09.04.1990

KinoRasendes Vehikel

„Music Box - Die ganze Wahrheit“. Spielfilm von Costa-Gavras, USA 1989; 125 Minuten; Farbe.
Mitten im Kommerz-Kino spielt Konstantin Costa-Gavras seit jeher die Rolle des politisch wachsamen Gewissens, den Mann, der heiße Eisen anfaßt, solange sie noch glühen. So drehte er Filme über die Obristen in Griechenland und über die verschwundenen Regime-Gegner des Pinochet-Staatsstreichs in Chile - der Film "Vermißt" war schon deshalb ein mutiges Unterfangen, weil er dem amerikanischen Publikum zumutete, sich mit der amerikanischen Mitschuld am chilenischen Putsch und den Bestialitäten der Junta von US-Gnaden konfrontiert zu sehen.
Die Filme von Costa-Gavras trugen eine unbequeme Botschaft - daß sie schmissig gemacht waren, sah man ihnen gnädig nach: sie mußten sich ja in einem Kino behaupten, dessen Zuschauer auf action (auch solche der Gefühle) getrimmt waren.
In seinem neuen Film "Music Box" greift Costa-Gavras wiederum nach einem sperrigen Thema: Es geht darum, daß ein ungarischer Immigrant in den USA von seiner Nazi-Vergangenheit (er war als "Pfeilkreuzler" an Judenpogromen sadistisch beteiligt) eingeholt wird. Die Behörden des (noch) kommunisti* Mit Jessica Lange und Armin Mueller-Stahl. schen Ungarn verlangen seine Auslieferung; in den USA, wo er längst ein ehrsamer Staatsbürger geworden ist, muß über die Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft zu Gericht gesessen werden.
Im Grunde geht es vor allem um die Frage, wie es, unter dem Deckmantel des Antikommunismus, im Kalten Krieg dazu kommen konnte, daß Nazi-Kriegsverbrecher und ihre Kollaborateure so leicht und mit Hilfe der USA ihrer Vergangenheit entkommen konnten - ein Thema, das Marcel Ophuls gerade so eindringlich in seiner Barbie-Dokumentation "Hotel Terminus" durchleuchtet und analysiert hat.
Der Stoff von "Music Box" ist also ein unaufgearbeiteter Brocken im kollektiven Bewußtsein der Nachkriegszeit, und so wurde der Film in Berlin auch prompt mit dem Goldenen Bären dekoriert.
Doch diesmal ist das Vehikel, das Costa-Gavras seinem Thema verpaßt, um es auf Kinofahrt zu bringen, den moralischen und politischen Fragen, die es befördern sollte, besinnungslos davongerast. Die Kino-Story, die sich der Film für die Auseinandersetzung mit der bestialischen Vergangenheit ausgedacht hat, dient der Geschichte nicht, sondern verhökert, ja verrät sie gleich zwiefach: an einen Gerichtsthriller und an eine Vater-Tochter-Schnulze.
Armin Mueller-Stahl spielt den Immigranten mit dem eisgrauen Schnurrbart und der heilen Familie im neuen Vaterland. Jessica Lange die Tochter, die es als Vertreterin der ersten in den Staaten geborenen Generation längst zu gesellschaftlichem Renommee gebracht hat: Sie ist eine tüchtige Mutter und schneidige Advokatin. Als ihr Vater angeklagt wird, ein Nazischerge gewesen zu sein, übernimmt sie seine Verteidigung, nachdem er ihr etwas von bösen kommunistischen Verleumdungen vorgeflunkert hat. Was dann kommt, ist der übliche forensische Zirkus, wie man ihn aus unzähligen Gerichtsfilmen ("Einspruch, Euer Ehren!", "Einspruch stattgegeben!") kennt: Die Kamera fegt zwischen den Parteien hin und her, sie macht die Punkte, zählt die Tore und ist in Wahrheit an den Aussagen der Zeugen und an den beschworenen Greueln der Vergangenheit so interessiert wie ein Sportreporter während eines Fußballspiels an der freudlosen Jugend des torschießenden Mittelstürmers.
Das Kino drückt dem Thema unerbittlich seine Regeln auf: Staatsanwalt und Verteidiger kämpfen mit verbissenen Gesichtern, Papa ist stolz auf die Tochter, weil die ein elegantes forensisches Florett ficht.
Aber endgültig erschlägt Costa-Gavras sein Thema erst mit einer kriminalistischen Schlußvolte: Gerade als die Tochter ihren Vater scheinbar zweifelsfrei von seiner faschistischen Folterer-Vergangenheit freigekämpft hat, wird ihr ein Pfandschein zugespielt, für den sie, daher der Titel "Music Box", in einer Pfandleihe eine Spieluhr einlöst, die einem einstigen Kumpan des Vaters gehörte.
Prompt purzeln aus dieser Box die eindeutig belastenden Fotos, Jessica Lange macht ein betroffenes Gesicht, durchleidet einen Gewissenskonflikt und läßt die Pflicht über die (Tochter-) Neigung heroisch siegen. Sie denunziert den Vater.
Pech für den Film "Music Box": Kürzlich lief die Ophuls-Dokumentation über Barbie an zwei Abenden im Fernsehen. Wie wenig es bei diesem Thema um Gewissensgymnastik im Kopf einer Tochter geht, machte dieser aus Befragungen Beteiligter und Betroffener komponierte Film geradezu schmerzhaft deutlich.
Im Kino bei Costa-Gavras siegt die politische Moral. Sie schießt das alles entscheidende Tor in letzter Minute.
Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 15/1990
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