DER SPIEGEL



Kindertraum von der Burg

SPIEGEL-Gespräch mit dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer über seine erste Filmregie und seine Pläne

Von Karasek, Hellmuth

SPIEGEL: Herr Brandauer, Ihr neuer Film handelt vom Hitler-Attentäter Georg Elser. Wie kam es zu diesem Film?

BRANDAUER: Vor drei Jahren wollten amerikanische und deutsche Produzenten diesen Film gemeinsam machen. Ich sollte den Elser spielen und der Amerikaner John Frankenheimer Regie führen. Der Dollar fiel bald darauf ins Bodenlose, die Amerikaner sagten lapidar: Der Dollar ist immer der Dollar, und für uns war es nicht mehr möglich, diesen Film zu produzieren. Dann ist die Sache eingeschlafen. Im Januar 1988 hat mich John Daily von der Hamdale Production in Los Angeles angerufen und gesagt, er möchte diesen Film doch gerne machen, ob ich noch bereit wäre, und ich habe geantwortet: Ja, das möchte ich eigentlich auch. Ich möchte den drei Figuren, die ich aus unserer mitteleuropäischen Vergangenheit genommen habe . . . * Mit Redakteur Hellmuth Karasek in München.

SPIEGEL: Mephisto, Redl, Hanussen . . .

BRANDAUER: . . . die sich alle im Dunstkreis der Macht befanden, einen Menschen gegenüberstellen, der ganz von unten kommt, der nicht über Herrschaftswissen und Informationen verfügt hat wie die anderen drei, und zeigen, wie der sich verhalten hat. Ich hab' also gesagt: "Ja, das mach' ich gern. Wer führt Regie?" Und er sagte: "You." So begann das Ganze.

SPIEGEL: Sie sind also Ihr eigener Ersatzregisseur, wenn man so will?

BRANDAUER: Wenn man so will, ja.

SPIEGEL: Warum haben Sie nicht gesagt: Ich will einen anderen Regisseur haben?

BRANDAUER: Weil ich die Vorstellung, einen Kinofilm zu inszenieren, schon seit einiger Zeit mit mir herumtrage, wenn ich es ursprünglich auch mit einem von mir selbst verfaßten Drehbuch versuchen wollte und sich also der Wunsch, Regie zu führen, mit dem Wunsche dieses Produzenten gedeckt hat.

SPIEGEL: Da droht oder lockt also noch eine Steigerung?

BRANDAUER: Ich seh' schon, wie das Gespräch verlaufen wird, wenn Sie "droht" sagen. Danke!

SPIEGEL: Ein Film von Brandauer, nach einer Idee von Brandauer, Drehbuch Brandauer, mit Brandauer - der letzte, dem das so exzessiv gelang, war, wenn die Erinnerung nicht täuscht, Chaplin. Oder Woody Allen.

BRANDAUER: Es muß ja nicht unbedingt sein, daß ich in diesem Film dann auch selbst spiele. Ich habe ja auch dieses Mal zuerst gesagt, daß ich das gern inszenieren, aber nicht spielen wolle. Aber leider ist es auch bei meinem ersten Film so geworden, wie es bei meinen Theater-Inszenierungen am Anfang war. Die Leute haben gesagt: "Spiel, dann kannst du auch inszenieren!"

SPIEGEL: Wenn man Ihren Elser sieht, dann ist er eigentlich eine Gegenfigur zu dem, was Sie bisher gespielt haben. Er ist unauffällig, still, in sich versunken, er ist ein Tüftler, eine leise Figur, ein verschlossener, eigenbrötlerischer Mensch, der so gut wie keine Auskünfte über sich gibt. Hat Sie gerade das gereizt?

BRANDAUER: Ja, die Schwierigkeit, diese Verschlossenheit darzustellen. Was ich mir immer gewünscht und was ich nie erreicht habe und wahrscheinlich auch nie erreichen werde, ist: im "Hamlet" die fünf Monologe nicht zu sprechen, sondern sie nur zu denken, aber das Publikum müßte sehen, was ich denke. Im Film, wo ich in das Gesicht, in die Augen viel besser hineinkomme, müßte es leichter als auf dem Theater möglich sein, Gedanken transparent zu machen.

