es doch formulieren. Was bisher in einem Ministerium nicht genehmigt wurde, kann zwei Ursachen gehabt haben: einmal mangelnde Qualität - und das wollen wir bitte auch mit ins Kalkül ziehen -, und zum anderen politische Gründe. Dann ist es verboten. Ich möchte aber nicht jedes "Nein", das in der Hauptverwaltung gesprochen wurde, als politisches Verbot betrachtet wissen.
SPIEGEL: Aber wir wollten wissen, was alle diese Leute, die Manuskripte "durcharbeiteten", jetzt tun sollen. Was macht der Zensor diese Tage?
KELLER: Ich kann mir vorstellen, daß ein guter Zensor . . .
SPIEGEL: . . . endlich ist es raus!
KELLER: Ja, da müssen wir ja nicht drum herum reden - daß er Arbeit findet in einem Verlag . . .
SPIEGEL: . . . als Lektor?
KELLER: Als Lektor. Aber das ist schon nicht mehr meine Entscheidung, sondern die des Verlagsdirektors. Oder er muß eine andere Tätigkeit ausüben.
SPIEGEL: Der Leiter des Henschelverlages war bis zum 4. November 1989, dem Tag der ersten genehmigten Demonstration, ein aufrechter Stalinist. Nach dem 4. November tut er sich damit hervor, daß er einen Bildband über den 4. November herausbringt. Solche Leute kann man doch nicht weiterbeschäftigen.
KELLER: Ob der Henschelverlag mit Herrn Mittelstädt leben kann oder nicht, das muß der Henschelverlag entscheiden. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden.
SPIEGEL: Der Henschelverlag ist SED-Eigentum.
KELLER: Er ist SED-Eigentum . . .
SPIEGEL: . . . und die Partei kann offensichtlich mit ihm leben.
KELLER: Das ist eine Frage, die der Parteivorstand klären muß.
SPIEGEL: Mit der Delegierung solcher Entscheidungen delegieren Sie sehr elegant Verantwortung weg.
KELLER: Nein. Das war eine Forderung, die in der Revolution entstanden ist. Wir müssen jetzt sehr schnell sehr viel lernen. Beispielsweise, daß wir auch die Stellen der Verlagsleiter ausschreiben. Wenn ein Verlagsleiter nicht mehr den Wünschen und den Hoffnungen seines Kollektivs entspricht, muß er ersetzt werden.
SPIEGEL: Das ist das weitestgehende Modell von Mitbestimmung, von dem wir je gehört haben.
KELLER: Es ist die weitestgehende Öffnung, die es überhaupt gibt; aber ich fürchte, daß es nicht so bleiben wird. Wir müssen diesen demokratischen Lernprozeß, den Sie in vier Jahrzehnten ganz allmählich gemacht haben, in kürzester Zeit durchlaufen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung ist, wenn das Ministerium für Kultur sagt: Wir werden Verlagsleiter für große Verlage ausschreiben. Wir müssen's probieren.
SPIEGEL: Sie sprechen sehr viel von Glaubwürdigkeit. Wie radikal ist denn der Bruch mit der Vergangenheit dieses Ministeriums?
KELLER: Daß die demokratische Revolution von vielen Künstlern geistig über * Auf der Demonstration am 4. November 1989 am Alexanderplatz in Ost-Berlin. viele Jahre vorbereitet worden ist, ist nicht gegen das Kulturministerium, sondern mit seiner Hilfe möglich geworden.
SPIEGEL: Da hätten wir aber gern Beispiele.
KELLER: Ich bin fünfeinhalb Jahre verantwortlich gewesen für die Bildende Kunst in diesem Land. Unter meiner Verantwortung ist weder eine Ausstellung geschlossen noch ein Bild abgehängt worden. In diesem Ministerium sind viele Bücher unter Protest erschienen. Man muß dran erinnern, daß Volker Brauns "Hinze und Kunze" gegen großen Widerstand aufgeführt wurde und eine Rezension im Neuen Deutschland gehabt hat, in der dieses Stück verrissen worden ist.
SPIEGEL: Einer Ihrer Vorgänger auf diesem Stuhl war ein doch sehr angesehener Poet namens Johannes R. Becher. Vor kurzem wurde Walter Janka, der mit Hilfe Ihres Vorgängers zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist, rehabilitiert. Wird es denn jetzt eine Aufarbeitung beispielsweise der Rolle geben, die Herr Becher und die Schriftstellerverbandspräsidentin Anna Seghers bei dem Janka-Schauprozeß 1957 gespielt haben?
KELLER: Diese Aufarbeitung ist bereits im Gange. Ich glaube, daß es für Johannes R. Becher - ich kann seine Haltung menschlich weder gutheißen noch rechtfertigen - wichtig war, das kleinere Übel zu wählen, um größeren Schaden abzuwenden.
