25.09.1989

VerpackungIst doch Wahnsinn

Flüssigwaschmittel vom Faß, Milch aus der „stählernen Kuh“ - die Null-Verpackung ist im Kommen.
Der Kongreß müllte. Nach dem jüngsten CDU-Bundesparteitag in Bremen hatten die Putzkolonnen in der Stadthalle gut zu tun: Die 780 Delegierten, die auch über ein neues Umweltprogramm - Motto: "Unsere Verantwortung für die Schöpfung" - diskutierten, ließen einen stattlichen Abfallberg zurück.
Dutzende blauer Plastiksäcke füllten sich mit 18 000 Kunststoffschachteln, rund 14 000 Softdrink-Bechern sowie 20 000 Pommes-frites-Verpackungen und Salat-Tellern. Den wohl größten Müllhaufen in der Geschichte der Union hatten die Fast-food-Kette McDonald's und der CDU-Schatzmeister ermöglicht: Um den Delegierten rund eine Viertelmillion Mark zu sparen, akzeptierten die CDU-Vorständler das Gratis-Verpflegungsangebot des US-Konzerns für den Parteitag.
Dem Bonner Umweltminister Klaus Töpfer blieb der eigens für den Parteitag entwickelte "Kanzlerburger" im Halse stecken. "Wir sollten", schimpfte der Minister über den Müll, "lieber positive als negative Signale für die Abfallwirtschaft setzen."
Kritische Reaktionen wie in Bremen ist die weltweit stark expandierende Verpackungsbranche gewohnt, deren Experten sich nächste Woche in Hamburg zu einer "World Conference on Packaging" versammeln. Die Zunft, die allein in Westdeutschland jährlich 1,4 Millionen Tonnen Kunststoffmaterialien auf den Markt wirft, wird für die Abfallkrise mitverantwortlich gemacht, die sich in der Bundesrepublik anbahnt.
Das Umweltbundesamt hat errechnet, daß in Westdeutschland jährlich für vier Milliarden Mark Ex-und-hopp-Kunststoffe weggeschmissen werden. Nahezu ein Fünftel der verbrauchten Plastikmaterialien entfällt auf Verpackungen.
Ökologen raten dazu, Verpackungen so zu gestalten, daß sie weiterverwendet werden können, beispielsweise als Mehrwegbehältnis. Nach Möglichkeit sollten die Materialien biologisch abbaubar sein, also von Bakterien verputzt werden können.
"Die beste Verpackung", sagt Peter Menke-Glückert, 60, Geschäftsführer der Bonner Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt, "erzeugt erst gar keinen Müll." Zur neuesten Generation jener Produkte, die Menke-Glückert "intelligente Behältnisse" nennt, gehört ein eßbarer Joghurtbecher (siehe Seite 95). Bonn hat bisher wenig Interesse gezeigt, die Entwicklung von Öko-Verpackungen zu fördern. Aus dem Etat des Forschungsministeriums fließen zwar Milliardenbeträge in Raumfahrt oder Elektronik. Aber erstmals im Juni dieses Jahres genehmigte High-Tech-Minister Heinz Riesenhuber (CDU) eine halbe Million Mark, um vom Münchner Fraunhofer-Institut für Lebensmitteltechnologie und Verpackung den Einsatz "bioabbaubarer Verpackungsmaterialien" prüfen zu lassen.
Dabei soll auch erkundet werden, wie Packstoffe durch "Mikroorganismen" wieder "in den biologischen Kreislauf" eingegliedert werden können. Zugleich wollen die Forscher eine "langfristige Strategie zum verstärkten Einsatz nachwachsender Rohstoffe" entwickeln.
Der schleswig-holsteinische Bauernverband hat bereits den Neubau eines Stärkemittel-Werkes bei Husum beschlossen, um den "Zukunftsmarkt" bedienen zu können. In Naturmaterialien aus Stärke lassen sich, wie Umweltschützer hoffen, nicht nur Produkte wie Joghurt und Quark verpacken.