SPIEGEL: Wissen Sie jetzt, nachdem Sie den Elser gespielt haben, warum dieser unauffällige, zurückgezogene Mann sein Attentat begangen hat?

BRANDAUER: Ich kann mit ihm nicht mehr sprechen, und die Augenzeugen von damals, die Zeitzeugen geben auch nicht die richtige Auskunft, auch nicht die Bücher. Es gibt verschiedene Mutmaßungen. Aus solchen Mutmaßungen setzte ich die Figur zusammen. Er konnte sich mit einer Gesellschaft nicht abfinden, in der der Schlachtruf einer Partei, das "Heil Hitler"-Rufen, zur Pflicht wird. Nicht daß man "Heil Hitler!" grüßte, störte ihn, sondern daß man "Heil Hitler" grüßen mußte, wollte man keine Nachteile haben. Das klingt sehr einfach und schlicht und vielleicht sogar unintelligent, aber ich wollte vor allem zeigen, daß dieser einfache Gedanke Elsers eine unheimliche Kraft hat.

SPIEGEL: In der Tat fällt in Ihrem Film sehr angenehm auf, daß man kein Programm gegen Hitler vorgesetzt bekommt, keine Papierschlangen aus dem Mund des Helden, sondern daß man an der Art, wie Sie die Figur spielen, merkt, daß da einfach einem einzelnen dieses Laute, Lärmende, Faschistische, Uniformierte, Bierselige zuwider war.

BRANDAUER: Mir hat in Filmen über die Nazizeit nie gefallen, daß die Filmemacher mit dem Film verkünden, daß sie heute gegen Hitler sind. Das hilft überhaupt niemandem. Es geht auch nicht darum auszuleuchten, wie wir in den Schuhen von anderen Menschen damals entschieden hätten. Es geht einfach darum, einen Menschen in einer gewissen Zeit, die unsere Gegenwart entscheidend geformt hat und in der ein Mördersystem herrschte, zu beleuchten und zu zeigen, wie er sich damals verhalten hat. Egal, ob es sich nun bei diesem Menschen um einen berühmten Schauspieler, einen berühmten Theatermann handelt oder um einen Salonlöwen, einen scharlatanesken Hellseher, einen hohen Offizier oder um den Johann Georg Elser aus der Nähe von Heidenheim, der Schreiner und Gelegenheitsuhrmacher war.

Mich interessierte, wie jemand zu einem Zeitpunkt ein Attentat plant, in dem ihm das Schicksal doch eigentlich etwas Angenehmes offeriert. Er hat eine fesche Kellnerin zur Freundin, kann ein Kind haben, eine Familie gründen. Und so gräßlich wirkt die Zeit doch gar nicht. Hitler erhält auch noch Bestätigung und Anerkennung vom Ausland, die großen Staatsmänner Englands, Frankreichs und Italiens machen dem Führer ihre Aufwartung; der Radi ist angenehm, die Brezeln sind wunderbar, das Bier fließt in Strömen, es ist alles bestens. Und trotzdem bastelt er an seiner Zeitbombe.

SPIEGEL: Der Elser wird in einer Szene von SA-Leuten auf der Toilette zusammengeschlagen und gedemütigt, man schlägt ihn zu Boden, bepißt ihn.

BRANDAUER: So etwas ist damals öfter vorgefallen. Aber mich hat vor allem interessiert, daß solche Szenen auch bei einem Fußballspiel in Lissabon stattgefunden haben, nämlich beim Spiel Benfica Lissabon gegen Leeds. Da haben also die jeweiligen Fans sich so zusammengeschlagen und besudelt. Es ging mir darum, Bilder von heute, also Dinge, die wir kennen, in einen Film aus der Zeit vor 50 Jahren einfließen zu lassen, denn ich will mit dem Kino keine Reportage machen und keine Dokumentation, sondern will Dinge zeigen, die auch heute noch passieren können. Nur dadurch wird das Damalige sinnfällig für den heutigen Zuschauer.

