04.06.1990

MüllEnde für Emmy

Die Recyclingwirtschaft in der DDR steht vor dem Kollaps. Mit der Wirtschaftsunion kommt die Wegwerfgesellschaft.
Seit acht Wochen", stöhnt Peter Freseg, Betriebsleiter der größten DDR-Recyclinganlage im Ost-Berliner Stadtteil Hellersdorf, "habe ich keine Flasche und kein Glas mehr verkauft." Auch das Altpapierlager der Annahmestelle des VEB Sero (Sekundärrohstoffe) ist mit 6000 Tonnen randvoll. Sero-Sprecher Horst Henn: "Wir sitzen auf Bergen von Abfall."
Mit der Wende in der DDR begann der Einstieg in die Wegwerf-Gesellschaft. Voriges Jahr wurden noch über eine Milliarde Gurken-, Marmeladen- und Schnapsgebinde von der DDR-Industrie neu befüllt. Doch nun lohnt sich für die Anlieferer das Sammeln nicht mehr: Die Sero-Annahmestellen zahlen statt bisher 30 nur noch 10 Pfennig pro abgegebenem Glas - der Anreiz zum Recycling ist weg.
Hinzu kommt, daß die normierten und wiederverwendeten DDR-Gläser bei den Ost-Verbrauchern nicht mehr ankommen. "Jeder will plötzlich ein bauchiges Gurkenglas", staunt Altglas-Spezialist Ulrich Bruchmann vom DDR-Umweltministerium. "Nun kommen Schwartau und Langnese mit eigenen Gläsern", klagt Henn - das Volkseigentum geht zu Bruch.
Rund zehn Prozent der Recyclingstationen im einst "lückenlosen Sammelnetz" (Henn) haben bereits dichtgemacht. In Wernigerode am Harz wurden bis Ende vergangenen Monats 14 von 16 Sammelstellen geschlossen. Dem international anerkannten DDR-Recycling droht jetzt, ausgerechnet durch die Einführung der "ökosozialen Marktwirtschaft" (DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere), der Zusammenbruch. "Die Sekundärrohstoffwirtschaft", sagt Sero-Manager Erich Pieper, "ist von der Marktwirtschaft überrollt worden."
Noch im vergangenen Jahr wurden in der DDR 11 000 Tonnen Plastikabfälle für die Herstellung von Blumentöpfen und Bierkästen, 422 000 Tonnen Schrott für den Bau von Wohnungen und Traktoren oder 620 000 Tonnen Altpapier zur Produktion von Zeitungen und Wellpappe gesammelt.
Doch nun bestimmen Nachfrage und Angebot auch den ostdeutschen Müll-Markt. Westdeutsche Lieferungen von Glasbruch und Papier haben zu einem drastischen Preisverfall bei den heimischen Rohstoffen geführt. "Fast zum Nulltarif", weiß ein Sero-Manager, bekommen die Glas- und Papierfabriken wie im brandenburgischen Schwedt oder in Drebkau bei Cottbus Nachschub aus dem Westen. Die Abnahmeverträge mit dem Sero-Kombinat wurden kurzerhand storniert. Betriebsleiter Freseg: "Solidarität jehört der Vergangenheit an."
Rund 11 000 Sero-Arbeiter bangen um ihre Existenz. Insgesamt sichert die DDR-Recyclingwirtschaft - mit 5400 privaten Gewerbetreibenden, 7000 nebenberuflichen Sammlern und 1400 Leitern an "gesellschaftlichen Sammelpunkten" - derzeit 29 000 Arbeitsplätze.
Zur "Rohstoffsicherung" spannte das SED-Regime Kaninchenzüchtervereine, die Freiwilligen Feuerwehren und die Jungen Pioniere ein. Ein kleiner roter Elefant, das Sero-Maskottchen "Emmy", motivierte Hunderttausende DDR-Schulkinder zum "Aufspüren, Sammeln und Wiederverwerten". Voriges Jahr konnten devisenträchtige Rohstoffeinkäufe im Ausland im Wert von drei Milliarden Ost-Mark eingespart werden.
