14.05.1990

Der Dichter am Klassenziel

Vom Liebesverlangen zum tödlichen Absturz, so will es das Handwerk der Tragödie, ist es nur ein kleiner Schritt. Der 15jährige Prinz Karlos sucht an jenem Ort nach Liebe, wo sie als Geschäft betrieben wird: im Bordell. Nach allerlei Wortgeplänkel, Spott und Feilscherei geht es dem Buben schließlich an den Hosenlatz. "Zeig doch endlich!" fordert die Hure mit dem roten Haar, und gemeinsam zerren die beiden am königlichen Beinkleid. Doch der Verschluß klemmt, der Streit ums Geld beginnt, und, holterdiepolter, stürzt der Prinz in die Versenkung. Von diesem Schreck wird er sich lange nicht erholen.
Helden müssen fallen, Dichter manchmal auch. Der Treppensturz des Infanten Karlos kam unverhofft, aber noch überraschender an diesem Uraufführungsabend in den Münchner Kammerspielen war die unsanfte Landung, die dem Erfinder des Bühnenhelden zuteil wurde. Als Tankred Dorst, beflügelt vom frischen Ruhm des ihm jüngst zuerkannten Büchner-Preises, zum Schlußapplaus an die Rampe trat, schallten ihm (und dem Regisseur Dieter Dorn) Buhgeschrei und Pfiffe entgegen. Noch zwei Tage nach dem Premierenkrawall wundert sich der Dichter: "Daß mein Stück nicht allen gefallen würde, hatte ich erwartet, die Vehemenz der Ablehnung nicht."
Was da schiefgelaufen war in Münchens Renommiertheater, das schien, mehr noch als der Autor, der Hausherr und Regisseur Dorn so recht nicht zu kapieren. Hatte er nicht bereits zweimal Dorst-Stücke zu bestaunten Inszenierungserfolgen geführt, zuletzt das acht Stunden füllende "Merlin"-Drama 1982? Waren dem Regisseur nicht abermals große, zum darin Versinken schöne Bilder eingefallen, hatten nicht die bekannt vorzüglichen Schauspieler der Kammerspiele mal wieder ihr Bestes gegeben? Schon wahr, bloß dämmerte am Ende der vierstündigen "Karlos"-Zimmerschlacht im Parkett eine trübe Erkenntnis: Der Regisseur Dorn hat dem Text des Dichters Dorst entschieden zu viel zugemutet, indem er versuchte, einen Straßenköter zum Rassehund heraufzumendeln.
Ein Stück-Bastard, nichts anderes, ist der "Karlos" von Tankred Dorst. Der pubertierende Prinz, dem ein scheußlicher Buckel den aufrechten Gang erschwert, ist ein Mutant des klassischen Schiller-Helden. Statt nach Gedankenfreiheit verlangt es ihn jedoch nach Menschenblut und Hasenpastete.
Als irrlichternde Elendsfigur kraucht er über die gut einhundert Buchseiten des Dramas, mal reitet ihn der grassistische Geist des Blechtrommlers Matzerath, mal ist er ein Grimmscher Märchengrobian, vom vertrotzten armen Teufel wird er zum keß triumphierenden Beelzebuben. Was dem Kerl im Kopfe spukt, verrät er schon beim lockeren Plausch im Hurenhaus: "Ich will wissen, wie weit uns der Schmerz treibt", bekennt der Knabe, "bis zum Tod", lautet die Antwort aus (ach ja, natürlich weisem) Nuttenmund. Prompt spricht das krude Bürschchen: "Da muß es schön sein. Da will ich hin."
Dorthin, an die Schmerzgrenze, zieht es offenbar auch den Autor Dorst. So laut und oft die Kritiker den Mann für seine Vielseitigkeit preisen, so beharrlich verfolgt er seine Themen: die Erforschung des Bösen, die Frage nach der Verantwortung des einzelnen - und nicht nach der Schuld der Gesellschaft. Seit seinem ersten größeren Theatererfolg, der 1961 uraufgeführten "Großen Schmährede an der Stadtmauer", lassen ihn Brutalität und todessüchtige Verzweiflung nicht los. "Alle Hoffnung nichts, alle Sorgen nichts, alle Klugheit nichts, alle Liebe nichts, nichts, nichts!" heißt es in der "Schmährede". Mit der Figur des Zauberers Merlin hat Tankred Dorst vielleicht die treffendste Verkörperung dieser Obsession gefunden. Merlin, als Teufelsbrut gezeugt, ist ein Besessener, der stets das Böse soll und manchmal doch das Gute wagt.
Doch auch den Kaputtniks, den berserkernden Zerstörern, dies verbindet Dorsts Bühnenhelden, fehlt es an einem Gegenentwurf zur als heillos erkannten Welt. Lexikologen und andere Dorst-Interpreten haben sich folglich darauf verständigt, seine Arbeiten handelten vornehmlich vom "Scheitern der Utopien".
