16.10.1989

„Wenn Emil pfeift . . .“

Ohne Emil Beck, den Chef des Fechtzentrums Tauberbischofsheim, wären deutsche Fechter wohl kaum an die Weltspitze gelangt. Doch der Aufstieg hat offenbar auch seinen Preis. Die Kehrseite des „Erfolgsmodells TBB“ ist ein anrüchiges Geflecht zwischen Politik, Wirtschaft und Fechtsport. Verantwortlich für diesen Filz: Emil Beck.
Man kommt kaum umhin, den Mann zu bewundern. In seinem kugelrunden kahlen Kopf befinde sich, sagt er, "ein Computer-Gedächtnis" und im ebenso geformten Bauch das untrügliche Gespür, möglichst viele, möglichst einflußreiche und möglichst spendable Menschen auf "meine Sache" einzuschwören.
Behilflich ist ihm dabei, daß irgendwo zwischen den beiden Kugelformen seines Körpers eine unbändige Energie angesiedelt ist. Von ihrer Wirkung sind Freund und Feind, die er nach Bedarf und Gelegenheit einschüchtert oder zur Arbeit peitscht, motiviert oder niederwalzt, gleichermaßen beeindruckt.
Gebündelt haben diese Eigenschaften bemerkenswerte Folgen. Das Autokennzeichen TBB ist durch den Kugelmann bundesweit, das sich hinter den drei Buchstaben verbergende altfränkische Städtchen Tauberbischofsheim weltweit bekannt geworden. Und vielen Bundesbürgern hat er mehrfach zu jenem stolzen Gefühl verholfen, das aufwallt, wenn Sportler der Republik bei Olympia und anderen Weltturnieren als Sieger aufs Treppchen steigen.
Der "Medaillenschmied" Emil Beck, 54, Chef des Fechtsports der Bundesrepublik, ist ein fanatischer Erfolgsmensch. Besessen von dem Ziel, die Deutschen "auch im Sport an die Weltspitze" zu hieven, nutzt er ein verzweigtes Geflecht zwischen Politik, Wirtschaft und lokalen Interessengruppen, in dem Gelder, Posten und Gefälligkeiten fest miteinander verkoppelt sind.
Zwischen "Tauber", wie die Bewohner des Landkreises Main-Tauber ihre Provinzhauptstadt nennen, und dem "begnadeten Fechttrainer Emil Beck", nebenbei Ehrenbürger, besteht nach Ansicht des Landrats Georg Denzer eine "außergewöhnliche Beziehung gegenseitiger Dankbarkeit".
Emil Beck befehligt ein Imperium, das in der westdeutschen Sportszene einmalig ist. Inmitten der üblichen gemeinnützigen Vereinsmeierei hat der gelernte Friseur ein mittelständisches Profi-Unternehmen aufgebaut. Als allerorten noch von Amateuren die Rede war, hielt Beck für seine Zöglinge bei der werbenden Wirtschaft die Hand auf.
Was mein, dein oder unser ist in der geschlossenen Welt des Fechtmeisters, weiß ganz genau nur einer: er selbst. Damit er weiter der kleine König von Tauberbischofsheim bleiben kann - und zwar auch dann, wenn die Kräfte erlahmen und er kein Geld mehr heranschafft -, hat der Stratege vorgesorgt. Wohlmeinende Finanzbeamte verschafften ihm eine Sondergenehmigung, auf deren Basis der gemeinnützige Fecht-Club e.V. ein Millionenvermögen anhäufte. Die Zinsen daraus dürften den Betrieb des Beck-Reiches auf Jahre hinaus sichern. "Ich will, daß es läuft, wenn ich nicht mehr bin", sagt er mit wässrigem Blick.
Aus einem Heizungskeller wuchs das "Becksche Lebenswerk", wie der Landrat Denzer sagt - ein weitläufiger, flachgedeckter Sportkomplex. Dazu gehören der Fecht-Club Tauberbischofsheim, das Landes- und Bundesleistungszentrum sowie - seit 1986 - der Olympiastützpunkt. An die 4000 Fechter pro Jahr trainieren auf 32 Planchen, tragen Ranglistenturniere aus oder kämpfen um Weltcup-Punkte. 15 Trainer und 43 Helfer kümmern sich um Spitzenfechter und den Nachwuchs, der schon im Alter von drei Jahren auf den späteren Umgang mit Florett, Säbel und Degen vorbereitet wird.