SPIEGEL: "Kleineres Übel" heißt in diesem Fall, jemand zu Unrecht ins Gefängnis zu schicken.
KELLER: Ja. Aber man darf nicht vergessen: Johannes R. Becher war in der sowjetischen Emigration gewesen. Er hat im Hotel Lux gewohnt, wo fast jede Nacht ein anderer abgeholt wurde. Er hat ja nicht umsonst in seinem Artikel in Sinn und Form davon gesprochen, daß im Prinzip alle die, die in diesem Haus gewohnt haben, erst nach drei Uhr eingeschlafen sind, weil sie Angst hatten, als nächste abgeholt zu werden. Wolfgang Harich hat für sich gesagt, wo er Hinweise für sein Verhalten bekommen hat. Es ist gut möglich, daß Johannes R. Becher ebenfalls zum Schweigen verpflichtet wurde. Ich will damit nichts von seiner Verantwortung wegnehmen. Aber ich glaube, daß man auch bei Johannes R. Becher historische Gerechtigkeit walten lassen muß.
SPIEGEL: Aber es müßte doch öffentlich erklärt werden, daß auch nach der Rede von Chruschtschow 1956 auf dem XX. Parteitag der Stalinismus in der DDR weiter herrschte.
KELLER: Der Stalinismus hat nicht nur nach 1956 bestanden. Der Stalinismus hat geherrscht bis zur demokratischen Revolution im Herbst 1989, auch wenn es ein Post-Stalinismus gewesen ist.
SPIEGEL: Noch mal zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Uns fallen zwei Bücher von ehemaligen Bürgern der DDR ein, die man hier veröffentlichen müßte: von Walter Kempowski "Im Block" und von Horst Bienek "Die Zelle", Bücher, die Haftverhältnisse von politischen Gefangenen beschreiben. Beide Autoren sind in politischen Prozessen verurteilt worden. Werden Sie dafür sorgen, daß diese literarisch doch nicht ganz unbedeutenden Bücher hier erscheinen?
KELLER: Ich glaube, da muß ich mich gar nicht drum kümmern. Wenn es die volkseigenen Verlage nicht in ihr Programm aufnehmen, werden es die neuen privaten Verlage tun. Ich bin überzeugt, daß die ganze Literatur, die uns verlorengegangen ist, weil sie nicht gedruckt wurde, in den nächsten Jahren auf dem Markt zu haben sein wird.
SPIEGEL: Wie viele Verlage sind denn parteieigen?
KELLER: Da müßte ich jetzt die Liste heraussuchen.
SPIEGEL: Der literarisch bedeutendste, der Aufbau-Verlag, gehört der SED. Vielleicht muß man erst mal fragen: Was ist denn volkseigen? Das kann soviel nicht sein; das meiste gehört ja der SED.
KELLER (geht zum Schreibtisch): Sie sehen, ich bin neu im Amt, ich hab' nicht alles im Kopf; aber irgendwo liegt's. Volkseigene Verlage sind: Staatsverlag, Volk und Wissen, Akademie-Verlag, Deutsche Zentralbücherei für Blinde, Verlag für Standardisierung und so weiter. Dann hat die Partei, also die SED-PDS, eine Reihe von Verlagen, und dann besitzen die LDPD, die CDU, die NDPD, der FDGB und der Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler einige Verlage.
SPIEGEL: Ist denn eine Kooperation SED/Bertelsmann denkbar, nachdem die SED Besitzer des Aufbau-Verlags ist und Bertelsmann deutliches Interesse an dem Verlag geäußert hat?
KELLER: Ich glaube, daß solche Möglichkeiten jetzt schon zur Disposition stehen.
SPIEGEL: Und die Gefahr, daß Bertelsmann, der ja nicht nur in Westdeutschland marktbeherrschend ist, den Buchhandel in der DDR aufkauft, sehen Sie nicht? Das Interesse an Bertelsmann-Büchern war in Dresden ja enorm.
KELLER: Ich habe erst aus der Presse erfahren, daß Bertelsmann dort aus dem Buchclub verkauft hat. Ja, ich sehe solche Gefahren.
SPIEGEL: Woran liegt es denn, daß sich 30 000 Dresdner bis zu acht Stunden lang anstellen, nur um ein Bertelsmann-Buch zu ergattern?
KELLER: So erstaunlich ist das gar nicht. Jedes Land hat seine eigene Buchstruktur. Der Import von Büchern ist bei uns in den letzten Jahren relativ gering gewesen. Natürlich kann ich mir vorstellen, daß ein Verlag wie Bertelsmann eine Reihe von Büchern hat, die ein echtes normales Käuferbedürfnis in unserem Land befriedigen.
