DER SPIEGEL



Da kommt nichts Gutes

Die Konstruktion ist mangelhaft, das Material taugt nichts, die Bedienungsmannschaft ist leichtsinnig: Das DDR-Atomkraftwerk Greifswald muß - wie neueste Studien belegen - sofort stillgelegt werden. Das aber gefährdet die ostdeutsche Stromversorgung. Westliche Konzerne sollen der DDR über den Winter helfen.

Die gefährlichen Atommeiler der DDR, so Klaus Töpfer vergangene Woche, erhielten durch den Staatsvertrag zwischen Bonn und Ost-Berlin keineswegs eine fünfjährige Existenzgarantie. Vom 1. Juli an würden in der DDR die bundesdeutschen Überwachungsvorschriften "in ihrer vollen Schönheit" auch in Greifswald gültig.

"Die Kraftwerke", so der für Reaktorsicherheit zuständige Umweltminister, "können morgen oder übermorgen stillgelegt werden, auf Zeit und auf Dauer."

Es ist soweit. Am Mittwoch morgen erhielt der Bonner Umweltminister das Zwischengutachten der Fachleute von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Das Ergebnis ist so verheerend, daß Töpfer sogleich entschied: Nach den im Februar stillgelegten Blöcken 2 und 3 des Kernkraftwerkes Lubmin bei Greifswald müssen auch die Blöcke 1 und 4 "vorsorglich" vom Netz genommen werden. Töpfers Ost-Berliner Kollege Karl-Hermann Steinberg ist einverstanden.

Schon vor einigen Tagen hatte Töpfer geahnt: "Da kommt nichts Gutes." Nun ist seine Ahnung Gewißheit, die Experten-Arbeit belegt, daß
* der Stahl der Druckgefäße in den Greifswalder Reaktoren
durch den Neutronenbeschuß schlimmer geschädigt ist als
erwartet;
* die konstruktiven Mängel im Sicherheitssystem der
Reaktoren keinen Schutz bei Bränden oder anderen
Katastrophen erlauben;
* das Sicherheitsbewußtsein von Kombinatsleitern wie
Betriebsingenieuren, auch nach der Wende, noch
katastrophal ist.

Der eindeutige Schluß der Töpfer-Experten: Stünden die Reaktoren in der Bundesrepublik, hätten die Genehmigungsbehörden längst Schluß machen müssen. Da nun das Bundesatomrecht auch in der DDR gelten soll, mußte der Minister dem dortigen Staatlichen Amt für Atomenergie und Strahlenschutz (SAAS) empfehlen, die Horrormeiler in Greifswald außer Betrieb zu setzen.

Am 18. Januar hatte Töpfer die Problemreaktoren inspiziert und anschließend gemeinsam mit dem SAAS einen gesamtdeutschen Sicherheitscheck vereinbart. Seither, das weiß Töpfer, kann er sich aus der Mitverantwortung für Greifswald nicht mehr herauswinden.

Die Berichte über den katastrophalen Zustand der Reaktordruckgefäße veranlaßten Töpfer schon nach erstem Urteil seiner Fachleute, die Blöcke 2 und 3 abschalten zu lassen. Block 1, der älteste Reaktor, produzierte dagegen weiter Atomstrom. Sein Stahlgefäß habe durch eine komplizierte Prozedur, das "Nachglühen" bei 475 Grad Celsius, angeblich die ursprüngliche Festigkeit und Elastizität wiedergewonnen. Block 4, der jüngste, lief noch bis zur fälligen Revision in diesen Tagen.

Die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen klar, daß in Greifswald * Reaktorpodest, die Reaktorschutzhaube ist abgenommen. ein Super-GAU droht, ein Atomunfall mit verheerenden Folgen für weite Teile Norddeutschlands. Die Gefahr geht nicht nur von den spröden Druckgefäßen aus; sie ergibt sich aus den konstruktiven Mängeln der von der Sowjetunion gelieferten Atomstromfabriken.

Ein normaler Brand kann zu einem zweiten Tschernobyl, zum Durchbrennen des Reaktors, führen, weil elektrische Leitungen, Meß-, Steuer- und Regeltechnik räumlich nicht voneinander getrennt sind. Zur Sicherheit doppelt eingebaute Komponenten würden bei Feuer wenig helfen, sie würden beide zerstört, der Reaktor wäre nicht mehr zu beherrschen.

