25.09.1989

PopDisco ex machina

Produzent Frank Farian, der mit „Boney M.“ vor zehn Jahren Umsatzrekorde erzielte, knackt mit „Milli Vanilli“ nun auch den amerikanischen Markt.
Dem 48jährigen Franz Reuther ist gelungen, was bisher noch kein Deutscher geschafft hat: Eine von ihm produzierte Langspielplatte wurde Nummer eins der amerikanischen LP-Hitparade, gleichzeitig belegte eine Auskopplung des Albums Platz eins der Single-Charts.
Dieses Kunststück gilt auch in den USA als Seltenheit.
Die Band, die diesen Doppelerfolg einspielte, nennt sich "Milli Vanilli" und Franz Reuther schon seit 30 Jahren Frank Farian. Der Saarländer ist mit dem Beatles-Über-Ich George Martin einer der erfolgreichsten Produzenten Europas und erobert nun auch den amerikanischen Markt.
Die Chartsstürmer "Milli Vanilli", zwei in München lebende farbige Sänger, heuerte Farian 1987 an. Nachdem das Album mit dem programmatischen Titel "All Or Nothing" die europäischen Charts durchrast hat, steuert es nun in den USA der vierten Platin-Veredelung entgegen. Die deutsche Presse jubelte "Amis haben Bock auf German-Rock" (Bild), das amerikanische Branchenfachblatt Billboard wundert sich: "Erstaunlich, aber wahr."
Auf seine jüngsten Erfolge angesprochen, gibt sich der Schallplatten-Senior Frank Farian bescheiden: "Was sind schon acht Millionen Platten von ,Milli Vanilli' gegenüber den 100 Millionen, die ich mit ,Boney M.' verkauft habe." Trotz dieser opulenten Umsatzzahlen wiegen Farians Verdienste in den Annalen der Popmusik nur gering. So viele verschiedene Projekte er in den letzten 15 Jahren zum musikalischen Höhepunkt trieb - eines ist allen gemeinsam: Musikkritiker ließen an ihnen kein gutes Haar.
Die LP "Nichtflight To Venus" seines musikalischen Flaggschiffs "Boney M." erschien der New York Times als "heißer Anwärter" für eine der zehn schlechtesten Produktionen aller Zeiten, Springers Welt entschied: "Kaugummi fürs Ohr."
Die schwarze Formation "Eruption", mit der Farian 1978 in die amerikanischen Top 20 einbrach, sei, so vermeldete die Frankfurter Rundschau, "nichts von Bedeutung". Auch die international erstklassig zusammengesetzte Studio-Band "Far Corporation", die 1986 mit dem "Led Zeppelin"-Dauerlutscher "Stairway To Heaven" Spitzenplätze in fast allen europäischen Hitparaden belegte, entlockte den Rezensenten nur Häme.
Aber Frank Farian schuftet schwer an der leichten Muse: "16 Stunden pro Tag müssen es schon sein", erzählt er, "und zwei Wochen Urlaub im Jahr, das reicht." Diese eiserne Arbeitsmoral bescherte ihm nicht nur über 300 Gold- und Platin-Schallplatten, sondern auch zwei Herzinfarkte. Sein Kommentar: "Ich bin hartnäckig bis zum Gehtnicht-mehr."
Nichts ging in der ersten Etappe seiner Karriere von 1958 bis 1968. "In den frühen Jahren war der Gerichtsvollzieher mein treuester Begleiter", erzählt Farian sentimental, "hier ein Offenbarungseid, da eine Zwangspfändung." Und das trotz solider Berufsausbildung. "Ich sparte mir das Plattenmachen vom Munde ab", berichtet der gelernte Koch.
Jahrelang blieb Farians Hitküche kalt. Daß er einen Mißerfolg nach dem anderen kassierte, erklärt er heute so: "Damals kam mir Heintje in die Quere!"
Erst 1976 bescherte ihm der Tränendrücker "Rocky" einen deutschen Nummer-eins-Hit. Auch der textlich nicht minder mißratene Nachzieher "Dana, My Love" wurde ein Erfolg.