65 Jahre alt wird Dorst in diesem Jahr, und beim Blick zurück auf die Produktion der vergangenen drei Dekaden wundert ihn, warum er so oft als (allzu) Vielseitiger gepriesen und geschmäht wird. Gut, er hat im Alleingang Spielfilme wie den "Eisenhans" (1983) erdacht und inszeniert, hat lange mit Peter Zadek gearbeitet. Gemeinsam haben sie etwa die Fallada-Revue "Kleiner Mann, was nun?" entworfen, schon 1969 machte Zadek aus Dorsts "Toller"-Drama den Film "Rotmord". Für das Greisen-Schauspiel "Eiszeit" (1973) verwendete Dorst Motive aus den Aufzeichnungen des verbitterten Nazi-Kollaborateurs Knut Hamsun, in einer Reihe von biographischen Stücken ("Auf dem Chimborazo", "Die Villa", "Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie") verarbeitete er die eigene Familiengeschichte, in "Merlin" (1981) variierte er die Artus-Sage. So breit aber seien seine Interessen und Talente gar nicht gestreut, sagt Tankred Dorst : "Ich selbst habe komischerweise das Gefühl, ich mache immer das gleiche."
Der Schriftsteller Dorst gilt, das unterscheidet ihn von den meisten Autoren der Gegenwart, als Handwerker. Seine Stücke sind eher Librettos als verbindliche Vorgaben, Angebote an die Phantasie der Regisseure. Diese offene Form hat natürlich mit seiner Vorstellung vom Theater zu tun, zunächst aber vor allem mit seiner Arbeitsweise. Meist verarbeitet der Autor vorgegebene Mythen und Fabeln, sammelt Fakten und informiert sich in der Sekundärliteratur. Dorst als Zettelkasten-Dramaturgen oder gar als "Historiker" einzuordnen, wie es zuletzt die FAZ tat, ist trotzdem falsch: "Ich glaube, es ist wichtig, die Quellen nicht zu genau zu kennen", sagt der Autor, "das zerstört die eigene Vorstellungskraft."
Das Schreiben, so hat Dorst wiederholt bekannt, sei ihm fast immer eine Qual: "Ich brauche häufig eine List, um überhaupt voranzukommen." Deshalb fange er seine Stücke beispielsweise grundsätzlich mit dem Schluß an. Seit bald zwei Jahrzehnten arbeitet Dorst mit Ursula Ehler zusammen, seiner Lebensgefährtin, "auch das läßt sich erst einmal mit einer Art List erklären. Wir haben angefangen, über die Figuren meiner Stücke zu reden wie über normale Personen. Wir proben die Dialoge, streiten auch oft". Tankred Dorst fällt an dieser Stelle das "Schreizimmer" ein, in dem der einsame Flaubert sich ausgetobt hat. "Ich bin angewiesen auf Anregung und Widerspruch." So gehe es ihm auch mit Bühnenfiguren: Interessant seien sie nur, wenn sie ihre Widersprüche bewahrten, "wenn ein Rätsel bleibt und nicht alles erklärt wird".
Möglicherweise ist deshalb Robert Wilson, der nach einer Dorst-Vorlage 1987 in Hamburg einen bejubelten "Parzival" inszenierte, der ideale Dorst-Interpret. Wilson erzählt seine Geschichten nur an den Worten entlang (und reduziert sie mitunter zum bloßen Begleitgeräusch), das wirkliche Geschehen entwickelt sich aus den Bildern und Gesten, aus Licht und Tonzauber. Dorns "Karlos"-Aufführung versucht das Gegenteil: Sie zelebriert die Sprache. Die Bilder, die dem Regisseur eingefallen sind, sind aus dem Text gezimmert, so kostbar wie bedeutungsschwer - ein Gewicht, das die Worte nicht selten erdrückt.
Karlos haßt seinen Vater, den König Felipe. Um den Alten zu verletzen, den der Schauspieler Thomas Holtzmann als zynisch-statuarischen Steinklotz mehr auf die Bühne meißelt als bewegt, metzelt der Sohn Filipes Lieblingspferd. In Dorsts Vorlage liegt der König nun wehschreiend auf dem blutigen Roß-Kadaver und schildert wortreich die Schandtat: "Gedärm und Blut brach heraus." Der Regisseur Dorn nimmt den Mann beim Wort - schon zerrt der König ein hübsch eklig-verschmiertes Darmgewurstel ans Bühnenlicht.
Die aufwendig angerichteten Schmuddel- und Schauderbilder seiner Inszenierung blättert Dieter Dorn so feierlich auf wie ein Primaner die Erotika aus Vaters Geheimregal. Da schreiten die spanischen Hofschranzen mit knisterndem Plastikhandschuh würdevoll zur Überprüfung einer Jungfernschaft, die künftige Königin Ysabel läßt dies nur kreischend über sich ergehen. Den Großinquisitor zeigt Dorn erst halbnackt beim Ankleiden, dann beim Betatschen vierer nackter Jünglinge. Auch geistert grünlich ein halbverwester Heiliger an der Rampe entlang, später fliegt gar ein abgebissener Finger durchs Gelände. Mit derlei illustrativen Schockeffekten kann man ein paar Abonnenten verschrecken - ein Text aber, der kaum mehr sein will als Spielmaterial, ist so nicht zu retten.