SPIEGEL: Sie gelten ja als ein Schauspieler, der immer einen blendenden Glanz, einen großen Glamour, eine strahlende Aura um sich hat und um sich braucht. Elser ist Ihre kleinste, am meisten zurückgenommene Figur überhaupt. War es schwierig, sich so entsagungsvoll zu geben?

BRANDAUER: Es war schwierig. Denn wenn man das Gefühl hat, ein exzessives Talent zu besitzen, und schon einige Male ausprobiert hat, daß das auch funktioniert, dann kostet es Überwindung, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen, sondern sich zu reduzieren. Das Thema ließ sich nur so verdeutlichen. Aber selbstverständlich gehört das zum Schauspielerberuf. Sie müssen ja heute Bleichenwang und morgen Hamlet sein können oder Richard III. und Tartuffe.

SPIEGEL: Aber bisher blieben Sie doch eigentlich immer wenigstens auf einer Linie: Hamlet und Mephisto äußern und veräußern sich ja in jedem Augenblick.

BRANDAUER: Bei Elser war es absolut zwingend, das, was Sie als Aura bezeichnen, soweit es nur geht, wegzudrücken. Die schauspielerische Aufgabe war, wenn Sie wollen, einen Niemand darzustellen. Aber ein Niemand ist er eigentlich nur an der Außenfläche. In Wirklichkeit ist dieser Kerl, und darum bin ich auch ziemlich stolz, oder sagen wir besser: zufrieden, daß wir dieses Thema verfilmt haben, doch ein Mensch, der vom Schicksal und von der Gesellschaft einfach zu Unrecht vergessen wird.

SPIEGEL: Die drei Filme, die Sie mit Istvan Szabo gemacht haben, zeigen, was Ihren Erfolg anlangt, eine Kurve nach unten: "Mephisto", ein Oscargekrönter Triumph; "Oberst Redl", ein großer Erfolg für Sie, als Film nur ein halber Erfolg; "Hanussen", eher ein Mißerfolg. Glauben Sie, das hängt auch damit zusammen, daß das Thema nach und nach ausgelaugt war? Die Gemeinsamkeit, die gegenseitige Reibung verbraucht? Und versuchen Sie es jetzt deshalb ohne Szabo mit einem eigenen Film?

BRANDAUER: Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun, das ist keine Korrektur irgendeines Filmes der Trilogie, die ich mit Szabo und den anderen Freunden gemeinsam erarbeitet habe. Es ist ganz einfach die Lust eines Schauspielers und eines Regisseurs, zu diesem Themenkreis einen Menschen aus einer ganz anderen Einbindung zu zeigen, eben aus der unteren Klasse. Einen uninformierten, vielleicht sogar weniger intelligenten Menschen, an dem sich zeigen läßt, was er für Möglichkeiten hat, auf die Strömungen in seiner Gesellschaft zu reagieren. Und nachdem ich ihn gespielt habe, bin ich mir ganz sicher (was ich vorher allerdings schon ahnte), daß man kein Universitätsstudium braucht und keine exklusiven Informationen, um zu spüren, daß in der Gesellschaft, in der man lebt, etwas nicht stimmt. Das geht wirklich mit Herzensbildung, mit der Nase, mit dem Bauch.

SPIEGEL: Wenn ein Schauspieler eine Rolle studiert - korrigieren Sie, wenn das falsch ist -, dann wird er doch immer versuchen, zu entdecken: Was hab' ich von dieser Figur in mir? Haben Sie von so einer Figur wie Elser genausoviel in sich wie von einer Figur wie Mephisto?

BRANDAUER: Wenn ich mal ganz lapidar sagen kann, daß alle Menschen, die bereits gelebt haben, die jetzt leben und die leben werden, selbstverständlich Ihre und meine Brüder und Schwestern sind, so sind wir natürlich auf irgendeine Art alle verwandt.

SPIEGEL: Das klingt aber ziemlich global.

