16.04.1990

GeographieZerlaufenes Soft-Eis

Das Kinderhilfswerk Unicef sponsert einen prokommunistischen Weltatlas.
Zu den "Geschenken von Unicef", die das Schweizer Komitee des Weltkinderhilfswerks zu Weihnachten 1989 offerierte, zählte auch der "Peters Atlas" - zum Aktionspreis von nur 29 Franken und 50 Rappen.
Das 232 Seiten starke Werk fand seinen Weg unter fast 5000 Schweizer Weihnachtsbäume. Doch nichts konnte das Gefühl der guten Tat schneller trüben als ein Blick auf Karten und Texte: "Reichtum und Armut stiegen ins Unermeßliche", bekam der festlich gestimmte Eidgenosse zu lesen, "Selbstsucht und Gewinnstreben zerstörten die ursprüngliche Solidarität und führten zur Käuflichkeit aller Güter und Werte (Kapitalismus)."
Erst das 20. Jahrhundert, fährt das Unicef-Kartenwerk fort, "ermöglichte die Verwirklichung der klassenlosen Gesellschaft durch die Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln (Sozialismus)" - mit diesem Atlas, kein ** "Peters Atlas. Alle Länder und Kontinente in ih- rer wirklichen Größe". Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1990; 87 Mark. * Am 14. Februar in Bonn beim Überreichen seines Reparationsgutachtens an DDR-Ministerpräsident Hans Modrow. Zweifel, wurde kommunistische Ideologie ins Schweizer Heim geschmuggelt.
Nun aber ist die Bundesrepublik das Ziel der linken Propaganda. Dasselbe Werk, nur im Großformat, kommt Ende des Monats in den westdeutschen Buchhandel** - und wieder ist Unicef dabei: "Dieser Atlas", so ein Vermerk auf Seite 4, "entstand in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des Schweizerischen Komitees für Unicef."
Unbelehrt von der jüngsten Geschichte, darf der Autor, der Bremer Historiker und Hobby-Kartograph Arno Peters, 73, sein altrosafarbenes Weltbild mit dem Segen der Uno-Organisation verbreiten. Peters, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, fiel erst kürzlich mit einer gewagten Rechnung aus der Rolle: Demnach schuldet die Bundesrepublik der DDR mehr als 727 Milliarden Mark für nicht geleistete Reparationszahlungen.
Sein neuer Unicef-Atlas ist von gleichem Geiste. Auf 246 "sprechenden Erdkarten" kommt es zum Systemvergleich zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten. Und immer - sei es auf den Weltkarten zur Verbreitung von Kinderarbeit, Wissenschaft oder Inflation - siegt nur einer: der nicht einmal mehr real existierende Sozialismus.
Der Verweis auf Unicef ist Gold wert, denn er suggeriert dem flüchtigen Leser, mit dem Kauf des Atlas sei auch dem guten Zweck gedient. Doch an der bundesdeutschen Ausgabe, beteuert Brigitte Weber, Unicef-Geschäftsführerin in Zürich, verdiene das Kinderhilfswerk "keine Mark". Um so schlimmer, denn so macht nur Peters mit dem guten Namen große Kasse.
Das ökonomische Desaster der ehemals sozialistischen Staaten läßt die Atlas-Lektüre zum tragikomischen Erlebnis werden: Anders als in den reichen Industriestaaten sei die soziale Ungleichheit "in den sozialistischen Ländern überwunden". Und während die Arbeitslosigkeit in den "kapitalistischen Ländern" weiter wachse, weil sich "die Wirtschaft allein auf die Erzielung von Gewinnen" ausrichte, sei sie "in den sozialistischen Ländern im Verschwinden".
Auch die Prostitution erklärt Peters mit dem "privaten Gewinnstreben"; somit sei ihr "in den sozialistischen Ländern die Grundlage entzogen, so daß sie dort allmählich abstirbt". Das Wirtschaftswachstum schließlich sei "bei den westlichen Industrienationen seit Mitte der achtziger Jahre auf einen Bruchteil gesunken". "Die sozialistischen Länder" dagegen, so die frohe Kunde des Peters-Atlas, "haben ihr Wirtschaftswachstum stabilisiert: Polen 4,2 Prozent; DDR 4,4 Prozent . . ."
Mit solchen Falschmeldungen aus den Politbüros inzwischen aufgelöster kommunistischer Parteien geht Peters mehr als großzügig um. Auch die Tatsache, daß sich Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei ganz offiziell aus dem Kreis der sozialistischen Staaten verabschiedet haben, ficht den greisen Kartographen nicht an. In der von Unicef gesponserten bundesdeutschen Ausgabe des Peters-Atlas findet die jüngste Geschichte keinen Platz.
Ältere Kritiker des Bremer Privatgelehrten dürften diese historischen Winkelzüge kaum überraschen. Schon 1952 war es Peters gelungen, mehr als 10 000 Exemplare seiner "Synchronoptischen Weltgeschichte" an westdeutsche Schulbehörden zu verkaufen. In diesem Werk pries Peters den Diktator Stalin als "anerkannten Führer der Sache des Weltkommunismus", der "den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung" gegeben habe - kein Wort zum stalinistischen Völkermord.
Einer staunenden Öffentlichkeit präsentierte der Historiker 1973 dann seine neue Weltkarte, die mit dem vermeintlich "europazentrischen Weltbild" der üblichen Mercator-Projektion brach, um die Länder der Dritten Welt aus ihrem geographischen Schattendasein zu befreien. Doch die Peters-Projektion, urteilte die Deutsche Gesellschaft für Kartographie, ergebe nur "groteske Deformierungen der einzelnen Erdteile". Die Kontinente sähen aus, "als wären sie aus zerlaufenem Soft-Eis".
Peters kultivierte die Rolle des wissenschaftlichen Außenseiters und gewann Kirchen und Uno-Organisationen für seine Projektion. Die Auflage der vor allem von Unicef vertriebenen Weltkarte wird auf über 15 Millionen Exemplare geschätzt. Der neue Atlas schließlich erscheint demnächst auch in Italien, Frankreich und Dänemark.
Unterdessen wird im Zürcher Unicef-Büro schon die zweite Auflage des Schweizer Peters-Atlas vorbereitet. Die Mesalliance mit dem Bremer Professor soll jedenfalls fortgesetzt werden, "auch wenn Unicef", wie die Geschäftsführerin Weber gesteht, "nie sehr glücklich mit den Texten" gewesen sei.
Der Londoner Verlag Longman dagegen, der die englische Ausgabe bereits im vergangenen Frühjahr besorgte, verzichtete ganz auf politische Kommentare. Longman hat nur das nackte Kartenwerk veröffentlicht - übrig bleiben die merkwürdig verformten Kontinente und ein Einheitsmaßstab für alle Karten: Den dichtbesiedelten Zonen Mitteleuropas wird nicht mehr Platz eingeräumt als etwa der Darstellung der Wüste Gobi.
Zur "Planung alpiner Skiferien", notierte trocken der Daily Telegraph, sei das Werk damit völlig "ungeeignet".

DER SPIEGEL 16/1990
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