16.10.1989

Verführt, verkauft, verbraucht

Das Elend der Kinderprostituierten in der Dritten Welt

Sie kommen aus armen Dörfern oder aus den Slums der Städte - in Brasilien, Kenia, Thailand und den Philippinen: zehn Millionen Kinder, 4 bis 15 Jahre alt. Von den Eltern verkauft, zur Prostitution gepreßt, von westlichen Sextouristen geschändet. Abhilfe gegen diese widerwärtigste Form moderner Sklaverei gibt es kaum.

Der erste Kunde des Mädchens Siriporn, 12, war ein 50jähriger Chinese. 3000 Baht (225 Mark) zahlte er einem Bordellbesitzer dafür, daß er das kleine Mädchen entjungfern durfte. Siriporn wehrte sich verzweifelt, der kräftige Mann vergewaltigte sie.

Das Mädchen stammt aus einem Dorf in der Provinz Chiang Rai im Norden Thailands. Nach dem Tod des Vaters hatte die Mutter ihre vier Kinder nicht mehr ernähren können. Also verkaufte sie ihre älteste Tochter an einen Restaurantbesitzer in die Stadt Korat. Das Mädchen sollte, so der Vertrag, seine Kaufsumme - 350 Mark - in der Küche abarbeiten.

Siriporn arbeitete ab, mit ihrem Leib, für acht Mark die Stunde. Ihren Anteil davon, zwei Mark, schickte sie der Mutter. Nach zwei Jahren hatte sie ihren Vertrag erfüllt. Sie verließ das schmierige Provinzbordell und hoffte auf besseren Verdienst im Urlaubsbabel Pattaya an der Küste.

Ihre Kunden - fünf bis sieben pro Tag - sind Sextouristen aus Westeuropa, den USA und Japan. "Jetzt bleibt mir sowieso nichts anderes übrig als weiterzumachen", sagt sie.

Marios Karriere als Strichjunge begann vor zwei Jahren. Von zu Hause, einem Slum in Sao Paulo, war er weggelaufen, weil der Vater nicht aufhörte, seine Frau und Kinder im Suff zu mißhandeln.

Der Zehnjährige reihte sich in das Heer der brasilianischen Straßenkinder ein, putzte Autos, verkaufte Diebesgut, wühlte in den Abfällen der Hotels nach Eßbarem. Sein Retter hieß John und kam aus den USA. Mario erlebte zum erstenmal in seinem Leben Freundlichkeit: Der Fremde kaufte ihm Süßigkeiten, neue Turnschuhe und ließ ihn in seinem Hotelzimmer schlafen.

Mario fand es nur "gerecht", daß er seinem "Wohltäter" sexuell zu Diensten war. Er wurde Strichjunge. "Ich habe mein Auskommen", erzählt der jetzt 13jährige selbstbewußt, "ich will noch viel Geld verdienen."

Tulasa, 13, wohnt in einem Behindertenheim in Nepals Hauptstadt Katmandu. Mit elf war sie entführt und über die Grenze nach Indien verschleppt worden. Geschlagen und vergewaltigt, landete sie in einem Bordell in Bombays Rotlicht-Bezirk Kamathipura - eines von 150 000 Mädchen aus Nepal, die auf Indiens Sexmarkt besonders begehrt sind.

Schon nach wenigen Monaten bekam Tulasa Syphilis. Doch erst als das kranke Kind auch noch an Tuberkulose erkrankte, brachte ein Arzt es ins Krankenhaus. Über ein Jahr mußte Tulasa in Behandlung bleiben, bis die indische Gesundheitsorganisation sie dort fand und ihre Rückkehr ins Bordell verhinderte. Die Behörde schickte sie nach Hause.

Aber der Leidensweg des Mädchens war nicht zu Ende: Der Vater, ein Bauarbeiter, wollte von Tulasa nichts mehr wissen - er verstieß seine Tochter aus Angst vor sozialer Ächtung. Seitdem lebt sie, körperlich und seelisch ein Wrack, im Heim.