DDR-Umweltminister Karl-Hermann Steinberg, 48, hofft, den Zusammenbruch des Ost-Recyclings aufhalten zu können. Anfang dieses Monats soll der DDR-Ministerrat über die Zukunft der Sero-Betriebe entscheiden. Doch DDR-Finanzminister Walter Romberg, 61, will die Hälfte der benötigten 450 Millionen Mark Unterstützung streichen.
Steinberg dagegen glaubt, mit Subventionen das deponiesparende Recycling erhalten zu können. "Dafür brauchen wir rund 450 Millionen Mark im Jahr", fordert die stellvertretende Sero-Chefin Ingrid Hollberg. Ein Container-Sammelsystem nach westlichem Muster, so ihr Argument, wäre mehr als doppelt so teuer. Zum 1. Juli sollen die 15 Sero-Werke in allen DDR-Bezirken in GmbH umgewandelt werden. "Um unsere Annahmestellen zu halten", mahnt Müll-Manager Freseg, "brauchen wir die alten Aufkaufpreise, sonst kommt keiner."
Das zukünftige Konsumland DDR droht schon sieben Monate nach der Grenzöffnung zum Paradies für Einwegverpackungen zu werden. In einem Brief an den Bonner Amtskollegen Klaus Töpfer (CDU) klagte DDR-Umweltminister Steinberg über eine "nicht beherrschbare Müll-Lawine aus Millionen Dosen". Derzeit beträgt das jährliche Müll-Aufkommen pro DDR-Bürger mit 180 Kilogramm lediglich ein Drittel des Abfall-Volumens in Westdeutschland.
Die westliche Entsorgungsbranche hat bereits Fuß gefaßt. So hat die nordrheinwestfälische Abfallfirma Edelhoff in Stendal eine Filiale eröffnet und gebrauchte Müll-Autos auf den Weg in die DDR gebracht.
Nach einer vertraulichen Ratsvorlage der Stadt Schwerin plant ein Industriekonsortium aus westdeutschen und Schweizer Firmen eine gigantische Müll-Verbrennungsanlage mit 600 000 Tonnen Jahreskapazität "in Grenznähe". Je die Hälfte des Abfalls soll aus dem Bezirk Schwerin und der Bundesrepublik kommen. Ein weiterer Müll-Ofen ist 150 Kilometer südlich geplant. "Die Dinger", sagt der Ost-Berliner Müll-Experte der Umweltorganisation Greenpeace, Matthias Voigt, "könnten im Westen so nie mehr durchgesetzt werden."
Mit den Müll-Öfen an der Grenze käme die gesamte Recyclingwirtschaft in Ost und West unter Druck. Nach Ansicht des Deutschen Naturschutzrings (DNR), inzwischen mit der Gesellschaft für Natur und Umwelt der DDR fusioniert, bliebe dann "nur noch der staatliche Ordnungsriegel, der vorgeschoben werden muß". Zudem prophezeit DNR-Geschäftsführer Helmut Röscheisen heftige Proteste gegen die neuen Dreckschleudern. Röscheisen: "Die gesamtdeutsche Anti-Müll-Bewegung wird stärker sein, als es die Anti-Atom-Bewegung im Westen je war."
Den Zorn der Bevölkerung bekommt das DDR-Umweltministerium jetzt schon durch zahlreiche Beschwerden, Eingaben und Telefonanrufe zu spüren. Doch die DDR-Regierungsparteien kümmert das Müll-Problem wenig: Als der Sero-Generaldirektor Anfang April "die neuen staatstragenden Parteien" einlud, über den drohenden Zusammenbruch zu debattieren, kamen lediglich die Grünen.
Sympathisanten finden die Sero-Recycler inzwischen bei ganz neuen Kunden. Aus West-Berlin karren Jugendliche schwergewichtige Illustrierte nach Osten. Auch Rentner aus dem Westen finanzieren ihre Tagesausflüge per Flaschen und Zeitungsstapel. "Vier halbe Liter Bier und eine Haxe blau zu zehn Mark", sagt die stellvertretende Sero-Chefin Hollberg, "sind für 'ne Handkarre mit Papier und Flaschen leicht drin." f

DER SPIEGEL 23/1990
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