BRANDAUER: Moment mal, da es ja lebende Wesen waren, die atmen wie wir, könnte ich mich selbstverständlich auch in die Herren Stalin oder Hitler verwandeln, obwohl ich im Moment nicht weiß, wie ich die beiden einzukreisen hätte, was ich aus ihnen herauskitzeln müßte.

SPIEGEL: Sie spielen ja im Elser-Film mindestens auch den Hitler.

BRANDAUER: Der Hitler kommt ja, wie Sie wissen, nur mit den Händen vor . . .

SPIEGEL: Und mit seinem Originalton.

BRANDAUER: . . . und mit seinem Originalton von der Rede aus dem Jahr 1938 und von der Rede aus dem Jahr 1939.

SPIEGEL: Aber irgendwie hat man, wenn man die Hände sieht, das unabweisliche Gefühl, daß es Ihre Hände seien.

BRANDAUER: Wir hatten in Ungarn den Bürgerbräukeller maßstabgerecht in einer großen Turnhalle nachgebaut. Und nachdem 650 ungarische Statisten auf den Darsteller, der Hitler nur mit den Händen zu spielen hatte, nicht so reagiert haben, wie ich dachte, daß sie reagieren müssen, nämlich in einem Aufschrei der Begeisterung, habe ich mich kurzerhand entschlossen, das einfach selber zu machen. Aus diesem Grund sind es meine Hände. Und im Umschnitt ist es außerdem doch ganz gut, wenn die Hände des Elser, die gerade die Bombe gebaut haben, auch die Hände des Führers sind.

SPIEGEL: Das ist ein schönes Beispiel dafür, welch riesiges Zutrauen Sie in die eigene Faszinationskraft haben.

BRANDAUER: Ich bin nicht zum Theater gegangen, um unauffällig zu bleiben, sondern um auffällig zu werden. Es wäre gelogen zu sagen, daß man sich diesen öffentlichsten aller Berufe aussucht, um von niemandem erkannt und bejubelt zu werden oder niemanden zu faszinieren.

SPIEGEL: Der Theaterschauspieler kann auf der Bühne seine Faszination beim Publikum erkämpfen. Der Filmschauspieler liefert am Drehende ein unveränderbares Resultat ab. Er muß also schon beim Drehen, oft gegen den Regisseur, um seine Wirkung kämpfen. Über Sie kursieren Geschichten, daß Filmregisseure Sie nicht mehr bändigen konnten. Sie seien inzwischen ein solcher Star und Ihrer Mittel so sicher, daß Sie den Regisseur zu einer Art Stichwortgeber degradieren. Ist da was dran?

BRANDAUER: Das ist überhaupt nicht meine Absicht, sondern ich suche, seit ich denken kann, nach Leuten . . .

SPIEGEL: Sie kennen die entsprechenden Zitate?

BRANDAUER: Ich kenne alle Zitate. Ich habe ja auch die Artikel, die über mich im Umlauf sind, alle gelesen, jedenfalls den größten Teil. Was ich da gelesen habe, ist nicht zu fassen. Daß ich mich schon als 18jähriger Anfänger bei einem Theaterstück als Mitregisseur gefühlt habe, ist eine andere Frage. Das gebe ich gerne zu. Ich war auch so gut wie nie in der Lage, Ideen, die sich ein anderer am Schreibtisch ausgedacht hat, nur zu erfüllen, weil der einen Beruf hat, der Regisseur heißt. Ich weiß mittlerweile, daß sehr viele Leute die Berufsbezeichnung "Regisseur" führen, die es nach meinem Verständnis nicht sind. Denn das ist nun wirklich einer der schwierigsten Berufe, der alle guten Eigenschaften von einem Lehrer, einem Freund, einem allwissenden Psychologen und noch viele andere Qualitäten haben muß.

SPIEGEL: Haben Sie mit solchen Regisseuren schon gearbeitet?

BRANDAUER: Ach, ich hatte leider das Glück oder das Unglück, in meinen frühen Jahren, nämlich mit 23, auf Fritz Kortner zu stoßen, der mich für alles, was danach kam, verhunzt hat.

