29.01.1990

AutomobileUnsichtbarer Dritter

Ein autobegeisterter schwedischer Jung-Milliardär hat nach und nach einen riesigen Batzen Porsche-Aktien aufgekauft. Doch Stimmrecht hat er nicht.
Der rätselhafteste Manager der Autobranche baut keine Autos. Er ist ein dunkelblonder, 1,85 Meter großer netter Typ von 37 Jahren, der sogar Geschäftsbesucher meist in Jeans und Pullover empfängt. Sein Name: Per Arwidsson, ein Schwede.
Arwidsson lebt unauffällig in einer Stockholmer Fünf-Zimmer-Wohnung (kinderlos, mit fester Freundin), meidet die Schickimicki-Szene und fühlt sich nach eigenem Wort "am wohlsten", wenn er abends "nach Hause gehen und in aller Ruhe ein paar Hamburger verdrücken" kann. Er hat mit diesem Lebensstil und seiner Immobilien-Firma "Convector AB" (samt Tochterfirmen in England und Belgien rund 250 Mitarbeiter) ein Anlagevermögen von umgerechnet über 1,3 Milliarden Mark erwirtschaftet.
Dieser Mann hat sich, ebenso unheimlich wie überraschend für die Finanzwelt, jüngst als Inhaber von "etwas weniger als zehn Prozent" (so Convector-Direktor Lars Einar) sogenannter Vorzugsaktien der Firma Porsche zu erkennen gegeben. Mit dem Besitz von knapp 70 000 Anteilscheinen im Nennwert von je 50 Mark (Kurswert Ende letzter Woche: rund 70 Millionen Mark) wurde Arwidsson, finanziell gesehen, zur drittstärksten Kraft im Räderwerk des angesehenen Sportwagenherstellers in Stuttgart-Zuffenhausen. Nur die Familien Porsche und Piech, der eigentliche Porsche-Clan, besitzen mehr.
Daher verwunderte nicht, daß Porsche-Chef Heinz Branitzki letzte Woche auf der Bilanz-Pressekonferenz der Porsche AG auch auf den gar nicht anwesenden Arwidsson wie auf einen "unsichtbaren Dritten" zu sprechen kam. "Die Familie", so Branitzki, habe erneut kundgetan, es gebe "überhaupt keine Absichten", sich "von dem Unternehmen zu entfernen".
Damit tat der Vorstandsvorsitzende leicht vergnatzt die immer wieder aufkommenden Gerüchte aus Börsianerkreisen ab, Porsche werde, wie jüngst Jaguar durch Ford, von anderen Firmen übernommen - mal angeblich durch den mächtigen Nachbarn Daimler-Benz, mal durch anonyme Japaner, als deren "Strohmann" manche Börsenmanager den schwedischen Frikadellen-Liebhaber verdächtigen.
Branitzkis kryptische Rede wird erst bei genauerer Betrachtung der Finanzstruktur des traditionellen Familienunternehmens verständlich. Die Firma, die nach ihren schweren Verlusten auf dem US-Markt noch längst nicht wieder so rosig dasteht wie früher, wird beherrscht von den Mitgliedern des Clans, in deren Besitz sich sämtliche 700 000 Stammaktien befinden. Sie legen kraft Stimmrecht fest, wo's langgeht.
Die im Mai 1984 an der Börse eingeführten zusätzlichen 700 000 Vorzugsaktien - von denen die Stammaktionäre ohnehin noch 40 Prozent einbehielten - sind nicht stimmberechtigt. Ihre Inhaber können sich bestenfalls an Dividenden, Kurssteigerungen und Vergünstigungen bei Kapitalerhöhungen erfreuen - die Fahrtroute der Firma aber entscheiden allein die Stammaktionäre.
Arwidsson kann schwerlich darauf hoffen, daß seine Vorzugsaktien über kurz oder lang in Stammaktien umgewandelt werde - auch darüber wachen die Stammaktionäre vom Holze der Porsches und Piechs. "Da sind bestimmte Spielregeln, die nicht ohne weiteres durchbrochen werden können", erläuterte ein Sachkenner. So kommt laut Branitzki "eine Umwandlung nur in Frage, falls in drei aufeinanderfolgenden Jahren keine Dividende gezahlt" würde.
"Wir rätseln alle", verriet Porsche-Finanzmanager Jürgen Vollert, "was sich der Herr Arwidsson für Gedanken macht." Die Zuffenhausener kennen den Schweden schon seit längerem als "ruhigen, seriösen, zurückhaltenden" Kunden. Er hat etliche Porsches erworben, darunter ein 911-Kabriolett für den täglichen Gebrauch, einen Rennsportwagen Typ 962 und einen Porsche 959, jenen in nur 200 Exemplaren (Preis: 420 000 Mark) gefertigten High-Tech-Sportwagen, dessen europäische Käufer schriftlich versichern mußten, sie würden das teure Stück selber nutzen, keinesfalls vor Jahresfrist verkaufen.
Solche Anschaffungen gelangen mühelos einem Mann, der laut der schwedischen Business-Gazette Dagens Industri noch vor zehn Jahren "nicht ein Öre" besaß. Damals hatte Arwidsson, jüngstes von vier Kindern eines Krämers im südschwedischen Dorf Hellevadsholm, ein Jurastudium abgebrochen. In der Küsterwohnung einer Stockholmer Kirche richtete er ein Maklerbüro ein - die Keimzelle seiner Firma.
Halb-Jurist Arwidsson spezialisierte sich auf den Ankauf billiger Grundstücke und Bürohäuser an strategisch günstigen Plätzen, so etwa zwischen dem Londoner Flughafen Heathrow und der City. Dort errichtete er moderne Büro-Großbauten, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. In Deutschland fanden Offenbacher und Frankfurter Areale das Interesse des skandinavischen Entwicklungshelfers.
Arwidssons Lieblingsprojekt in Schweden wurde eine propere Bürostadt im Stockholmer Vorort Sollentuna, gelegen an der Autobahn zum Flughafen Arlanda. Sein Traum: "Skandinaviens intelligentestes und schönstes Büro- und Feriengebiet" in Norrviksstrand, ausgestattet mit vorbildlichen "Arbeitsplätzen der vierten Generation", Arztpraxen, Boutiquen, Reparaturwerkstätten und Feinkostläden. Ein Automuseum, für das Arwidsson ("Ich bin in Autos vernarrt") sogar einen Rennwagen des früheren Weltmeisters Fangio beschafft hat, gehört dazu.
Auch mit der Firma Porsche hat Arwidsson etwas vor. Über Einzelheiten schweigt er sich noch aus, doch habe es zu tun "mit Autorennen, aber nicht in Schweden und nicht im Formel-1-Zirkus".
Bei allem, was dieser Mann anpackt, bildet offenbar Porsche-Qualität die Meßlatte. Da ist gewiß noch eine Menge im Busch, denn, so Arwidsson: "Das Leben muß doch einen höheren Sinn haben, als nur Berge von Geld anzuhäufen."
Sein Aktien-Engagement bei Porsche betrachtet Arwidsson "als eine normale, langfristige Geldanlage".

DER SPIEGEL 5/1990
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