Parallel zu diesen schwermütigen Ergüssen versuchte Farian auf dem expandierenden Disco-Markt Fuß zu fassen. Zu monotonem Disco-Beat englischer Studiomusiker quälte er seine Stimmbänder in piepsige Höhen und preßte aus seinem Kehlkopf einen knarzenden Baß. Fertig war das Phantomprojekt "Boney M.".
Als eine niederländische Agentur Fernseh- und Diskothekenauftritte der Formation buchen wollte, stellte Farian kurzerhand drei Damen und einen Herren ein, die zum kargen Klang seiner Instant-Musik ihre Resonanzkörper schwangen.
Nun ging es Schlag auf Schlag. Farian produzierte mit der bewegungsfreudigen Formation, die ausschließlich nach seiner Pfeife tanzte, einen Hit nach dem anderen. Er wurde Stammgast in den europäischen Hitparaden, stieß in den USA bis Platz 30 der Charts vor und tourte mit seinem Marionettentheater durch die ganze Welt. "Disco ex machina" - Diskothekenmusik aus der Maschine - lautete das Urteil der Kritik.
Das Rezept nach dem der discophile Hitkoch Wohlklingendes zu Eintönigem zergarte, war denkbar einfach. Er klaubte zusammen, was nicht noten- und nagelfest war, und garnierte es mit Versatzstücken der Pop-Historie. Das schmeckte zwar immer, als hätte man es schon einmal gegessen, war aber erst damit ein echtes Farian-Produkt. Von der jamaikanischen Band "The Melodians" bis zu dem deutschen Jazzer Peter Herbolzheimer erkannten viele Musiker Eigenes im Farianschen Wirken. Der nahm es gelassen und behauptete: "Es gibt halt nur zwölf Töne, und da ähnelt sich schon mal was."
Ähnlich lapidar beschreibt der vielfache Millionär sein Erfolgsrezept: "Gute Songs, gute Interpreten und perfekte Produktionen. Wie in einem Mosaik muß jedes Steinchen passen." Das größte Hindernis, das er auf dem steinigen Weg zum Erfolg beiseite räumte, kostete ihn eine gehörige Portion Selbstüberwindung: "Teenager wollen Idole, mit denen sie sich identifizieren können. Also brauche ich junges Fleisch und keine alten Säcke." Diese Erkenntnis bewog Farian, nicht mehr selbst zu singen, sondern nur noch im Hintergrund zu glänzen.
Besonders gern räsoniert der selbstkritische Konzeptionskünstler über Marktstrategien: Schnelligkeit und Flexibilität sind seiner Meinung nach Garanten des Erfolgs, Eigenschaften, die er in der Industrie vermißt: "Große Plattenfirmen - es gibt nur noch fünf - sind Beamtenapparate. In den Chefetagen sitzen Bankfachleute, die den Wasserkopf Verwaltung am Leben erhalten und wenig Ahnung von Musik haben."
Wenn er sich auf die Industrie verlassen würde, so glaubt Frank Farian, hätten "Milli Vanilli" nie einen internationalen Hit gelandet. "In England war die Platte schon gefloppt", erzählt er, "deshalb habe ich noch mal nachgefaßt."
Farian ("Ich arbeite aus den Hemdsärmeln") setzte auf einen seiner hausgemachten Werbefeldzüge: "Wir bemusterten je 400 Diskotheken in Spanien, Italien und Südfrankreich, karrten die ,Milli Vanillis' nach Ibiza und starteten von dort aus eine Promotiontour durch alle Urlaubsländer. Nach vier Wochen wurde die Platte an jeder Ecke gedudelt." Dann setzte das ein, was Diskotheken-Stratege Farian beabsichtigte: Die Urlauber kamen nach Hause und verlangten nach ihrem Sommerhit. "Milli Vanilli" durchrasten sämtliche europäischen Charts.
Um Farians Disco-Brei auch den US-Konsumenten schmackhaft zu machen, empfahlen die amerikanischen Geschäftspartner, mehr schwarze Musik und dafür weniger Pop beizumischen. Soulfan Farian reagierte prompt und mischte das Album neu ab. Mit dem Erfolg der Mangelrüge ist er zufrieden. "Das hat sich ausgezahlt!" f

DER SPIEGEL 39/1989
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