Siriporn, Mario, Tulasa gehören zu den etwa zehn Millionen Kindern auf der Erde, die von skrupellosen Agenten verkauft und von schmutzigen Profitmachern ausgebeutet werden. Mindestens eine Million Minderjährige - so die Uno-Menschenrechtskommission - werden jedes Jahr verführt, verkauft oder gekidnappt und dann zur Prostitution gezwungen - eine moderne Form von Sklaverei, und wohl die widerwärtigste.

Auch in den Großstädten des Westens bieten Kinder sich feil. Aber in Südostasien verpfänden Eltern ihre Töchter aus schierer Armut; in Brasilien, Kolumbien, Mexiko endet jedes zehnte Straßenkind auf dem Strich; an den Urlaubsstränden des Senegal und Kenias warten die Minderjährigen zu Hunderten auf Kunden, die meist vier- bis fünfmal älter sind als sie; die philippinische Wohlfahrtsbehörde zählt 10 000 Kinderprostituierte allein in Manila.

Dabei gilt das Sexgeschäft mit Kindern in fast allen Kulturkreisen und Gesellschaften als verwerflich. Viele Regierungen der Welt haben es unter Strafe gestellt, die Vereinten Nationen in der Menschenrechtscharta verdammt - ohne Erfolg.

Das Geschäft blüht, und peinlich berührte Politiker verdrängen den Skandal. Dabei bieten die bislang vorliegenden Daten nur ein lückenhaftes Bild und lassen die Dimension des Umsatzes nur ahnen. Die ehemalige norwegische Justizministerin Helen Bösterud, eine der wenigen, die den Kinderhandel untersuchen ließ, nannte die Zahl zehn Millionen "die Spitze eines Eisberges".

Das Drama der Kinderprostitution berührt bislang so wenig, weil es sich - fern der satten Wohlstandsgesellschaft - in der fremden Dritten Welt abspielt. Länder, die dem industriellen Westen einst Sklaven und dann billige Arbeitskräfte lieferten, die den größten Teil der Rohstoffe produzieren und dafür mit billigem Zivilisationsschund oder unsinniger Hochtechnologie abgefunden werden, stellen auch noch das Freudenhaus für die Gelüste der Wohlhabenden.

Ein "Bordell für die Industrieländer" nannte schon 1961 der schwarze Arzt und Revolutionsphilosoph Frantz Fanon die Dritte Welt. 1989 klagt die thailändische Pädagogin Sudarat Srisang: "Täglich fliegen Europäer, Amerikaner, Japaner in Scharen ein, um nichts anderes zu tun, als sich für wenig Geld unsere Frauen und mehr und mehr auch unsere Kinder zu kaufen."

Sie kaufen sich die Ärmsten der Armen. Die Kinderprostituierten der Entwicklungsländer flüchten aus heruntergekommenen ländlichen Gebieten und aus den Slums der Großstädte in die Betten der zahlungskräftigen Fremden. Unter katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen aufgewachsen, ohne Hoffnung auf Ausbildung oder Beruf, werden Millionen von ihnen schon von den Eltern in irgendeine Lohnarbeit gedrängt.

Kinder schuften auf Feldern und in Hinterhoffabriken; sie umringen auf den Straßen der abgasverpesteten Drittwelt-Metropolen im Verkehrsstau die Autos, um Zeitungen, Putzlappen und Blütenketten zu verkaufen; sie verdingen sich als Hilfskräfte in Restaurants und Hotels; sie schleppen auf Märkten Kisten und durchkämmen die Müllberge. Unterbezahlt und vollkommen rechtlos helfen sie ihren verelendeten Familien zu überleben - die letzte Reserve.