SPIEGEL: Inwiefern?

BRANDAUER: Ich hatte bei ihm einfach das Gefühl, daß ich von einem Menschen liebevoll überschätzt wurde und in der Obhut eines Regisseurs war, der sich mit der höchstmöglichen wissenschaftlichen Genauigkeit vorbereitet hatte, der nach einer irrsinnig genauen Planung das Stück als Vision vor Augen hatte und der trotzdem während der Probenarbeit fähig war, seine eigenen Vorstellungen über Bord zu schmeißen.

SPIEGEL: Haben Sie nach Kortner noch Regisseure gefunden, mit denen es fast genausogut ging?

BRANDAUER: Ich bin Opportunist genug und nenne keinen. Es wäre falsch, jetzt den einen oder anderen zu nennen, weil ich vielleicht den einen oder anderen vergessen würde. Ich habe selbstverständlich mit prachtvollen Leuten gearbeitet . . .

SPIEGEL: Man kann beispielsweise sicher darüber reden, daß Sie mit Rudolf Noelte auf dem Theater fast so gut wie mit Kortner gearbeitet haben.

BRANDAUER: Es ist überhaupt keine Frage, daß jemand, der in einer Noelte-Inszenierung spielt, gut aufgehoben ist: Er braucht sich darüber keine Sorgen zu machen. Man kann darüber streiten, ob das nicht auch bedeutet, daß man keine Ausflüge mehr machen kann. Weil nämlich das Korsett, das Noelte sich in Allmannshausen oder wo immer er lebt, vorher so toll ausgedacht hat, so eng ist, daß ihn jeder Ausflug oder Ausbruchsversuch eines Schauspielers in seiner radikalen Sicht auf das Stück stören würde. Und weil man ja auch Respekt hat vor so einem allerersten Diplom-Ingenieur des Theaters, tut man das nicht. Andererseits kann es aber sein, daß es genau diese Ausflüge sind, die mich beim Theaterspielen faszinieren.

SPIEGEL: Nun gibt es andere Regisseure, die sagen, sie würden lieber in ein KZ gehen als noch mal mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

BRANDAUER: Ich kenne diesen Ausbruch nur, weil es bei Ihnen im SPIEGEL über eine Seite ununterbrochen von solchen Zitaten gewimmelt hat. Er stammt von dem Polen Skolimowski, der, weil ich "Jedermann" spielte und daher bei der Uraufführung des Filmes "Feuerschiff" in Venedig bei den Festspielen nicht anwesend sein konnte, endlos gegen mich gewettert hat. Ich war damals wirklich konsterniert, und eigentlich habe ich das gar nicht begriffen, denn wir hatten ziemlich gut zusammengearbeitet, außer daß wir über meine Rolle verschiedener Meinung waren. Ich spielte einen deutschen Kapitän, der, weil es sich um einen amerikanischen Film handelte, plötzlich wieder auf eine merkwürdige Weise schuldig oder lächerlich gemacht werden sollte. Dabei war das ein Mann, der sich auf ein Leuchtschiff zurückgezogen hatte, weil er nur für diese Arbeit Verantwortung übernehmen konnte und wollte. Ich habe also gesagt: "Das möchte ich nicht. Entweder kriege ich jetzt sofort ein Drehbuchrecht, das heißt, alles, was ich sage, und alles, was über mich gesagt wird, muß von mir gebilligt werden, oder ich lege die Rolle nieder." Das hat kein Regisseur gern. Mehr war es aber nicht, und aus diesen Gründen gab es dann diese unglaublichen Angriffe.

Wahr ist: Ich bin eitel. Ich habe die Rieseneitelkeit, mit den besten Leuten unter den besten Voraussetzungen und mit dem besten Drehbuch arbeiten zu wollen, und, wenn es möglich ist, zu dem besten Ergebnis zu kommen. Ich kann einen Regisseur nicht ertragen, der weniger weiß als ich. Ich lasse es gerade noch gelten, wenn er soviel weiß wie ich, das geht gerade noch, aber in Wirklichkeit brauche ich natürlich einen anderen als überlegene Kontrollinstanz. Ich bin sehr, sehr auf eine genaue Kontrolle von unten erpicht.

