16.10.1989

UfosWinziger Kopf

Die Welt schaut endlich auf Woronesch: Was kam da aus dem Kosmos?
Einer der letzten warmen September-Abende im örtlichen Lenin-Park: Ein Fläschchen kreist, Kinder spielen Fußball.
Einer sieht, daß sich auf einer Rasenfläche der Boden symmetrisch gesenkt hat - darunter befindet sich vielleicht ein Keller, die Stadt wurde im Krieg zu 95 Prozent zerstört. Zwei Steine liegen da, zwei verspätete Kanalarbeiter laufen wohl auch noch herum, im Overall mit Grubenlampen am Schutzhelm, und jemand läßt einen großen roten Luftballon in die untergehende Sonne steigen: blaue Stunde in einer stillen Stadt, fast 400 Kilometer von Moskau entfernt.
Irgend etwas müßte auch mal in Woronesch passieren - da doch im mächtigen Moskau mitten auf dem Roten Platz ein Flugzeug gelandet ist, an der Wolga jüngst ein Schneemensch auftauchte, im sibirischen See Labynkyr ein Ungeheuer rumort. Und am Ural, nicht weit von der Stadt mit dem seltsamen Namen Ufa, ist im Sommer, traut man dem Wirtschaftsfachblatt Sozialistitscheskaja industrija, der Melkerin Ljubow Medwedewa ein Kerl von einem anderen Stern nahegekommen, größer als ein Mensch, mit kleineren Füßen und, anders als kosmische Erscheinungen im Westen, mit besonders kleinem Kopf - was ja auch irgendwie beruhigt.
Da hatten die Lokaljournalisten Mossolow und Jefremow in Woronesch ihre Geschichte, gestützt auf die Aussagen der elfjährigen Wassja Surin: Nicht ein bebrillter deutscher Hobbyflieger, sondern zwei Riesen mit je drei Augen im winzigen Kopf stiegen aus dem leuchtenden, zu zehn Meter Durchmesser aufgeblähten Ball. Sie ließen mit einem Zauberstab kurz mal einen Knaben verschwinden und verschwanden dann selbst.
Das eigentliche Wunder: Die Journalisten brachten ihre Story in dem vom ZK der KPdSU herausgegebenen Bildungsblatt Sowjetskaja kultura unter, die amtliche Agentur Tass verbreitete die kosmische Nachricht, obwohl deren Chef Leonid Krawtschenko gerade auf den Münchener Medien-Tagen für frühere Märchen Abbitte leistete.
Nun ist die Ruhe in der Provinz dahin, die Welt schaut endlich auf Woronesch, bisher nur bekannt durch ein Palais des Fürsten Potemkin und sechs Atomreaktoren, die nicht richtig funktionieren.
Tass hatte sich auf örtliche Wissenschaftler berufen, die Stadt beherbergt schließlich zehn Hochschulen. Dort will die Agentur erfahren haben, daß die beiden Brocken am Ort des Geschehens außerirdische Minerale enthalten hätten. Doch der von Tass zitierte Genrich Silanow, deutschstämmiger Chef des Geophysikalischen Laboratoriums von Woronesch, ermittelte per Spektroskop rasch ein Material, das allerorts auf Erden zu finden ist - Eisenerz. Der Rationalist: "Glauben Sie nicht alles, was von Tass kommt."
Ein Schlag gegen die neue Berichterstatter-Freiheit, doch schon früher hatte Tass gemeldet, daß die Akademie der Wissenschaften der UdSSR jedes Jahr Hunderte von Briefen empfängt, in denen Privatpersonen Begegnungen ungewohnter Art melden. 34,5 Prozent aller jungen Sowjetbürger, ergab eine Umfrage, interessieren sich für Ufos und anderes Übersinnliches. Im amtlichen Fernsehen befreit jeden Morgen ein Geistheiler die Zuschauer von ihren Gebrechen durch scharfen Blick, Horoskope sind mittlerweile am Kiosk zu kaufen.
Die Akademie hat eine "Gruppe zum Studium atmosphärischer Anomalien" eingerichtet (mit einer Filiale auch in Woronesch), welche die meisten Erlebnisse auf Sinnestäuschungen, Luftspiegelungen, Wolken, Flugzeuge oder eben Luftballons zurückführen kann. Ein paar Erscheinungen bleiben, "über deren physikalische Natur sich vorläufig nichts Bestimmtes sagen läßt".
Mehr wußte schon der Vater der sowjetischen Weltraumfahrt, der von Lenin finanziell geförderte Tüftler und Träumer Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski. Als "echten Beweis für das * Aus der Bild-Zeitung. Vorhandensein unbekannter vernunftbegabter Kräfte im Kosmos" wertete er eine geometrische Figur und eine menschliche Gestalt, die der Forscher schon 1886 am Himmel ausgemacht hatte. Drei Buchstaben - auf kyrillisch, die Außerirdischen kennen ihre Freunde - entdeckte er 1928 am Horizont.
Ziolkowski, der immerhin Luftschiffe entwarf, hielt die fremden Besucher intellektuell für hoch überlegen, zudem anders konstruiert: Manche könnten im luftleeren Raum leben, manche sich von Sonnenstrahlen nähren, andere - das macht sie jetzt besonders aktuell - ganz ohne Nahrung auskommen. Nach solchen Entwicklungshelfern gilt es Ausschau zu halten.
1980 traf ein Chauffeur im Dorf Poluschino bei Moskau auf Wesen, die ihn in ihr Raumschiff holten und per Enzephalogramm testeten. Auf einer Karte sah der Arme neun hufeisenförmig angeordnete Sterne - klar, die Typen kamen aus dem Sternbild Segel.
Ufo-Gläubige unter dem fünfzackigen roten Stern erhielten Auftrieb durch einen Weisen aus dem 50-Sterne- (und Streifen)-Land: Ronald Reagan. Als der US-Präsident im November 1985 zum erstenmal Parteichef Gorbatschow begegnete, empfahl er ihm eine Einheitsfront für den Fall einer Invasion von Außerirdischen.
"Es ist ohne weiteres möglich, daß Reagan keineswegs gescherzt hat", schrieb die Moskauer populärwissenschaftliche Zeitschrift Priroda i tschelowek (Natur und Mensch). "Für eine solche Annahme ist jedenfalls genügend Grund vorhanden."
Zum Beispiel die Langeweile in Woronesch. f

DER SPIEGEL 42/1989
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