Von der Kinderarbeit zur schmutzigsten Variante, der Kinderprostitution, ist es oft nur ein Schritt. Die Anzahl der Kinder, die so überleben, hat sich dramatisch erhöht - weil die Welt außerhalb dieser Länder reicher und reisefreudiger geworden ist. Seit die sonnenhungrigen Touristenmassen des Nordens mit Macht und Geld in die Entwicklungsstaaten strömen, steigt die Nachfrage nach billigem Sex. 1978 flogen 18 Millionen Touristen in diese Länder, zehn Jahre später hat sich die Zahl bereits verdoppelt.

In wohlorganisierten Gruppenreisen oder auf dem Einzeltrip erfüllen sich Sextouristen ihre Wünsche - in pompös ausgestatteten Massagesalons und Schwulen-Bars; in Bordellen, in denen sie die Mädchen in aquariumähnlichen Glaskästen erst begutachten und dann auswählen können; in Diskotheken, in denen die Go-go-Girls Nummern tragen; in biederen Bierschenken und Coffee-Shops, die nichts anderes als getarnte Kontakthöfe sind. Die Frauen und Mädchen wurden meist aus fernen Dörfern hierher verfrachtet, etwa aus Son Pattana.

Ein etwa zwei Kilometer langer schlammiger Pfad führt von der Landstraße zwischen Phayao und Chiang Kham in das Dorf in Nordthailand. Es liegt inmitten von Reisfeldern, an deren Rändern Wasserbüffel grasen. 40 Familien leben hier, viele in ihren auf Pfählen erbauten traditionellen Holzhäusern. Dazwischen ragen moderne Ziegelbauten aus den Gärten - ein seltsamer Kontrast.

Im ganzen Norden Thailands ist der Ackerboden knapp, viele Bauern haben sich verschuldet, können aber die hohen Pachtzinsen dennoch nicht zahlen. Ihre Hoffnung sind die Städte im Süden. Dort lockt Bangkok mit seiner atemlosen Industrialisierung und seinem boomenden Tourismus. Vor allem die Töchter verlassen ihre Dörfer, denn für sie ist es leicht, einen Job zu finden - als Prostituierte.

"In der Phayao-Provinz kann man an den Fassaden der Häuser erkennen, wo Töchter für die Familien anschaffen gehen", weiß Tschantra Khamdi, 32, von Beruf Schneiderin. Die Frau, geschieden, ein Kind, führt als einzige in der Gegend einen einsamen Kampf gegen die Prostitution.

Seit sie in ihrer eigenen Familie erlebte, wie junge Mädchen in Bordellen verschwanden, arbeitet sie freiwillig für einen Kinderschutzbund in Bangkok, der Kinder aus dem Sexgeschäft holt. Im vergangenen Jahr befreite die Gruppe 60 Mädchen aus Bordellen, das jüngste war elf Jahre und acht Monate alt.

Tschantra Khamdi berät Familien in Not, versucht, Lehrstellen für die Töchter zu finden, verteilt Broschüren, die in comicartigen Geschichten vor dem grausamen Schicksal vieler Kinder warnen.

Über den Erfolg ihrer Arbeit macht sie sich keine Illusionen: "Ich stehe ganz allein gegen Bordellbesitzer, Zwischenhändler und korrupte Polizisten - eine Mafia." Selbst viele Lehrer in den Schulen, das ergab eine Umfrage, halten Prostitution "für etwas Natürliches". Die Eltern, die ihre Kinder aus Elend oder Konsumgier verpfänden, mißtrauen ihr.

Pim, 15, sitzt auf der Treppe eines ärmlichen Holzhauses, preßt die Hände zwischen ihre Knie und schreckt bei jedem Motorengeräusch zusammen: Es könnte das Auto der Agentin sein, die sie vor einem Jahr und zwei Monaten in die 800 Kilometer entfernte Hauptstadt gebracht hatte.

Das Mädchen ist vor fünf Tagen aus Bangkok zurückgekehrt. "Stand da und weinte", sagt die Mutter, "und wollte nie wieder fort." Pim war erst 14 gewesen, als die Agentin aufgetaucht war und der verschuldeten Familie Geld versprach. Gegen 12 000 Baht (900 Mark) sollte die Tochter eine gute Stelle in einer Textilfabrik in Bangkok erhalten.