SPIEGEL: Manchmal gibt es aber doch Meinungsverschiedenheiten. Manchmal geht es nicht darum, daß jemand mehr weiß, sondern daß er etwas anderes meint.

BRANDAUER: Dann muß man sich trennen. Das ist überhaupt kein Problem. Als ich damals beim "Hamlet" von meinem Freund Hans Neuenfels in Hamburg weggefahren bin (und man läßt ja den Hamlet nicht so mir nichts, dir nichts stehen, das können Sie sich vorstellen!), nachdem ich die Bilder gesehen habe, die Neuenfels entwerfen wollte, also zum Beispiel ein großes rotes Ohr, weil das Gift hineingeträufelt wird, da merkte ich, daß das nicht die Art Theater zu werden verspricht, bei der ich mitspielen will. Wir beide haben ganz locker darüber geredet. Ich habe gesagt: "Hans, es ist soviel Vorbereitungszeit und Geld draufgegangen. Du bleibst, ich fahre." Und wir waren überhaupt nicht verärgert, wir sind ja heute noch Freunde.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß Sie am Burgtheater etwas mit dem Intendanten Claus Peymann zusammen machen?

BRANDAUER: Ich kann mir vorstellen, daß ich mit jedem Schauspieler, mit jedem Theatermenschen, mit jedem Regisseur, darunter auch Peymann, arbeite, nachdem wir im Vorgespräch herausgefunden haben, daß wir, was das Thema betrifft, am gleichen Strang ziehen. Wenn das funktioniert, ist für mich jeder ein potentieller Mitarbeiter. Aber ich lege Wert darauf: Mitarbeiter. Also keine Hierarchie-Gedanken, daß hier ein Regisseur ist und da ein Schauspieler, und der eine sagt: "Gehen Sie von rechts nach links", und der Schauspieler fragt: "Wieso?", und der Regisseur antwortet: "Weil Sie sonst fristlos entlassen sind." Das halte ich für keine glückliche Zusammenarbeit.

SPIEGEL: Aber Vorgespräche mit Peymann haben bis jetzt nicht stattgefunden?

BRANDAUER: Aber selbstverständlich. Claus Peymann ist doch mein Direktor, und wir reden in Abständen gelegentlich über Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Bei ihm habe ich allerdings ein Riesenproblem. Das hätte ich übrigens auch mit Leopold Jessner und Bert Brecht und Max Reinhardt, um ein paar Tote zu nennen: Ich mag nicht fünf Monate probieren. Ich möchte nicht mit anderen gemeinsam erst im monatelangen Ausprobieren und Experimentieren auf ein Stück draufkommen. Das heißt: Das möchte ich auch. Aber vor allem möchte ich, daß alle schon vorher sehr viel wissen, daß sie gründlich vorbereitet sind. Ich bin dann für jede Spontaneität und für jeden Umweg zu haben. Ich möchte aber nicht erst fünf Monate herumbasteln, um zu dem Punkt zu kommen, an dem man sagt: So lassen wir es jetzt heraus! Dazu, muß ich Ihnen sagen, ist mir meine Zeit zu schade. Ich habe nichts dagegen, daß andere so arbeiten. Ich weiß, daß Brecht ein Jahr, zwei Jahre probiert hat, aber ich sage: zehn, zwölf Wochen - oder aber zwei Jahre.

SPIEGEL: Und das hat nichts damit zu tun, daß Ihnen Ihre Weltkarriere dazu auch keine Zeit lassen würde?

