09.04.1990

ShowbusinessTeufelspakt für Millionen

Das Hamburger Thalia stemmte das bislang aufwendigste deutsche Subventionstheater-Spektakel auf die Bühne. Nun soll „The Black Rider“ weltweit vermarktet werden.
Teufel auch: Zum finsteren Schluß, nach knapp drei Stunden entfesseltem Gespensterzauber und trommelfellzerrüttendem Gruselsound, geschieht etwas, was selbst im schwärzesten Märchen nicht passieren darf. Ein Höllensohn fährt zum Himmel. Das Theatermärchen ist aus, das Böse triumphiert.
Doch der wahre Höllenlärm brach erst hinterher los, im Parkett und in den sonst eher ruhigen Spalten der Feuilletons. Halbstundenlang bejubelte das Premierenpublikum im Hamburger Thalia Theater das Musical "The Black Rider", das ihnen ein amerikanisches Künstlertrio da beschert hatte. Kritiker schwärmten nach der Uraufführung von "wunderbaren Bildkompositionen" (Frankfurter Rundschau), einem musikalischen "Geniestreich" (SZ) und "kindhaftem Glück" (Bild).
Vom literarischen Underground-Veteranen William S. Burroughs, 76, stammt der Text, der schräge Pop-Heilige Tom Waits, 40, hat die Musik komponiert und Bilderrätsler Bob Wilson, 48, führte Regie. Der lauteste Jubel aber galt keinem der drei Urheber, sondern dem Beelzebub-Darsteller Dominique Horwitz. Mit wunderbar komischen Grimassen, weit abstehenden, grell beleuchten Henkelohren und markerschütterndem Gesang hat Horwitz die Rolle des diabolischen Conferenciers an sich gerissen. Das Publikum zweifelte keinen Augenblick: Der Mann hat seine finale Himmelfahrt verdient.
"Stelzfuß" heißt Horwitz im Drama, das Burroughs, Wilson und Waits aus den Quellen der Weberschen "Freischütz"-Oper gebastelt haben. Von der Volkssage und Love-Story zwischen der Försterstochter Käthchen (hinreißend und selbstentsagungsvoll komisch: Annette Paulmann) und dem Jungjäger Wilhelm (Stefan Kurt), die August Apel aufgezeichnet und (zusammen mit Friedrich Laun) 1810 im "Gespensterbuch" veröffentlicht hat, blieb dabei immerhin die Story übrig, vom ehemaligen Morphinisten Burroughs zur Drogen-Allegorie umgedeutet.
Von Webers Oper dagegen blieb nichts. Denn die Frage, wer im Wettstreit des ungleichen Künstlertrios Burroughs/Wilson/Waits schließlich die Oberhand behielt, ist schnell entschieden: "The Black Rider" ist vor allem ein Musical von Tom Waits. Es ist die "Cats"-Version für Intellektuelle und Snobs.
Waits, seit Anfang der siebziger Jahre im Musikgeschäft, hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihm schräges Vaudeville-Entertainment und Variete-Schmiere näher sind als die alltäglichen Hanswurstiaden der Pop-Konkurrenz, und schon früh glichen die Auftritte des gebrochenen, von Alkohol-Exzessen gezeichneten Helden den Darbietungen zweifelhafter Hinterzimmer-Kabaretts.
Die Hamburger Zusammenarbeit mit Burroughs und dem amerikanischen Lieblingsmagier der Theaterdeutschen, Wilson, erwies sich zudem als unerwartet schwierig: Bis in die letzten Probentage hinein schrieb Waits an der "Black Rider"-Musik. Bis zur Premiere zitterten Thalias Intendant Jürgen Flimm und sein Kaufmännischer Geschäftsführer Rolf Paulin, ob das aufwendige Spektakel seinen Bühnenstart auch erleben oder gar überleben würde.
Inzwischen aber gestattet sich Paulin sogar Sinn für Spielereien. Auf Anweisung des Administrators soll seit dem Bomben-Erfolg dieser Zitter-Partie vom Telefon-Tonband des Hauses der Schlager "Black Rider" erschallen.
Rund vier Millionen Mark mußte das Thalia für den "Black Rider" aufbringen, eine Summe, die den Etat des Betriebs unzulässig belastet hätte, dem für jährlich acht Inszenierungen im großen und knapp einem halben Dutzend im kleinen Haus nur rund 27 Millionen Mark zur Verfügung stehen.
Ein Ausweg des Hauses: Die Wiener Festwochen, wo "Black Rider" gastieren wird, wurde als Koproduzent mit 300 000 Mark an den Kosten beteiligt.
Ein zweiter Ausweg der Hanseaten: Für den prestigeträchtigen "Black Rider" können, erstmals im subventionierten deutschen Stadt- und Staatstheaterwesen und über die übliche Sponsorenpraxis weit hinausgehend, auch private Anleger in den Kulturbetrieb einsteigen und dabei auf einen Gewinn hoffen - als Kommanditisten einer eigens für das Wilson-Burroughs-Waits-Projekt gegründeten Gesellschaft "Take 12 (GmbH und Co. KG.)".
Unter dem beschwörenden Titel "Werden Sie doch endlich Unternehmer in Sachen Kultur" rechnet ein Faltblatt das Modell vor, nach dem von 6000 überwiesenen Mark 4000 in herkömmlicher Weise als steuerabzugsfähige Spende verbucht werden. Je 1000 Mark dienen als Kommanditanteil und als Anteil an einer Komplementärgesellschaft.
Rund 30 solcher "angels" (Engel), wie im angelsächsischen Branchenjargon Investoren in Sachen Entertainment genannt werden, hat der Hamburger Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater Otto Gellert für "Take 12" gekeilt. Das Klassenziel von 300 000 Rest-Mark, die den Theaterleuten noch fehlten, sei damit zu etwa 40 Prozent erreicht.
Von den Investitions- und Spekulationsunternehmen, die schon immer den Broadway und das West End, seit den reinen Kommerz-Musicals "Cats" in Hamburg und "Starlight Express" in Bochum auch Teile des deutschen Showbusiness beherrschen, ist "Take 12" gleichwohl weit entfernt.
Gewinnchancen darf sich die "Reiter"-Schwadron lediglich von der Zweitverwertung der Hamburger Inszenierung erhoffen, von Schallplatten und einem (in Koproduktion mit dem ORF) geplanten Film. Und der Vertrag zwischen den (privaten) Investoren und dem öffentlich finanzierten Thalia Theater soll verhindern, daß gewinnlüsterne Kommanditisten die "Black Rider"-Truppe zum endlosen Tingeln bewegen könnten.
Ohnehin ist die Mobilität der Hamburger Reiter beschränkt, die Inszenierung nur für einzelne Gastspiele geeignet. Allein drei Tage lang, so kalkuliert Jochen Hahn, dessen im bayerischen Icking ansässige "Hahn & Molitor Produktion" die Musical-Tourneen gegen Provision organisieren soll, werden die Aufbauarbeiten etwa die Amsterdamer Oper oder das Pariser Theatre du Chatelet blockieren. Darüber hinaus sind Gastspiele in Sao Paulo und Kairo geplant.
Müßte die Truppe nach "Cats"-Vorbild ihren Reibach rein über die Kassenerlöse machen, müßten Eintrittspreise von 140 Mark und mehr verlangt werden, eine gewaltige (und mit dem öffentlichen Repertoire-Auftrag nicht zu vereinbarende) Marketing-Organisation aufgebaut werden.
Kleinen Nebengeschäften freilich ist niemand abgeneigt. Thalia-Kaufmann Paulin: "Wenn dem Wilson eine Zeichnung für ein T-Shirt einfällt, dann verkloppen wir das auch." f

DER SPIEGEL 15/1990
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