Die scheue Pim hat nie eine Textilfabrik von innen gesehen. Die Reise von ihrem Heimatdorf Son Pattana führte direkt in einen Massagesalon, ein Bordell unter Hunderten in Bangkok. Pim wurde Prostituierte.

"Wir waren 300 Mädchen dort", erzählt sie, "für einen Kunden bekam ich 100 bis 300 Baht." Sie schlägt die Hände vor ihr Gesicht: "Ich habe es für meine Mutter und für meine drei kleinen Brüder getan."

Seit seiner Flucht zurück ins Dorf lebt das Mädchen in der Angst, die Agentin könnte es aufspüren. Gerade die Hälfte des Kaufpreises hat Pim erst abgearbeitet, 6000 Baht sind noch offen. Zwei Häuser weiter bietet die lächelnde Subin den Besuchern Kartoffelchips und Popcorn an. Die "Masseuse", zu Besuch in Son Pattana, ist seit drei Jahren im Geschäft - im gleichen Bordell in Bangkok, in dem auch Pim war. "Meine Schulden", berichtet die 17jährige, "habe ich längst beglichen."

Daß Subin ihren Körper verkauft, hat der Familie Kam einen bescheidenen Wohlstand beschert: Im Schrank stapelt sich Wäsche, eine stabile Treppe und eine Veranda sind für das Haus geplant, aus dem neuen Farbfernseher kreischen Reklamespots.

"Das gute Kind sorgt für uns", sagt Subins Vater, und entschuldigend fügt er hinzu: "Vom Reisanbau allein könnten wir nicht leben." Dann führt Kam sein neues Motorrad vor, 25 000 Baht teuer. Aufhören will Subin nicht. "Warum denn?" fragt sie.

Die Kinderhändler dringen auf der Suche nach immer neuer Ware bis in die abgelegenen Dörfer der Bergstämme an der Grenze zu Burma vor. Die Karen, Lahu und Akha sind um die Jahrhundertwende aus dem benachbarten Land eingewandert. Viele Thais verachten sie als "primitive Exoten", ihre hellhäutigen Töchter aber gelten als besonders hübsch.

Im Akha-Dorf Ban Sen Su, dem "Ort der Glücklichen", reicht das Weideland für den Unterhalt der Familien nicht mehr aus. Seit die Regierung im fernen Bangkok zum Schutz der Wälder die Brandrodung verbot, wuchs die Not. "Viele junge Mädchen sind heute anstelle der Väter die Ernährer ihrer Familien", sagt der Dorfälteste Asoh Nimit. Und nach einer langen Pause: "Wir essen den Reis, den sie für uns verdienen, aber er schmeckt uns nicht." Die herrschende, vom Buddhismus geprägte Moral in den Ländern Südostasiens verpflichtet die Kinder zu strengem Gehorsam und lebenslangem Dank gegenüber ihren Eltern. Die wichtigste Aufgabe der Söhne und Töchter ist es, für das Wohl der Familie zu sorgen - auch das spirituelle.

Früher feierten die Familien die Geburt eines Sohnes, denn in Thailand erfüllen die Söhne diese Fürsorgepflicht, indem sie etwa in den Tempeln und Klöstern religiöse Dienste leisten; kein Junge, der nicht wenigstens ein paar Wochen bei den Mönchen in den safranfarbenen Roben verbringt und so das Ansehen seiner Eltern erhöht.

Heute freuen sich die Bauern mehr über die Geburt einer Tochter, denn Mädchen finden leichter eine Stelle. Ob sie auf den Reisfeldern oder in Fabriken arbeiten oder ob sie das Geld durch den Verkauf ihrer Körper verdienen - sie erfüllen immer ihre traditionelle Töchterrolle.

Solange das Elend in Asien, Afrika und Lateinamerika größer wird, wächst die Zahl der potentiellen Opfer. Beispiel Brasilien: In einem Land, das seine Kinder schon lange nicht mehr ernähren kann, schafft der Strich - zumindest vorübergehend - Abhilfe. Die vierjährige Dürre Anfang der achtziger Jahre, zunehmender Landmangel und der Terror der Großgrundbesitzer haben viele Bauern aus dem Nordosten in die Städte getrieben.

Ohne Hoffnung auf Arbeit bleibt ihnen oft nur der Verkauf ihrer Kinder. Gegen Barzahlung übergeben sie heranwachsende Töchter Lastwagenfahrern, die Bordelle in Rio de Janeiro oder Sao Paulo oder Recife beliefern.

In den Minen im Amazonasgebiet, im Mato Grosso sowie in den Bundesstaaten Acre, Para und Rondonia sind Prostituierte gefragt, besonders die ganz jungen. Allein im Grubengebiet von Para bieten sich nach Schätzungen des Gouverneurs rund 30 000 Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren an.

Auch Strichjungen verdienen sich dort ihren kümmerlichen Unterhalt - oft unter latenter Lebensgefahr. Denn homosexuelle Kunden, in der lateinamerikanischen Macho-Gesellschaft besonders verachtet und bedroht, bringen die zuvor mißbrauchten Kinder nicht selten um.

In Indien zwingt ein religiöser Ritus in die Prostitution. Einmal im Jahr opfern arme Bauern im südlichen Bundesstaat Karnataka eine ihrer Töchter der Göttin Jellamma. Nach der Tradition bringt es den Familien Glück, ein Kind unter den "Devadasis", den "Sklavinnen der Götter", zu wissen. Fast alle Mädchen, pro Jahr etwa 4000 im Alter meist zwischen vier und zwölf, enden im Bordell.

Dieser religiös sanktionierte Sex ist seit 1983 verboten, doch die Polizei schaut jedes Jahr tatenlos zu, wenn Väter der Göttin kleine Mädchen zuführen. Der Generalsekretär der indischen Gesundheitsorganisation, Ischwarprasad Gilada, erklärt, daß "uralte Traditionen nicht einfach per Gesetz verschwinden werden".

Gilada hat die Lage der indischen Prostituierten in Untersuchungen und Befragungen erforscht. Er stellte unter anderem fest, daß von den 100 000 Frauen auf Bombays Sexmarkt jede zehnte jünger als 15 ist, und jede fünfte war als Kind "Devadasi".

Kindersex verzeichnet steigende Profite: Bereits 1986 - so die vorsichtige Schätzung einer norwegischen Untersuchung für den Europarat - waren mindestens fünf Milliarden Dollar bei diesem Geschäft im Umlauf.

Der Handel mit der Ware Kind folgt den Gesetzen des Marktes - es gibt Binnenmärkte und Exportregionen, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.

Exportgebiete sind überwiegend die Länder Südostasiens, besonders Thailand, Sri Lanka und die Philippinen, Lateinamerika sowie neuerdings auch Afrika. Importgebiete sind West- und Nordeuropa, die Vereinigten Staaten und Nahost.

Während Untersuchungen illegale Praktiken der Adoption von Babys aus der armen Welt enthüllt haben, bleibt der interkontinentale Kinderhandel für das Sex- und Pornogeschäft bisher weitgehend im dunkeln. Junge Frauen, die von internationalen Ringen für westliche Bordelle angeworben werden - allein in West-Berlin greift die Polizei jährlich etwa 1000 Thailänderinnen auf -, sind meist älter als 18, doch sie wurden in der Regel als Kinder ins Geschäft gepreßt.

Kriminelle Organisationen verkaufen Kinder über Zwischenhändler an reiche Kunden oder Bordelle im eigenen Land oder im Ausland. Pädophile Personen - fast ausschließlich Männer - besorgen sich Kinder zum eigenen Gebrauch oder schaffen für die Mitglieder von Gruppen Kinder heran.