Vom Videostudio, vollelektronischen Fechtbahnen und Kraftraum über Sauna, physiotherapeutisches Behandlungszimmer und Schwimmbad bis zu den Unterrichtsräumen des "Teilinternats" ist alles nach den neuesten Erkenntnissen von Sportförderung und -forschung ausgerichtet.
In der Manier eines königlichen Kurzwarenhändlers bei der Inventur geht "Emil Überall" (Stuttgarter Zeitung) in der totalen Kontrolle seines Imperiums auf. Die 71 Angestellten hat der Chef, an den sich die Goldmedaillengewinnerin von Los Angeles, Cornelia Hanisch, als Giganten erinnert, "der natürlich alles überwacht", fest im Griff.
Wer für Emil Beck arbeitet, hat selten einen geregelten Feierabend. "Aufgrund der Besonderheiten des Arbeitsbereichs in einem Sportzentrum", heißt es in einem von Beck und seinem Vorstandskollegen Hans-Udo Berger ausgehandelten Arbeitsvertrag, "sind auch Dienststunden an circa 20 bis 25 Wochenenden und am Abend außerhalb der betrieblichen Arbeitszeiten notwendig, die jedoch nicht vergütet werden."
Dafür kümmert sich der Trainer auch um die "sozialen Karrieren" seiner Schützlinge. Von "Adrians, Dr. Christian - Zahnarzt" bis "Zwerger, Günther - Großhandelskaufmann (selbständig)" reicht die Liste mit 107 FC-Fechtern, die "einmal dem Nationalkader des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB) angehörten" und die, so Beck, "trotz Fechtens niemals ins berufliche Nichts gefallen" seien. "Ein Emil Beck", lobt er sich, lasse "niemanden im Regen stehen".
Die Rolle des gleichermaßen sorgenden wie gestrengen Ersatzvaters auszuleben ist Emil Becks Daseinszweck. Für talentierte Jugendliche hat er ein Internat errichtet. Nach Schulschluß kommen fechtende Youngster aus Tauberbischofsheim und Umgebung ins Zentrum. Dort werden sie bekocht (Kantinenleiterin: Beck-Ehefrau Karin) und trainiert. Sie machen ihre Hausaufgaben unter Aufsicht und Anleitung von etwa zwei Dutzend Lehrern, die auf Honorarbasis arbeiten oder als Deputatslehrkräfte von örtlichen Schulen abgestellt sind. Am Abend des Fechttages werden die Kinder per Kleinbus oder Kombi - gestellt vom Großsponsor Mercedes - nach Hause gefahren.
"Wenn nötig", greift Beck auch beim Start ins Berufsleben ein. So erwirkte er beispielsweise bei der Stadtverwaltung Tauberbischofsheim die Freistellung der Azubi Anja Fichtel. Sechs Wochen lang wurde die Fechterin im Teilinternat "von den besten Lehrern" (Beck) auf ihre Bürokauffrau-Prüfung vorbereitet. Die intensive Nachhilfe (Beck: "Das wird die Anja mir nie vergessen") war erfolgreich. Die Olympiasiegerin verdient inzwischen beim lokalen FC-Großsponsor, den Vereinigten Spezialmöbelfabriken, in der Werbeabteilung ihr Geld.
Der Egomane Beck hat sich in einer permanenten Ausstellung im Wandelgang des Fechtzentrums verewigt. An der Wand des rund 30 Meter langen Korridors hängen dicht an dicht Fotos des Meisters mit den Großen der Nation. Er hat sie alle nach TBB geholt, den Kanzler und Freund Helmut Kohl, die Minister der Ressorts Innen, Wirtschaft und Verteidigung, die Bosse von Banken und Autofabriken.
Dem Kuratorium des Olympiastützpunkts, das laut Präambel den "hervorragenden nationalen und internationalen Rang" des westdeutschen Fechtsports "sichern und ausbauen" soll, gehören neben den Vertretern aus Sport und Politik auch en masse Personen an, bei denen die fechtmäßige Interessenlage nicht zwingend erscheint.
Bei der diesjährigen Verabschiedung des Budgets ließen sich die zuständigen Geschäftsführer durch eine buntgewürfelte Schar beraten. Zu ihr zählten Drucker und Brauer, Entsorgungsspezialisten, Bauunternehmer und Isolierkannenexperten ebenso wie Bankiers, Schnapsbrenner und Fleischverarbeiter.