Anders als westliche Reaktoren können die Greifswalder Blöcke keine größeren Lecks verkraften. Das Notkühlsystem ist unzulänglich, die Werkstoffe genügen den Anforderungen nicht.

Die Schwächen der Greifswalder Reaktoren haben die Kraftwerksbetreiber in der DDR offenbar nicht so geschreckt wie die Kontrolleure in der Bundesrepublik. Hartnäckig versuchte Kombinatschef Reiner Lehmann, Block 3 wieder anzufahren. Erst jetzt wird der Reaktorbrennstoff ausgeladen, das vorläufige Ende ist damit sicher.

Die Grundhaltung Lehmanns und seiner Mannschaft in der Vergangenheit war geprägt von dem Ziel, die Greifswalder Reaktoren ohne Rücksicht auf Risiken am Netz zu halten. Zu diesem Urteil kamen Töpfers Fachleute beim Überprüfen der Störfälle in den vergangenen zehn Jahren.

Die Experten fanden heraus, daß Sicherheitsvorschriften "beinahe wahllos umgangen" wurden. Aus Störfällen zogen die Ingenieure keinerlei Konsequenzen, weder in der Anlage noch bei der Organisation der Arbeit. Unfallursachen beseitigten sie oberflächlich. Brach eine Schraube ab, so wurde sie erneuert - niemand wollte wissen, warum sie gebrochen war.

Noch schlimmer: Der Reaktorhersteller in der Sowjetunion mahnte schon 1984 die Betreiber seiner Atommeiler, die Anlagen umzubauen. Wegen der Sprödigkeit des Stahls dürfe im Notfall das kalte Kühlwasser nicht unvermittelt auf das heiße Material treffen, da dann die Gefahr eines Sprödbruchs erhöht werde. In der Sowjetunion befolgten die Kraftwerksbetreiber die Auflage und leiteten das Abkühlwasser um, in der DDR geschah nichts.

Zu dem gleichen vernichtenden Urteil gelangten auch Fachleute der sonst stets milde gestimmten Internationalen Atomenergiebehörde in Wien. In einer auf Bitten der DDR gefertigten Expertise rügen die Autoren vor allem das mangelnde Sicherheitsbewußtsein der Betreiber mit harschen Worten. Die Vorwürfe wiegen um so schwerer, als wenige Monate zuvor die gleichen Atomexperten in einer anderen Untersuchung noch lobende Worte für Greifswald gefunden hatten.

Selbst wenn durch teure Nachrüstungen die Kraftwerke sicherer gemacht werden könnten - mit der gleichen Leitungsmannschaft dürften sie nicht mehr betrieben werden. Schließlich ist aktenkundig: Die vom Atomgesetz geforderte besondere Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz fehlt. Das alles, so Töpfer, "ist sehr problematisch".

Weil der Umweltminister das Debakel auf sich zukommen sah, versuchte er schon sehr früh, eine Zwickmühle zu vermeiden. Im Raum Greifswald produzierten die vier Atomblöcke mit 1760 Megawatt elektrischer Leistung nicht nur zehn Prozent des DDR-Stroms, sie versorgten auch rund 70 000 Menschen direkt mit Wärme. Wenn die Atomkraft ausfällt, müssen dort spätestens im Winter 70 000 Menschen evakuiert werden oder frieren.

Aus der Klemme ist Töpfer heraus. Die beiden westdeutschen Stromerzeuger PreussenElektra und das Bayernwerk haben gemeinsam mit den DDR-Kombinaten für Kernenergie, für Braunkohle und für das Stromnetz der DDR ein gemeinsames Unternehmen "Kraftwerknetzgesellschaft" gegründet. Erste Tat: In Greifswald wird schleunigst mit dem Bau eines 200-Megawatt-Wärme-Kraftwerks begonnen. Das wird mit Heizöl betrieben und soll bereits Ende September erste Wärme spenden.

