14.05.1990

MozartGefiederte Muse

Ein talentierter Vogel, so haben Forscher herausgefunden, soll Mozart zu einem Sextett inspiriert haben.
Eine schwarzgewandete Trauergemeinde scharte sich am 4. Juni 1787 in Wien um ein Vogelgrab, das der hinterbliebene Besitzer seinem Liebling hergerichtet hatte. Das verewigte Federvieh bekam nicht nur elegische Gesänge, sondern auch noch ein eigens geschmiedetes Poem mit auf den letzten Weg: "Hier ruht ein lieber Narr/ Ein Vogel Staar/ Noch in den besten Jahren/ Mußt' er erfahren/ Des Todes bittern Schmerz . . ."
Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart, genannt Wolfgang Amadeus, verabschiedete sich mit dieser Zeremonie von seinem "Vogel Stahrl", der ihm drei Jahre lang ein treuer Hausgenosse gewesen war. Der muntere Vogel, von dem die Musikwissenschaft bislang nur am Rande Notiz genommen hatte, soll nun zu neuen postumen Ehren kommen.
Zwei amerikanische Psychologen und Tierverhaltensforscher haben die Rolle des Stars untersucht und dem gefiederten Sänger Einfluß auf Mozarts Werk zugesprochen - als Musenvogel, der das Komponistengenie zu einem Sextett inspirierte.
In einem Haushaltsbuch verzeichnete der 28jährige Mozart unter dem "27. May 1784" den Erwerb des "Vogel Stahrl" für 34 Kreuzer. Das gelehrige Tier, so läßt eine Notenzeile unter der Eintragung mit Mozarts Bemerkung "Das war schön!" schließen, konnte bald das Rondothema aus dem Klavierkonzert Nr. 17 in G-Dur (Köchelverzeichnis 453) nachpfeifen, das etwa in der gleichen Zeit entstand.
Bei dieser Anekdote zur Bedeutung des Stars, die schon Mozart-Biographen wie Wolfgang Hildesheimer oder Volkmar Braunbehrens vermerken, wollten es die beiden amerikanischen Wissenschaftler nicht bewenden lassen. Meredith J. West und Andrew P. King, Professoren an der Indiana University und der Duke University, nahmen sich ein weiteres Werk Mozarts vor, in dem sie die Sangeskünste des Vogels zu erkennen glauben - den "Musikalischen Spaß" (Köchelverzeichnis 522), bekannt auch unter dem Titel "Dorfmusikanten-Sextett".
Das zehn Tage nach dem Tode des Stars niedergeschriebene Stück galt bislang als "bitterer Spaß", so beispielsweise Mozart-Kenner Braunbehrens, "der unmusikalischen Dilettantismus recht unbarmherzig verspottet". Triviale Zeitgenossen, meinen auch andere Forscher und Biographen, würden hier mit ihren simplen Kompositionen aufs Korn genommen.
Die Vogelforscher und Seelenkundler West und King geben nun dem Sextett eine neue, gleichsam ornithologische Deutung: Zehn Jahre lang, so berichten die beiden Gelehrten im amerikanischen Wissenschaftsmagazin American Scientist, studierten sie das Verhalten von 14 Staren, die in menschlicher Gesellschaft aufgewachsen waren. Die Wissenschaftler erkundeten das Gesangs- und Sprechrepertoire der geselligen, schwarzbefrackten Vögel, die in freier Natur häufig die Stimmen anderer Vogelarten nachahmen.
Täglicher, enger Kontakt mit Menschen, die sich viel mit dem Tier beschäftigten, befähige die Stare zu erstaunlichen Leistungen, fanden West und King. Oft schon nach einem oder mehreren Tagen konnten die Vögel Kunstlieder nachpfeifen oder auch längere Sätze nachsprechen; ebenso leicht fiel es ihnen, Gelächter, Seufzer oder Husten sowie die Geräusche von Telefon, Wecker oder rasselnden Schlüsselbunden zu imitieren.
Dieses Talent habe sich beim Hausgenossen Mozarts nicht nur, wie schriftlich überliefert, etwa beim Nachpfeifen der Takte aus dem Klavierkonzert G-Dur gezeigt, meinen die Professoren.
Für ihre Ohren sei die Kunst des Vogels auch in den "Musikalischen Spaß" eingeflossen: Das "unlogische Zusammenstückeln" der vermeintlichen parodistischen Melodien entspreche der Vorliebe der Stare, musikalische Versatzstücke in ihren natürlichen Gesang einzuflechten; ein Charakteristikum der Vogel-Arien seien auch die "ausgedehnten, wandernden Phrasierungen", wie sie in Mozarts Scherz-Stück vorkommen. Typisch Star sei ferner der Schluß des Sextetts, das so abrupt ende, "als ob die Instrumente einfach aufhörten zu spielen".
Obwohl sie nicht den Anspruch erheben, die ganze kompositorische Vielschichtigkeit des Sextetts erklären zu können, wagen die beiden Professoren doch eine Neuinterpretation des Mozartschen "Spaßes": Das Stück, folgern sie, sei keine Parodie, sondern zumindest in Teilen Ergebnis der jahrelangen Beschäftigung des Komponisten mit seinem Star. Der dankbare Mozart habe, kurz nach dem Tod seines Haustieres, "einen angemessenen musikalischen Abschiedsgruß" verfassen wollen - "eine Art Requiem für seinen Vogel-Freund".

DER SPIEGEL 20/1990
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