25.12.1989

„Als wennst auf Beton landest“

Knochen brechen, Sehnen reißen und Gelenke splittern: Noch nie gab es im alpinen Skirennsport so viele Schwerverletzte wie in diesem Jahr. Weil es bisher nicht schneit, jagen die Skifahrer über gefährlichen Kunstschnee - schließlich investiert die Industrie jährlich 50 Millionen Mark, damit das werbewirksame Spektakel stattfindet.
Es geschah bei Tempo 130: Giorgio Piantanida, 22, zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, verpaßte den Absprung vom ersten der drei berüchtigten "Kamelbuckel", hob unkontrolliert ab, schoß 40 Meter orientierungslos durch die Luft, knallte mit dem Gesicht auf die Piste, überschlug sich dreimal und blieb dann regungslos liegen - klinisch tot, wie Mediziner später seinen Zustand bewerteten.
Sein Leben verdankte Piantanida einem Zufall. Ein Mannschaftsarzt, der in Unfallnähe am Pistenrand stand, eilte herbei, riß dem italienischen Skistar den Kiefer auf, zog mit einer Zange Piantanidas in den Rachen gerutschte Zunge nach vorn und holte den Verunglückten mittels Herzmassage ins Leben zurück.
Bis auf weiteres liegt der Abfahrtsspezialist aus Busto Arsizio im Bozener Hospital - seit vergangenem Montag wird er auf der Intensivstation künstlich beatmet, ein Katheter saugt Wasser aus dem Brustraum ab, das rechte Schulterblatt und drei Rippen sind gebrochen.
Piantanida ist das vorläufig letzte Opfer einer alarmierenden Serie schwerer Stürze im diesjährigen Ski-Weltcup. Allein von den Kamelbuckeln, der Schlüsselstelle der Saslong-Abfahrt im Grödnertal, fuhren in der vorigen Woche sieben Spitzenfahrer auf dem direkten Weg ins Krankenhaus.
Der Schweizer Ex-Weltmeister Peter Müller erlitt einen Knochenabriß am linken Schienbein und Bänderrisse im linken Knie, sein österreichischer Abfahrtskollege Gerhard Pfaffenbichler trug neben Fleischwunden, Schulterprellung und einem Fingerbruch einen Kreuzbandriß im linken Knie davon. Die Landung auf dem weißen Untergrund erlebte der Salzburger, "als wennst vom siebenten Stock auf Beton landest".
Der Wahnsinn auf den Pisten hat eine gängige Erklärung: Das große Geld hat den Skisport längst verschlungen und verlangt nach immer neuen Opfern. Egal ob Schnee liegt oder künstlich auf die Piste gespritzt wird - die Skiindustrie will eine Rendite für jene 50 Millionen Mark, die sie jährlich in den Zirkus steckt. Die Rennen müssen stattfinden, die bewegten Bilder auf die Fernsehschirme. Die Skiorte lechzen nach PR für ihre Hänge.
In Gröden fuhren die Rennläufer auf aus Wasser und Luft künstlich erzeugtem Schnee, der in seiner Konsistenz nicht nur wesentlich kompakter und härter als Naturschnee, sondern auch schwieriger zu befahren ist. Werden die messerscharfen Kanten der Kunststofflatten zu stark belastet, "frißt sich der Ski förmlich in die Piste", erläutert der Schweizer Nationalcoach Karl Frehsner.
Können Fahrfehler auf herkömmlichem Schnee mit Routine und Körperbeherrschung korrigiert werden, führen sie auf dem Retortenweiß fast zwangsläufig zum Sturz. Selbst Ausnahmekönnern wie Alberto Tomba, der vor zwei Wochen in Val d'Isere der tückischen Unterlage den Bruch seines linken Schlüsselbeins verdankt, laufen die Ski des öfteren, "wohin sie wollen". Auf der Gruselpiste von Gröden hatte der Veranstalter zudem durch eine Erhöhung des ersten Kamelbuckels "das Risiko bewußt vergrößert" (Pfaffenbichler).
Die absurde Erklärung für die Verschärfung: Die Südtiroler wollten dem Ruf entgegenwirken, besonders einfache Strecken in ihrer Region zu haben. Die Gemeinde hat sich für die Austragung der Skiweltmeisterschaft 1995 beworben: Spektakuläre Pisten, die dramatische Fernsehbilder verheißen, erhöhen die Chance des Zuschlags.
