20.11.1989

BiographienTheater unter Wasser

Eine neue Biographie kratzt am Nimbus des Meeresforschers und TV-Serienproduzenten Jacques Cousteau.
Rappeldürr, vogelgesichtig, mit stechendem Blick und roter Pudelmütze - so geistert der Kapitän der "Calypso" seit vier Jahrzehnten durch die Weltmeere. Als Meeresmagier filmte er Riesenkraken und Pottwale, kämpfte mit Haifischen und ritt auf Delphinen. Laich pflasterte seinen Weg.
Jacques-Yves Cousteau, Jahrgang 1910, gibt es als Comicfigur und auf Briefmarken. In über 100 Dokumentarfilmen und 80 Büchern präsentierte er sich als "Kämpfer gegen den Ruin der Natur" (FAZ). Für dieses Lebenswerk wurde er mit öffentlichen Ehrungen überhäuft. Doch der ruhmreiche Forscher und Geschäftsmann hält sich bedeckt: "Ich lebe in meinem Elfenbeinturm. Niemand weiß, wer ich bin."
Der US-Buchautor Richard Munson glaubt nun, das Inkognito gelüftet zu haben. Für ihn ist Cousteau keine "lebende Legende", sondern ein fliegender Film- und Fischhändler, ein Showmaster der Zoologie und ein rabiater Tierquäler, der die Meereswelt seiner Kamera untertan gemacht habe.
Die Liste der Vergehen, die Munsons Lebensrecherche unter dem Titel "Cousteau - Der Kapitän & seine Welt" zutage fördert, ist lang*. Cousteau habe bei seinen Filmexkursionen See-Elefanten zu Tode gehetzt, Wale mit Harpunen markiert, um sie besser verfolgen zu können, und friedfertige Seetiere zu Schaukämpfen antreten lassen. Ein Großteil der Calypso-Missionen, so Munson, sei "Unterwassertheater" gewesen, ohne wissenschaftlichen Wert.
Unermüdlich, als wäre er "mythisch und ewig" (Munson), pendelt der jetzt 79jährige Cousteau zwischen Monaco, Paris und New York oder jettet zur Stippvisite auf sein Forschungsschiff. Dann wieder eilt er zu Umweltschutz-Vorträgen oder holt seine einzige Krawatte aus dem Schrank, um mit Fidel Castro oder Francois Mitterrand zu konferieren. Als gläubiger Moslem lebt er von Saft und Gemüse; Wein gilt ihm als Sünde, Müßiggang auch.
Nur in seiner Pariser Luxuswohnung gegenüber vom Triumphbogen findet der Kapitän manchmal zur Besinnung. * Richard Munson: "Cousteau - The Captain & his World". William Morrow & Company Inc., New York; 316 Seiten; 19,95 Dollar. Dann spielt er Klavier und malt surreale Landschaften. Manchmal dichtet er auch - wirft seine Lyrik jedoch, kaum gereimt, angeekelt in den Papierkorb und bricht rastlos zu neuen Projekten auf. "Cousteaus einziger Feind", schreibt Munson, "ist die Zeit."
Einen triebhaften Drang zu jeglichem Frisch-Naß, so Cousteau, habe er schon als Vierjähriger verspürt, "körperlich und sinnlich" habe ihn das Element betört. Mit zehn Jahren begann der blasse, schwächliche Schüler mit ersten Tauchversuchen. Das Erlebnis wirkte wie ein Initiationsritus, fortan konnte er vom Wasser nicht mehr lassen.
Seine "erotische Beziehung zum Meer" durfte Cousteau dann als Kadett der Marineschule in Brest ungezügelt ausleben. Er bastelte an Taucherbrillen, entwarf Schwimmanzüge, Unterwasserkameras und Schnorchel aus Gartenschläuchen. 1942 gelang ihm die Entwicklung der berühmten Aqualunge, eines einfach zu handhabenden Atemgerätes, das dem Taucher aus Preßluftflaschen Sauerstoff zuführt.
Nach dem Kriegsende galt der junge Marineoffizier bereits als Unterwasserexperte; Cousteau räumte für seine militärischen Dienstherren Seeminen aus dem Mittelmeer und stellte 1947 einen Tieftauchweltrekord auf (91,5 Meter ohne Atemhilfe). Drei Jahre später schenkte ihm der irische Bierbrauer Guinness ein ausgedientes Kriegsschiff. Cousteau ließ den Holzkahn zur Forschungsplattform "Calypso" umbauen und begann, "sich selbst als größten Entdecker der Welt zu stilisieren" (Munson).
