19.03.1990

Sagen

Baby mit Ketchup

Ein Göttinger Volkskundler hat moderne Schauergeschichten gesammelt. Gemeinsames Merkmal der Stories: Meistens hat der Spießer recht.

Tatort Autobahn, nahe Göttingen. Mit dröhnendem Auspuff überholt ein Motorrad einen Pkw, dessen Insassen ihren Augen nicht trauen mögen: Der Pilot der Maschine ist kopflos, ihm folgt ein Laster mit einer Ladung Stahlplatten, die übers Heck ragt. Auf einer liegt ein blutiges Etwas - der Schädel des Zweiradfahrers.

Tatort Frankfurt. Die Besitzer haben zwei Babysitter engagiert, die einen merkwürdigen Eindruck machen. Zur Sicherheit ruft das Ehepaar vom Theater aus daheim an. Es sei alles okay, lautet die Antwort, "wir machen eben den Braten fertig". Den Eltern schwant Übles, sie eilen nach Hause und können eben noch verhindern, daß die beiden LSD-Freaks das mit Tomatenketchup bestrichene Baby in den Backofen schieben.

Solch haarsträubender Horror kursiert als Gesprächsstoff in deutschen Büros und Kneipen, Schauergeschichten von einem aus Indien mitgebrachten Hund, der sich als Riesenratte entpuppt, oder ** Rolf Wilhelm Brednich: "Die Spinne in der Yuc- ca-Palme. Sagenhafte Geschichten von heute". C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München; Beck'sche Reihe Nr. 403; 160 Seiten; 9,80 Mark. * Holzstich, um 1890, nach einem Gemälde von Gustav Spangenberg. vom Porsche, der spottbillig angeboten wird, weil der Leichengeruch des lebensmüden Ex-Besitzers hartnäckig in den Polstern west. Die Gewährsleute schwören auf Authentizität: Dies sei, gewiß doch, dem Freund vom Freund eines Freundes passiert.

Rolf Wilhelm Brednich, Professor für Volkskunde an der Universität Göttingen, hat zusammen mit seinen Studenten zahlreiche Kolportagen dieses Kalibers gesammelt**. Er interpretiert sie als zeitgenössische Nachfolger volkstümlicher Gruseleien wie der vom Riesen Rübezahl, von Werwolf, Klabautermann und dem Hamelner Rattenfänger.

Wie diese überlieferten Vorbilder berichten die modernen Hardcore-Märchen gern von unheimlich-bizarren Geschehnissen, breiten sich länderübergreifend aus ("Wandersagen") und existieren in zahlreichen Varianten. Schon seit Jahren, fand Brednich heraus, kursiert in England die Geschiche der bedröhnten Babysitter; die Eltern der britischen Version kommen allerdings zu spät und ziehen den wie einen Truthahn ausgestopften Säugling nur noch fertig gegrillt aus der Röhre.

Der geköpfte Motorrad-Zombie ist seit fast zwei Jahrzehnten auf interkontinentaler Geisterfahrt. Er knattert durch die Phantasien europäischer und amerikanischer Erzähler als Reinkarnation eines enthaupteten Reiters, der zur Postkutschenzeit sein Unwesen trieb. Den erwähnte der englische Romancier Charles Dickens bereits 1837 in seinen "Pickwick Papers".

In Brednichs 116 schwarzen Stories blüht Niedertracht, werden Rachegelüste befriedigt und populistische Vorurteile gegen Rocker, Hippies und Ausländer genüßlich gepflegt. Griechische Restaurants servieren Hundefutter, arabische Dunkelmänner kidnappen blonde deutsche Mädels. Breiten Raum nehmen auch unter die Gürtellinie zielende Männerphantasien ein.

Da ist beispielsweise die Rede von einem Ehemann, der seine Gattin in einem Pornomagazin wiederfindet - während eines Besuchs in Kopenhagen wurde sie mit Drogen willenlos-willig gemacht. Ein anderes Paar, das während der Wohnungsrenovierung hastig einen Quickie einschiebt, vergreift sich, so die Mär, in der Wahl der Mittel: Statt der Gleitcreme erwischen die Jungvermählten den Sekundenkleber.

Vorherrschend im heutigen Sagen-Unwesen sind jedoch Berichte, die weitverbreitete, nicht immer abwegige Zivilisationsängste ausbeuten. Der Insektenstich aus dem Afrika-Urlaub schwillt zur Riesenschwäre, platzt schließlich auf und entläßt schwarz wuselndes Geschmeiß. Die unbekannte Schöne schreibt ihrem noch sanft träumenden One-night-lover mit Lippenstift einen zynischen Abschiedsgruß auf den Badezimmerspiegel: "Willkommen im Aids-Club!"

Die Moral der meisten modernen Mythen ist spießig-banal: Gebrauchsanweisung beachten, Rechtsordnung einhalten, niemandem vertrauen, am besten in den vier Wänden bleiben und nur im Ehebett zur Sache kommen. Abweichungen vom rechten Pfad enden stets mit Schande, Strafe, Wahnsinn oder Tod.

Dennoch sind gerade solche Grenzüberschreitungen, die doppelte Besetzung der Horrorfabeln mit Tabus und ihrer Durchbrechung, ihr Erfolgsgeheimnis. "Angstlust gegenüber dem Fremden und Bedrohlichen" hält Brednich für "eine Konstante menschlicher Kultur".

Oft hinterlassen die scheinbar nur fiktiven Geschichten beim Leser eine Restmenge an Ungewißheit. Denn Meldungen von durchnäßten Katzen, die zum Trocknen in die Mikrowelle geschoben wurden, von Giftspinnen in importierten Yucca-Palmen oder dem Paar, das seine selbst produzierten Sex-Videos versehentlich in die häusliche Gemeinschaftsantenne einspeist, gehören zum gängigen Arsenal der "faits divers", der einschlägigen Zeitungsrubriken "aus aller Welt".

Selbst dem Sagen-Experten Brednich gelang es nicht durchgängig, einfallsreich Erfundenes von den realen Verrücktheiten des Alltags zu trennen. So schildert das von ihm veröffentlichte Märchen "Kein Wasser und Brot" das Schicksal eines Verkehrssünders "in der Nähe des Bodensees", den zerstreute Polizisten erst nach zwei Wochen in der Arrestzelle halbtot wiederentdeckten. Brednich hält es für die "aktualisierte Form einer älteren deutschen Volkssage" vom Bauern im Schuldturm, von dem nur noch die Knochen gefunden wurden.

Der Volkskundler irrt: Der arme Verkehrssünder heißt Andreas Mihavecz, war Maurerlehrling in Bregenz und wurde im April 1979 im Polizeigefängnis von Höchst am österreichischen Bodensee-Ufer 18 Tage lang vergessen. f


DER SPIEGEL 12/1990
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