Besonderen Einfluß verheißen Sitz und Stimme in einem der sechs "Organe und sonstigen Institutionen" des FC Tauberbischofsheim. Zum Beirat unter Vorsitz von Landrat Denzer gehören etwa der Oberst Frido Lohmann, Regimentskommandeur der lokalen Kurmainz-Kaserne, oder auch Volkhard Seraphim, der in Frankfurt * Beim Empfang im September nach der Weltmeisterschaft mit Bürgermeister Erich Hollerbach. die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung leitet.
Für die Finanzen und die Vermarktung seines Reiches kann der Workaholic und Brieftaubenzüchter Beck auf Fachleute wie den örtlichen Sparkassendirektor Jürgen Velten oder den Wirtschaftsjuristen und möglichen Daume-Nachfolger im Internationalen Olympischen Komitee, Thomas Bach, vertrauen. Vor allem in seinem Weggefährten Berger, der bis zu seiner Pensionierung im Finanzamt Tauberbischofsheim im Range eines Amtsrats wirkte, hat Beck einen Experten in Steuersachen zu Diensten.
"Wenn Emil pfeift", heißt es in Tauberbischofsheim, "kommen alle angelaufen und stehen stramm, bereit zum Befehlsempfang."
Da bearbeitet das Landratsamt "zügig Einbürgerungsanträge", bestätigt Denzer, "wenn es sich um Spitzensportler handelt" oder die Angelegenheit gar "im nationalen Interesse ist", wie bei der raschen Eindeutschung des polnischen Degenfechters Robert Felisiak.
Da kann Beck nach einem Gespräch mit Sparkassenchef Velten "streng vertraulich" die "Übereinstimmung" in sein Taschentonband diktieren, daß das Kreditinstitut für die "Leistungssportler, Spitzenfechter und Trainer" einheitliche Konditionen - unter "Einbeziehung der Girokonten" - gewährt.
Zudem sei man laut Beck-Notiz einig geworden über die "Intensivierung der Kontakte Sparkasse-Fecht-Club". Kümmern werde sich darum sein Sohn Rene Beck, weil der "fast wöchentlich der Sparkasse neue Kunden bringt".
Günstig gesinnt war auch das Finanzamt dem Bürger Beck, als er sein 1984 aus der Taufe gehobenes "Lebenswerk", die "Stiftung Fechtsport in Tauberbischofsheim", sichern wollte. Derlei steuerbegünstigte Unternehmungen arbeiten gemeinhin nach dem Rein-raus-Prinzip. Eingenommene Gelder - in der Regel Spenden und Zuschüsse - müssen unverzüglich ausgegeben, Vermögen darf daraus in der Regel nicht gebildet werden.
Das mißfiel dem Gründervater. Er wollte lieber in seinen vitalen Jahren einen Schatz anhäufen, um später den Betrieb des Fechtzentrums aus den Zinsen bezahlen zu können.
Zunächst ging es darum, das veranschlagte jährliche "Ausgabenvolumen von rund 250 000 Mark zu decken". Um Geld zu organisieren, beantragten die Stifter, den Satzungszweck erst einmal auszusetzen. Das Tauberbischofsheimer Finanzamt machte sich die Argumente der Antragsteller zu eigen - die Stiftung könne "ohne den geplanten Vermögensstock in Höhe von 3,5 Millionen Mark ihre steuerbegünstigten satzungsmäßigen Zwecke nicht nachhaltig erfüllen" - und stimmte einer "Ausnahme vom Gebot der laufenden Verwendung" bis zum Jahresende 1987 zu.
Doch die Geschäfte des Emil Beck liefen glänzend. Anfang letzten Jahres waren die dreieinhalb Millionen längst eingefahren. Also eilte der Fechtmeister wieder zum Fiskus und erwirkte eine Verlängerung der Genehmigung "zur Ansammlung von Rücklagen um weitere vier Jahre". Als nächstes Etappenziel wird nun eine Aufstockung des Vermögens auf "acht Millionen Mark" angesteuert.
Seine geschickte Hand im Umgang mit der Obrigkeit und ihren Vertretern bewies Emil Beck auch beim finanziellen Großprojekt Berghof, das er "durch ein Riesenglück für 420 000 Mark ersteigerte". Ohne Eigenkapital heckte er dabei ein Finanzierungsschema aus, in dem Banken, das Bonner Innenministerium und Baden-Württemberg die Schlüsselrolle übernehmen sollten.
Nach dem Leistungssportprogramm der Bonner Regierung tragen oft Bund (70 Prozent) und Land (30 Prozent) die ungedeckten Aufwendungen für Bau- und Betriebskosten der 14 Bundesleistungszentren. Diese Aufteilung sollte nach den Vorstellungen Becks, der den "Berghof unbedingt als Ergänzung zu seinem Teilinternat" haben wollte, auch bei dem Erwerb des leerstehenden Gasthauses greifen.
Die Bonner Sport-Beamten legten sich zunächst quer. In einer hausinternen Stellungnahme des Innenministeriums hieß es, das Becksche Fechtzentrum verfüge über "ausreichende Unterbringungsmöglichkeiten für die dort trainierenden Hochleistungssportler", die ja ohnehin nur für die Dauer von Lehrgängen am Trainingsort wohnten.
Doch Beck operierte listig mit der Notwendigkeit, einigen Fechtern eine ständige Wohnmöglichkeit bieten zu müssen, und knackte so den Bonner Widerstand. Von den 1,6 Millionen Mark, die Erwerb und Herrichtung des Berghofs zum "Haus der Fechter" schließlich kosteten, zahlten Bund und Land die Hälfte.
Insbesondere beim lokalen Geldgewerbe ist das Unternehmen Beck kein schlechter Kunde. Denn der Chef ist ein rastloser Eintreiber von Spenden, die er rasch in Millionenhöhen trieb.
Dem Privatbankier Gert Partin konnte Beck Ende 1986 denn auch zusichern, daß die Stiftung "noch in diesem Jahr eine Anlage über 500 000 Mark" in "festverzinslichen Wertpapieren" erwäge. Die gleiche Summe stellte er für das "kommende Jahr" in Aussicht, geplante "Anlagezeit: fünf bis acht Jahre".
So ein Geschäft hat in der Beckschen Welt freilich seinen festen Preis. Kaum war das Geld avisiert, bat er den "sehr geehrten Herrn Partin" um "eine Spende in Höhe von 8000 Mark". Keck schlug er darüber hinaus dem Banker vor, "für die Jahre 1987 und 1988 . . . je 15 000 Mark" zu geben.
Wer durch das Fechtzentrum Vorteile erlangt, der wird auch nach dem Dankbarkeitssystem von Emil Beck kräftig geschröpft. In einem Rundbrief an die "lieben Freunde" Paul Kuhn (Architekt), Konrad Sack (Hoch- und Tiefbau) sowie Klaus Gey (Baustatik) erinnerte Beck an den guten Brauch, "wie in der Vergangenheit diejenigen Firmen in bezug auf Spenden" anzusprechen, "die am Neubau beteiligt waren".
Für Beck-Freund Gey, Vater des Medaillenfechters Mathias, ist es denn auch eine "ganz klare Selbstverständlichkeit", bei Berücksichtigung von FC-Bauten "namens meiner Firma eine Spende zu schicken". Der Dachdeckerbetrieb M. Rudorfer GmbH sieht das ähnlich. Er kündigte schriftlich "einen Betrag von DM 3000" an, wenn er "am Gebäudeumbau für den Olympiastützpunkt, Stiftung Fechtsport Tauberbischofsheim (ehem. ,Berghof') beteiligt" werde.
Als "Spenden" deklariert waren auch jene Beträge, die Trainer, Angestellte, Freunde und Familienmitglieder von Emil Beck monatlich für die private Nutzung der Mercedes-Wagen bezahlten.
Die Daimler-Flotte des Fechtzentrums, die am 1. März 1987 aus 51 Autos bestand, war dem Tauberbischofsheimer Fechtunternehmen entweder kostenlos oder aber zu extrem günstigen Leasingraten überlassen worden.
Normalerweise berechnet die Mercedes-Leasing GmbH für ein Auto vom Typ 230 E eine Monatsrate von etwa 600 Mark, zudem muß der Leasingnehmer eine Anzahlung von knapp 9000 Mark leisten.
Für den Fecht-Club Tauberbischofsheim hat Beck Sonderkonditionen aushandeln können. Für den 230 E mit dem Kennzeichen TBB-AN 609 beispielsweise betrug die monatliche Leasingrate 296,40 Mark, anzahlungsfrei. Bund und Land beteiligten sich daran mit 40 Prozent. Für den Rest kam der FC auf, dessen Chef Beck die Autos nach Gutdünken zuteilte, wobei er häufig Besitzer anderer Automarken zum Verkauf ihrer Wagen drängte, damit die Seinen einheitlich im Daimler-Look herumrollten. Im Gegenzug verlangte Beck für die Nutzung "Spenden" in Höhe von jeweils 100 oder 200 Mark je Fahrzeug.