Weil dieses Heizölkraftwerk jetzt nicht verfügbar ist, zögert Töpfer noch, Greifswald sofort stillzulegen. Krankenhäuser im Raume Rostock beispielsweise sind mit ihrer Versorgung vom letzten noch arbeitenden Block abhängig. Töpfers Fachleute prüfen, ob in drei bis vier Wochen irgendwie Ersatz geschaffen werden kann. Ist das möglich, dann ist das Ende des Kernkraftkombinats "Bruno Leuschner" besiegelt.

Die DDR aber hat einen schweren Winter vor sich. Rund 85 Prozent ihres Stroms kommt aus Braunkohlekraftwerken, die brutal die Umwelt verpesten. Rund die Hälfte davon ist so alt und verkommen, daß eine Nachrüstung mit Rauchgasentschwefelungsanlagen aussichtslos erscheint. Dennoch können auch diese Kraftwerke kaum stillgelegt werden, weil Strom aus der Bundesrepublik nicht so schnell umgeleitet werden kann.

Nur etwa 800 Megawatt aus ausgekoppelten Westkraftwerken können der DDR kurzfristig dienstbar gemacht werden. Das ersetzt den Atomausfall lediglich zur Hälfte. Mehr geht wegen der unterschiedlichen Netzspannung nicht ohne aufwendige Gleichstrom-Kupplungen an den Nahtstellen der beiden Netze. Die aber kosten zwischen 250 und 300 Millionen Mark, Bauzeit mindestens zwei Jahre.

Um die DDR möglichst schnell an den westeuropäischen Stromverbund anzuschließen, sind vier 380-Kilovolt-Hochspannungsleitungen zwischen den beiden deutschen Staaten geplant. Eine davon, zwischen Helmstedt und Berlin, ist bereits im Bau (siehe Karte).

Die beiden Stromkonzerne Preussen-Elektra und Bayernwerk, die mit ihren Gebietsmonopolen an DDR-Gebiete grenzen, haben ihre Chance genutzt. Ihr Gemeinschaftsunternehmen mit den DDR-Kombinaten für Kernenergie, Braunkohle und das Stromnetz, das in Greifswald mit einem Behelfskraftwerk für Wärme sorgt, will dauerhaft das Stromgeschäft dominieren: Die deutschdeutsche "Kraftwerknetzgesellschaft" baut und betreibt die neuen Netzstücke, sie plant je ein 500-Megawatt-Kohlekraftwerk in Lübeck und Rostock zur Stromversorgung der DDR. Weitere Steinkohle-Kraftwerke an neuen Standorten sind möglich.

Der Branchenriese RWE sucht dagegen noch nach einem Zugang in die * Am 18. Januar im Kernkraftwerk Greifswald. DDR. Das RWE will und soll sich an Braunkohlekraftwerken beteiligen. Mit Westgeld und Westwissen müssen diese Kraftwerke in den nächsten sechs Jahren auf Bonner Umweltstandards gebracht oder stillgelegt werden.

In einer Machbarkeitsstudie überprüft das RWE gemeinsam mit dem DDR-Braunkohlekombinat, wo sich die Nachrüstung noch lohnt. Die Entschwefelung ist teuer. Ein Modellvorhaben in Thierbach bei Leipzig für ein 800-Megawatt-Kraftwerk soll 600 Millionen Mark kosten. 100 Millionen bezahlt Töpfer, 500 Millionen investiert das RWE.

Doch selbst wenn in drei Jahren über die neuen Leitungen als Notlösung bis zu 8000 Megawatt Weststrom in Spitzenzeiten, bis zu 4000 Megawatt in Normalzeiten in die DDR fließen, wenn in vier bis sechs Jahren neue Kohlekraftwerke arbeiten - niemand weiß, wie die DDR bis dahin zurechtkommen soll. Wenn die Temperatur unter drei Grad sinkt, kann der Strom trotz aller Improvisation knapp werden.

Dann könnte die Versuchung groß werden, sich der Greifswalder Atommeiler zu erinnern. Doch da wird, wenn jetzt die Entscheidung für Abschalten fällt, nichts mehr zu machen sein: Sollen die Reaktoren neu angefahren werden, wird für den Start eine zusätzliche Wärmequelle gebraucht - und ein solches Kleinkraftwerk am Atommeiler ist 1982 wegen Unwirtschaftlichkeit abgerissen worden.


DER SPIEGEL 23/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 23/1990

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Da kommt nichts Gutes

TOP



TOP