19.03.1990

BrauereienGalle statt Hopfen

Die bundesdeutsche Brauindustrie sieht wieder Wachstumschancen - in der DDR.
Kurz vor Weihnachten drohte in Dresden die Katastrophe: Das Bier ging aus; die Brauereien waren nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung der Stadt mit dem gesamtdeutschen Grundnahrungsmittel zu versorgen.
In ihrer Not wandten sich die Dresdner an Klaus Asche, den Chef der Holsten-Brauerei in ihrer Partnerstadt Hamburg. Der ließ schnellstens 700 000 Liter des vom Volksmund gerühmten Stoffes ("Holsten knallt am dollsten") auf 50 Großlastwagen laden und gen Dresden schicken. Der Notstand war behoben. Seither hat Asche in Dresden ein paar Freunde mehr.
Der Hilfsdienst könnte sich schon bald auszahlen: Die norddeutsche Brauerei sieht in Sachsen, dem industriellen Kernland der DDR, einen wichtigen Absatzmarkt der Zukunft. Ein Joint-venture ist in Vorbereitung.
Die westdeutschen Brauer haben die DDR entdeckt. Ein wahrer Vorstandstourismus ist in der Branche ausgebrochen. Die Chefs der großen Bierfabriken sind in diesen Tagen und Wochen öfter in der DDR anzutreffen als am heimischen Schreibtisch.
Sie reisen durchs Land, Gläser und Bierdeckel, Aschbecher und Sonnenschirme im Gepäck. Sie besichtigen Brauereien und Kneipen. Sie liefern Bier, teils geschenkt, teils in Ost-Mark, um ihre Marken bekannt zu machen.
Mit begehrlichem Blick schauen die Brau-Manager auf die DDR-Landkarte. Etwas Besseres als ein neues Absatzgebiet von der Größe Süddeutschlands kann einer Branche, die seit Jahren schrumpft, kaum passieren. Der heimische Markt ist längst gesättigt, die Versuche, deutsches Bier zum Exportrenner zu machen, sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gescheitert.
Da gilt es, die unverhoffte Chance im Osten zu nutzen. "Die DDR wird ein brillanter Biermarkt", schwärmt Dieter Soltmann, Mitinhaber des Münchner Spaten-Bräu und Präsident des Deutschen Brauerbundes.
Die Geschäftsaussichten sind in der Tat rosig. Die DDR-Bürger trinken pro Kopf ebensoviel Bier wie die Bundesbürger - aber nur, weil sie nicht mehr bekommen. Die DDR-Brauereien könnten 30 statt der produzierten 25 Millionen Hektoliter im Jahr absetzen.
Bisher dürfen die Gaumen und Mägen der DDR-Bierfreunde nicht allzu empfindlich sein. "Radeberger", das wohl beste DDR-Bier, wird in der bescheidenen Menge von 400 000 Hektolitern gebraut und vornehmlich im Ausland oder in Valuta-Hotels verkauft. Was die DDR-Bürger im HO-Laden erhalten, hat eine andere Qualität.
Wahre Gruselgeschichten erzählen sich westdeutsche Brauer nach ihren Rundreisen durch die DDR. Von Rindergalle haben sie da gehört, die statt des fehlenden Hopfens dem Gebräu die bittere Würze verleihen müsse. Kubazucker, berichten sie schaudernd, sei auch drin.
Die besten Rohstoffe gingen gegen Devisen in den Westen. Die DDR-Brauer müßten sich mit Ersatz behelfen. Für Bier "nach westlichen Qualitätsmaßstäben" sieht Brauer-Präsident Soltmann deshalb "ungeahnte Möglichkeiten".
Am einfachsten wäre natürlich, die DDR von der Bundesrepublik aus zu beliefern. Kapazitäten sind reichlich vorhanden, viele große Brauereien betreiben sogar Brau-Stätten in Grenznähe. Die rund 280 Bierfabriken in der DDR hätten dann wohl keine Überlebenschance.
Zumindest für die Übergangszeit brauchen westliche Unternehmen allerdings die Brauereien vor Ort, um Kneipen und HO-Läden zu beliefern. Erst allmählich werden in der DDR Zwischenhändler Geschäfte aufmachen, vergleichbar den Bierverlegern in der Bundesrepublik. Mit Hilfe dieser Verteiler könnten die West-Brauereien ihr Bier überall anliefern.
Die Getränkekombinate in der DDR haben gegen die jetzt anlaufenden Kooperationen nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Viele Brauerei-Manager aus der DDR schreiben Briefe an ihre Kollegen im Westen, sie erbitten Hilfe und kündigen ihren baldigen Besuch an.
Was die Ost-Brauer am dringendsten brauchen, haben allerdings auch die meisten West-Brauer nicht gerade überreichlich: Geld.
Die Brauereien in der DDR sind in einem erbärmlichen Zustand. Die Nahrungs- und Genußmittelwirtschaft wurde, wie die gesamte Konsumgüterindustrie, über Jahrzehnte vernachlässigt. Und so sehen die Brau-Stätten auch aus. "Da kann man nur mit der Planierraupe drübergehen", sagt ein westdeutscher Brauerei-Manager.
Doch vollkommen neue Betriebe in der DDR zu bauen scheint illusorisch. Eine moderne Brauerei in einer rentablen Größenordnung kostet mehrere hundert Millionen Mark, West natürlich. Die Maschinen müßten in der Bundesrepublik gekauft werden. Getränkemaschinen aus der DDR haben den technischen Stand der fünfziger Jahre, sie lassen sich allenfalls noch in Angola oder Kuba verkaufen.
Wie sollen sich solch gewaltige Investitionen rechnen? Vorerst erhalten die Brauereien auch für West-Bier fast ausschließlich Ost-Mark. Die bunkern sie auf einem Konto bei der Staatsbank und hoffen auf einen gnädigen Umtauschkurs, wenn die Währungseinheit kommt.
Er habe zwar Visionen, sagt Klaus Peter Erbrich, Vorstand der Frankfurter Binding-Brauerei, "aber konkret gibt es nur Probleme". Erbrich verhandelt mit mehreren Brauereien über mögliche Kooperationen. Vergangene Woche unterzeichnete er einen ersten Vertrag mit der Radeberger Export-Bierbrauerei.
Manager wie Asche und Erbrich wollen schrittweise vorgehen, das Risiko begrenzen. Daß sich ihre Investitionen erst in ferner Zukunft rechnen, ist ihnen klar.
Allzu viele Brauereien werden es deshalb wohl nicht sein, die tatsächlich in der DDR investieren. Doch auch dieses Geld wird der Brauindustrie in der DDR wenig helfen, wenn erstmal, wie Binding-Manager Erbrich fürchtet, "die großen Brauereien ihre Überkapazitäten in den Markt donnern". f

DER SPIEGEL 12/1990
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