Die laut zentrumsinternem Strategiepapier "nur von E. Beck erzielte niedrige Leasingrate" nutzte der Cheftrainer auch zum eigenen Vorteil. Für einen 500 SEL (Lieferwert: 124 707,20 Mark) wurde Beck - ohne Anzahlung - ein Leasingsatz von gerade 0,55 Prozent berechnet, die Monatsrate von 781,91 lag über 3000 Mark unter der sonst üblichen.
Da der Boß nach eigenen Angaben in seinen mit Schreibpult und Mini-Bar bestückten Mercedes-Wagen "ja nie privat unterwegs ist", der Olympiastützpunkt ihm "einen Teil der Leasingrate ersetzt" und er die gefahrenen Kilometer durch Provinz und Länder "bei Bund und Land abrechnet", kosten ihn die Benz-Karossen, wie er fröhlich einräumt, "zum Schluß eigentlich nichts".
Damit auch im Großen die Mark ähnlich reibungslos hereinrollt wie im näheren Dunstkreis des Fechtzentrums, hat Beck im Mai letzten Jahres die Vermarktungsgesellschaft "femat" gegründet, in der die Stiftung als Gesellschafter fungiert. Die Verfügungsgewalt über das junge Unternehmen hat der Zampano nur pro forma aus der Hand gegeben: Sohn Rene, 23, führt die Geschäfte.
Als "tragende Säule des Gesamtunternehmens" hat die femat, so Beck junior, vom Fecht-Club "das Recht gepachtet, diesen entsprechend zu vermarkten". Zugunsten des Klubs, dem die Firma 80 Prozent der Einnahmen als Pacht zahlt, biete die femat eine "Leistungspolitik, die ihersgleichen sucht".
Sponsoren können unter zehn Angeboten wählen. Sie reichen von "Autogrammstunden mit einem Olympiasieger oder Weltmeister" (3000 Mark) über ein "Referat von Chefbundestrainer Emil Beck (zum Beispiel: ,Der programmierte Weg zum Erfolg')", für das 15 000 Mark in Rechnung gestellt werden, bis hin zur 120 000 Mark teuren Möglichkeit, ein "Masters-Turnier zu sponsern".
Für den "günstigen Preis in Höhe von 80 000 Mark pauschal" sichert die femat einem Sponsor die "ständige Bandenwerbung in der Trainingshalle" zu, verspricht ihm die Aufnahme eines "Firmenrepräsentanten im Kuratorium des Olympiastützpunkts" und den Abdruck des Firmennamens "auf der Sponsorentafel im Foyer".
Über den Erfolg dieser Werbeeinsätze läßt das Serviceunternehmen keinen Zweifel. Denn wer bei Emil Beck und seinem Sohn zahlt, "dirigiert ein Sponsoring- und Marketingorchester", das "mit dem Dirigenten, Chefbundestrainer Emil Beck, als Ansprechpartner und Chef des Ganzen" über "einen Mann" verfüge, der "alle Register zu ziehen weiß" (femat-Prospekt).
Diese Fähigkeit war schon vor Bestehen der femat voll ausgeprägt. Doch da war sie, folgt man dem sichtlich unter der Vater-Bürde leidenden Geschäftsführer Rene Beck, "ja nicht Rechtens". Als eingetragener Verein galt der FC TBB, sagt der Junior, "ja nicht als Gewerbebetrieb und durfte auch keine Rechnungen schreiben". Mithin habe es "Sponsoren" vor Gründung der femat "nicht gegeben, höchstens Spender", die für ihre Gabe "keine Gegenleistung erhalten" hätten.
Rene Beck, der über die femat-Umsätze beharrlich schweigt ("Dazu darf ich nichts sagen"), muß während der Einarbeitungszeit für seinen Job etwas entgangen oder Einsicht in die Akten verwehrt worden sein: Denn bei der Geldbeschaffung und -kanalisierung war Vater Emil besonders erfinderisch.
Rechnungen schrieb er immer gern. So etwa in dem an die Sportartikelfirma adidas "z. Hd. Herrn Dr. Thomas Bach, Direktor - Promotion" gerichteten Brief, in dem Emil Beck "für erbrachte Werbeleistungen" einen Betrag in Höhe von 11 400 Mark notiert, zahlbar an einen eingetragenen Förderverein.
