09.04.1990

„Die können nicht mal richtig laufen“

Hermann Gerland, 35, ist seit 1986 Bundesligatrainer. Er arbeitete zuerst beim VfL Bochum, jetzt beim 1. FC Nürnberg. Vom Sommer an wird der frühere Fußball-Profi die Jugendmannschaften des FC Bayern München trainieren.
SPIEGEL: Herr Gerland, Sie steigen freiwillig ab, werden Jugendtrainer. Sind Sie in der Bundesliga gescheitert?
GERLAND: Kürzlich habe ich zwei Jahre alte Photos von mir gesehen. Als ich damals in Nürnberg anfing, sah ich aus wie 25. Heute sehe ich aus wie 45 - und ich fühle mich auch so. Es gab Phasen, da bin ich morgens um sechs aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen, weil ich permanent darüber nachgedacht habe, was ich wohl falsch mache. Deshalb habe ich mir gesagt: Das muß ich nicht haben, das will ich mir nicht länger antun.
SPIEGEL: Manche Kollegen helfen sich über solche Krisen mit Alkohol hinweg.
GERLAND: Ich trinke in der Regel keinen Alkohol. Ich war in meinem Leben vielleicht sechs-, höchstens zehnmal betrunken.
SPIEGEL: Was hat Sie denn so schnell altern lassen?
GERLAND: Ich will in Ruhe arbeiten können. Dazu gehört auch, daß man sich an einen Tisch setzt und sich die Dinge offen ins Gesicht sagt, wenn es Probleme gibt. Aber das war hier in Nürnberg nicht möglich. Hier hat vor allem der Präsident mit teilweise primitiven Methoden Intrigen gegen mich gesponnen. Das ging sogar so weit, daß er ohne mein Wissen die Taktik verändern wollte.
SPIEGEL: Können Sie sich nicht wehren?
GERLAND: Irgendwann habe ich ihm gesagt: Entweder halten Sie jetzt endlich Ihren Rand, oder Sie schmeißen mich raus. Das Ergebnis war, daß wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander gesprochen haben. Man hätte hier viel mehr erreichen können, wenn es einigen Leuten nicht zuallererst darauf angekommen wäre, sich selbst darzustellen. Ein gewisser Herr Schmelzer hätte nur bereit sein müssen, seine Glatze mal ein bißchen zurückzuziehen, statt permanent Fernsehauftritte zu inszenieren.
SPIEGEL: Das sind aber nun einmal die Spielregeln der Bundesliga. Den beschaulichen Arbeitsplatz, den Sie sich wünschen, finden Sie eventuell noch beim VfL Bochum, vielleicht auch noch in Mannheim.
GERLAND: Das haben mir einige Herrschaften hier in Nürnberg auch schon gesagt. Aber das möchte ich einfach nicht glauben.
SPIEGEL: Sind Sie vielleicht doch, wie Ihre Gegner behaupten, zu sanft für das Geschäft? Oder wollen Sie die Branche missionieren?
GERLAND: Weder noch. Aber wenn es für diesen Job Bedingung ist, link zu sein, dann bin ich wirklich kein Trainer für die Bundesliga, dann will ich da nicht mehr arbeiten. Ich kenne genug Kollegen, die sich um meinen Job reißen. Die würden alles dafür machen, vermutlich sogar Geld bezahlen, um bei irgendeinem Bundesligaklub auch nur ins Gespräch zu kommen.
SPIEGEL: Präsident Schmelzer spricht Ihnen die "Fähigkeit der Darstellung nach draußen" ab. Wollen oder können Sie das nicht?
GERLAND: Zugegeben, ich verkaufe mich schlecht, da habe ich meine Probleme. Aber ich bin nicht bereit, den Maxen zu spielen. Viele Kollegen mögen es durch ihren Job auch zu gesellschaftlicher Anerkennung gebracht haben. Aber ich bin nun einmal nicht bereit, irgendwelchen Vorstandsherren für alle möglichen Exzesse zur Verfügung zu stehen, nur weil mir das dann womöglich Vorteile verschafft. Ich habe dem Herrn Schmelzer sogar angeboten, ihn jede Woche einmal zum Essen einzuladen, wenn er dafür die wöchentliche Pressekonferenz abschafft. Denn das war eine Art Muppets-Show, da haben sie mich vorgeführt, als hätte ich gerade zwei Kleinkinder getötet.
SPIEGEL: Selbst ein eher stiller Kollege wie Jupp Heynckes hatte nach einem Jahr bei Bayern München erkannt: Fußball ist auch Showgeschäft, wir Trainer sind alle Entertainer.
GERLAND: Was heißt denn überhaupt Show? Natürlich muß der Fußball verkauft werden. Aber die Show muß sich doch zuallererst auf dem Rasen abspielen. Was wollen die Deutschen denn da für eine Show abziehen? Das können vielleicht die Italiener oder die Brasilianer, da kann ich das noch nachvollziehen. Aber die Deutschen gehören doch nur dank ihrer Disziplin und ihrer kämpferischen Fähigkeiten zur Weltspitze. Warum sollen wir denn dem Ideal des technisch perfekten Fußballs hinterherrennen, wenn das hierzulande ohnehin nur ganz wenige Akteure erreichen können?
SPIEGEL: Können Sie Ihren Kickern nicht beibringen, wie man es besser macht?
GERLAND: Sehen Sie sich doch mal das Training von einem Bundesligaklub an. Da gibt es Spieler, die schon bei Torschußübungen unüberwindbare Probleme haben, andere können nicht mal richtig laufen. Die sind einfach schlecht ausgebildet. Viele haben ihre Grenze erreicht, denen kannst du nichts mehr beibringen.
SPIEGEL: Sie werden jetzt Jugendtrainer, um Teenagern wieder das Fußballspielen beizubringen.
GERLAND: Ich hatte auch Angebote von anderen Bundesligavereinen und aus dem Ausland. Aber ich wollte unbedingt den Job bei Bayern München annehmen und freue mich sogar darauf, ein bißchen abzutauchen. Denn ich will wieder Spaß an meiner Arbeit haben.
SPIEGEL: Ihr Vertrag in Nürnberg war mit monatlich 15 000 Mark dotiert . . .
GERLAND: . . . ich habe es nicht nötig, mich für 5000 Mark mehr im Monat von irgend jemandem anpinkeln zu lassen. Ich muß auch nicht mit einem Porsche durch die Gegend rauschen. Das ist nicht meine Welt. f

DER SPIEGEL 15/1990
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DER SPIEGEL 15/1990
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