Das dickste Geschäft sehen Branchenkenner bei den weltweiten Fast-food-Ketten, in denen die Buletten in Kunststoffschachteln ausgegeben werden. Fast-food-Behältnisse aus dem Naturprodukt Stärke dagegen ließen sich beispielsweise als Schweinefutter verwenden. Bei einer US-Tochterfirma des österreichischen Waffelmaschinen-Produzenten Haas sind bereits Anfragen nach kompostierbaren Imbiß-Behältern eingegangen. "Der Druck auf die Kunststoffverpackung", sagt Firmenchef Franz Haas, "wird immer größer."
Diverse Forschungsinstitute und Konzerne haben sich daran gemacht, marktreife Bio-Verpackungen zu testen. *___Das Frankfurter Batelle-Institut hat eine "eßbare ____Klarsichtfolie" entwickelt, deren Grundstoff aus einer ____neugezüchteten Erbsensorte gewonnen wird. Unter Wasser ____löst sich die Folie, reißfest wie Zellophan, in etwa ____zehn Minuten auf. Für Babywindeln, Kosmetika, Obst und ____Gemüse soll die Bio-Folie im nächsten Jahr auf den ____Markt kommen. *___Die US-Firma Archer Daniels Midland Co. hat die erste ____"verrottbare Plastiktüte" präsentiert. Die Tragetasche ____aus Stärke und Spezial-Kunststoffverbindungen soll sich ____auf der Deponie weitgehend in Wasser und Kohlendioxid ____verwandeln. *___Der Chemiekonzern Bayer, so kündigte dessen ____Vorstandsmitglied Ernst-Heinrich Rohe an, will ____"maßgeschneiderte, leicht abbaubare ____Verpackungsmaterialien" entwickeln, weil diese Produkte ____bald "bessere Verkaufschancen" hätten. *___An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ____hat der Chemiker Ivan Tomka ein Verfahren erfunden, um ____pflanzliche Produkte wie Kunststoffteile zu formen. Aus ____Kartoffelstärke werden bereits Medikamentenkapseln ____gefertigt.
Parallel zur Bio-Verpackung läuft ein Trend zur sogenannten Null-Verpackung, der den Massenmarkt der Waschmittel erreicht hat. Nachdem der US-Multi Procter & Gamble in Westeuropa eine "Lenor"-Nachfüllpackung eingeführt hat, die den Abfallanfall um 85 Prozent verringern kann, zieht die Konkurrenz nach. Die westdeutsche Henkel-Gruppe vertreibt neuerdings Nachfüll-Konzentrate für Flüssigwaschmittel, deren Behälter auf diese Weise zu Mehrwegverpackungen werden. Einen noch radikaleren Weg geht die Delmenhorster 150-Mann-Firma Annen-Chemie.
Deren Flüssigwaschmittel "Afix" können die Verbraucher seit letztem Monat in den Supermärkten vom Faß zapfen. Aus hüfthohen Tonnen wird das zähflüssige Waschmittel mit "acht bis neun Stößen", so Firmenchef Reinhold Nienhaber, in die mitgebrachte Originalverpackung befördert. Der Selbstzapfer zahlt für die lose Lösung eine Mark weniger als für die Zwei-Liter-Flasche.
"Es ist doch Wahnsinn", sagt Nienhaber, "die hochwertigen Kunststoffverpackungen jedesmal wegzuwerfen." Bedenken des Handels, "daß es kleckert", wenn sich Kunden an der Waschmittel-Tankstelle selbst bedienen, konnte Nienhaber ausräumen. Im nächsten Monat soll das Delmenhorster Faß bundesweit eingeführt werden.
Daß der Verbraucher positiv auf die Null-Verpackungen reagiert, zeigte schon der Erfolg der sogenannten stählernen Kuh, mit der süddeutsche Molkereien Frischmilch abgeben. "Es wird kein Revival des Kolonialwarenladens geben", urteilt Umweltexperte Menke-Glückert, "aber Großvaters Ideen waren gar nicht so schlecht."
Eine Umfrage unter 400 Konsumenten im Rhein-Main-Gebiet ergab allerdings ein etwas ernüchterndes Resultat. Zwar unterstützte eine Mehrheit der Befragten die Umweltschützer-Forderung nach recyclinggerechter Kennzeichnung von Verpackungen. Aber nur jeder vierte versprach, er werde Hinweise auf das verwendete Material auch beachten.
Spezialitäten wie der eßbare Joghurtbecher würden diesen Verbrauchern glatt entgehen.

DER SPIEGEL 39/1989
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