BRANDAUER: Nein. Nicht mehr, nachdem mir das Glück 1981 diesen weltweiten Erfolg mit Mephisto gebracht hat, und es war wirklich ein Zufall; denn dieser Film sollte im deutschen und österreichischen Fernsehen gezeigt werden, und wenn er da gezeigt worden wäre - er war bereits in Programmzeitschriften ausgedruckt -, dann hätten wir nie nach Cannes gehen können. Ich selber bin vor dem damaligen ORF-Chef Bacher gekniet und habe gesagt: "Laß das, bitte, bitte, nicht ins Fernsehen! Wir haben die Möglichkeit, den Film in Cannes zu zeigen!"

SPIEGEL: Ein Film, der im Fernsehen lief, kann nicht mehr am Wettbewerb bei den Festspielen in Cannes teilnehmen . . .

BRANDAUER: . . . weil er schon vorher gezeigt worden ist, egal, ob im Kino oder im Fernsehen. Und es ist möglich, daß danach ein paar Oberlehrer, die für irgendwelche Zeitschriften Fernsehkritiken schreiben, den Film mittelmäßig gefunden hätten und alle zur Tagesordnung übergegangen wären. So aber kamen wir nach Cannes, und dann kam über Nacht der Paukenschlag, die Öffnung zur Internationalität. Dieses Erlebnis hatte ich damit gehabt.

SPIEGEL: Mephisto war ja nur der Anfang, es gab die Bond-Rolle, es gab "Jenseits von Afrika", Sie könnten doch inzwischen jede Rolle bekommen, jede Gage verlangen.

BRANDAUER: Trotz der Angebote: "Kommen Sie nach New York, kommen Sie nach Los Angeles, Sie kriegen ein Haus hier, machen Sie für uns Filme, machen Sie mehrjährige Verträge!" habe ich mich seither um nichts mehr bemüht als um das Theater. Das Theater hat für mich auch in den letzten acht Jahren einen ganz entscheidenden Raum eingenommen, denn ich wollte es natürlich in keiner Weise aufgeben. Ja, mehr noch, ich habe da immer, wie Sie wissen, mit dem Gedanken spekuliert, eines Tages . . .

SPIEGEL: . . . eine große Bühne, ein großes Theater zu leiten?

BRANDAUER: Ja, der Räuberhauptmann zu sein, wie ich immer sage.

SPIEGEL: Dürfen wir dreimal raten, an welchem Theater?

BRANDAUER: Natürlich am Burgtheater. Aber das bedeutet nicht etwa, daß ich jetzt das Gefühl hätte, da sei gegenwärtig eine Direktion am Wirken, die das hinten und vorn nicht kann; aber es muß doch möglich sein, daß man Leute schätzt und gleichzeitig etwas vollkommen anderes will als sie. Und ich schätze den gegenwärtigen Direktor, das ist doch überhaupt keine Frage. Peymann und ich sind uns auf eine freundschaftlich-animose Weise zugetan. Wenn ich also an der Burg etwas anders machen wollte, dann nicht zwangsläufig deshalb, weil ich das Jetzige schlecht finde.

SPIEGEL: Aber was, um Himmels willen, ist es, das jemanden, der in Hollywood einer der ersten Filmstars sein und bleiben könnte, dazu veranlaßt, als Lebensziel die Burgtheater-Direktion anzupeilen? Wie erklären Sie sich das?

BRANDAUER: Wir wollen es nicht ergründen.

SPIEGEL: Wir würden es ganz gern ergründen.

BRANDAUER: Dann will ich Ihnen helfen, aber ich kann Ihnen natürlich überhaupt keine endgültige Erklärung liefern. Es kann damit zu tun haben, was unserem Freund Oberst Redl als Kind eingebleut wurde: "Diesem Bild an der Wand mußt du dankbar sein, das ist der Kaiser Franz Joseph! Er gibt dir dein Brot, er gibt dir dein Essen, er gibt dir die Schule, die Ausbildung!" Da hatte der junge Redl gar keine andere Wahl. Auf mich übertragen: Ich hatte, bevor ich wußte, was Hamlet ist, als Kind von den Sommerfrischlern in Altaussee gehört: Burgtheater! Und meine Großeltern waren überzeugt, daß ihr Enkel einmal ans Burgtheater muß. Und jetzt bin ich Mitte 40, und ich kann das trotz allem, was ich inzwischen erlebt habe, als sentimentales Moment einfach nicht loswerden. Verstehen Sie? Dabei würde das ja für mich bedeuten: nicht einmal ein Fünftel, vielleicht nur ein Zehntel meines Einkommens, 24 Stunden am Tag Arbeit . . .