Der Forschungspirat half den Ölbohrern in Abu Dhabi, drehte Lehrfilme über den U-Boot-Kampf und leuchtete für die Leser des US-Magazins Life die "Schlupfwinkel der Seemonster" aus. Für Schlagzeilen sorgten auch seine Expeditionen zu insgesamt 26 versunkenen Schiffen, aus denen er römische Amphoren und Goldschätze barg.
Das große "Calypso"-Fieber brach jedoch erst aus, als die Fernsehgesellschaft ABC den Franzosen zum televisionären Meeresgott aufzubauen begann. 1966 wurde ein 4,2-Millionen-Dollar-Vertrag ausgehandelt. Cousteau verpflichtete sich dafür, zwölf einstündige Dokumentarfilme zu drehen. Fortan segelte der "Promotor, Prophet und Poet" (Time) wie ein Sensationsfotograf durch die Gischt, an Bord Texter, Gagwriter und fliegende Kuriere, die das Rohfilm-Material mit Helikoptern an Land und von dort weiter zu den TV-Studios nach Los Angeles verfrachteten.
Auch sein Taucherteam wurde filmgerecht kostümiert. Cousteaus Froschmänner trugen nun gelbe Helme mit eingebauten Telefonen, schossen im gelben Mini-U-Boot oder mit Untersee-Scootern durchs Wasser und verfolgten Wal und Flunder im Hovercraft. Die Endlosserie "Die Unterwasserwelt des Jacques Cousteau" wurde in über 100 Ländern ausgestrahlt.
Gleich bei der ersten TV-Folge über Haie, in seinen Augen die "grausamsten Kreaturen des Ozeans", setzte Cousteau auf Action und Blutdurst. Sein Bildwerk war gestützt auf langjährige Experimente über das Freßverhalten der Raubfische. Um die bleckenden Haifischzähne zu filmen, habe "die Filmcrew Scharen von Delphinen getötet", um damit die Haie zu füttern, wirft Munson dem Tiefseefilmer vor.
Auch bei seinem nächsten Unterwasserkrimi für ABC zeigte sich Cousteau mit allen Wassern gewaschen und griff in die Trickkiste. Zwei Seelöwen, Pepito und Christobald getauft, wurden eingefangen und in einem Bassin auf der "Calypso" fernsehreif gedrillt.
Als die Dreharbeiten im freien Ozean begannen, machte sich Pepito umgehend davon. Nach langer Verfolgung wurde das Tier wieder eingefangen und starb kurz danach. Dennoch präsentierte Cousteau die Seelöwen in seinem TV-Film tränenrührig als "hilfsbereite Kameraden", denen es "freistand, zu kommen und zu gehen, wann sie wollten".
Um spannende Filmaufnahmen zu liefern, schnallten die Cousteau-Jungs Fernsehkameras auf die empfindlichen Leiber von Delphinen. Vor Walrossen in der Beringsee hampelte der Regisseur so lange herum, bis die trägen Kolosse endlich böse ins Objektiv grummelten. Kraken wiederum wurden gewaltsam auf engstem Raum ineinander verknäult und trugen dann prompt dramatische Polypenkämpfe aus.
Brutaler noch, wenngleich ohne jeglichen Erkenntnisgewinn, waren die Hai-Experimente der "Calypso"-Crew. Um * Aufnahme in die Academie francaise im Juni. die Lebensenergie eines gut drei Meter langen Ammen-Hais zu testen, harpunierten Cousteaus Taucher das Tier mit einem Sprenggeschoß. Trotz der klaffenden Explosionswunde konnte der Fisch noch davonschwimmen; für Cousteau ein Beweis für die "außergewöhnliche Vitalität von Haien".
Auch seine Kommentare über Eingeborene erinnern den Biographen Munson an die eines "gönnerhaften Touristen". Bei mauretanischen Fischern tadelte der Dokumentarfilmer, deren Hütten seien "stinkiger, als man es sich vorstellen" könne. Die Eskimos hingegen machte er zu Iglu-Cowboys: "Sie sind schießwütig und ballern auf alles, was sich regt, nur aus Spaß und Dollerei."
Cousteau selbst ließ derweil die Sektkorken knallen und feierte, wie etwa zu seinem 75. Geburtstag, Stehpartys mit Politikern und Prominenten. Sein Busenfreund Rainier von Monaco hatte dem Tiefsee-Odysseus bereits 1957 die Leitung des Ozeanographischen Museums von Monaco übertragen. Als der Fürst auch noch den Etat dafür ruckartig aufstockte, kam es im Fürstentum zu einer Art Palastrevolution.