Das Geschäft wird von straff organisierten, zum Teil internationalen Syndikaten gesteuert. Bordellbesitzer, Zuhälter und Zwischenhändler, oft gedeckt von korrupten Politikern und Polizisten, beschaffen den Nachwuchs - manchmal über Landesgrenzen hinweg: Kinder aus Burma werden in thailändische Bordelle verschleppt, Mädchen aus Bangladesch füllen den indischen Markt auf. Die Infrastruktur für die Sexindustrie haben - zumindest in Thailand und auf den Philippinen - die amerikanischen Besatzer Anfang der sechziger Jahre geschaffen: 40 000 US-Soldaten auf sieben Luftwaffenstützpunkten in Thailand, 20 000 auf den Philippinen. Während des Vietnamkriegs kamen jedes Jahr 70 000 GIs zu R & R (Rest and Recreation) in die Bars, Bordelle und Massagesalons der Vergnügungszentren in Thailand.

Der sexuelle Mißbrauch von Minderjährigen nahm in der Nähe der Stützpunkte zu, zeigt eine Studie der norwegischen Kinderhilfsorganisation Redd Barna (Rettet die Kinder). Die ganz große Nachfrage jedoch kam erst mit den Insassen der Sexbomber.

Allein in Thailand landeten 1987 knapp dreieinhalb Millionen ausländische Besucher, 1988 waren es schon über vier Millionen. Das Planziel der als größter Devisenbringer staatlich geförderten Tourismusindustrie ist für 1990 über fünf Millionen.

Natürlich sucht nicht jeder Fremde in Südostasien exotischen Sex. Aber einheimischen Gruppen, die gegen den Massentourismus kämpfen, fällt der überproportionale Männeranteil auf - in Thailand, sagen sie, drei Viertel aller Besucher.

"Der Massentourismus ist ein Fluch für unser Land", sagt Sudarat Srisang von der "Ökumenischen Koalition Drittwelt-Tourismus" in Bangkok. "Westliche Touristen erzählen gern, quasi als Rechtfertigung, käufliche Liebe sei Tradition in Thailand. Sicher hat es hier wie überall auf der Welt Prostitution schon immer gegeben, zum florierenden Wirtschaftszweig und größten Devisenbringer des Landes aber wurde sie durch den Touristenstrom."

"Sextouristen - was sind das für Menschen?" fragte die deutschsprachige Ausgabe der Medical Tribune im Mai dieses Jahres. Dr. Klaus Fleischer von der Missionsärztlichen Klinik Würzburg faßte in einem Artikel die Meinung von Soziologen so zusammen: "Einsame, innerlich beziehungslose Kreaturen, was die Partnerbindung zu Hause angeht. Dazu ein Schuß rassistischer Grundeinstellung, eine Prise Macho-Typ und ein Fingerhut voll Verunsicherung über die Emanzipation der Frauen daheim."

Die Psychologin Berit Latza, die ein halbes Jahr lang in Thailand und auf den Philippinen Feldstudien trieb, entdeckte bei den Kunden der Prostituierten nur eine einzige Gemeinsamkeit, "daß sie das gesamte Spektrum unserer westlichen Zivilisationsneurosen widerspiegeln"*.

Niemand kennt die tatsächliche Zahl der Kinderprostituierten in Thailand. Nach Schätzungen von Terre des Hommes sind es etwa 40 000, das Zentrum zum Schutz der Kinderrechte (CPCR) in Bangkok befürchtet, daß die wahre Zahl bei 800 000 Minderjährigen liegt. 80 Prozent der vom CPCR aus den Bordellen befreiten Kinder sind geschlechtskrank.

In Indien und Thailand zahlen Klienten besonders hohe Preise, wenn sie ein unberührtes Kind vergewaltigen dürfen. Denn nach weitverbreitetem Aberglauben, besonders unter alten Männern, stärkt Sex mit einer Jungfrau die Potenz.

Andere meinen, auf diese Weise ihre Geschlechtskrankheiten heilen zu können. Resultat dieses Wahns: Schon beim ersten erzwungenen Geschlechtsverkehr infizieren sich die Kinder. Nach der Entjungferung sinken sie schnell im Wert.