SPIEGEL: . . . meist Büroarbeit . . .

BRANDAUER: . . . Büroarbeit, Streit, möglicherweise in einer Wüste von Gottlosigkeit am Theater, die momentan herrscht; es steht ja nicht zum besten mit dem Theater, und zwar weltweit. Man müßte sich also um etwas streiten, bei dem man vielleicht nicht einmal die gute Chance hätte, daß man es wirklich noch einmal hinaufziehen könnte, dorthin, wo man es haben möchte.

Ich muß allerdings sagen, daß sich dieser Wunsch jetzt durch meine erste Regie beim Film etwas relativiert hat. Trotzdem halte ich die Arbeit des Direktors am Wiener Burgtheater auch heute noch für eine faszinierende Herausforderung. Nur: Das sind ungelegte Eier. Ich werde immer wieder gefragt, wann es sein wird, und höre, ich hätte schon Gespräche geführt. Ich habe bisher mit niemandem gesprochen.

SPIEGEL: Sollte dieser Film einschlagen und sollte man sagen: Der Brandauer ist ein guter Filmregisseur oder mindestens auf dem Wege, ein wichtiger Filmregisseur zu werden - wäre das dann vielleicht doch die größere Faszination?

BRANDAUER: Ich habe gerade vor 14 Tagen das Angebot von zwei mir nahestehenden Künstlern, einem Schauspieler und einem Dichter, bekommen, einen Film zu produzieren.

SPIEGEL: Als Produzent?

BRANDAUER: Ja, und ich schließe das nicht aus. Ich halte die Theaterarbeit oder die Filmarbeit, alles, was in dem Tätigkeitsbereich liegt, für den ich mich begabt halte, für machbar.

SPIEGEL: Auf wie vielen Hochzeiten kann man gleichzeitig tanzen?

BRANDAUER: Nein, das ist eine einzige Hochzeit! Wenn Sie schreiben können, dann können Sie im SPIEGEL schreiben, Sie können ein Essay schreiben, Sie können ein Buch schreiben, Sie können einen Song für mich schreiben, wenn ich dereinst Lust hätte zu singen. Das sind Buchstaben, die kommen aneinander. Das Resultat der Erfahrung Ihres Lebens ist ein Beruf, der mit Schreiben zu tun hat. Meiner besteht darin, daß ich das, was geschrieben wird, gelegentlich zum Leben erwecke.

Aber ich will noch eines zum Burgtheater sagen. Der Direktor, das ist ein Posten, um den soll man sich nicht anstellen, den soll man nicht wollen . . .

SPIEGEL: . . . den soll man angetragen bekommen.

BRANDAUER: Entweder trifft es einen oder nicht.

SPIEGEL: Herr Brandauer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:

Klaus Maria Brandauer *

spielt zur Zeit an der Wiener Burg den Hamlet. In Salzburg war er Jedermann; für Szabos Mephisto-Film holte er einen Oscar. Jetzt hat der Robert-Redford-Partner ("Jenseits von Afrika"), der mit Faye Dunaway in "Brennendes Geheimnis" und in Wickis Roth-Verfilmung "Das Spinnennetz" spielte, zum erstenmal Filmregie geführt und die Geschichte des Hitler-Attentäters Georg Elser verfilmt. Brandauer, 45, realisierte mit sich als Hauptdarsteller einen eindringlich ruhigen, von den üblichen Klischees über die Nazis freien Film, den Ponkie in der AZ "ein beachtliches Filmdebüt mit viel Sinn für Atmosphäre" nannte. "Gekonntes Erzählkino", fand die FR, und Wolf Donner im Tip: "Bis zum Schluß faszinierend."


DER SPIEGEL 43/1989
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