Denn eine Schwäche des Dramatikers Dorst ist seine Scheu vor dem offenen Schlagabtausch: "Ich habe keinen Sinn für dramatische Szenen", sagt er, "ich kann sie auch privat nicht leiden." Beim Marionetten-Theater hat der Stückeschreiber Tankred Dorst einst angefangen, und das merkt man seinen Figuren bis heute an. Verständige Regisseure, und auch Dieter Dorn ist dies mit seinem magischen "Merlin"-Bilderbogen ja acht Jahre zuvor gelungen, machen aus dieser Not eine Tugend: Die Figuren kämpfen nicht mit Worten, sondern mit Blicken und Haltungen, mit ihrem Körper.
Im Münchner "Karlos" führt der Prinzen-Darsteller Ulrich Matthes vor allem einen Kampf mit sich selbst - diesen allerdings virtuos und bis zur völligen Erschöpfung. Zu bestaunen ist die Tragödie des ausschließlich zum Bösen begabten Kindes: Matthes ist ein zerbrechlicher Wüterich, der selbst die Raserei wie ein Schlafwandler spielt, ein eiskalter Engel mit lachhaft geringelten Silberlocken auf dem Haupt - der Trotzkopf als Amokläufer.
Er wolle diese Figur nicht erklären, "aber natürlich kritisiere ich Karlos", sagt Tankred Dorst, "gerade weil er mir ähnlich ist." Früher habe er sich die Personen seiner Stücke geradezu absichtlich vom Leib gehalten, "aber ich bin mir mit den Jahren beim Schreiben nähergekommen".
Stückeschreiben als eine Form der Kritik an der eigenen Person: Wie stark Selbstzweifel die Arbeit des Schriftstellers Tankred Dorst bestimmen, belegt die Antwort, die er im Fragebogen des FAZ-Magazins auf die Frage gab, wer er hätte sein mögen: "Was ich bin, besser." Daß ihm nun der Büchner-Preis zuerkannt wird, immerhin die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung, kommentiert er mit ironischer Bescheidenheit: "Damit habe ich als Schriftsteller wohl das Klassenziel erreicht."
Mag sein, daß Tankred Dorst in einem Literaturbetrieb der selbstgewissen Sprachvirtuosen und enthemmten Egomanen ein ziemlich altmodischer Schriftsteller ist. Die Betonung der eigenen Unzulänglichkeit, die Zurückhaltung des forschenden Beobachters kennzeichnet viele seiner Stücke. In seinem Theater müßten alle Figuren recht haben, lautet ein Glaubenssatz des Dramatikers, "das ist ein Produkt der Lebenserfahrung. Ich verstehe das Leben eigentlich nicht, immer nur einzelne Motive". Daraus erklärt sich das Bruchstückhafte, manchmal Bizarr-Verquere der Dorstschen Dramen.
Oft habe er ein neues Stück nur aus Ärger über das vorhergehende geschrieben. Antrieb gegen den Widerwillen bei der Arbeit gebe ihm seine puritanische Erziehung, "so ein Gefühl, daß man das Seine getan haben muß". Auch versteht er sein Tagwerk als "Anschreiben gegen die eigene Depression".
Von einer zunehmenden Verfinsterung des Dichterblicks zeugen die Stücke, die Tankred Dorst zuletzt geschrieben hat, vor allem "Korbes", nach einer kurzen Märchenfabel der Brüder Grimm. Das Passionsdrama führt einen Menschen ohne bürgerliche Moral, "ohne alle Hemmungen" vor - Wilfried Minks hat das Stück 1988 in Hamburg als zornige Klage gegen eine gottverlassene Welt inszeniert, eine nachtschwarze Dorst-Sternstunde, in der Sepp Bierbichler die Titelrolle spielte. "Du schreist umsonst", verkündet der hämische Weltherrscher in diesem Stück, "ich hör dich nicht."
Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat über Tankred Dorst einmal geschrieben, es mangle seinen frühen Dramen an "Gleichgewicht von Imagination und Intelligenz, von Temperament und Handwerk". Dieses Gleichgewicht, das ist möglicherweise Dorsts Glück, hat er bis heute nicht gefunden. Und ist mit den Jahren doch ein erfolgreicher, preiswürdiger Dichter geworden. Glücklicher scheint er dabei nicht geworden zu sein. "Die Entsetzlichkeit der Welt" wolle er schildern, sagt der Dichter Dorst, so wie er sie empfinde. Und: "Dieses Bewußtsein ist eher stärker geworden." f
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 20/1990
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