SPIEGEL: Also nicht die DDR-Literatur ist langweilig, sondern die Bertelsmann-Produkte sind neu.
KELLER: Es gibt in der DDR-Literatur auch langweilige Bücher.
SPIEGEL: Namen, bitte!
KELLER: Ich werd' mich hüten.
SPIEGEL: Und wenn nun das Volk lieber Bertelsmanns Utta Danella und Konsalik lesen will und nicht so gern Christa Wolf oder Uwe Johnson - was machen Sie dann? Sind Sie dann auch Minister für Volksaufklärung und Propaganda in Kulturdingen?
KELLER: Ich sehe eine meiner Funktionen auch darin, Verantwortung zu tragen für Volksaufklärung. Deshalb sage ich ja: Ich kann mir im Augenblick nur sehr schwer vorstellen, daß ein volkseigener Verlag mit Kapitalbeteiligungen arbeitet. Wenn wir volkseigene Verlage haben, können wir durch Analysen, durch Aufklärung, notfalls auch durch Kaderveränderungen dafür sorgen, daß ein Verlagsprogramm in den volkseigenen Verlagen insgesamt entsteht, damit das, was ich eine breite humanistische Bildung genannt habe, nicht aufgegeben wird.
SPIEGEL: Den Ansturm von Konsalik nehmen Sie dann mißbilligend in Kauf?
KELLER: Ich werde ihn nicht verhindern können.
SPIEGEL: Das große Aufräumen beschränkt sich nicht auf Ihr Ministerium, es geht weiter in den Theatern. Die Schauspielerin Ursula Karusseit hat den Rücktritt aller Intendanten gefordert. Aber wo sollen die neuen Leute herkommen?
KELLER: Ich glaube, daß wir einem ganz normalen Wechsel an Funktionsträgern gegenüberstehen. Es sind verschwindend wenige Angebote, die mir von den befreundeten Parteien, aber auch aus der außerparlamentarischen Opposition vorliegen. Für dieses Haus ist völlig klar, daß alle Kaderentscheidungen in Zukunft ausschließlich nach Sach- und Fachkompetenz gehen.
SPIEGEL: Bisher hat die Partei entschieden, wer Intendant wird, jedenfalls an den führenden Theatern und Opern. Wer wird denn in Zukunft darüber entscheiden?
KELLER: Das Ministerium für Kultur ist im Prinzip nur noch zuständig für die vier Theater, die uns unterstellt sind, also die Deutsche Staatsoper, die Komische Oper, das Berliner Ensemble, das Deutsche Theater, und für die Berliner Museen, die ebenfalls dem Ministerium zugeordnet sind. Alle anderen Entscheidungen müssen vor Ort fallen.
SPIEGEL: Aber die Sach- und Fachkompetenz in den Kommunen ist eng mit der Partei verschwägert.
KELLER: Das ist im Augenblick richtig und wird sich nach dem 6. Mai ändern. Deshalb haben wir auch nicht alle Intendanzen gestellt. Dort, wo jetzt eine Änderung notwendig wird aus internen Gründen des Hauses oder aus Alters- oder Qualitätsgründen, schreiben wir aus. Der Mut, sich solchen Ausschreibungen zu stellen, ist allerdings relativ klein.
SPIEGEL: Sie erleben hier so etwas wie eine Künstler- und Intellektuellen-Feindlichkeit beim Volk. Damit stehen Sie blendend da: Sie stutzen einfach diesen privilegierten Quälgeistern ein bißchen die Privilegien.
KELLER: Nein. Das sind ja verschiedene Sachen, die ich auseinanderzuhalten bitte. Wir stutzen niemandem die Privilegien. Wer so dirigieren kann wie Herr Masur, wer so singen kann wie Herr Schreier, hat das Recht, so zu leben wie Herr Masur und wie Herr Schreier. Zweitens trifft es mich als Mensch wie als Funktionär, wenn ich sehe, daß der Kampf gegen Korruption und Mißbrauch von Macht in Intelligenzfeindlichkeit mündet. Ich werde mich mit meinem Kreuz und mit meiner Stimme vor alle Künstler stellen, weil alles, soweit ich weiß, auf gesetzlicher Grundlage erworbenes Eigentum ist. Wenn ein Künstler Millionär ist und alles ordentlich verdient hat, bleibt er Millionär. Und wenn er Angebote im Ausland zu phantastischen Bedingungen hat, werden wir überhaupt nicht daran denken, irgendwo irgend etwas abzuschneiden. Herr Masur verdient für ein Dirigat mehr als das Vierfache oder Fünffache seines Monatsgehalts als Leiter des Gewandhausorchesters.
SPIEGEL: Oder als ein Kulturminister.
KELLER: Ja, wenn ich so singen könnte wie Herr Schreier, würde ich nicht den Kulturminister machen. Ich verdiene im Vergleich zur Mehrheit des Volkes gut.
SPIEGEL: Was machen Sie denn, wenn Ihre Partei am 6. Mai nur drei Prozent bekommt?
KELLER: Dann werde ich meinen Koffer packen.
SPIEGEL: Und dann?
KELLER: Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, daß ich anfange, all das aufzuarbeiten, was ich über viele Jahre als Historiker zu Hause gesammelt habe. Ich habe Lust zu schreiben.
SPIEGEL: Über die Vergangenheit, also über die Geschichte der DDR?
KELLER: Über die Geschichte der DDR seit 1971, weil das der Punkt ist, wo ich glaube, daß ich ins bewußte politische Leben eingetreten bin, wo ich mich nicht nur auf die Quellen verlasse, sondern auch auf meine eigene Erfahrung. Ich glaube nicht, daß es streng wissenschaftliche Werke sein werden, sondern publizistische Literatur.
SPIEGEL: Also auch hier Volksaufklärung. Sie haben 1982/83 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau ein Aufbaustudium absolviert. Gab es da in Moskau schon Frühlingslüfte?
KELLER: Das war eine Fortbildung, wo führende Gesellschaftswissenschaftler der Akademie zum neuesten Forschungsstand gelehrt haben. Ich habe mir jetzt mal die Vorlesungsniederschriften rausgesucht und viele interessante Gesichtspunkte gefunden. Wenn Sie nach Frühling fragen - den gab's damals.
SPIEGEL: Und wo grünte es da?
KELLER: Ja, vor allen Dingen im Theater. Man darf ja nicht vergessen, das war die Zeit, als Gorbatschow Landwirtschaftssekretär war und das berühmte Landwirtschaftsplenum stattfand, was leider bis heute nicht verwirklicht ist. Das war die Zeit, als Gorbatschow Ideologie-Sekretär wurde und das Ideologie-Plenum stattfand, was erst verwirklicht werden konnte, als er Generalsekretär wurde. Ich habe meiner Frau jeden Tag einen Brief geschrieben und wollte das als Tagebuch veröffentlichen. Ich hab' mir dann aber gesagt, das nimmt mir keiner ab, daß man die Lage damals schon so eingeschätzt hat. Aber der Briefverkehr liegt noch vor.
SPIEGEL: Sind Sie 1983 als Gorbatschows Mann nach Ost-Berlin zurückgekehrt?
KELLER: Das sind geistige Dimensionen, die ich nie für mich in Anspruch nehmen möchte. Gorbatschow ist ein Mann für ein halbes Jahrhundert. Von Anfang an, spätestens seit dem Ideologie-Plenum, war er für mich ein Mann, der Maßstäbe gesetzt hat, der ein globales Denken entwickelte, was wir damals nicht einmal in Ansätzen hatten.
Ich habe vieles, was damals von sowjetischer Seite an Ideen geboren worden ist, für mich zum Maßstab auch meines Denkens und Handelns gemacht - natürlich auch erleichtert dadurch, daß meine Frau Kabarettistin ist und ihr Gegenstand immer der Konfliktstoff gewesen ist, der uns zu Hause beschäftigt hat.
SPIEGEL: Wollten Sie damals schon die Verhältnisse in der DDR ändern?
KELLER: Ja, das nehme ich für mich in Anspruch. Ein Mann wie Werner Lamberz hat 1976 bis 1978 geistige Dimensionen entwickelt, die, wenn sie in meiner Partei zum Tragen gekommen wären, verhindert hätten, daß sich die Parteispitze so konsequent gegen Perestroika und Glasnost stellte. Große Teile der Partei haben im Wissen, daß es eine falsche Politik ist, geschwiegen und versucht, auf kleiner Flamme im eigenen Verantwortungsbereich für sich Entscheidungen zu treffen, die einer neuen Politik nahekamen, ohne daß darüber laut gesprochen worden wäre.
SPIEGEL: Sie sind gebürtiger Karl-Marx-Städter . . .
KELLER: . . . Chemnitzer!
SPIEGEL: Wie bitte?
KELLER: Ich habe mich so viele Jahre gequält, wenn das Wort auf meine Heimatstadt kam, Karl-Marx-Stadt zu sagen. Jetzt habe ich mich so daran gewöhnt, daß ich nicht leichtfertig und schnell sage, es würde mir überhaupt nichts ausmachen, morgen wieder Chemnitz zu sagen.
SPIEGEL: Das war eine sehr dialektische Antwort. Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Rainer Pörtner, Rainer Weber und Willi Winkler

DER SPIEGEL 3/1990
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