So kommt es, daß die Minderjährigen in der Hierarchie der Prostituierten zur niedrigsten Klasse gehören und besonders schlecht entlohnt werden. 80 Prozent von ihnen leiden zumindest vorübergehend an Ge* Berit Latza: "Sextourismus in Südostasien". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 280 Seiten; 14,80 Mark. schlechtskrankheiten. In der Praxis von Dr. Pan im Bangkoker Stadtteil Bang Khun Prom müssen sie für die Behandlung nicht mehr als 100 Baht, 7,50 Mark, bezahlen. Deshalb ist das schmale Wartezimmer immer voll.

Die jungen Mädchen blättern in Illustrierten, flüstern miteinander, wirken verschüchtert. "Meine Patientinnen sind alle vom Gewerbe", erzählt der Arzt, "sie werden schamlos ausgenutzt und trauen sich erst zu mir, wenn sie vor Schmerzen nicht mehr arbeiten können."

Der Behandlungsraum des Arztes mißt weniger als drei mal fünf Schritte, eine Plastikmatte auf einem flachen Büroschrank dient als gynäkologischer Stuhl. Pan Osot, der mit dem Kinderschutzbund zusammenarbeitet, redet geduldig auf eine junge Patientin ein, die apathisch vor sich hinstarrt. "Viele haben Probleme mit Aufputschtabletten und Drogen. Gegen die seelischen Krankheiten kann ich kaum etwas tun", gesteht er.

Ein Unterschied zwischen der Kinderprostitution in der Ersten und der Dritten Welt: In den reichen Industrieländern bieten Jugendliche der Wohlstandsgesellschaft ihre Körper feil, um ihre Sucht zu finanzieren; die Kinder der verarmten Dritten Welt pumpen sich mit Drogen voll, um so die Qualen des sexuellen Mißbrauchs leichter zu überstehen.

Die große Katastrophe steht den Kinderprostituierten der Dritten Welt noch bevor - die tödliche Krankheit Aids. Eine Million HIV-Positive sagt Sangwan Nitayarampong vom Gesundheitsministerium in Bangkok für die nächsten fünf Jahre für Thailand voraus, unter ihnen "eine große Anzahl junge und sehr junge".

Da die Kunden aus den reichen Ländern zunehmend Angst vor Aids haben, steigt die Nachfrage nach Kindern fortwährend, ein Trend, den Aktionsgruppen und Fachleute in den Tourismus-Ländern seit etwa drei Jahren beobachten. "Je jünger die Prostituierten, desto geringer die Ansteckungsgefahr, meinen viele Männer", berichtet Sanphasit Koompraphant, Koordinator des Kinderschutzzentrums.

Das Existenzproblem Aids kann jetzt auch in Thailand nicht mehr vertuscht werden: Zeitungen und Fernsehen klären auf. Private Organisationen wie die Gruppe Empower verteilen in den Amüsiervierteln von Bangkok Kondome an Touristen. Ärzte testen Soldaten und Polizisten.

Für Aids-Tests ist die kleine Praxis von Dr. Pan Osot nicht gerüstet. "Ich rede auf meine Patientinnen ein, sich in den Krankenhäusern untersuchen zu lassen, aber viele wissen nicht, was für eine Krankheit Aids ist."

Die thailändische Regierung, die Aids aus Angst vor schwindenden Touristenzahlen bis vor kurzem noch verharmlost hatte, reagierte inzwischen mit einem scharfen Gesetz: Prostituierte sollen registriert, HIV-Verdächtige in Lager gesperrt werden.

"Dieses Gesetz wälzt alles auf die Frauen ab", kritisiert der Menschenrechtsanwalt Thongbai Thongpao den Entwurf, "warum müssen sich Prostituierte zwangstesten lassen, während ihre Kunden die Krankheit ungehindert weiterverbreiten können?" Er zeigt ein Foto: "Das ist Tat, 13. Sie wurde entführt, unter Drogen gesetzt und in ein Bordell nach Petburi gebracht. Nach einem Jahr gelang es ihr, einen Brief aus dem Bordell zu schmuggeln: ,Lieber Vater, liebe Mutter, sagt niemandem, wo ich bin, aber holt mich hier raus.'"