Bezeichnend ist auch jene Vereinbarung zwischen der "Bio-Naturkraft" und dem Finanzjongleur aus Tauberbischofsheim, in der die Firma für biologische Präparate "20 000 Mark plus 49 Rugazell Energen 40-Kuren" in Aussicht stellte. Becks versprochene Leistung: die "positive" Darstellung der "Produkte des Hauses Bio-Naturkraft" in der Öffentlichkeit durch die "erfolgreichen Fechterinnen und Fechter" des FC TBB.
Oder jener Brief, dem der Wertheimer Isolierkannenhersteller Alfi Zitzmann einen als Spende deklarierten Scheck über 5000 Mark beifügte. Als "Gegenleistung" erwartete die Firma von Beck, "unser Unternehmen entsprechend zu präsentieren", damit "in gewisser Weise der Rückfluß des Geldes gewährleistet" sei.
Aktenkundig ist auch die Übereinkunft, die der TBB-Boß mit der Münchner Werbefirma Edition Sportiva schloß. Darin verpflichtet er sich, als "verantwortlicher Trainer der Fechter" für das Schlankheits- und Fitnessdiät-Präparat Enerday Protein "geeignete Werbeträger" zu engagieren. Dafür "erhält Herr Emil Beck", so der Vertragstext, "als Vergütung ein Honorar von DM 5000".
Von begrenzter Durchsichtigkeit sind die langjährigen Beziehungen zwischen dem Beck-Klub und dem Sportartikel-Unternehmen adidas. Vor Gründung der femat habe die Firma aus Herzogenaurach dem Fechtzentrum, beharrt Rene Beck, "nichts gegeben" - einzige Ausnahme: "Sachleistungen etwa in Form von Trainingsanzügen oder Sportschuhen".
Das trifft die Wahrheit ziemlich exakt zur Hälfte: adidas zahlte zu Händen des Fördervereins bereits 1985 eine jährliche "Barvergütung in Höhe von 80 000 Mark", die im Herbst desselben Jahres auf 100 000 Mark für die drei folgenden Jahre erhöht wurde. Zusätzlich wollte der bayerische Hersteller dem Klub "aus dem aktuellen adidas-Programm" Ausrüstungsgegenstände "im Wert von 50 000 Mark" liefern.
Die adidas-Artikel kamen in das umfangreiche Lager im Keller des Zentrums, wo auch Klingen und Fechtsocken, Säbelunterziehjacken und Waffensäcke vorrätig gehalten werden. Daß die dort laut Inventurliste (Gesamtsumme 1984: 212 989,27 Mark) eingelagerten adidas-"Umhängetaschen", -Trainingsanzüge der Modelle "Swinger", "New York" und "Crack" teilweise verschenkt wurden, steht wohl außer Zweifel.
Sicher ist, daß darüber hinaus auch der Barverkauf floriert. "Wir können hier jeden Fechter von Kopf bis Fuß einkleiden", sagt Degentrainer Berndt Peltzer. Veräußert werde zu "scharf kalkulierten Einkaufspreisen". An seinen Mitgliedern und anderen Interessenten wolle der Klub ja nichts verdienen.
So ausgeschlossen scheint das freilich nicht, wie sich am Beispiel des Degenfechters Franz Hoch transparent machen läßt, der als Medizinstudent Anfang der achtziger Jahre einige Zeit das Lager nebst Kasse führte.
Der Habensaldo seines Kontos bei der Sparkasse TBB belief sich etwa am 6. Dezember 1982 auf 25 354,24 Mark - Geld genug, um eine Überweisung in Höhe von 12 000 Mark zu verkraften, die der Kassenwart am Vortage ausgeschrieben hatte. Bestimmt war dieser Betrag für den "Fecht-Club Tauberbischofsheim", Sparkassenkonto: 202 58 49, Verwendungszweck: "Fechtmaterial Franz Hoch".
Schwer erklärlich, was der Student mit Klingen oder Fechtmasken für 12 000 Mark wollte; leichter vorstellbar, daß in Emil Becks kleinem Reich die Steuerparagraphen wg. Gemeinnützigkeit nicht ganz den Regeln entsprechend eingehalten werden.
Aber was könnte gemeinnütziger sein, als Goldmedaillen für Deutschland ranzuschaffen? f

DER SPIEGEL 42/1989
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