Mittlerweile zum Hans Dampf in allen Fahrtrinnen avanciert, entwickelte Cousteau Anfang der sechziger Jahre neue, utopisch-monströse Pläne: Unverzüglich müsse der Meeresboden besiedelt werden, schließlich liege die Zukunft der Menschheit unterm Wasser. Dem damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy hielt der Taucher trotzig entgegen, submarine Fischfarmen würden "der Menschheit größeren Ertrag einbringen als der Wettlauf im Weltraum".
Auf Kongressen schwärmte Cousteau von aquanautischen Bauern, die Wale melken und die Früchte des Meeres ernten sollten. Zugleich hielt er es für wahrscheinlich, daß sich der Mensch innerhalb von 50 Jahren zum "Homo aquaticus" hinuntermendeln lasse oder durch chirurgische Eingriffe zum Wasseratmer umgepolt werden könne.
Insgesamt drei Unterwasserstationen wurden gebaut, die einen Vorgeschmack auf die Hydrokultur der Zukunft vermitteln sollten. Das 140 Tonnen schwere Tiefseehaus "Vorkontinent 3" etwa bestand aus zwei Stockwerken, kommod ausgestattet mit Küche, Klo, Schlaf- und Experimentierräumen. Im September 1965 wurde der Klotz vor der Küste Monte Carlos gut 100 Meter tief auf den Mittelmeerboden abgesenkt.
Wegen des starken Wasserdrucks atmete die sechsköpfige Crew ein Gemisch aus 98 Prozent Helium und zwei Prozent Sauerstoff, Heliox genannt. In dieser Kunstluft konnte die Mannschaft weder schmecken noch riechen. Zudem schlug der Spezial-Odem eigentümlich auf die Stimmbänder und machte aus sonoren Bässen Fistelstimmen. Die Aquanauten, so Munson, "hörten sich an wie Donald Duck".
Als die französische Regierung Zweifel an der erhofften Seetang-Ernte beschlich, wurden alle "Vorkontinent-Projekte" abgewürgt. Cousteau gab seine Wasservisionen auf und befand: "Ich fühle mich miserabel, wenn ich keinen Film drehe." Also drehte er wieder einen Film.
Mehr noch als seine rabiaten Tier-Shows kreidet Munson seinem Titelhelden dessen lasches Eintreten für den Umweltschutz an. Obwohl "Le Capitaine" ein Vielmillionenpublikum anspricht und als Chef der rund 250 000 Mitglieder zählenden Cousteau-Gesellschaft agiert, habe er seine Technikgläubigkeit bis heute nicht ablegen können.
Während weltweit in den sechziger Jahren die Umweltdiskussion in Gang kam, inspizierte der erklärte Beschützer der Kraken und Haie unterseeisch verlegte Gasrohre und sprengte Meeresböden, auf der Suche nach marinen Bodenschätzen. Für die französische Aluminiumlobby suchte die "Calypso"-Crew nach geeigneten Meereshöhlen für die Entsorgung giftiger Abfälle.
Auch die 1974 gegründete Cousteau-Gesellschaft mit Sitz in New York sieht der Buchautor eher als Werbefirma denn als Umweltorganisation. Unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit, so der Vorwurf, werde hier steuerfrei das Film-Imperium Cousteau gesteuert.
Weder zur Dünnsäureverklappung noch zum Einleiten von Industrieabwässern ins Meer vernahm man je ein klares Wort von Cousteau. Statt dessen hackt der grüne Korsar seit Jahren auf Sportfischern und Hobbytauchern herum, die seiner Meinung nach mit ihren Harpunen die Ozeane leer schießen.
Als das Ozonloch bereits gewaltige Ausmaße hatte, sah der Naturschützer keine Anzeichen für eine Verminderung der schützenden Gashülle. Sein lasches Engagement kaschierte er indes mit flotten Sprüchen: "Müßte Aphrodite heute dem Meerschaum entsteigen, sie hätte Furunkeln am Hintern."
Auch an den Atomwaffentests im Mururoa-Atoll kann der Forscher nichts Schlimmes finden. 1987 untersuchten seine "Calypso"-Matrosen auf Einladung der Mitterrand-Regierung das Lagunenwasser und fanden nur "unendlich kleine Spuren radioaktiver Elemente". Greenpeace nannte Cousteau daraufhin einen "Weißwäscher". Der Kapitän ließ jedoch keinen Zweifel an der frohen Botschaft und sprang zum Beweis kopfüber ins atomare Testbecken.
Unverdrossen, fast 80jährig, geht Cousteau immer noch auf Tauchstation, dreht pro Jahr vier Filme und will sich einen letzten Wunsch erfüllen: einmal mit einer US-Shuttle in den Weltraum fliegen und sein Reich, den blauen Planeten, von oben betrachten.

DER SPIEGEL 47/1989
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