04.06.1990

„Eine Lehre fürs ganze Leben“

Zu Beginn des Jahres 1956 setzten im Aufbau-Verlag, unmittelbar nach dem 20. Parteitag der KPdSU, sehr heftige politische und ideologische Diskussionen ein, in denen die oppositionellen Auffassungen bald die Oberhand gewannen. Diese Diskussionen, die einerseits durch die Ereignisse des Jahres 1956, andererseits durch zahlreiche Besuche kommunistischer Intellektueller aus dem Ausland vorangetrieben wurden, spielten sich insbesondere im Lektorat des Buchverlages und in der Redaktion des Sonntag ab und führten dazu, daß in der Grundorganisation der SED ein oppositioneller Geist vorherrschend wurde.
Von diesem oppositionellen Geist waren fast alle der Intelligenz angehörenden SED-Mitglieder mehr oder weniger angesteckt, und die wenigen, die anders dachten, leisteten den parteifeindlichen Tendenzen einen nur schwachen und geringfügigen Widerstand. In der Hauptsache waren es die folgenden Meinungen, die auf diese Weise in der Parteiintelligenz des Verlages und unter den mit der Partei sympathisierenden Kollegen vom Lektorat und von der Redaktion des Sonntag zu dominieren begannen:
1. Die Führung der SED habe aus den Lehren des 20. Parteitages der KPdSU nur ungenügende Konsequenzen gezogen und es insbesondere versäumt, die Fehler der Vergangenheit einer umfassenden und historisch weit ausholenden kritischen Analyse zu unterziehen. In der Parteiführung herrsche ein Geist der Schönfärberei und der Vertuschung begangener Fehler, der namentlich das Zentralorgan der Partei, Neues Deutschland, ungenießbar mache, weshalb einem "denkenden Menschen" gar nichts anderes übrigbleibe, als sich aus der Westpresse und den Rundfunksendungen von Rias und SFB zu informieren.
2. Die wilden Intellektuellendiskussionen in Ungarn (Petöfi-Klub) und insbesondere in Polen seien vorbildhaft, und es sei beschämend, daß in der DDR nicht ebensolche Diskussionen stattfänden. Das Fehlen derartiger Diskussionen, in denen mit der Stalinschen Periode "schonungslos abgerechnet" werde, mache das geistige Klima in der DDR geradezu unerträglich.
3. Es sei unbedingt notwendig, daß in der Führung der SED und in der Regierung der DDR bestimmte personelle Veränderungen vorgenommen würden. Vor allem müßten der Erste Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, der Justizminister Hilde Benjamin und der Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Melsheimer, abgelöst werden. Nur so könnten die Führung der SED und die Regierung der DDR bei der Bevölkerung wieder vertrauenswürdig werden.
4. Die Maßnahmen, die in der DDR im Kampf gegen den Bürokratismus ergriffen würden, seien absolut ungenügend. Der Bürokratismus und das Übermaß an Planung erstickten das Wirtschaftsleben der DDR und könnten nur durch tiefgreifende strukturelle Veränderungen überwunden werden.
5. In allen wesentlichen Fragen seien die Politik des jugoslawischen Bundes der Kommunisten und überhaupt die * Bei einer Diskussion in West-Berlin. Verhältnisse in Jugoslawien vorbildhaft. Es sei wünschenswert, daß die DDR sich stärker an Jugoslawien orientiere.
6. Die Bemühungen der SED, zur Verständigung und zur Aktionseinheit mit der SPD zu gelangen, seien völlig zwecklos, solange nicht durch einen Führungswechsel in der SED und durch tiefgreifende Veränderungen in der Politik der DDR die Voraussetzungen dafür geschaffen würden.
7. Das Kulturleben in der DDR müsse viel großzügiger gestaltet werden. Was das Verlagswesen betreffe, so solle man damit aufhören, so viele sowjetische Bücher herauszubringen, die doch niemanden interessierten, sondern in viel stärkerem Maße westliche Schriftsteller, die bisher bei uns verpönt gewesen seien, verlegen (z. B. Hemingway, Faulkner, Joyce, Proust, Kafka, Musil usw.).
Auch hier zeige das Beispiel Jugoslawien, wie weit man dabei gehen könne, ohne daß dadurch der sozialistische Charakter der Gesellschaftsstruktur des Landes beeinträchtigt würde.
Alle diese Meinungen, die im Laufe des Jahres 1956 im Aufbau-Verlag und insbesondere in der SED-Grundorganisation des Verlages vorherrschend wurden, waren aber immer - das sei hier ausdrücklich betont - von der Überzeugung getragen, daß es sich in der DDR nicht um eine Preisgabe der grundlegenden sozialistischen Errungenschaften handeln könne, sondern lediglich darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR unter Beibehaltung ihres sozialistischen Charakters zu reformieren und so zu verbessern.
Alle Beteiligten waren felsenfest überzeugt davon, sich ein grundsätzlich positives Verhältnis zum Sozialismus, eine grundsätzlich sozialistische Einstellung bewahrt zu haben. Allerdings machte sich unter den Mitgliedern der SED mehr und mehr die Tendenz bemerkbar, die parteilosen Kollegen nicht mehr im Sinne der Auffassungen der Partei aufzuklären, sondern ihnen in fast jeder Frage nach dem Munde zu reden, ja ihre Forderungen und Wünsche zu übersteigern.
