19.03.1990

„Hier redet man Russisch“

Die Hochhäuser sind bunter als anderswo, und nur an wenigen Wänden stören Filzstift-Inschriften das Sauberkeitsempfinden. Kleine Gassen führen zu Reihenhäuschen mit Garten oder Waldblick. Die Trabantenstadt Haidach auf einem Hügel über Pforzheim wirkt wie eine Mischung aus Märkischem Viertel und Feriensiedlung.
"Also ich finde es echt gemütlich hier", sagt Rita Ackermann, 18, eine hübsche Blonde mit Disco-Mähne, die mit ihren Freunden abends in der Pizzeria "San Marco" sitzt. Kleine Störfälle in der Vorort-Idylle verschweigt sie nicht. Ihr hat mal einer vom Balkon aus Wasser auf den Kopf gekippt. Doch mit derlei Feindseligkeiten kann sie leben: "Mir ist das scheißegal."
Rita kommt aus Kasachstan und wohnt seit 1982 hier. Die meisten der 10 000 Einwohner "auf dem Haidach", wie die Pforzheimer sagen, sind Aussiedler wie sie. Der evangelische Pfarrer Hanns-Heinrich Schneider, 44, spricht von 70 Prozent Aussiedler-Anteil, der Pforzheimer SPD-Oberbürgermeister Joachim Becker, 48, tippt mangels exakter Zahlen auf knapp 60 Prozent.
Spannungen bleiben da nicht aus. Vor zwei Jahren demolierten "russische" Schlägerbanden in einem Jugendzentrum das Mobiliar und schlugen Besucher krankenhausreif. Sozialarbeiter Werner Wieland kam gegen die Störer nicht an - die Randalierer sprachen nur Russisch - und schloß den Treffpunkt.
"Offene Randale kommt immer in Schüben", beobachtete Pfarrer Schneider. Haidach ist nicht Harlem: Zwar gibt es mal Messerstechereien und Prügeleien am hellichten Tage, dann aber ist längere Zeit Ruhe, und "Kleinrußland", wie der Stadtteil im Volksmund heißt, scheint wie eine ganz normale westdeutsche Schlafstadt.
Daß die Bewohner aus Sibirien oder von der chinesischen Grenze kommen, ist nur auf den zweiten Blick zu erkennen: an dem Sowjetstern am Revers, an Hammer und Sichel auf dem Halstuch, an den kyrillischen Kritzeleien zwischen den Liebesbekundungen auf Beton für "Laura" oder "Eugen".
Vor allem auf Rußlanddeutsche übe der "Magnet Haidach" eine starke Anziehungskraft aus, weiß der Zahnarzt Jörg Augenstein, 43, Vorsitzender des Bürgervereins, der sich um die Integration der Zuzügler bemüht. Der Ort sei selbst in Moskau ein Begriff. Bei der deutschen Botschaft dort erscheinen häufig Ausreisewillige mit dem Wunsch: "Wir wollen auf den Haidach." Denn die Verwandtschaft lebt dort schon.
Seine erstaunliche Attraktivität verdankt der Aussiedler-Hügel einem unscheinbaren Sozialblock in der Leipziger Straße. Das Übergangswohnheim für Spätaussiedler wurde 1975 auf der grünen Wiese errichtet und bildete den Kristallisationskern für die Aussiedler-Ansiedlung. Drum herum entstanden Hochhäuser, Reihenhäuser und schließlich Einfamilienhäuser. Nach und nach zogen die Neubürger ein.
Heute noch kommen wöchentlich etwa 20 Zuzügler an. Wohnheimleiterin Edda Schmack, 49, stammt selbst aus einer rußlanddeutschen Familie, die einst in Sibirien lebte, und hat Verständnis für die Flüchtlingsschicksale: "Hab' ich auch alles miterlebt." Doch sie muß die Neuen gleich weiterschicken, in eines der zwölf Hotels, die Pforzheim für etwa 50 Mark pro Übernachtung angemietet hat. Das Heim ist mit 400 Leuten in 32 Wohnungen total überbelegt.
Die Rentnerin Hilda Schmidt aus der Schwarzmeerstadt Odessa etwa teilt sich mit ihrer Schwester und ihrer 25jährigen Tochter Violetta einen Raum von zehn Quadratmetern. Im Zimmer daneben hat sich eine fünfköpfige Familie eingerichtet, mit Koffern und Taschen, Klappsofa und einem Neuschwanstein-Bild an der Wand. Im dritten Zimmer lebt eine vierköpfige Familie. In der Küche stehen ein Kocher und ein Vorratsschrank für jede Partei.
Angesichts der widrigen Lebensumstände sinniert Hilda Schmidt darüber, ob dies alles - nach Krieg, Sibirien-Deportation, Diskriminierung und Heimatlosigkeit - für ihren Lebensabend der ersehnte Platz ist: "Wir haben doch schon soviel mitgemacht in der UdSSR. Vielleicht hätten wir dort bleiben sollen bis zum Ende", sagt sie nun.
Hilda Schmidt wird wohl noch einige Zeit in ihrer Drei-Bett-Zelle ausharren müssen. Sie ist erst elf Monate da, im Schnitt wartet eine Aussiedlerfamilie zwei Jahre auf eine Wohnung.
Der Pforzheimer Kurier berichtet über "erschreckende Fälle von Wohnungsnot", von schwangeren Frauen beispielsweise, die "mangels eigener vier Wände in Autos oder auf einem Speicher übernachten". Im Bereich Haidach gab es laut Volkszählung 1987 nur 4500 Wohnungen für 5000 Haushalte.
Seither wurden, obwohl mehr Zuzügler gekommen sind, von Jahr zu Jahr weniger Häuser gebaut. Auf jeweils 30 Wohnungssuchende im Haidach, sagt Pfarrer Schneider, komme heute eine einheimische Familie.
Vor der Schautafel mit Wohnungsangeboten einer Baugenossenschaft ist ein junger Mann mit Schnauzer und Schimanski-Jacke ("Ich bin ein waschechter Pforzheimer") gegenüber zwei älteren Ehepaaren aus Sibirien und Odessa in der Minderheit, und so fühlt er sich auch.
Wegen der starken Ostkonkurrenz, glaubt der 38jährige technische Angestellte, habe er auf fünf Bewerbungen bei der Genossenschaft fünf Absagen bekommen. Als Deutscher, meint er, gehöre er auf dem Haidach zu einer Randgruppe: "Hier oben muß man Russisch reden, sonst geht man unter."
Der Mann reagiert auch wegen des rapiden Wohlstandszuwachses bei den Neubürgern allergisch auf alle Aussiedler. "Nach vier Wochen Fernseher und Video, nach vier Monaten der Daimler, nach vier Jahren das Häusle", beschreibt Pfarrer Schneider die Konsumgewohnheiten der Rußlanddeutschen.
Das schaffen die Zuwanderer nicht mit Hilfe von Staatsgeld, sondern durch Sippensolidarität: Die Familienmitglieder sparen eisern, arbeiten fast bis zum Umfallen und legen zusammen. Einheimische, wie der erfolglose Wohnungssuchende, reagieren dennoch mit Sozialneid: "Die ham ihr Häusle, und wir ham keins."
Solche Stimmung schlägt sich auch bei Wahlen nieder: 11,2 Prozent erhielten die Republikaner in Pforzheim, Haidach gilt als Rep-Hochburg.
Die Aussiedler ihrerseits spüren die Ablehnung der Einheimischen und reagieren mit Argwohn und Mißtrauen. Die Älteren, unsicher, ziehen sich zurück. Die Jüngeren, häufig nur widerwillig aus vertrauter Umgebung ins gelobte Land der Alten gezogen, reagieren aggressiv.
"Die Jugendlichen knallen hier rein, kriegen diese Wahnsinnsgesellschaft mit, und dann kommt halt Zoff raus", sagt Erik Plaep, 23, der mit seinen einheimischen Freunden im "Haidach-Stüble" sitzt, eine Etage unter der Pizzeria, in der sich die "Russen" treffen.
Die wechselseitige Ablehnung führt dazu, daß die einzelnen Gruppen auf dem Haidach ein abgschirmtes Eigenleben führen. Völlig abgeschottet hat sich eine Gruppe von etwa 900 Mitgliedern: die Pfingstgemeinde.
In einem ehemaligen Supermarkt kommen die Gläubigen zusammen, rechts die Männer, links die Frauen, mit bunten Kopftüchern.
Die sogenannten Pfingstler pflegen einen absonderlich wirkenden Kult - zwischen den Gebeten verfallen sie in ekstatische Phasen, stoßen wie in Trance summende Laute aus oder brabbeln Wortfetzen. Bisweilen halten sie ihre rituellen Zusammenkünfte in Privatwohnungen ab, sehr zum Mißfallen lärmempfindlicher Nachbarn.
Als Integrationsbremse wirkt auch das Bestreben der Pfingstler, zur Wahrung ihrer strengen Bräuche - Alkohol ist Teufelszeug, Nikotin verpönt, Tanzen Sünde - den Kontakt zur schlechten Welt zu meiden. "Die Leidtragenden sind die Kinder", meint Peter Miczka, 52, Konrektor der Haidach-Schule.
In seiner Klasse 4 e mit 20 Schülern sind von elf Aussiedlern sieben Pfingstler: "Die dürfen nirgendwo mitmachen." Hinzu kommen erhebliche Sprachschwierigkeiten. In den Großfamilien, in manchen gibt es 14 Kinder, wird häufig nur Russisch gesprochen, viele Kinder können noch in der vierten Klasse kein Deutsch.
Bei den Zuwanderern, die jetzt noch ins Land kommen, ist dies die Regel. "Nahezu keiner mehr spricht Deutsch", sagt Rudi Späth, 60, der Direktor des Pforzheimer Arbeitsamts. Er schickt die neuen Aussiedler - derzeit etwa 600 - erst mal in Sprachkurse. Fast 20 Millionen Mark hat das Arbeitsamt Pforzheim im letzten Jahr dafür und für die Weiterbildung der meist unterqualifizierten Landbewohner ausgegeben - 14 600 Mark pro Person.
Bei Direktor Späth haben sich seit November 1988 fast 2000 Aussiedler arbeitslos gemeldet. Die Stellungsuchenden sind immer schlechter unterzubringen: In Baden-Württemberg ist die Zahl der Arbeitslosen aus dieser Gruppe seit dem Februar letzten Jahres um 63 Prozent gestiegen.
"Das Problem wird uns noch jahrzehntelang beschäftigen", prophezeit der Haidacher Pfarrer Schneider. Mit etwa 1,3 Millionen Aussiedlern rechnet der Deutsche Städtetag allein in diesem Jahr, darunter eine zunehmende Zahl von Rumäniendeutschen, die nach Ceausescus Ende massenhaft in die Bundesrepublik wollen.
Wohin mit ihnen allen? Auf dem Pforzheimer Aussiedler-Hügel werden keine Wohnungen mehr gebaut. Und von neuen Retortengettos nach dem Modell Haidach sei abzuraten, meint Schneider: "Der Stadtteil ist eine Fehlkonstruktion."

DER SPIEGEL 12/1990
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