Eine Sondereinheit der Polizeizentrale in Bangkok befreite das Kind. Nach der Untersuchung stellte ein Arzt fest: Tat ist HIV-positiv. Rechtsanwalt Thongbai wird den Bordellbesitzer, einen Militär, verklagen.

Allerdings: Nach thailändischem Recht, das schon seit 1960 Prostitution offiziell verboten hat, kommen die Kinderhändler bisher mit drei Monaten Gefängnis oder einer Geldstrafe von 1000 Baht davon. Erst jetzt sollen die Strafen verschärft werden.

Nur in Ausnahmefällen standen Bordellbesitzer und Mädchenhändler vor Gericht, so 1984 nach einem Großbrand im Touristenparadies Phuket. Dort starben fünf junge Prostituierte: Sie konnten sich nicht aus den Flammen retten, weil man sie mit Ketten ans Bett gefesselt hatte.

Kaum ein Land, ob arm oder reich, hat sich bisher aufgerufen gefühlt, zum Schutz der geschundenen, geschändeten Kinder etwas zu tun. Gegen Gleichgültigkeit und stillschweigende Duldung kämpfen nur Hilfsorganisationen wie Terre des Hommes, Defense for Children International und eine wachsende Zahl von Kirchen- und Frauengruppen in den westlichen Industrieländern wie in der Dritten Welt.

Sie üben öffentlichen Druck auf die Politik in den Herkunftsländern der Kinder aus und versuchen, das Verantwortungsbewußtsein in den reichen Ländern zu schärfen: Nur wenn Nachfrage und Nachschub gestoppt werden, bricht der Kindersexmarkt zusammen.

Am kommenden Wochenende debattieren in der Evangelischen Akademie Tutzing die Teilnehmer eines Seminars der "Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland" und des "Studienkreises für Tourismus" über die Auswirkungen des Sextourismus.

Auf ihrer Generalversammlung will die Uno Ende November endlich ihre seit langem diskutierte Internationale Kinderschutzkonvention verabschieden, ein weiterer moralischer Appell, der den verschacherten Kindern wenig helfen wird.

Die Aktionsgruppen und Hilfsorganisationen fordern strengere Gesetze gegen Kindersex und Kinderpornographie, vor allem aber ein Verbot des mehr oder minder offen angebotenen Sextourismus. Bisher zeigen westliche Regierungen wenig Neigung dazu. Einziges positives Beispiel ist das kleine Norwegen.

Dort verlor Ivar Larsen, Geschäftsführer des Scan Thai Travellers Club, in erster Instanz einen Prozeß, den er gegen 13 Mitglieder der "Kvinnefronten" (Frauenfront) angestrengt hatte.

Die Frauen hatten auf dem Osloer Flughafen Fornebu lautstark gegen Larsens Kunden demonstriert, mit Slogans, Plakaten und Flugblättern wie: "Heute um 10.55 Uhr reisen 20 norwegische Hurenkunden nach Bangkok, um Thailands arme Frauen zu vergewaltigen."

Die Frauenfront beschuldigte den Reiseunternehmer des Menschenhandels, der Kuppelei und der Zuhälterei, und das Amtsgericht Tönsberg wies die Klage Larsens zurück. Begründung: Die Anschuldigungen seien berechtigt, weil sie den tatsächlichen Verhältnissen in Thailand entsprächen.

Im März nächsten Jahres stehen in Oslo zum erstenmal drei männliche Sextouristen vor Gericht - wegen "unzüchtiger Handlungen mit einem Kind unter 14". Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern vor, sich an 17 Minderjährigen in Thailand, Sri Lanka und auf den Philippinen vergangen zu haben. f


DER SPIEGEL 42/1989
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