Man kann sagen, daß die Parteiorganisation mehr und mehr von der Sucht ergriffen wurde, in Nachgiebigkeit gegenüber den parteilosen Kollegen zu wetteifern. Dabei spielte eine bedeutende Rolle die Tatsache, daß die SED-Mitglieder sich durch die Stalinkritik des 20. Parteitages vor den parteilosen Kollegen irgendwie moralisch blamiert fühlten und diese Scharte übereifrig wieder auszuwetzen suchten. Diesen negativen Tendenzen waren die folgenden SED-Mitglieder im Aufbau-Verlag in besonders starkem Maße erlegen: der Verlagsleiter Walter Janka, die Lektoren Max Schröder, Wolfgang Harich, Günter Caspar, Wolf Düwel, Fritz-Georg Voigt und Günter Schubert, die Redakteure des Sonntag Heinz Zöger, Gustav Just, Schröder II, Hensel, Müller-Claud, Heitkamp und der Redakteur der Zeitschrift Aufbau, Dieter Noll.
Es waren insbesondere die folgenden Umstände, die diese negativen Tendenzen im Laufe des Jahres 1956 in der Grundorganisation des Aufbau-Verlages steigerten:
Der Buchverlag und die Redaktion des Sonntag wurden sehr häufig von Intellektuellen aus den verschiedensten Bruderparteien der SED aufgesucht, die mit ihren Berichten aus ihren Ländern, mit den Auffassungen, die sie vertraten, sowie mit einer teils höhnischen, teils * Mit der Schriftstellerin Anna Seghers in Paris. mitleidigen Kritik an der im "Kampf gegen den Stalinismus" so weit "zurückgebliebenen" SED den in der Grundorganisation herrschenden oppositionellen Geist in jeder Weise schürten.
In genau der gleichen Richtung wirkte der Einfluß, den drei der bedeutendsten und angesehensten Autoren des Verlages auf dessen leitende Mitarbeiter ausübten, und zwar Bertolt Brecht, Ernst Bloch und Georg Lukacs. Brecht hat in den letzten Monaten seines Lebens, von der Stalinkritik des 20. Parteitages der KPdSU aufs tiefste ergriffen, in getrennten Gesprächen auf Janka und auf mich einen unheilvollen Einfluß ausgeübt.
Was kannte Janka konkret von meiner Konzeption und meinen Plänen?
Janka kannte meinen Plan mit der Theoretikerkonferenz, über den ich häufig zu ihm gesprochen habe. Er kannte den Plan von Just, die Konzeption ausgearbeitet an die Mitglieder des ZK und die Bezirks- und Kreisleitungen sowie an die Redaktion der Einheit zu senden. Der Plan, Paul Merker für die Konzeption zu gewinnen, damit der sie nach seiner vollständigen Rehabilitierung im ZK vertrete, stammte von Janka selbst; die von ihm vorbereitete Zusammenkunft in Kleinmachnow am 21. November war ja der erste Schritt zur Verwirklichung dieses Planes. Den Wunsch, Franz Dahlem wieder in einer führenden Position zu sehen, hatte Janka ebenfalls wiederholt geäußert. Daß ich Janka von Steinbergers Absicht, an Dahlem heranzutreten, Mitteilungen gemacht habe, ist sehr wahrscheinlich; ich kann mich aber nicht mehr genau daran erinnern.
Keinerlei Kenntnis hatte Janka davon, daß ich am 1. November mit dem Berliner Landesverband der SPD Verbindung aufgenommen hatte und seit dem 3. November mit Mitarbeitern des "Ostbüros der SPD" in Verbindung stand.
Der Aufbau-Verlag war in ideologischer Beziehung nach dem 20. Parteitag der KPdSU ein wahrer Hexenkessel an Oppositionsgeist. Er war ein Petöfi-Klub in Form von internen Redaktionsdebatten, von denen bisweilen ein gewisser schwacher Abglanz im Sonntag spürbar wurde. Aber wenn man mich und in zweiter Linie Janka ausnimmt, so waren die feindlichen Taten, die im übrigen von diesem Herd der Opposition ausgingen, sehr harmlos, sie reduzierten sich bei den anderen - und eigentlich auch noch bei Just - darauf, daß man aufsässige Artikel schreiben und diesem oder jenem Minister frech und ungeniert die Meinung sagen wollte und das hier und da auch tat. Solche Dinge wie Konspiration gegen den Staat lagen den oppositionellen Geistern im Aufbau-Verlag ganz fern, und der am 3. November 1956 von Just entwickelte Plan, dem ZK eine Diskussion aufzuzwingen, legt davon im Grunde ebenso Zeugnis ab wie die freche, unverblümte Sprache meines Programmentwurfs.
Freilich: Bei der ideologischen Einstellung, die im Aufbau-Verlag vorherrschend war, und bei den vielseitigen Beziehungen, über die Janka und ich verfügten, wäre die Opposition im Aufbau-Verlag sicher sehr gefährlich geworden, wenn sie einerseits mit der Fortsetzung meines Ostbüro-Kontakts und andererseits mit den "Errungenschaften" Steinbergers (konspirative Methoden, Unterscheidung von Minimal- und Maximalprogramm) zu einem Ganzen zusammengewachsen wäre. Das aber ist am 29. November durch die Staatssicherheit der DDR glücklich verhindert worden, und so werden es Just, Zöger und Schubert der Wachsamkeit der Staatssicherheit zu verdanken haben, wenn sie "mit einem blauen Auge davonkommen". f

DER SPIEGEL 23/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Eine Lehre fürs ganze Leben“

  • LKW außer Kontrolle: Rettung in letzter Sekunde
  • Showeinlage auf Premierenfeiern: Wenn Aquaman den Haka tanzt
  • Videoanalyse: Was das Votum für May bedeutet
  • Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung