04.06.1990

SchulenSchöpferische Unruhe

Den Hauptschulen gehen die Schüler aus, weil das Abitur so begehrt ist wie noch nie.
Friedhelm Köper, 48, Konrektor der Friedrich-Ebert-Schule im westfälischen Ahlen, hadert mit dem Schicksal: "Man hat hart gearbeitet, es hat auch Spaß gemacht, und nun soll es auf einmal vorbei sein."
Spätestens in drei Jahren läutet in Köpers Hauptschule der letzte Gong, schon breitet sich eine Gesamtschule in ihren Räumen aus. Die letzten drei Hauptschuljahrgänge sind in die Pavillons auf dem Schulhof verbannt, die meisten Lehrer an andere Schulen versetzt worden. Konrektor Köper: "Meine Schule stirbt."
Im laufenden Schuljahr wurden allein in Nordrhein-Westfalen 66 Hauptschulen wegen Schülermangels geschlossen. Vor 20 Jahren wechselten bundesweit noch 70 Prozent der Viertkläßler in die Hauptschule, heute sind es gerade halb so viele. Die Hauptschule, erklärt Dieter Wunder, Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sei ein "auslaufendes Modell".
Beschleunigt wird der Schülerschwund durch die Einrichtung von Gesamtschulen in den SPD-regierten Bundesländern. Doch den Todesstoß erhält die Hauptschule nun womöglich von Bildungspolitikern der CDU: Am Freitag nach Pfingsten stellt die Unionsfraktion im saarländischen Landtag das Konzept einer "Reformierten Realschule" vor. Das neue Schulmodell, eine Kombination von Haupt- und Realschule, stützt sich auf die schlichte Erkenntnis, daß "die Hauptschule nicht mehr überlebensfähig ist".
Seit Jahren geben christdemokratische Kultusminister nur Durchhalteappelle zur Rettung der Hauptschule aus. Immer neue Reformvorschläge wurden erarbeitet, mal sollte es ein Schuljahr mehr sein, mal ein Berufspraktikum. Die Zahl der Varianten, spottete die Bonner Welt, erinnere bereits an die "Modellvielfalt japanischer Automobilhersteller".
Doch die Adressaten blieben davon unberührt. Nur zehn Prozent der Eltern möchten ihre Kinder noch in die Hauptschule schicken, ermittelte das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung. Stolze 56 Prozent wünschen ihren Sprößlingen dagegen das Abitur. In der Beamtenstadt Bonn etwa besuchen schon jetzt 60 Prozent der Kinder das Gymnasium.
Bessere Bildungsabschlüsse zahlen sich meist aus. Bei Bosch in Stuttgart-Feuerbach kommt nur noch jeder dritte Lehrling im gewerblich-technischen Bereich aus der Hauptschule, bei Daimler-Benz in Untertürkheim gar nur jeder vierte - der große Rest hat mindestens die mittlere Reife.
Wenn aber der Hauptschule die Schüler wegbleiben, dann hilft nur noch die Fusion mit der nächstgelegenen Realschule, oder besser noch: die Gründung einer Gesamtschule. Diese Erkenntnis bewog 1988 erstmals auch CDU-regierte Gemeinden, Gesamtschulen einzurichten. Seither schwinden die ideologischen Vorbehalte vieler Christdemokraten gegen diese einst so verpönte Schulform.
Das "gegliederte Schulwesen" sei "in der heutigen Form auf Dauer nicht haltbar", gesteht selbst der rheinland-pfälzische Kultusminister Georg Gölter. In den neunziger Jahren, glaubt der CDU-Bildungsexperte, "werden wir uns stärker zu integrativen Formen entschließen müssen".
Gölters Parteifreunde von der Saar haben sich dazu die Reformierte Realschule ausgedacht. Die Idee dieser neuen Mittelschule stammt eigentlich vom Lehrer-Verband Bildung und Erziehung. Haupt- und Realschule sollen verschmolzen werden, wenn auch ihre Abschlüsse erhalten bleiben. Dank des nahtlosen Übergangs zur Fachoberschule ist sogar das Abitur im Angebot.
Mit der schwarzen Mini-Gesamtschule will Jürgen Schreier, 42, Bildungsexperte der Saar-CDU, der "roten Einheitsschule" den Kampf ansagen, zugleich aber den Andrang aufs Gymnasium bremsen. "Wir brauchen", so Schreier, "einen berufsbezogenen Weg mit attraktiven Abschlüssen, damit sich das Gymnasium wieder ganz auf die Vorbereitung zur Uni beschränken kann."
Zwei Bildungsgänge soll die Reformierte Realschule haben, einen sprachlich-wirtschaftlichen und einen technisch-gewerblichen. Verbrieft ist außerdem die "Differenzierung nach Leistung und Neigung". Mit dem "individuellen Zugang zum Schüler" soll sich Schreiers Schule vom vermeintlichen "Einheitsbrei" der saarländischen Gesamtschule positiv abheben.
Im Saarbrücker Kultusministerium werden solche Pläne als "unausgegoren" abgetan. Seit dem Machtwechsel an der Saar 1985 hat die SPD immerhin 9 neue Gesamtschulen geschaffen - und 44 Hauptschulen geschlossen. Pläne zur Fusion von Haupt- und Realschule verfolgt allerdings auch Bildungsministerin Marianne Granz, freilich ohne jede Absicht, der Gesamtschule ernsthaft Konkurrenz zu machen.
Nicht für die SPD, sondern für die eigenen Parteifreunde dürfte Schreiers Abgesang auf die Hauptschule befremdlich klingen. Vor allem die im sogenannten Dorfener Kreis verbundenen Bildungspolitiker vom rechten Flügel der Union werden vorerst nicht mitziehen. Stuttgarts Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder beispielsweise glaubt immer noch, daß am Unglück der Hauptschule allein die GEW schuld sei. Sie mache diesen Schultyp seit Jahren nur "mies und madig".
Mit der Idee der Reformierten Realschule will Schreier nun eine "schöpferische Unruhe" in den bildungspolitischen Zirkeln der CDU schaffen. Der gelernte Realschullehrer will der Partei vor allem den Blick auf die Realitäten schärfen: "Bei der Prozession für die Hauptschule kann ich doch nicht die Fahne vorantragen, wenn hinten keiner mehr kommt."

DER SPIEGEL 23/1990
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