16.05.2015

HomestoryGouda-Gate

Wie sich ein windiger Treuhänder mit meinem Geld eine Jacht, Kunst, Rotwein und eine doofe Villa an der Elbchaussee leistete
Mein Treuhänder wohnt jetzt am Holstenglacis 3, im Hamburger Untersuchungsgefängnis, tritt aber vor Gericht immer noch so auf, als erledigte er mal eben einen Geschäftstermin. So war es auch neulich, als er zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Dunkler Anzug, blaues Hemd, rote Krawatte und darüber ein Blick, der sagt: Ich habe nichts falsch gemacht. Wenn ich diesen Blick sehe, dann denke ich: ich schon.
Mein Treuhänder heißt Heinrich Maria Schulte, ihm gehörte die Wölbern-Bank, deren Tochter Wölbern Treuhand in der holländischen Stadt Gouda ein Bürohaus bauen ließ. Ein kleiner Teil davon würde mir gehören, und ein kleiner Teil der Miete käme auf meinem Konto an, das war die Idee.
Meine Idee jedenfalls. Er hatte eine andere.
Heinrich Maria Schulte ist 61 und Arzt, Endokrinologe, er hatte viel mit Hormonen zu tun, bot früher Männersprechstunden zum Thema Testosteron an. Gründete ein paar Biotech-und Medizinunternehmen, kaufte sich dann eine Bank. Er verlor sie wieder, die Wölbern-Bank wurde abgewickelt, aber eine Fondsgesellschaft blieb ihm, Wölbern Invest, Spezialität: geschlossene Immobilienfonds. Einer davon war meiner. Meine Sparkasse hatte ihn empfohlen.
Wölbern: Das klang hanseatisch und seriös.
Bürohaus: Das klang auch nicht schlecht, etwas Solides, das real existierte und laut Prospekt bis mindestens 2018 vermietet war. In den ersten Jahren war alles bestens in den Briefen, die ich von Wölbern bekam und im Ordner ablegte: Immobilie vermietet, Miete bezahlt, hier kommt ein bisschen Geld.
Für das Jahr 2011 kam noch welches. Im September hatte Schulte selbst die Geschäftsführung meines Fonds übernommen. Geld kam danach keines mehr, für das Jahr 2012 nicht und auch nicht für die Jahre danach.
Wölbern war mir unheimlich geworden. Ich erhielt jetzt auch Briefe von Mitanlegern, die Finsteres ahnten, und von Rechtsanwälten, die mir ihre Dienste anboten, las schnell darüber weg oder las es gar nicht mehr und heftete alles ab. Im September 2013 wies Schulte in einem Brief an uns Anleger den Vorwurf der Untreue "in aller Entschiedenheit" zurück.
Drei Tage später saß er in Haft.
Wir waren rund 900, die Anteile am Bürohaus in Gouda hielten, und über 30 000 insgesamt, die in Wölbern-Fonds investiert hatten. Zum Glück waren es nicht nur überforderte Kleinanleger, die sich den Fonds hatten aufschwatzen lassen, sondern auch mehrere Diplom-Mathematiker, ein ehemaliger Bankenchef und ein ehemaliger Richter für Handelssachen, was zum einen tröstlich und zum anderen nützlich war.
Für sie kam das Urteil des Landgerichts vermutlich weniger überraschend als für mich: 327-mal habe Schulte zwischen August 2011 und September 2013 in die Kasse gegriffen und 147,3 Millionen Euro abgezweigt.
Diese Mitanleger hatten die Briefe nicht nur abgeheftet, sie waren misstrauisch und aktiv geworden, als kein Geld mehr kam. Als Schulte die Zustimmung für eine neue, unübersichtliche Art des "Liquiditätsmanagements" verlangte, um sein Konstrukt zu retten. Als er plötzlich alle Immobilien als Paket verkaufen wollte - mit hoher Vergütung für Wölbern Invest.
Geschlossene Fonds sind nicht besonders gut reguliert, wie ich mittlerweile begriffen habe, deshalb konnte Schulte sich offenbar selbst kontrollieren, und er war eben immer einverstanden mit dem, was er da tat. Vor Gericht trat er gern auf wie ein Vorgesetzter, der Untergebenen ihre Berichte abnimmt.
Hätte ich es wissen müssen? Muss man sich bei jeder Geldanlage fragen, ob ein wild gewordener Endokrinologe dahintersteckt, der Millionen abräumt?
Ich hatte mein Geld einem anonymen Gebilde anvertraut, einem Bankhaus, das ich für seriös hielt, und mich nicht gefragt, welche Art Mensch es nun in der Hand haben würde; im Prospekt steht so etwas ja nicht. Jetzt weiß ich mehr.
Über das Haus in Kampen auf Sylt und über die Villa an der Hamburger Elbchaussee, die er für 2,5 Millionen Euro renovieren ließ. Über die 20-Meter-Jacht, über die Gemäldesammlung mit Dutzenden wertvollen Stücken, darunter ein Warhol, auf den aber leider auch eine seiner drei Exfrauen Anspruch erhebt. Über das Gemälde von Gerhard Richter, das in einem begehbaren Bankschließfach hängt, in der Schweiz. Über die Weinsammlung im Wert von 16 000 Euro.
Ich verstehe schon. Er brauchte mein Geld.
Heinrich Maria Schulte hat Privatinsolvenz angemeldet und wartet darauf, dass sein Prozess in nächster Instanz zum Bundesgerichtshof geht; Schulte hat Revision eingelegt und die Staatsanwaltschaft, die eine höhere Strafe gefordert hatte, ebenso. Und der Insolvenzverwalter ist noch dabei, sich ein Bild zu machen, wohin überall Schultes Geld geflossen ist.
Sein Geld. Also auch meines. Ich frage mich, was nun alles ein kleines bisschen mir gehören könnte, ein paar Quadratzentimeter Richter, ein Château Lafite vielleicht oder der Fensterrahmen oben links im Haus in Blankenese.
Ich habe es mir angeschaut.
Rhododendron, weiße Villa, Veranda im Jugendstil. Aber rechts und links gleich die Nachbarn, und das Ganze auf der falschen Seite der Elbchaussee.
Ich gebe zu, ich war ein bisschen enttäuscht.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 21/2015
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