So rasten die modernen Gladiatoren auf der schnellsten und gefährlichsten Grödner Abfahrt aller Zeiten zu Tal. Der Sieger Pirmin Zurbriggen gestand, im "brutalen Zielhang" sogar gebremst zu haben: "Wir hatten alle Angst." Das Spektakel hat über die Sicherheit obsiegt: "Wie in der Formel 1" fühlt sich Österreichs Abfahrtsroutinier Peter Wirnsberger, "nur fahren wir ohne Karosserie".
Eine Knautschzone hätte sich auch Marc Girardelli gewünscht. Beim Super-G-Rennen im italienischen Sestriere katapultierte sich der Weltcup-Titelverteidiger mit rund 90 km/h aus der Ideallinie kopfüber in einen Plastikzaun, riß diesen aus der Verankerung und landete 20 Meter weiter in einer Geröllmulde. Um Zentimeter flog der Wahl-Luxemburger an einem Fels vorbei. Tagelang stand Girardelli, der mit schweren Prellungen an Brustkorb, Gesäß und Niere davonkam, unter dem Schock: "Ich hätte tot sein können."
In Sestriere hatte es fünf Wochen nicht geschneit. Die schmale Kunstschneepiste diktierte direkt in die Falllinie gesteckte Torkombinationen und mithin einen extrem schnellen Kurs. In den Sturzräumen neben der Strecke lagen nackte Geröllbrocken.
Das "mörderische Rennen" (Zurbriggen) startete, weil Sestriere das werbeträchtige Spektakel nicht absagen wollte. Bei einem Ausfall wegen Schneemangels, glaubten die Lokalpolitiker und Funktionäre, hätten nicht nur die Organisationskosten (rund 300 000 Mark), sondern das Image des Wintersport-Eldorados auf dem Spiel gestanden.
Eilfertig wurden die Stürze der Tombas, Girardellis und Piantanidas zu "Fahrfehlern" verharmlost. Weil das Zweckbündnis aus Tourismusbranche, Skiindustrie, Sponsoren und Verbänden sich keinen Systemfehler eingestehen darf, hält die billigste aller Erklärungen her: menschliches Versagen.
"Wahrscheinlich muß erst ein tödlicher Unfall geschehen", sinniert der Schweizer Weltklasseabfahrer Karl Alpiger, "bevor die Funktionäre etwas unternehmen." Unter Kurssetzern, Streckenchefs und Jurymitgliedern hat Helmut Girardelli, Marcs Vater und Trainer, schon seit Jahren "Dummheit, Ignoranz und Verantwortungslosigkeit" ausgemacht.
Wenn einzelne Sicherheitsbeauftragte des Weltskiverbandes (Fis) gegen einzelne Rennen protestieren, sind sie stets in einer Minderheitenposition: Die Skiindustrie und deren Investitionen diktieren den Terminkalender.
In ihrem Kampf um Absatz und Ertrag sind Europas Skihersteller inzwischen am anderen Ende der Welt angelangt. Obwohl "Sommerrennen Unsinn sind", wie der Deutsche Markus Wasmeier sagt, begann die Saison im August im australischen Thredbo. Viele Rennläufer wie der Österreicher Rudi Nierlich haben ihre Rolle als gutdotierte Showsubjekte akzeptiert. Auf dem fünften Kontinent fahre er auch, "um meine Skifirma zu vertreten, die mich bezahlt".
Nach dem Beinahe-Tod des Italieners Piantanida allerdings scheinen die bislang so folgsamen Skistars zu realisieren, an welch gefährlichem und scheinbar nicht steuerbarem System sie teilhaben.
Piantanidas Mannschaftskamerad Danilo Sbardelotto tobte nach dem unheilvollen Grödner Wochenende: "Wir sind nur Marionetten." Dem Österreicher Helmut Mayer (Kreuzbandriß) dämmert die Erkenntnis, daß telegene Stürze den Weltcup-Initiatoren sehr zupaß kommen: "Es ist traurig, aber die Leute brauchen den Nervenkitzel."
Die jugoslawische Slalomweltmeisterin Mateja Svet will in Zukunft Rennen boykottieren, "die nur dem Fernsehspektakel dienen", und Superstar Alberto Tomba, der etwas schlicht hofft, daß im nächsten Jahr der "Kunstschnee abgeschafft" wird, will sich nach seiner Genesung jede Strecke "gründlich anschauen". Wenn sie ihm nicht gefalle, "pack' ich meine Sachen und fahre heim".
Schon jetzt kann sich Tomba mal in bislang vom alpinen Rennzirkus unberührten Gebieten umschauen. Von 1992 an will der Weltverband auf Alpengletschern starten. Im ewigen Eis lassen sich Skirennen schon ab Oktober durchführen. Die Fis hatte bislang Gletscherrennen wegen der Erfrierungsgefahr verboten. Das fürsorgliche Verbot soll abgeschafft werden. f

DER SPIEGEL 52/1989
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